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Musiktheater
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b.11

Backyard

Ballett von Uri Ivgi und Johan Greben
Musik von Bernd Alois Zimmermann (Stille und Umkehr), Ryuichi Sakamoto (Anger) und Arvo Pärt (Fratres)
- Uraufführung -

Violakonzert

Ballett von Martin Schläpfer
Musik von Alfred Schnittke (Konzert für Viola und Orchester)

Fearful Symmetries

Ballett von Nils Christe
Musik von John Adams (Fearful Symmetries)

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (zwei Pausen)

Premiere am 17. März 2012 im Opernhaus Düsseldorf


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Ein Bratschenkonzert zwischen zwei Kraftakten

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gert Weigelt


Vergrößerung backyards: Sonny Locsin, Alexandre Simões, Louisa Rachedi (Foto © Gert Weigelt)

Es geht um abgründige Seiten des Daseins: Die backyards, also Hinterhöfe – das, was sich jenseits glänzender Fassaden abspielt. Wenn man das als Metapher versteht, kann man (das führen die Choreographen Johan Greben und Uri Ivgi im Programmheft an) an Missbrauch von Macht denken, im politischen oder kirchlichen Sinne etwa. Das freilich muss man sich in dem hier uraufgeführten, etwa 40 Minuten langen Ballett Backyard dazu denken, denn man sieht zunächst eher vordergründig Gewaltszenen, wie man sie vielleicht in düsteren Hinterhöfen der Bronx vermutet. Zu Bernd Alois Zimmermanns Orchesterskizzen Stille und Umkehr, die sehr ruhig um einen Ton kreisen, entwickelt sich eine gespannte Atmosphäre, die explodieren könnte. In einer Art Käfig aus herab hängenden Ketten laufen die Tänzerinnen und Tänzer herum wie beim Hofgang in einem Gefängnis (oder wie Raubtiere im Zoo, nicht artgerecht gehalten). Es gibt Ausbrüche, das System ist in Maßen durchlässig. So ganz überzeugend ist das nicht; das liegt zum einen daran, das die Gewaltszenen eben doch etwas brav ästhetisiert werden, aber auch Zimmermanns Musik gibt das nicht unbedingt her, und das Prinzip scheint schnell durchschaubar.


Vergrößerung

backyards: Ensemble (Foto © Gert Weigelt)

Dann fallen die Ketten krachend herunter, werden zu vier Schrotthaufen zusammengeschoben. Die Beziehung des einzelnen zur Gruppe (hier eine Art Straßenbande) wird zum Thema. An Zimmermanns verhalten introvertierte Musik schließt sich eine energiegeladene Komposition des Japaners Ryuichi Sakamoto an (Anger aus Discord). Das alles ist von den beiden vom modern dance kommenden Choreographen ansehnlich arrangiert, die im weitestens Sinne alltagstauglichen, stark individuellen und in Schwarztönen gehaltenen Kostüme (Natasja Landsen) deuten einen konkreten Realitätsbezug an. Die übergeordnete Ebene erschließt sich aber kaum. Wirklich spannend wird das Stück erst im letzten Teil zu Arvo Pärts kitschverdächtig schönen, wie von einer anderen Welt sanft herüber klingenden Fratres. Da finden zwei Tänzer zusammen, ein Schwarzer und ein Weißer, einer sehr maskulin, der andere in angedeuteter Frauenkleidung: Ist das eine Utopie von Versöhnung, sowohl zwischen Rassen wie auch zwischen Geschlechtern oder Lebensformen? Der Schluss gehört dann der grandiosen Yuko Kato mit einem Solo, das zwischen asiatisch inspirierter Kämpferpose und introvertierter Zerbrechlichkeit, also der völligen Zurücknahme von Gewalt, pendelt, aber auch die Schwierigkeiten nicht verleugnet. Das ist eine schöne Schlusssequenz für eine vom modern dance inspirierte, etwas uneinheitliche Choreographie, die erst nach einer Anlaufzeit ihr Niveau erreicht.


Vergrößerung Violakonzert: Yuko Kato, Paul Calderone (Foto © Gert Weigelt)

Dieser Uraufführung setzt Balletchef Martin Schläpfer zwei Stücke entgegen, die er bereits in seiner Zeit am Mainzer Ballett hat tanzen lassen. Das Violakonzert zur Musik von Alfred Schnittke ist eine eigene Choreographie, die 2002 (die ersten beiden Sätze) und 2004 (vervollständigt um den Finalsatz) entstand und laut Programmheft für die Düsseldorfer Premiere nicht unerheblich überarbeitet ist. Die Solo-Viola spielt Gabriel Bala, Solo-Bratscher der Düsseldorfer Symphoniker, mit großem, zupackenden Ton und in allen Stilwechseln dieser raffiniert collagierten Musik souverän. Weil auch das Orchester unter der Leitung von Christoph Altstaedt in allen drei Teilen des Abends zu großer Form aufläuft, bleiben musikalisch keine Wünsche offen.


Vergrößerung

fearfull symmetries: Ensemble (Foto © Gert Weigelt)

Violakonzert spielt auf einer in kühlem Blauton ausgeleuchteten Bühne, auf der ein von der Decke herab hängender leuchtender Streifen mechanisch kreist – und mit vergleichbarer Strenge beginnt auch der Tanz. Eine Gruppe von drei Tänzerinnen in Ballettpose markiert den Beginn einer Abfolge von sehr technisch und abstrakt ablaufenden Figuren, weitgehend entindividualisiert – hier gilt's dem Tanz und seinen technischen Möglichkeiten. Aber Schläpfer inszeniert einen Bruch: Er setzt dieser Sphäre später eine andere, sehr viel persönlichere entgegen, in der kleine Geschichten angedeutet werden. Da gibt es in der Komposition unvermittelt eine wunderbar kitschiges Salonmusik-Duett zwischen der Viola und dem Klavier (das Orchester spielt surreale Farbtupfer dazu, die sich nach und nach verdichten). Schläpfer lässt das als regelrechte Aufforderung zum Tanz darstellen. Von da an gehen immer wieder Tänzerinnen und Tänzer an die matt schimmernde Metallwand am Bühnenende, betrachten ihre verschwommenen Spiegelbilder, sitzen dort wartend wie im Ballettsaal. Und dann gibt es einen wunderbaren, sehr kühlen Pas de deux, bei dem die hinreißende Marlúcia do Amaral ihrem Partner Bogdan Nicula die Schau stiehlt – bis mit Yuko Kato die andere Primaballerina die Bühne betritt und die Rivalin regelrecht vertreibt. Dieses Gegeneinander von formalistischer und persönlicher, im weitesten Sinne narrativer Tanzform bestimmt das Violakonzert, das mit zwei Paaren in angedeuteter Pietá-Pose endet. Über der sehr konzentrierten Choreographie liegt eine eigenartige Schönheit. Es mag Geschmackssache sein, aber für mein Empfinden gehört dieses Stück zu den schönsten Choreographien, die Schläpfer bisher mit an den Rhein gebracht hat.


Vergrößerung fearfull symmetries: Claudine Schoch, Marcos Menha (Foto © Gert Weigelt)

Zum Abschluss gibt es mit Fearful Symmetries von Nils Christie einen echten Rausschmeißer. Zur aufgeputschten Musik von John Adams werden in hohem Tempo in 12 Szenen Elemente aus diversen Tanzepochen kunstvoll verknüpft. Es darf auch immer wieder auf Spitze getanzt werden, das aber eingebettet in den von Adams' der minimal music verhafteten hohen Pulsschlag. In wechselnden Formationen überrumpelt Christie das Publikum fast ohne Ruhepunkt. Jeder der 15 Akteure hat einen Hocker, dessen vier Seiten in unterschiedlichen Farben angestrichen ist, und mit diesen Hockern werden sehr streng die fearful symmetries, die schrecklichen Symmetrien, vorgezeichnet. Diese visuelle Strenge, kombiniert mit der Formenvielfalt und einer ungeheuren Energie, ergibt eine gute halbe Stunde mitreißender Tanzkunst. Nicht nur hier bewegt sich das Ensemble auf allerhöchstem Niveau. Großer Jubel.


FAZIT

Mit Backyards kommt eine interessante, etwas unbestimmte Choreographie zur Uraufführung, die aber gegen Schläpfers faszinierendes Violakonzert und Christies mitreißenden fearfull symmetries etwas abfällt. Ganz stark ist in dieser Produktion die musikalische Seite.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christoph Altstaedt

Viola
Gabriel Bala

Die Düsseldorfer Symphoniker

Backyard

Choreographie
Uri Ivgi und Johan Greben

Kostüme
Natasja Lansen

Licht
Yaron Abulafia

Tänzerinnen und Tänzer

Ann-Kathrin Adam
Camille Andriot
Yuko Kato
Nicole Morel
Louisa Rachedi
Martin Chaix
Marquet K. Lee
Marcos Menha
Martin Schirbel
Alexandre Simões

Violakonzert

Viola
Gabriel Bala

Choreographie
Martin Schläpfer

Bühne und Kostüme
Thomas Ziegler

Licht
VolkerWeinhardt


Tänzerinnen und Tänzer

Ann-Kathrin Adam
Marlúcia do Amaral
Camille Andriot
Feline van Dijken
Cristina Garcia Fonseca
Christine Jaroszewski
Yuko Kato
Anne Marchand
Julie Thirault
Paul Calderone
Martin Chaix
Bogdan Nicula
Chidozie Nzerem
Remus Sucheana
Pontus Sundset

Fearful Symmetries

Choreographie
Nils Christe

Bühne
Thomas Rupert

Kostüme
Annegien Sneep

Licht
Volker Weinhart


Tänzerinnen und Tänzer

Sachika Abe
Marlúcia do Amaral
Wun Sze Chan
Mariana Dias
Nicole Morel
Claudine Schoch
Julie Thirault
Paul Calderone
Jackson Carroll
Florent Cheymol
Helge Freiberg
Marcos Menha
Bogdan Nicula
Alexandre Simões
Remus Sucheana



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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