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Aufführungsdauer: ca. 5 h 05' (zwei
Pausen) Premiere im Großen Haus des Staatstheaters
Braunschweig am 15. Oktober
2011 Als erste große Opernproduktion dieser
Saison steht Tristan
und Isolde auf dem Spielplan des Staatstheaters Braunschweig.
Regisseurin Yona
Kim hat in Bühnenbildern von David Hohmann und Kostümen von
Nadine Grellinger
Wagners leidenschaftlichstes, metaphysisches Werk inszeniert und es
dazu einer
psychoanalytischen Betrachtung unterzogen. Tristans so
genannte „Fieberphantasien“ im dritten Akt, die
gern als inhaltlich wirr und undurchsichtig abgetan werden, sind alles
andere
als unsinnig. Sie entsprechen viel mehr einer Psychoanalyse-Sitzung, in
der
Tristan sein Lebensleiden offenbart und seine tiefsten und ehrlichsten
Gefühle
offen legt. Geprägt von dem Wissen, dass sein Vater bei seiner
Zeugung und
seine Mutter bei seiner Geburt starb („Da
er mich zeugt' und starb, sie sterbend mich gebar”), sieht er sich als wahren Verursacher des ganzen
Leides. Liebe und
Leiden gehören für ihn zusammen wie Sehnsucht und
Tod. So glaubt er jede Liebe durch seine Ängste nur vergiften zu
können. Eine
schreckliche Lebenshypothek, die er mit einem Trank vergleicht, bei dem
es egal
ist, ob es ein Liebes- und Todestrank ist. Die Auswirkungen sind die
gleichen. („ Den
furchtbaren Trank, der der Qual mich
vertraut, ich selbst - ich selbst, ich hab' ihn gebraut! Aus Vaters Not
und
Mutterweh, aus Liebestränen eh und je - aus Lachen und Weinen,
Wonnen und Wunden hab' ich des Trankes Gifte
gefunden!”). Unter dieser
Betrachtungsweise erklärt sich die Darstellung Tristans als
schüchternen, ja
neurotischen Mann, der vor Frauen vor allem eins hat: Angst. Isolde
hingegen
erscheint
als
matronenhafte, standesbewusste und vor allem starke Frau
voller Kraft, Sinnlichkeit, Rachedurst, Leidenschaft... Entsprechend
wild und
emotionsgetrieben gebärdet sich die als Friedenspfand
verschacherte
Königstochter. Da kann einem neurotischen Männlein schon mal angst und bange werden. Brangäne (Dagmar Pecková), Isolde (Silvana Dussmann),
Tristan und Isolde
können mit sich und ihren Gefühlen im
zweiten Akt nichts anfangen. Sie laufen und singen aneinander vorbei
und es
scheint, als trauten sie sich nicht, einander in die Augen zu schauen,
geschweige denn sich voreinander die Socken auszuziehen. Nachdem
Tristan sich
vor dem Liebesduett am Waschbecken kurz frisch gemacht hat (vielleicht
auch ein
Hinweis auf ein zwanghaftes Reinigungsbedürfnis), legt er Isolde
auf das noch
mit Plastikfolie überzogene Bett (da haben sie „safer Sex“ wohl
etwas
missverstanden…) faltet ihre Hände wie die einer Toten, kniet sich
vor das Bett
und betet sie an. Nach ihrem Erwachen (à la Brünnhilde)
zerschlägt sie ein Glas
– das gleiche oder sogar dasselbe, aus dem sie im ersten Akt den Trank
getrunken
haben. Mit den Scherben wollen sich beide die Pulsadern aufschneiden.
An der weißen Rückwand läuft schwarzes Blut in
dünnen
Streifen die Wand hinunter. Daran besudeln sie sich die Hände und
berühren sich
nun, derart befleckt, erst recht nicht mehr. Tristan (John Uhlenhopp), Diese Inszenierung ist mehr
als ein weiterer „Tristan ohne Anfassen“ – wie der
immer
wieder auftauchende, Berührungen verbietende Regieansatz unter
Wagner-Freunden
bespöttelt wird. Sie erhellt und verwirrt gleichermaßen, hat
aber immer eine
Tiefe, auch wenn sich diese nicht gleich erschließt. Die durchaus
spannende Personenregie
hat jedoch ein großes Manko: Indem Tristan sich nicht in die
Liebesleidenschaft
hineinstürzt, sie nicht erlebt, bekommt die Todessehnsucht eine
andere
Bedeutung: Tristan und Isolde sehnen sich nicht den Tod als ewige
Vereinigung,
sondern aus der Verzweiflung heraus, in der Realität nicht liebes-
bzw.
beziehungsfähig zu sein. Und das steht diametral zur
leidenschaftlichen Musik! (Dazu
später mehr). Mit der Überbetonung
des
psychotischen Anteils in Tristans Charakter verliert die Figur ihre
Vielsschichtigkeit, verliert auch Tristans Angst vor der gelebten Liebe
ihre
Dimension. Wieviel überzeugender wäre die Interpretation der
Figur unter diesem
Aspekt, wenn gezeigt würde, dass die Angst sich potenziert,
nachdem er sich der
Leidenschaft hingegeben hat! Ganz abgesehen davon traut man einem
solchen Mann die besungenen
Heldentaten für König
Marke nicht wirklich zu. Braunschweigs GMD Alexander Joel geht mit
der Regie d’accord
und interpretiert die Partitur zunächst höchst akademisch.
Das Staatsorchester
folgt ihm mit ausgesprochen korrektem, sauberem Spiel. Doch so
hölzern und
leidenschaftslos hört man diese Musik nicht oft und nicht gern.
Zuweilen entdeckt
man einen größeren Bogen, aber er bleibt in den
Gehirnwindungen stecken, ohne
die Seele zu berühren. Erst im zweiten Akt, nach Markes Klage, bei
Tristans
Todesankündigung bekommt die Musik Emotionalität und
Klangfülle um im dritten
Akt in Verzweiflung und Todessehnsucht grandios zu blühen und zu
schwelgen.
Auch in der musikalischen Interpretation wird dieser Produktion erst
mit dem
Tod Leben eingehaucht. Doch so reizvoll dieser Kontrast auch ist – es
nimmt der
Musik mehr, als es ihr gibt, wenn auf die großen Gefühle und
das große
Schwelgen, vor allem im zweiten Akt, verzichtet wird. Hier gilt das
Gleiche wir
für die Regie: Die Vielschichtigkeit geht zugunsten einer Eindimensionalität verloren.
Silvana Dussmann gibt in Braunschweig ihr
Rollendebüt als
Isolde und beeindruckt vor allem schauspielerisch mit
leidenschaftlichem Spiel.
Stimmlich hinterlässt sie einen zwiespältigen Eindruck.
Einerseits vermag sie
mit ganz großen blühenden Tönen zu begeistern, singt
große Bögen und
allerfeinste Piani, andererseits klingt die Stimme auch immer wieder
rau, scharf, gebrochen. Das mag
interpretatorische Gründe
haben, sollte sich jedoch innerhalb entsprechender Gesangskultur
bewegen. Wenn
sie ihr üppiges Stimmmaterial an den entsprechenden Stellen ein
wenig mehr bändigt,
kann sie auch stimmlich eine sehr eindrucksvolle Isolde werden. John
Uhlenhopp hat wunderschöne Töne in der Mittellage, die
Höhe klingt zunächst jedoch gepresst und rau. Doch im zweiten
Akt singt er sich
frei und hinterlässt mit einer grandiosen Leistung im dritten Akt
den besten
Eindruck. In dieser ihn besonders fordernden Inszenierung zeigt er sich
auch
als exzellenter Schauspieler. Eine tief durchdachte szenische
Interpretation, die nicht
nur durch die Beleuchtung einzelner Aspekte die Vielschichtigkeit
reduziert,
sondern auch das tragende Element der Liebesleidenschaft
ausschließt. Das
Dirigat schließt sich der Regie an. Auch sängerisch bleiben
einige Wünsche
offen. Musikalische
Leitung
Inszenierung
Bühnenbild Kostüme Dramaturgie
König Marke Isolde Kurwenal Melot Brangäne Ein Hirt Steuermann
Weitere
Informationen
Tristan
und
Isolde
Handlung in drei Aufzügen
von Richard Wagner
Dichtung vom Komponisten
in deutscher Sprache mit
Übertiteln

Staatstheater Braunschweig
(Homepage)
Tristans
Psychose
Von Bernd
Stopka / Fotos Karl-Bernd Karwasz
Kurwenal (Oleksandr Pushniak), Tristan (John Uhlenhopp),
Brangäne (Dagmar Pecková), Isolde (Silvana Dussmann),
junger Seemann (Tobias Haaks), Statisterie
Die leidenschaftlichste Umarmung der Inszenierung gehört
Tristan und Marke am Ende des zweiten Aktes. Da wird das ganze Elend
deutlich,
die Sehnsucht nach dem Vater und der Betrug am ihn ersetzenden
väterlichen
Freund. Die Verletzung, die Tristan davonträgt, ist daher auch
keine
körperliche, sondern eine seelische. Melots Messer bleibt
unbenutzt.
Isolde (Silvana Dussmann),
Brangäne (Dagmar Pecková), Statisterie
Schlussendlich
öffnet sich Tristan die Pulsadern. Auf ein
weißes Sofa gebettet, gibt ihm jeder noch eine Handvoll Sand mit,
als ob man
vor seinem offenen Grab stünde. Isolde zieht sich kuschelnd seinen
Mantel an, während zu
ihrem Liebestod die Bühne langsam leer geräumt wird, bis am
Ende nur noch eine
Männerfigur mit dem Rücken zu ihr auf der Hinterbühne
stehen bleibt: Tristan,
der eben noch tot auf dem Sofa von der Bühne gefahren wurde.
Isolde (Silvana Dussmann)
Die Konzentration auf eine einzige Dimension ist immer
leichter als die Vielschichtigkeit zu bedienen und dabei auch noch
Szene und
Musik miteinander in Einklang zu halten. Aber das ist ja nichts Neues
im so
genannten Regietheater.
Isolde (Silvana Dussmann),
Tristan (John Uhlenhopp)
David Homann hat
einfache und praktikable
Bühnenbilder entworfen: Die Bühne ist zunächst seitlich
mit milchig-weißen
Plastikplanen abgegrenzt. Isolde wird in einer zimmergroßen Kiste
auf die Bühne
gefahren, die sargähnlich mit Organza-Stoff weiß
ausgeschlagen ist, von außen
aber eher an eine Transportkiste für wilde Großtiere
erinnert. In Plastik
verpackte Möbel deuten einen Umzug an. Der zweite Akt spielt in
einem halbhohen
hellen Appartement. Darüber und darunter sieht man
Röhrensysteme und Gebüsch.
Zu Beginn des dritten Aktes heben sich
die Plastikplanen des ersten Aktes und legen spiegelnde Planen offen.
Weiße Polstermöbel
und einfache Stühle auf einem Tisch ergänzen das
Bühnenbild.
Marke
(Selcuk Hakan Tirasoglu), Statisterie
Isolde (Silvana Dussmann), Tristan (John Uhlenhopp, liegend),
Brangäne (Dagmar Pecková)
Hirt
(Tobias Haaks), Tristan (John Uhlenhopp),
Kurwenal (Oleksandr Pushniak), hinten Tristans Mutter (Statistin)
Von der Regie als schüchtern-zickige, altjüngferliche
Brangäne gänzlich missinterpretiert, hat es Dagmar
Pecková auch gesanglich
schwer, zu überzeugen. Da fehlt stimmlich der sanfte,
vernünftige, ruhige
Gegenpol zur aufbrausenden Isolde. Doch die Wachrufe – aus dem Rang auf
die
Bühne gesungen – gelingen ihr wunderbar. Selçuk Hakan
Tiraşoğlu singt einen
stimmgewaltigen Marke, der in seiner Klage mit sanften, eindringlichen
Tönen
die Enttäuschung und Verletzung geradezu spürbar macht. Oleksandr Pushniaks gleichmäßig
durchgeformter,
ausgesprochen angenehm timbrierter Bariton trifft mit jedem Ton in die
Seele
des Zuhörers. Kein „Haudrauf-Kurwenal“, sondern stimmlich ein
sanfter
liebevoller Freund – auch wenn er sich im ersten Akt als frecher
unverschämter
Kerl darstellen muß. Tobias Haaks lässt als junger Seemann
und Hirt seinen
stimmschönen Tenor klingen. Orhan Yildiz bleibt als Melot eher
blass.
FAZIT
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Produktionsteam
Alexander Joel
Yona Kim
David Hohmann
Nadine Grellinger
Georg Menskes
Jens Neundorff von Enzberg
Staatsorchester Braunschweig
Herrenchor des
Staatstheaters Braunschweig
Statisterie
Solisten
Tristan
John Uhlenhopp
Selçuk
Hakan
Tiraşoğlu
Silvana Dussmann
Oleksandr Pushniak
Orhan Yildiz
Dagmar Pecková
Tobias Haaks
Leszek Wos
Tobias Haaks
erhalten Sie vom
Staatstheater
Braunschweig
(Homepage)
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