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La finta giardiniera
(Die Gärtnerin aus Liebe)

Heiteres Drama in drei Akten
Text von Giuseppe Petrosellini
Musik von Wolfgang A. Mozart


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Bonn am 6. November 2011


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Theater Bonn
(Homepage)

Beziehungskrise vor galanter Szenerie

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu


Ganz von den Spielplänen verschwunden ist sie nie, die Gärtnerin aus Liebe, auch wenn sie ein Schattendasein fristet. Ein hübsches Jugendwerk eben, das man nebenbei auch spielen kann . Vorsorglich (und an sich nicht unberechtigt) warnt das Programmheft zur Bonner Neuinszenierung denn auch davor, dieses „heitere Drama“ des gerade einmal 18-jährigen Mozart aus dem Blickwinkel der späten „großen“ Opern zu hören oder die Neuerungen in Mozarts Musik gegen die Opernkonvention seiner Zeit auszuspielen. Natürlich konnte Mozart, als Komponist noch nicht etabliert, die Konvention – was vor allem bedeutet: Die Erwartungen des Publikums und seines Auftraggebers, des Münchner Hoftheaters – nicht übergehen, konnte auch das vorgeschriebene Libretto nicht abändern und seinem Theaterinstinkt folgen wie später vor allem in der Zusammenarbeit mit da Ponte oder Schikaneder. Aber solche Überlegungen werden hinfällig, wenn man die überaus gelungene Bonner Aufführung erlebt: Da präsentiert sich La finta giardiniera, so der italienische Originaltitel, als eigenständiges Kunstwerk hohen Ranges, das gar keiner Rechtfertigung bedarf.

Szenenfoto

Im Irrgarten der Gefühle

So harmlos, wie der Titel denken lässt, ist das Stück überhaupt nicht. Da hat immerhin der Graf Belfiore versucht, seine Geliebte, die Gräfin Violante, zu erdolchen. Doch diese überlebt (was er nicht weiß) und folgt ihm, als Gärtnerin verkleidet, an den Hof des Podestá. Dort setzt die Oper mit einem absonderlichen Liebesreigen ein: Belfiore liebt Arminda, die Nichte des Podestá, der widerum der vermeintlichen Gärtnerin nachstellt. Violantes Diener Nardo verguckt sich in die Dienerin Serpetta, die sich um den Podestá bemüht, und dann gibt es noch den unglücklichen Ramiro, der von Arminda verschmäht wurde. Eigentlich lieben also fast alle den oder die Falsche, aber am Ende finden sich natürlich die „richtigen“ und standesgemäßen Paare. So richtig heiter ist das nur, wenn man die vorangegangene Verletzung vergisst.

Szenenfoto

Violante als vermeintliche Gärtnerin Sandrina und ihr untreuer Verlobter Belfiore

Im Zentrum des Bühnenbilds von Hermann Feuchter klafft diese Verletzung den ganzen Abend überdeutlich sichtbar. Feuchter hat ein goldfarbenes Labyrinth (auch eine Anspielung auf den barocken Gartenbau) hochkant gestellt, was die Protagonisten in permanente Absturzgefahr bringt, auch im übertragenen Sinne. In der Mitte befindet sich ein mit blutrotem Samt ausgeschlagener Kasten mit dem Dolch, der vermeintlichen Mordwaffe. In diesem Ambiente entwickelt sich in der Regie von Philipp Himmelmann ein unterhaltsames Partner-wechsle-Dich-Spiel in hübschen historisierenden Kostümen (Gesine Völlm), das oft frivole Züge annimmt. Auf dem Höhepunkt taumeln alle wie besinnungslos in einen sexuellen Rausch - mit bösem Erwachen, wenn der Partner gar nicht der erhoffte ist. Ein ausgesprochen spielfreudiges Ensemble setzt die bewegte Personenregie exzellent um.

Das wäre als erotisches Spiel im Rokoko-Gewand schon nicht die schlechteste Lösung, aber Himmelmann belässt es nicht dabei. Nach und nach gewinnt das Hauptpaar Belfiore – Violante an Bedeutung. Wenn das Textbuch sie zunächst dem Wahnsinn verfallen und anschließend in einem Heilschlaf wundersam genesen lässt, dann steigern die beiden sich erst in eine absurde Komödie hinein, in deren Verlauf sie Teile ihrer Kostüme verlieren - und plötzlich demaskiert als moderne Menschen dastehen, die sich im Verlauf ihrer Beziehung so manche Wunde geschlagen haben und irgendwie doch noch zueinander finden. Der Rest ist Staffage. Da ist das Libretto plötzlich gar nicht mehr so holprig wie immer gedacht. (Ein wenig nachgeholfen hat man freilich, indem die Oper kräftig zusammengestrichen wurde. In dieser Form ist sie mit einer Dauer von gut zweieinhalb schnell vergehenden Stunden dann eher zu kurz als zu lang.)

Szenenfoto

Kletterpartie: das Dienerpaar Serpetta und Nardo

Das funktioniert natürlich auch deshalb, weil Mozarts Musik auch in diesem frühen Werk bereits ungemein raffiniert ist und nie schematisch wirkt. Dem Beethoven Orchester merkt man zwar an, dass es nicht auf „alte“ Musik spezialisiert ist (rheinabwärts in Köln hat Konrad Junghänel, zuletzt mit Mozarts Titus, Maßstäbe gesetzt, die das Bonner Orchester spieltechnisch nicht erreicht), die „kleinen“ Noten dürften noch leichter, die unbetonten Taktenden bewusster musiziert werden. Aber unter der zupackenden Leitung von Hendrik Vestmann blüht die Musik auf und bekommt klare Konturen in allen Schattierungen – schließlich müssen neben dem leichten Buffa-Ton auch lyrische Passagen und Elemente der Opera seria bewältigt werden. Diese Vielschichtigkeit gelingt alles in allem doch sehr ordentlich.

Szenenfoto

Ungeklärte Beziehungen: (von links) Arminda, Ramiro, der Podestá, Belfiore und die Gärtnerin Sandrina/Violante

Angesichts des mit leichten, beweglichen Stimmen besetzten, sehr homogenen Ensembles ist es doppelt bedauerlich, dass La finta giardiniera keine Ensembleoper ist und fast ausschließlich aus Arien besteht. Anna Siminska singt die vermeintliche Gärtnerin mit sehr kontrolliertem, in allen lagen klangschönen Sopran mit vielen Zwischentönen. Mirko Roschkowski als Belfiore hat einen nicht zu hellen, strahlenden und höhensicheren Tenor. Susanne Blattert in der Hosenrolle des Ramiro fehlt es in der Mittellage ein wenig an Klang, in der hohen Lage kann sie eindrucksvoll jubilieren. Julia Kamenik gestaltet eine leicht zickige, aber schön timbrierte Arminda mit sicheren Koloraturen. Ingrid Frøseth als Dienerin Serpetta ist eine jugendlich flirrende Soubrette mit kleiner, aber nicht dünner Stimme, und Giorgios Kanaris gibt einen komödiantischen, klar konturierten und klangschönen Diener Nardo. Blass bleibt allein der etwas quäkige und zu einseitig auf das Komödiantische hin angelegte Podestá von Mark Rosenthal.


FAZIT

Eine kluge Regie mit nachdenklichen Tönen und eine musikalisch eindrucksvolle Umsetzung machen La finta giardiniera zu einem mit Recht vom Premierenpublikum bejubelten Ereignis.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Hendrik Vestmann

Inszenierung
Philipp Himmelmann

Bühne
Hermann Feuchter

Kostüme
Petra Bongard

Licht
Thomas Roscher

Dramaturgie
Ralf Waldschmidt
Michaela Angelopoulos


Beethoven Orchester Bonn


Solisten

* Besetzung der Premiere

Podestà
Mark Rosenthal

Sandrina
* Anna Siminska /
Nadine Lehner

Arminda
Miriam Clark /
* Julia Kamenik

Belfiore
* Mirko Roschkowski /
Jevgenij Taruntsov

Ramiro
Susanne Blattert

Serpetta
Ingrid Frøseth

Nardo
Giorgos Kanaris



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