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Tristan und Isolde

Hand
lung in drei Aufzügen
von Richard Wagner
Dichtung vom Komponisten

in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5 h 05' (zwei Pausen)

Premiere im Großen Haus des Staatstheaters  Braunschweig am 15. Oktober 2011

Theater-Homepage

Staatstheater Braunschweig
(Homepage)

Tristans Psychose

Von Bernd Stopka / Fotos Karl-Bernd Karwasz

Als erste große Opernproduktion dieser Saison steht Tristan und Isolde auf dem Spielplan des Staatstheaters Braunschweig. Regisseurin Yona Kim hat in Bühnenbildern von David Hohmann und Kostümen von Nadine Grellinger Wagners leidenschaftlichstes, metaphysisches Werk inszeniert und es dazu einer psychoanalytischen Betrachtung unterzogen.

Vergrößerung in neuem Fenster Kurwenal (Oleksandr Pushniak), Tristan (John Uhlenhopp),
Brangäne (Dagmar Pecková), Isolde (Silvana Dussmann),

Tristans so genannte „Fieberphantasien“ im dritten Akt, die gern als inhaltlich wirr und undurchsichtig abgetan werden, sind alles andere als unsinnig. Sie entsprechen viel mehr einer Psychoanalyse-Sitzung, in der Tristan sein Lebensleiden offenbart und seine tiefsten und ehrlichsten Gefühle offen legt. Geprägt von dem Wissen, dass sein Vater bei seiner Zeugung und seine Mutter bei seiner Geburt starb (Da er mich zeugt' und starb, sie sterbend mich gebar”), sieht er sich als wahren Verursacher des ganzen Leides.

Liebe und Leiden gehören für ihn zusammen wie Sehnsucht und Tod. So glaubt er jede Liebe durch seine Ängste nur vergiften zu können. Eine schreckliche Lebenshypothek, die er mit einem Trank vergleicht, bei dem es egal ist, ob es ein Liebes- und Todestrank ist. Die Auswirkungen sind die gleichen. („ Den furchtbaren Trank, der der Qual mich vertraut, ich selbst - ich selbst, ich hab' ihn gebraut! Aus Vaters Not und Mutterweh, aus Liebestränen eh und je - aus Lachen und Weinen, Wonnen und Wunden hab' ich des Trankes Gifte gefunden!”).

Unter dieser Betrachtungsweise erklärt sich die Darstellung Tristans als schüchternen, ja neurotischen Mann, der vor Frauen vor allem eins hat: Angst. Isolde hingegen erscheint als matronenhafte, standesbewusste und vor allem starke Frau voller Kraft, Sinnlichkeit, Rachedurst, Leidenschaft... Entsprechend wild und emotionsgetrieben gebärdet sich die als Friedenspfand verschacherte Königstochter. Da kann einem neurotischen Männlein schon mal  angst und bange werden.

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Brangäne (Dagmar Pecková), Isolde (Silvana Dussmann),
junger Seemann (Tobias Haaks),
Statisterie

Tristan und Isolde können mit sich und ihren Gefühlen im zweiten Akt nichts anfangen. Sie laufen und singen aneinander vorbei und es scheint, als trauten sie sich nicht, einander in die Augen zu schauen, geschweige denn sich voreinander die Socken auszuziehen. Nachdem Tristan sich vor dem Liebesduett am Waschbecken kurz frisch gemacht hat (vielleicht auch ein Hinweis auf ein zwanghaftes Reinigungsbedürfnis), legt er Isolde auf das noch mit Plastikfolie überzogene Bett (da haben sie „safer Sex“ wohl etwas missverstanden…) faltet ihre Hände wie die einer Toten, kniet sich vor das Bett und betet sie an. Nach ihrem Erwachen (à la Brünnhilde) zerschlägt sie ein Glas – das gleiche oder sogar dasselbe, aus dem sie im ersten Akt den Trank getrunken haben. Mit den Scherben wollen sich beide die Pulsadern aufschneiden. An der weißen Rückwand läuft schwarzes Blut in dünnen Streifen die Wand hinunter. Daran besudeln sie sich die Hände und berühren sich nun, derart befleckt, erst recht nicht mehr.
Die leidenschaftlichste Umarmung der Inszenierung gehört Tristan und Marke am Ende des zweiten Aktes. Da wird das ganze Elend deutlich, die Sehnsucht nach dem Vater und der Betrug am ihn ersetzenden väterlichen Freund. Die Verletzung, die Tristan davonträgt, ist daher auch keine körperliche, sondern eine seelische. Melots Messer bleibt unbenutzt.

Vergrößerung in neuem Fenster Isolde (Silvana Dussmann), 
Brangäne (Dagmar Pecková), Statisterie


So leidet Tristan im dritten Akt als ein vor allem psychisch gebrochener Mann. Dass nun im Hintergrund der Bühne seine Mutter im Totenhemd mit einem Kinderspielzeug erscheint, ist ein Schlüsselbild für das Verständnis seiner Charakterzeichnung in dieser Inszenierung. Rührend kuschelt sich Kurwenal liebevoll an Tristans Beine und kümmert sich  aufopferungsvoll. Von Tristans Leidensgeschichte ist er als Aushilfspsychoanalytiker allerdings hoffnungslos überfordert. Im Hintergrund sieht man die parallele Geschichte: Isolde bricht nach Kareol auf, um Tristan zu heilen und Brangäne berichtet Marke vom Liebestrank.
Schlussendlich öffnet sich Tristan die Pulsadern. Auf ein weißes Sofa gebettet, gibt ihm jeder noch eine Handvoll Sand mit, als ob man vor seinem offenen Grab stünde. Isolde zieht sich kuschelnd seinen Mantel an, während zu ihrem Liebestod die Bühne langsam leer geräumt wird, bis am Ende nur noch eine Männerfigur mit dem Rücken zu ihr auf der Hinterbühne stehen bleibt: Tristan, der eben noch tot auf dem Sofa von der Bühne gefahren wurde.
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Tristan (John Uhlenhopp),
Isolde (Silvana Dussmann)

Diese Inszenierung ist mehr als ein weiterer „Tristan ohne Anfassen“ – wie der immer wieder auftauchende, Berührungen verbietende Regieansatz unter Wagner-Freunden bespöttelt wird. Sie erhellt und verwirrt gleichermaßen, hat aber immer eine Tiefe, auch wenn sich diese nicht gleich erschließt. Die durchaus spannende Personenregie hat jedoch ein großes Manko: Indem Tristan sich nicht in die Liebesleidenschaft hineinstürzt, sie nicht erlebt, bekommt die Todessehnsucht eine andere Bedeutung: Tristan und Isolde sehnen sich nicht den Tod als ewige Vereinigung, sondern aus der Verzweiflung heraus, in der Realität nicht liebes- bzw. beziehungsfähig zu sein. Und das steht diametral zur leidenschaftlichen Musik! (Dazu später mehr). Mit der Überbetonung des psychotischen Anteils in Tristans Charakter verliert die Figur ihre Vielsschichtigkeit, verliert auch Tristans Angst vor der gelebten Liebe ihre Dimension. Wieviel überzeugender wäre die Interpretation der Figur unter diesem Aspekt, wenn gezeigt würde, dass die Angst sich potenziert, nachdem er sich der Leidenschaft hingegeben hat! Ganz abgesehen davon traut man einem solchen Mann die besungenen Heldentaten für König Marke nicht wirklich zu.
Die Konzentration auf eine einzige Dimension ist immer leichter als die Vielschichtigkeit zu bedienen und dabei auch noch Szene und Musik miteinander in Einklang zu halten. Aber das ist ja nichts Neues im so genannten Regietheater.

Vergrößerung in neuem FensterIsolde (Silvana Dussmann),
Tristan (John Uhlenhopp
)

Obendrein überfrachtet die Regisseurin die Szene mit vielen Nebenhandlungen und Beigaben, die ablenken, verwirren und sich nicht erklären: Ein unnötig inszeniertes Vorspiel; Frauen, die durch überdeutliche Aktionen im ersten und dritten Akt offenbar Isoldes Gefühlsleben widerspiegeln; am Ende des zweiten Aktes der Auftritt des Hirten, der alles berührt und nachschaut, ob das Bettlaken evtl. Blutspuren aufweist; Kurwenals feiner Spott gegen Brangäne wird plakativ gegen ein Handtaschenklauen- und werfen ausgetauscht; Pelzmäntel, Chaps, blendende Scheinwerfer und ähnliches mehr.

David Homann hat einfache und praktikable Bühnenbilder entworfen: Die Bühne ist zunächst seitlich mit milchig-weißen Plastikplanen abgegrenzt. Isolde wird in einer zimmergroßen Kiste auf die Bühne gefahren, die sargähnlich mit Organza-Stoff weiß ausgeschlagen ist, von außen aber eher an eine Transportkiste für wilde Großtiere erinnert. In Plastik verpackte Möbel deuten einen Umzug an. Der zweite Akt spielt in einem halbhohen hellen Appartement. Darüber und darunter sieht man Röhrensysteme und Gebüsch. Zu Beginn des dritten Aktes  heben sich die Plastikplanen des ersten Aktes und legen spiegelnde Planen offen. Weiße Polstermöbel und einfache Stühle auf einem Tisch ergänzen das Bühnenbild.

Vergrößerung in neuem Fenster
Tristan (John Uhlenhopp, liegend),
Marke (Selcuk Hakan Tirasoglu)
, Statisterie

Braunschweigs GMD Alexander Joel geht mit der Regie d’accord und interpretiert die Partitur zunächst höchst akademisch. Das Staatsorchester folgt ihm mit ausgesprochen korrektem, sauberem Spiel. Doch so hölzern und leidenschaftslos hört man diese Musik nicht oft und nicht gern. Zuweilen entdeckt man einen größeren Bogen, aber er bleibt in den Gehirnwindungen stecken, ohne die Seele zu berühren. Erst im zweiten Akt, nach Markes Klage, bei Tristans Todesankündigung bekommt die Musik Emotionalität und Klangfülle um im dritten Akt in Verzweiflung und Todessehnsucht grandios zu blühen und zu schwelgen. Auch in der musikalischen Interpretation wird dieser Produktion erst mit dem Tod Leben eingehaucht. Doch so reizvoll dieser Kontrast auch ist – es nimmt der Musik mehr, als es ihr gibt, wenn auf die großen Gefühle und das große Schwelgen, vor allem im zweiten Akt, verzichtet wird. Hier gilt das Gleiche wir für die Regie: Die Vielschichtigkeit geht zugunsten einer  Eindimensionalität verloren.  

Foto folgtIsolde (Silvana Dussmann), Tristan (John Uhlenhopp, liegend),
Brangäne (Dagmar Pecková)

Silvana Dussmann gibt in Braunschweig ihr Rollendebüt als Isolde und beeindruckt vor allem schauspielerisch mit leidenschaftlichem Spiel. Stimmlich hinterlässt sie einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits vermag sie mit ganz großen blühenden Tönen zu begeistern, singt große Bögen und allerfeinste Piani, andererseits klingt die Stimme auch immer wieder rau, scharf,  gebrochen. Das mag interpretatorische Gründe haben, sollte sich jedoch innerhalb entsprechender Gesangskultur bewegen. Wenn sie ihr üppiges Stimmmaterial an den entsprechenden Stellen ein wenig mehr bändigt, kann sie auch stimmlich eine sehr eindrucksvolle Isolde werden. John Uhlenhopp hat wunderschöne Töne in der Mittellage, die Höhe klingt zunächst jedoch gepresst und rau. Doch im zweiten Akt singt er sich frei und hinterlässt mit einer grandiosen Leistung im dritten Akt den besten Eindruck. In dieser ihn besonders fordernden Inszenierung zeigt er sich auch als exzellenter Schauspieler.

Foto folgt Hirt (Tobias Haaks), Tristan (John Uhlenhopp),
Kurwenal (Oleksandr Pushniak), hinten Tristans Mutter (Statistin)


Von der Regie als schüchtern-zickige, altjüngferliche Brangäne gänzlich missinterpretiert, hat es Dagmar Pecková auch gesanglich schwer, zu überzeugen. Da fehlt stimmlich der sanfte, vernünftige, ruhige Gegenpol zur aufbrausenden Isolde. Doch die Wachrufe – aus dem Rang auf die Bühne gesungen – gelingen ihr wunderbar. Selçuk Hakan Tiraşoğlu singt einen stimmgewaltigen Marke, der in seiner Klage mit sanften, eindringlichen Tönen die Enttäuschung und Verletzung geradezu spürbar macht.  Oleksandr Pushniaks gleichmäßig durchgeformter, ausgesprochen angenehm timbrierter Bariton trifft mit jedem Ton in die Seele des Zuhörers. Kein „Haudrauf-Kurwenal“, sondern stimmlich ein sanfter liebevoller Freund – auch wenn er sich im ersten Akt als frecher unverschämter Kerl darstellen muß. Tobias Haaks lässt als junger Seemann und Hirt seinen stimmschönen Tenor klingen. Orhan Yildiz bleibt als Melot eher blass.


FAZIT


Eine tief durchdachte szenische Interpretation, die nicht nur durch die Beleuchtung einzelner Aspekte die Vielschichtigkeit reduziert, sondern auch das tragende Element der Liebesleidenschaft ausschließt. Das Dirigat schließt sich der Regie an. Auch sängerisch bleiben einige Wünsche offen.

 


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alexander Joel

Inszenierung
Yona Kim

Bühnenbild
David Hohmann

Kostüme
Nadine Grellinger

Chor
Georg Menskes

Dramaturgie
Jens Neundorff von Enzberg


Staatsorchester Braunschweig

Herrenchor des
Staatstheaters Braunschweig

Statisterie


Solisten


Tristan
John Uhlenhopp

König Marke
Selçuk Hakan Tiraşoğlu

Isolde
Silvana Dussmann

Kurwenal
Oleksandr Pushniak

Melot
Orhan Yildiz

Brangäne
Dagmar Pecková

Ein Hirt
Tobias Haaks

Steuermann
Leszek Wos

Stimme eines jungen Seemanns
Tobias Haaks




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Staatstheater Braunschweig
(Homepage)




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