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Musiktheater
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Hair

The American Tribal Love/Rock Musical
Buch und Texte von Gerome Ragni und James Rado
Musik von Galt MacDermot


in deutscher und englischer Sprache

Koproduktion mit dem Staatstheater Kassel und dem Nationaltheater Mannheim

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Bonn am 11. September 2011


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Theater Bonn
(Homepage)

Zwischen Flower Power und Vietnam

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu


Man hat sie ja heutzutage gern, diese Motto-Parties, die einem den Retro-Look vergangener Dekaden (oder was man dafür hält) aufnötigen. Das hat ein bisschen was von Kindergeburtstag und von Fasching. Man kleidet sich, sind, zum Beispiel, die 70s angesagt, fröhlich bunt mit Hang zum fernöstlichen oder indianischem Exotismus, zeigt Bauch und Bein und aggressiv gute Laune. So ähnlich sieht es auch in dieser Produktion des Musicals Hair aus, wobei die originellen und liebevoll detailliert gestalteten Kostüme (Bernhard Hülfenhaus) durchaus glaubwürdig die Atmosphäre dieser gefühlt unendlich fernen Zeit einfangen. Aber das Stück selbst, 1968 uraufgeführt und Ausdruck des Lebensgefühls seiner Entstehungszeit, ist eben doch ein wenig in die Jahre gekommen. Ob Generation Golf oder Generation Praktikum, die Vermischung von Flower-Power-Pazifismus mit freier Liebe wirkt inzwischen weniger revolutionär als mehr nostalgisch und irgendwie drollig. Eben partytauglich.

Szenenfoto

Fröhliche Hippies unter US-Flagge

Nun spukt bei Hair der Vietnam-Krieg in die (deshalb gar nicht so unbeschwerte) Party hinein. Regisseur Philipp Kochheim erliegt nicht der Versuchung, das Stück in die bundesdeutsche Gegenwart zu versetzen, was angesichts des kriegsähnlichen Bundeswehreinsatzes in Afghanistan durchaus nahe liegt. Vielmehr inszeniert er einen facettenreichen Bilderbogen der Entstehungszeit. An sich ein sinnvoller Ansatz, wäre er nicht arg holprig umgesetzt. Die diversen (manchmal deutlichen, manchmal bestenfalls erahnbaren) Anspielungen auf die US-Geschichte reichen von Abraham Lincoln bis Andy Warhol, von Kulturikonen wie Endstation Sehnsucht und Vom Winde verweht bis zum Zeichentrickmatrosen Popeye; mal werden Filmsequenzen eingespielt, mal werden die Zitierten direkt auf der Bühne dargestellt. Dem Musicalpublikum wird schon einiges an Vorwissen abgefordert, um das alles zuordnen zu können. Aber die Versatzstücke fügen sich nicht zu einem schlüssigen Panorama zusammen, vieles bleibt doch Stückwerk.

Szenenfoto

Noch mehr Party

Ob man in der bewusst offenen, revueartigen Form von Hair eine Abgrenzung gegen das bürgerliches „Erzähltheater“ sehen will oder doch eher die Tradition der amerikanischen Bühnenshow, ist Geschmackssache. Ganz ohne Story kommt dieses Stück ja auch nicht aus. Kochheims Inszenierung bewegt sich an der Grenze zwischen Erzähltheater und Revue. Es gibt keine „realistischen“ Räume; als Bühnenraum dient eine Art half pipe, zwei verschiebbare gewölbte Wände, an denen die Akteure zunächst noch hin und wieder hochklettern, die aber vor allem im Weg herum stehen (Bühnenbild: Thomas Gruber). Dazu kommt wiederholt eine riesige US-Flagge (immer in Verbindung mit einen dumpfen US-Patriotismus) und irgendwann auch ein überdimensionierter Dollarschein. Gemäßigter Antiamerikanismus also. Man wird vom Musical nicht gerade Diskurstheater einfordern, aber diese Aneinanderreihung von plakativen Versatzstücken ist dann doch etwas wenig. (Nebenbei: Musste man diese Premiere ausgerechnet auf den Jahrestag der Anschläge vom 11. September, zeitgleich zu den Gedenkfeierlichkeiten am Ground Zero, ansetzen? Als zeitpolitisches Statement taugt die Produktion kaum, und so positioniert sich das Bonner Theater doch reichlich welt- und zeitgeschichtsfremd.)

Szenenfoto

Tod in Vietnam

Mit wenigen Requisiten wird die Geschichte des braven Bürgersohns Claude Bukowski nacherzählt, der sich den Hippies anschließt, den Einberufungsbefehl erhält und in dieser Inszenierung schließlich in Vietnam erschossen wird. (Erstaunlich ist dabei, wie wenig von der sexuellen Befreiung geblieben ist: Kochheim bleibt jugendfrei, und auch der Drogenkonsum der Protagonisten ist vergleichsweise maßvoll.) Erst am Ende kann die Regie Fuß fassen, wenn sie den Konflikt zwischen pazifistischem Lebensgefühl und militaristischer Gegenwart vorführt und am Ende, Zeit und Raum sprengend, den toten Claude wie eine Pietá in den Armen des Freundes Berger und die trauenden Hippies zeigt – ein Finale, das unter die Haut geht. Da zeigt sich, dass das Theater in der Regel eben doch von seinen Geschichten lebt. Insgesamt wäre freilich hilfreich, wenn die Texte der (in englischer Sprache gesungenen) Songs per Übertitelungsanlage eingeblendet würden.

Szenenfoto

Trauer um den toten Claude

Trotz solcher Einwände wurde die Bonner Premiere vom Publikum frenetisch bejubelt, und das liegt wohl in erster Linie an den ganz ausgezeichneten Darstellern. Für diese Koproduktion mit den Theatern in Kassel und Mainz hat man durchweg versierte Musicaldarsteller verpflichtet, das hauseigene Ensemble bleibt außen vor. Ob Markus Schneider als wandlungsfähiger Claude Bukowski, Henrik Wager als charismatischer Anführer Berger, Maricel als Sheila mit hoher stimmlicher und szenischer Präsenz, Peggy Pollows Jeannie als Gratwandererin zwischen Nervensäge und guter Freundin oder Kun Jing als nicht nur stimmlich prachtvolle Crissy (um nur einige zu nennen) – sie singen toll, sie tanzen toll, und die Choreographie von Alonso Barros ist zwar nicht übermäßig originell, aber doch sehr wirkungsvoll. Dazu gibt die achtköpfige Band unter Leitung von Michael Barfuß den rechten Drive vor, und das sehr ordentlich verstärkt. So entsteht ein Sound, der das Original nicht kopiert, sondern seine ganz eigenen Qualitäten hat. Was das musikalische Niveau und die tänzerische Intensität betrifft, lässt die Produktion keine Wünsche offen - da kann die Party in den Zuschauersaal überschwappen und das begeisterte Publikum mittanzen.


FAZIT

Die an sich ambitionierte Regie bleibt weitgehend im öden Bühnenbild stecken und verzettelt sich in der US-Geschichte. Gerettet wird die Produktion durch ein ausgezeichnetes Ensemble, das manche szenischen Widerstände hinwegsingt und –tanzt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michael Barfuß

Inszenierung
Philipp Kochheim

Choreographie
Alonso Barros

Bühne
Thomas Gruber

Kostüme
Bernhard Hülfenhaus

Licht
Thomas Roscher
Max Karbe

Dramaturgie
Michaela Angelopoulos



Band

Olaf Krüger, Trompete
Lothar van Staa, Saxophon
Ludwig Goetz, Posaune
Peter Engelhardt, Gitarre
Marcus Schinkel, Keyboards
Sascha Delbrouck, Bass
Marc zur Oven, Percussion
Stefan Lammert, Schlagzeug


Solisten

Claude Hooper Bukowsky
Markus Schneider

Donna Bukowsky
Ursula Anna Baumgartner

Mrs. Bukowsky
Sonja Mustoff

Mr. Bukowsky
Carlo Ghirardelli

Berger
Henrik Wager

Woof
Christof Maria Kaiser

Hud
Alvin Le-Bass

Jeannie
Peggy Pollow

Steve
Kristian Lucas

Dionne
Tertia Botha

NaÏma
Jennifer Sarah Boone

Cecilia
Miriam Cani

Chastity
Tina Ajala

Crissy
Kun Jing

Sheila
Maricel

Che
Philipp Georgopoulos

Shiva
Ico Benayga

Humphrey
Julian David

Cosma
Beatrix Gfaller

Alissa
Miruna Mihailescu

Zoe
Susan Ten Harmsen

Sumatra
Michael Höfner

Tamati
Olaf Reinecke

Pitú
Wanderson Wanderley



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Da capo al Fine

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