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Musiktheater
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Šárka

Oper in drei Akten
Text von Ane
žka Schulzová in der deutschen Fassung von Peter P. Pachl
mit einem Prolog / Monolog aus Franz Grillparzers Trauerspiel Libussa
Musik von Zdeněk Fibich


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 45' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Staatstheaters  Braunschweig am 22. März 2012
(rezensierte Aufführung: 15.04.2012)

 

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Staatstheater Braunschweig
(Homepage)

Tschechische Walküren

Von Thomas Molke / Fotos Karl-Bernd Karwasz

Wenn es neben den Deutschen, Italienern, Franzosen und Russen eine weitere europäische Nation gibt, die das komplette Repertoire eines Opernhauses mit heimischen Werken füllen könnte, sind dies sicherlich die Tschechen, auch wenn die tschechischen Opern mit Ausnahme von Smetanas verkaufter Braut und Dvořáks Rusalka und einzelnen Werken Janáčeks eher selten auf den Spielplänen deutscher Bühnen vertreten sind. Ein Problem mag wohl die Sprache darstellen, die sich in der europäischen Musikszene nicht durchgesetzt hat, beziehungsweise die Erarbeitung einer sangbaren Übersetzung, die dem musikalischen Sprachduktus folgt. Von Zdeněk Fibichs 1897 uraufgeführten Oper Šárka liegt zwar bereits seit 1944 eine gedruckte und von der Librettistin selbst verfasste deutsche Übersetzung vor, die dennoch nicht zu einer Aufführung im deutschsprachigen Raum führte. Nun hat sich das Staatstheater Braunschweig im Rahmen seiner jährlichen Ausgrabungen dieses Werkes angenommen und in einer neuen Übersetzung von Peter P. Pachl auf die Bühne gebracht, um auch das Opernschaffen des in Deutschland zu Unrecht vernachlässigten Fibich ins Bewusstsein der Opernbesucher zu rücken.

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Ctirad (Arthur Shen) verspottet Šárka (Rena Harms) vor den anderen Frauen (im Hintergrund Libyna (Ekaterina Kudryavtseva) mit dem Damenchor).

Fibichs Šárka geht zurück auf die Legende der mythologisch-tschechischen Amazonen und Mädchenkriege, die der tschechische Schriftsteller Alois Jirásek im Jahr 1894 in seinem Buch Alte böhmische Sagen veröffentlichte. Nach dem Tod der Fürstin Libussa übernehmen die Männer unter Führung ihres Ehemannes, des Fürsten Přemyslaus, die Macht über Vyšehrad und berauben die Frauen ihrer Rechte. Ein großer Teil der Frauen will sich damit nicht abfinden und zieht sich unter der Leitung von Šárka und Vlasta auf die Burg Děvin zurück. Von dort aus führen sie einen heftigen Krieg gegen Přemyslaus und versetzen das ganze Land in Angst und Schrecken. Šárkas Hass richtet sich vor allem gegen Ctirad, weil er ihre Aufforderung zum Zweikampf ausgeschlagen und sie stattdessen vor allen Männern als schwache Frau verhöhnt hat. Um sich an ihm zu rächen, lässt sie sich an einen Baum fesseln, damit sie ihn mit weiblicher Verführungskunst in eine Falle locken kann. Doch bei diesem Zusammentreffen verliebt sie sich gegen ihren Willen in Ctirad und beschließt, ihn vor den anderen Frauen zu retten. Da diese aber kein Verständnis für Šárkas Gefühle haben, verrät Šárka die Frauen an Přemyslaus und seine Soldaten. Daraufhin werden die Frauen alle vom Heer niedergemetzelt und Šárka, die mit ihrer Schuld nicht leben kann, begeht Selbstmord.

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Šárka (Rena Harms) wartet auf Ctirad.

Konstanze Lauterbach wählt für ihre Inszenierung einen sehr symbolhaften Ansatz, was sich einerseits im Bühnenbild von Andreas Jander, andererseits in den Kostümen, für die Lauterbach ebenfalls verantwortlich zeichnet, widerspiegelt. Wenn zu Beginn vor dem Tod der Fürstin Libussa die Welt der Frauen noch in Ordnung ist, befindet sich nur ein großer Eichenstamm auf der Bühne. Die Frauen tragen bunte Kleider mit Blumen im Haar. Bei Libussa, Šárka und Vlasta wird über die Baumstruktur auf ihren Kleidern eine enge Naturverbundenheit assoziiert. Mit dem Beginn der patriarchalischen Ordnung werden dunkelblaue Baumstämme aus dem Schnürboden herabgelassen, und die Eiche wird gefällt. Die Frauen müssen ihren Blumenschmuck gegen blaue Tücher eintauschen, die entweder als Kopftuch oder als Schürze fungieren und die Frauen so in eine dienende Position drängen. Während die Männer im Gegensatz zu den Frauen im Einheitslook in schwarzem Anzug mit weißem Hemd auftreten, hebt sich Ctirad mit seinem weißen Sakko und dem aufgeknöpften schwarzen Hemd optisch von der übrigen Männerschar ab.

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Liebe ohne Ausweg: Šárka (Rena Harms) und Ctirad (Arthur Shen).

Im zweiten Akt steht der Eichenstamm zwar wieder, wird aber von den blauen Stämmen regelrecht eingekesselt. Die Frauen tragen nun überwiegend braun, was ihrem Wunsch nach dem Rückkehr zu einer natürlicheren Ordnung Rechnung trägt und von ihrem Widerstand gegen das Patriarchat zeugt. Als Waffen benutzen sie weiße Tücher, die sie an den Enden zusammenknoten und entweder als Peitsche, Fessel oder Strang verwenden können. Doch diese Tücher dienen trotz ihrer Farbe keineswegs dazu, die Absichten der kriegerischen Frauen zu verharmlosen, da sie im Laufe des Abends von Blut durchtränkt werden und die Frauen im dritten Akt von den Männern mit solchen weißen Tüchern von der Bühne gezogen werden. Die Ermordung der Frauen erspart Lauterbach dem Publikum und lässt sie nur als Chor der Geister nach ihrem Tod in weißen mit rotem Blut durchtränkten Gewändern auftreten. Wenn Šárka Ctirad verführen und in die Falle locken will, zieht sie ein blaues Kleid an, was ihn in Anlehnung an die blauen Bäume in Sicherheit wiegen soll. Während Šárka hier noch Herrin ihrer Gefühle ist, ordnet sie sich im dritten Akt dann endgültig den Männern unter, indem sie die Frauen für den Geliebten verrät und Přemyslaus ihr seinen blauen Mantel überlegt.

Für den dritten Akt hat Jander die Bühne zweigeteilt, um die beiden gegnerischen Parteien einander gegenüberzustellen. Auf der linken Seite befinden sich die blauen Baumstämme. Der Eichenstamm ist nun verschwunden. Stattdessen zieht sich eine regelrechte Blutlache über die rechte Bühnenhälfte, die im hinteren Bühnenprospekt in einem großartigen Bild in Form eines Lavastroms fortgeführt wird. Durch diese rote Blutlache jagen die Frauen zunächst Ctirad, bevor sie ihn zur Hinrichtung an einen Baum fesseln. Nach ihrem Tod wandeln sie in einem Geisterzug selbst durch diese Lache und fordern Šárka auf, ihnen zu folgen. Diese reißt sich von ihrem Geliebten los und rennt zum hinteren Bühnenprospekt, vor dem sie dann leblos zusammenbricht.

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Vlasta (Julia Rutigliano, links) wird misstrauisch. Kann sie Šárka (Rena Harms, Mitte) noch trauen? (im Hintergrund Svatava (Simone Lichtenstein) mit dem Damenchor)

Fibichs Musik lässt in seinen groß angelegten Klangflächen und weit atmenden Melodien durchaus die tiefe Faszination des Tschechen für Richard Wagner hörbar werden. Im Liebesduett zwischen Šárka und Ctirad im zweiten Akt meint man schon beinahe die Winterstürme zu hören, die im ersten Aufzug der Walküre dem Wonnemond wichen. Die Naturszene, in der Šárka an die Eiche gefesselt auf Ctirad wartet, erinnert stark an das Waldweben im Siegfried. Dennoch wirkt Fibichs Stil ein bisschen zu übertrieben dramatisch für deutsche Ohren, da er dem Zuhörer einzelne wiederkehrende Motive regelrecht einhämmert und damit in seinem regelrecht ausufernden Pathos bisweilen unfreiwillig komisch wirkt. Vielleicht liegt es auch an dem deutschen Text, der trotz der Überarbeitung irgendwie keine natürliche Einheit mit der Musik eingehen will. Dass Lauterbach vor die Ouvertüre einen Monolog aus Franz Grillparzers Trauerspiel Libussa setzt, den Martina Krauel als Fürstin im Stil einer antiken Tragödie mit den Frauen als Chor vorträgt, macht den Zugang zum Werk nicht einfacher, auch wenn Lauterbach Fibichs Musik durchaus mit fantasievollen und stimmigen Bildern umsetzt.

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Přemyslaus (Oleksandr Pushniak, rechts) und sein Heer (Herrenchor) töten Vlasta (Julia Rutigliano, Mitte) und die anderen Frauen (Damenchor).

Gesungen und musiziert wird auf hohem Niveau. Sebastian Beckedorf lotet mit dem Staatsorchester Braunschweig die mutigen Harmonien und die fortgeschrittene Chromatik der Partitur präzise aus, wobei er das Orchester nicht immer sängerfreundlich aufspielen lässt, was die Solisten allerdings vor keinerlei nennenswerte Probleme stellt. Der von Georg Menskes homogen einstudierte Chor hat kein Problem, mit stimmlicher Wucht mit dem Orchester mitzuhalten. Auch spielerisch wissen die Damen und Herren des Chores zu überzeugen. Von den Solisten begeistern Julia Rutigliano als Vlasta, Arthur Shen als Ctirad und Rena Harms in der Titelpartie, wohingegen Oleksandr Pushniak als Přemyslaus ein wenig blass bleibt, was vielleicht aber auch der Anlage der Rolle geschuldet ist. Rutigliano stattet Vlasta mit einem wohl timbriertem Mezzo aus, der über dramatische Höhen und großes Volumen in der Mittellage verfügt. Shen vermag es, mit seinem kräftigen Tenor die Höhen der Partie sauber auszusingen, ohne dabei zu forcieren. Harms' Sopran verfügt über eine enorme Durchschlagskraft, so dass auch sie leicht über das Orchester hinwegkommt.

So gibt es am Ende verdienten Applaus für alle Beteiligten, der sicherlich noch umfangreicher ausgefallen wäre, wenn nicht so viele Plätze im Zuschauerraum frei gewesen wären.

FAZIT

Lauterbach gelingt eine szenisch stimmige Umsetzung der Oper. Ob Fibich mit diesem Werk aber auf deutschen Bühnen einen Platz im Repertoire neben Smetana, Dvořák und Janáček finden wird, bleibt fraglich.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sebastian Beckedorf

Inszenierung und Kostüme
Konstanze Lauterbach

Bühne
Andreas Jander

Chor

Georg Menskes

Dramaturgie
Daniela Brendel


Chor und Damen des
Extrachors des
Staatstheaters Braunschweig

Staatsorchester Braunschweig

Solisten

Libussa
Martina Krauel

Fürst Přemyslaus
Oleksandr Pushniak

Ctirad, ein Junker
Arthur Shen

Šárka
Rena Harms

Vlasta
Julia Rutigliano

Libyna
Ekaterina Kudryavtseva

Svatava
Simone Lichtenstein

Mlada
Moran Abouloff

Radka
Sarah Ferede

Častava
Malgorzata Przybysz

Hosta
Yuliya Grote

Vitoraz, Priester
Leszek Wos





Weitere Informationen
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Staatstheater Braunschweig
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