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Xerxes


Dramma per musica in drei Akten
Libretto von einem unbekannten Autor nach Niccolò Minato und Silvio Stampiglia
Deutsche Übersetzung von Eberhard Schmidt in einer Einrichtung von Stefan Herheim
Musik von Georg Friedrich Händel

In deutscher und italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Dauer: ca 3 Stunden – eine Pause

Premiere an der Komischen Oper Berlin am 13. Mai 2012
(Besuchte Aufführung: 15. Mai 2012)


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Komische Oper Berlin
(Homepage)

Ein Rundumvergnügen


Von Christoph Wurzel /  Fotos: Forster (© Komische Oper)

Will man der Überlieferung glauben, so glänzte der persische König Xerxes mehr durch seine amouröse Umtriebigkeit als durch sein feldherrliches Geschick. Dieser Wesenszug  wäre neben einem kleinen historischen Detail der einzige wirkliche Bezug, der sich von Händels Xerxes zu der historischen Herrschergestalt ziehen ließe. In Händels Oper hat dieser antike Potentat nämlich wirklich nichts anderes im Kopf als Liebesabenteuer, wobei er diese, ähnlich seinen politischen Eroberungsvorhaben, allerdings auch noch recht erfolglos betreibt. Die Berliner Inszenierung von Stefan Herheim weidet diesen Umstand genüsslich und zum großen Vergnügen des Publikums aus.

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SexRex Xerxes: Stella Doufexis und Katarina Bradic (als Amastris am Boden)

Schon im Auftrittsarioso Ombra mai fu zeigt die Oper Xerxes ironisch als liebestollen Phantasten, dessen Libidoüberschuss sich auf eine Schatten spendende Platane richtet. Derart idyllische Verzückung hat Händel in so schöne Musik gegossen (wobei die Melodie noch nicht einmal von ihm selbst stammt), dass dieses Larghetto zugleich eine seiner berühmtesten Piècen geworden ist – der erste musikalische Leckerbissen dieser Oper, mit dem seinerzeit der Kastrat Caffarelli das Publikum begeisterte. An der Komischen Oper steckte Stella Doufexis in dieser Rolle und zog schon nach wenigen Minuten  das Publikum in Berlin in ihren vokalen Bann. Was Xerxes im weiteren Verlauf der Oper so alles an Irrungen und Wirrungen in Liebesdingen auslöst, lässt in der Oper die Affekte regelrecht explodieren. Gegen Ende des 1. Aktes hat Händel für Xerxes eine Da-Capo-Arie komponiert („Je mehr ich an die Liebe denke, desto mehr wächst meine Glut“), zu deren punktierten Rhythmen, raffinierten Vorhalten und riskanten Trillern in dieser Inszenierung durch entsprechende Beckengymnastik des Protagonisten  eindeutige Assoziationen geweckt werden. Zudem streckt Xerxes’ verschmähte Braut Amastris, augenblicklich als fremder Soldat verkleidet, dem lustjuchzenden König ihren Unterleib in deutlicher Pose entgegen, während sich die Leuchtschrift Xerxes anagrammatisch in SexRex verändert – sängerisch wie darstellerisch einer der Höhepunkte dieser ungemein bilderreichen Inszenierung.

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Ein Hoch auf die barocke Bilderflut: Brigitte Geller (Romilda), Karolina Gumos (Arsamenes) mit Komparsen

So ist Stefan Herheim wieder in seinem Element der geistreichen Anspielungen, bei denen sich Tiefsinn und Unterhaltungswert die Waage halten. Viel hat die Regie an der barocken Oper abgeschaut, angefangen vom Wechsel der deutschen und italienischen (wenn es imperial staatsmännisch wird) Arien bis hin zum Vergnügen am ständigen Szenen- und Kulissenwechsel mittels der Drehbühne (herrlich das Bühnenbild von  Heike Scheele). Freilich ist dies ironisch gebrochen. Man sieht stets hinter die Maschinerie, erlebt bisweilen den Kostümwechsel auf offener Bühne und am Schluss scheint es so, als sei alles nur Spiel, wenn die Darsteller plötzlich entdecken, dass da ja ein Publikum in Parkett und Logen sitzt: Wir haben mal eben Barockoper probiert!

Sängerisch ist Stella Doufexis in der Titelrolle grandios und gleichzeitig prima inter pares: acht hochvirtuose Arien mit dem breitesten Spektrum der Affekte meistert sie mit enormer Souveränität. Die Antagonisten-Rolle der Amastris, Prinzessin aus fremden Landen und verschmähte Braut des Xerxes, singt Katarina Bradic mit balsamischem Alt, voll in der Tiefe mit einschmeichelndem Timbre. Als Romilda, doppelt begehrt von Xerxes und dessen Bruder Arsamenes (Karolina Gumos gibt ihn im barocken Höflingskostüm distinguiert und mit seidiger Stimme), ist Brigitte Geller, stimmlich sicher verankert, so etwas wie ein Fels in der Brandung des Begehrens um sie herum. Urkomisch, wie es sich in der barocken Oper gehört, legt Hagen Matzeit die Rolle des Dieners Elviro an. Souverän zwischen Brust- und  Kopfstimme wechselnd und spielerisch die Gendergrenzen mühelos überwindend, stiftet er als berlinerndes Blumenmädchen den Rest an Verwirrung. Das Missverständnis eines falschen Briefes bringt schließlich, wenn auch eher zufällig, dann doch die richtigen Liebenden zusammen und Xerxes muss sich wieder seinen Staatsgeschäften zuwenden. Auch die intrigante Schlange Atalanta (Julia Giebel gleich präsent mit Spiel und Stimme) erreicht nicht ihr Ziel, ihrer Schwester Romilda den Geliebten Arsamenes auszuspannen. Da kann der Vater der beiden (markant in der kleinen Rolle des Ariodates: Dimitry Ivashchenko) sich am Schluss zum Happy End gratulieren. Herheim hat all die situations-komischen Elemente der Handlung in einen rasant abschnurrenden Bilderbogen gepackt und barockes Spectaculum mit modernen Operneffekten gepaart. Herausgekommen ist als quicklebendiges Kind ein faszinierendes Stück heutiger Opernregie.


Bild zum VergrößernSchwatzhaftes Blumenmädchen: Hagen Matzeit (als Elviro) und Katarina Bradic (als Amastris)
 
 
Höchst erfolgreich auch konnte Konrad Junghänel das Hausorchester mit der historisch orientierten Interpretation von Händels Musik impfen. Es klang fast, als sei hier ein barockes Spezialensemble am Werk, so pulsierend frisch und rhetorisch wohlphrasiert kam der Orchesterklang aus dem Graben, zudem in den schönsten barocken Klangfarben der ergänzten Spezialinstrumente von Laute bis Blockflöte. Abgerundet wurde das musikalische Vergnügen durch den kernig singenden und fröhlich agierenden Chor der Komischen Oper.

FAZIT

Ein Rundumvergnügen also mit Händel und Herheim. Man sollte es gehört und gesehen haben.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Konrad Junghänel

Inszenierung
Stefan Herheim

Bühnenbild
Heike Scheele

Kostüme

Gesine Völlm

Dramaturgie
Alexander Meier-Dörzenbach
Ingo Gerlach

Chor
Andrè Kellinghaus

Licht
Franck Evin

Chorsolisten und Komparserie
der Komischen Oper Berlin

Orchester der Komischen Oper Berlin

Solisten

Xerxes
Stella Doufexis

Arsamenes
Karolina Gumos

Amastris
Katarina Bradic


Romilda
Brigitte Geller

Atalanta
Julia Giebel

Ariodates
Dimitry Ivashchenko

Elviro
Hagen Matzeit








Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Komischen Oper Berlin
(Homepage)



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