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Zwischen Flower Power und VietnamVon Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu
Man hat sie ja heutzutage gern, diese Motto-Parties, die einem den Retro-Look vergangener Dekaden (oder was man dafür hält) aufnötigen. Das hat ein bisschen was von Kindergeburtstag und von Fasching. Man kleidet sich, sind, zum Beispiel, die 70s angesagt, fröhlich bunt mit Hang zum fernöstlichen oder indianischem Exotismus, zeigt Bauch und Bein und aggressiv gute Laune. So ähnlich sieht es auch in dieser Produktion des Musicals Hair aus, wobei die originellen und liebevoll detailliert gestalteten Kostüme (Bernhard Hülfenhaus) durchaus glaubwürdig die Atmosphäre dieser gefühlt unendlich fernen Zeit einfangen. Aber das Stück selbst, 1968 uraufgeführt und Ausdruck des Lebensgefühls seiner Entstehungszeit, ist eben doch ein wenig in die Jahre gekommen. Ob Generation Golf oder Generation Praktikum, die Vermischung von Flower-Power-Pazifismus mit freier Liebe wirkt inzwischen weniger revolutionär als mehr nostalgisch und irgendwie drollig. Eben partytauglich.
Fröhliche Hippies unter US-Flagge
Nun spukt bei Hair der Vietnam-Krieg in die (deshalb gar nicht so unbeschwerte) Party hinein. Regisseur Philipp Kochheim erliegt nicht der Versuchung, das Stück in die bundesdeutsche Gegenwart zu versetzen, was angesichts des kriegsähnlichen Bundeswehreinsatzes in Afghanistan durchaus nahe liegt. Vielmehr inszeniert er einen facettenreichen Bilderbogen der Entstehungszeit. An sich ein sinnvoller Ansatz, wäre er nicht arg holprig umgesetzt. Die diversen (manchmal deutlichen, manchmal bestenfalls erahnbaren) Anspielungen auf die US-Geschichte reichen von Abraham Lincoln bis Andy Warhol, von Kulturikonen wie Endstation Sehnsucht und Vom Winde verweht bis zum Zeichentrickmatrosen Popeye; mal werden Filmsequenzen eingespielt, mal werden die Zitierten direkt auf der Bühne dargestellt. Dem Musicalpublikum wird schon einiges an Vorwissen abgefordert, um das alles zuordnen zu können. Aber die Versatzstücke fügen sich nicht zu einem schlüssigen Panorama zusammen, vieles bleibt doch Stückwerk.
Noch mehr Party
Ob man in der bewusst offenen, revueartigen Form von Hair eine Abgrenzung gegen das bürgerliches Erzähltheater sehen will oder doch eher die Tradition der amerikanischen Bühnenshow, ist Geschmackssache. Ganz ohne Story kommt dieses Stück ja auch nicht aus. Kochheims Inszenierung bewegt sich an der Grenze zwischen Erzähltheater und Revue. Es gibt keine realistischen Räume; als Bühnenraum dient eine Art half pipe, zwei verschiebbare gewölbte Wände, an denen die Akteure zunächst noch hin und wieder hochklettern, die aber vor allem im Weg herum stehen (Bühnenbild: Thomas Gruber). Dazu kommt wiederholt eine riesige US-Flagge (immer in Verbindung mit einen dumpfen US-Patriotismus) und irgendwann auch ein überdimensionierter Dollarschein. Gemäßigter Antiamerikanismus also. Man wird vom Musical nicht gerade Diskurstheater einfordern, aber diese Aneinanderreihung von plakativen Versatzstücken ist dann doch etwas wenig. (Nebenbei: Musste man diese Premiere ausgerechnet auf den Jahrestag der Anschläge vom 11. September, zeitgleich zu den Gedenkfeierlichkeiten am Ground Zero, ansetzen? Als zeitpolitisches Statement taugt die Produktion kaum, und so positioniert sich das Bonner Theater doch reichlich welt- und zeitgeschichtsfremd.)
Tod in Vietnam
Mit wenigen Requisiten wird die Geschichte des braven Bürgersohns Claude Bukowski nacherzählt, der sich den Hippies anschließt, den Einberufungsbefehl erhält und in dieser Inszenierung schließlich in Vietnam erschossen wird. (Erstaunlich ist dabei, wie wenig von der sexuellen Befreiung geblieben ist: Kochheim bleibt jugendfrei, und auch der Drogenkonsum der Protagonisten ist vergleichsweise maßvoll.) Erst am Ende kann die Regie Fuß fassen, wenn sie den Konflikt zwischen pazifistischem Lebensgefühl und militaristischer Gegenwart vorführt und am Ende, Zeit und Raum sprengend, den toten Claude wie eine Pietá in den Armen des Freundes Berger und die trauenden Hippies zeigt ein Finale, das unter die Haut geht. Da zeigt sich, dass das Theater in der Regel eben doch von seinen Geschichten lebt. Insgesamt wäre freilich hilfreich, wenn die Texte der (in englischer Sprache gesungenen) Songs per Übertitelungsanlage eingeblendet würden.
Trauer um den toten Claude
Trotz solcher Einwände wurde die Bonner Premiere vom Publikum frenetisch bejubelt, und das liegt wohl in erster Linie an den ganz ausgezeichneten Darstellern. Für diese Koproduktion mit den Theatern in Kassel und Mainz hat man durchweg versierte Musicaldarsteller verpflichtet, das hauseigene Ensemble bleibt außen vor. Ob Markus Schneider als wandlungsfähiger Claude Bukowski, Henrik Wager als charismatischer Anführer Berger, Maricel als Sheila mit hoher stimmlicher und szenischer Präsenz, Peggy Pollows Jeannie als Gratwandererin zwischen Nervensäge und guter Freundin oder Kun Jing als nicht nur stimmlich prachtvolle Crissy (um nur einige zu nennen) sie singen toll, sie tanzen toll, und die Choreographie von Alonso Barros ist zwar nicht übermäßig originell, aber doch sehr wirkungsvoll. Dazu gibt die achtköpfige Band unter Leitung von Michael Barfuß den rechten Drive vor, und das sehr ordentlich verstärkt. So entsteht ein Sound, der das Original nicht kopiert, sondern seine ganz eigenen Qualitäten hat. Was das musikalische Niveau und die tänzerische Intensität betrifft, lässt die Produktion keine Wünsche offen - da kann die Party in den Zuschauersaal überschwappen und das begeisterte Publikum mittanzen.
Die an sich ambitionierte Regie bleibt weitgehend im öden Bühnenbild stecken und verzettelt sich in der US-Geschichte. Gerettet wird die Produktion durch ein ausgezeichnetes Ensemble, das manche szenischen Widerstände hinwegsingt und tanzt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Choreographie
Bühne
Kostüme
Licht
Dramaturgie
BandOlaf Krüger, TrompeteLothar van Staa, Saxophon Ludwig Goetz, Posaune Peter Engelhardt, Gitarre Marcus Schinkel, Keyboards Sascha Delbrouck, Bass Marc zur Oven, Percussion Stefan Lammert, Schlagzeug Solisten
Claude Hooper Bukowsky
Donna Bukowsky
Mrs. Bukowsky
Mr. Bukowsky
Berger
Woof
Hud
Jeannie
Steve
Dionne
NaÏma
Cecilia
Chastity
Crissy
Sheila
Che
Shiva
Humphrey
Cosma
Alissa
Zoe
Sumatra
Tamati
Pitú
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