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Musiktheater
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Orest

Musiktheater in sechs Szenen
Text und Musik von Manfred Trojahn

In deutscher Sprache mit niederländischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 20' (keine Pause)

Auftragswerkes der Nederlandse Opera
Uraufführung im Muziektheater Amsterdam am 8. Dezember 2011


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De Nederlandse Opera
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Hände weg von Bohrmaschinen!

Von Joachim Lange / Fotos von Clärchen und Hermann Baus


Mag ja sein, dass unsere Zeit den großen Stoffen und dem hohen Ton günstig ist. Selbst wenn es nur die Sehnsucht nach etwas Tiefgang bei all dem herrschenden Triumph der Oberfläche ist. Nachdem Wolfgang Rihm in Salzburg mit seinem Dionysos einen durchschlagenden Erfolg hatte, zog mit Manfred Trojahn jetzt der zweite deutsche Komponist nach. Er hatte 2002 am Het Muziektheater in Amsterdam schon die Rezitative von Mozarts La Clemenza di Tito neu komponiert und für eine bemerkenswerte, neue Sicht auf das Werk gesorgt. Es verwundert also nicht, dass der Amsterdamer Intendant Pierre Audi ihn jetzt mit dem Auftrag für eine neue Oper bedacht hat.


Vergrößerung Rosemary Joshua (Helena), Dietrich Henschel (Orest)

Trojahn hat zu seiner Variante der Orest-Geschichte das Libretto selbst verfasst, sich dabei nicht nur gegen das Vorgängerstück im Geiste (Strauss', Hofmannsthals Elektra) gestemmt, Euripides nachgelauscht, sondern auch, wie sein Kollege Rihm, auf Friedrich Nietzsches abgehobene Dithyramben zurückgegriffen. Sein 80-minütiges „Musiktheater in sechs Szenen“ setzt ungefähr da ein, wo Hofmannsthal und Strauss enden. Was vordergründig wie eine Blutrache-Endlosstory aussieht, wird zu einem Kreisen um die Frage nach den seelischen Folgen der Fremdbestimmtheit des Handelns und nach dem Umgang mit, wenn man so will, schuldloser Schuld. Die in ihrem Rachefuror fundamentalistische (hier weiterlebende) Elektra ficht dererlei nicht an. Sie ist das eine Extrem in der Alptraumwelt des Muttermörders Orest - der Gott, den er sich gleich als Apollo–Dionysos Zwitter imaginiert, das andere. Der Gott als perfekte Rechtfertigung, die außerhalb der eigenen Verantwortung gesetzt ist. Doch der Ausweg, den der verheißt (sich nämlich mit Menelaos zu verbünden und die nach dem verheerenden Trojanischen Krieg weithin gehasste Helena umzubringen, weil die am gesamten Schicksals-Schlamassel schuld ist) erweist sich als Sackgasse. Erst als er der Versuchung widersteht, Helenas Tochter Hermione umzubringen und sie stattdessen ansieht, glimmt ein Fünkchen der Hoffnung auf. Freilich ohne dass es wirklich die Vorlage für ein jubelndes Finale wäre….

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Von links: Romy Petrick (Hermione), Johannes Chum (Menelaos), Rosemary Joshua (Helena), Sarah Castle (Elektra), Dietrich Henschel (Orest)

Die Musik hebt aus der Stille an mit den raunenden Orest-Rufen der Frauenstimmen in seinem Kopf. Und mit einem gellenden Schrei. Doch schnell findet Trojahn zu einer sinnlich tonalen, suggestiv raunenden, immer wieder auch mit dramatischer Wucht ausbrechenden, manchmal explodierenden Sprache. So hört man es beim Nederlands Philharmonisch Orkest unter seinem Chef Marc Albrecht, der vor allem die vokale Lust und szenische Dynamik ausspielt. Bei ihm profitieren die dunklen Bläsergruppen und Streicher und das dosierte Schlagwerk zu dem von einer präzisen Transparenz. Durch die Teilnahme des Komponisten am gesamten Einstudierungs-Prozess ist seine Musik, inklusive der für ihn neuen Bandzuspielungen, optimal in den Raum eingepasst und zudem exzellent untereinander und mit den Protagonisten auf der Bühne ausbalanciert.

Vergrößerung Finnur Bjarnason (Apollo/Dionysos), Statist, Dietrich Henschel (Orest)

Und weil die anfängliche Verblüffung, die die gerne videoträumerisch durch die Szene wandelnde britische Regisseurin Katie Mitchell und der deutsche Komponist am Beginn ihrer Zusammenarbeit befallen hatte, alsbald einem produktiven Dialog wich, ist in Amsterdam auch eine maßgeschneiderte Inszenierung zu bestaunen. Es spricht für die Risikobereitschaft des Amsterdamer Intendanten Pierre Audi, der ja sein Stagione-Haus heuer achtmal hintereinander mit der Novität füllen muss, dass er seine aktuelle Uraufführung gleich als ambitionierte Interpretation und nicht erst Mal in sozusagen antikem Gewand über die Bühne gehen lässt. Für die diesmal gänzliche videoabstinente, hinter der bürgerlichen Fassade von heute, nach dem elementaren Seelenverwüstungen suchende Inszenierung hat Giles Cadle ein angeschnittenes, zweietagiges Wohnhaus auf die Bühne gesetzt. Mit bombastischem Hallen-Treppenhaus, samt Blick in rieselnden Schnee draußen, großem Salon mit metaphorischer Couch unten und einem Schlafzimmer und Badezimmer oben. Im Hause Orest sind das alles Tatorte. Hier wurde schließlich erst ein König, Vater und Ehemann im Bade erschlagen und dann die Mutter und ihr Liebhaber auf dem Lotterbette gemeuchelt. Bei Mitchell ist denn auch die Spurensicherung ständig bei der Arbeit. Ihre Szene unterschlägt allenfalls die nachvollziehbare Verwandlung von Apollo in Dionysos. Wenn dann Orest zur Bohrmaschine greift, um Helena zu ermorden, gibt's unfreiwillige Lacher, obwohl gerade da die Musik besonders subtil auf den Ernst der Lage hinaus will. Im Ganzen aber funktioniert dieser Blick in den (groß-)bürgerlichen Seelenabgrund als kammerspielartiger Thriller in seiner Vergegenwärtigung hervorragend.

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Dietrich Henschel (Orest), Sarah Castle (Elektra)

Was nicht zuletzt an den Protagonisten liegt. Der deutsche Bariton Dietrich Henschel hat für diesen Orest genau die Eloquenz des Leidens, die seine Zerrissenheit glaubwürdig macht. Die aus Neuseeland stammende Mezzosopranistin Sarah Castle ist eine imponierend düster-fundamentalistische Elektra. Trojahn gönnt ihr, zusammen mit Hermione (Sopranistin Romy Petrick) und Helena (mit ihrer Stimmfachkollegin Rosemary Joshuas), ein betörendes Terzett von beinahe Strauss'schem Format. Dass der Tenor Finnur Bjarnason, zwar nicht von seiner Doppelrolle als Apollo und Dionysos, wohl aber von deren Höhen etwas überfordert war, glich der machtvoll polternde Tenor Johannes Chum als Menelaos wieder aus. Das Publikum reagierte freundlich; für die Begeisterung, die am Platze wäre, bleibt dann bei der ersten deutschen Nachinszenierung in Hannover genügend Spielraum.


FAZIT

Eine rundum gelungene Uraufführung. Trojahns Libretto, seine originelle, bühnentaugliche Musik, die exzellenten musikalischen Umsetzung und die herausfordernde szenischen Umsetzung in Amsterdam machen neugierig auf weitere Interpretationen dieses neuen Werkes.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marc Albrecht

Regie
Katie Mitchell

Bühne
Giles Cadle

Kostüme
Vicki Mortimer

Licht
Jon Clark

Dramaturgie
Klaus Bertisch

Choreinstudierung
Frank Hameleers



Koor an De Nederlandse Opera

Nederlands Philharmonisch Orkest


Solisten

Orest
Dietrich Henschel

Helena
Rosemary Joshua

Elektra
Sarah Castle

Menelaos
Johannes Chum

Hermione
Romy Petrick

Apollo/Dinoysos
Finnur Bjarnason





Weitere Informationen
erhalten Sie von
De Nederlandse Opera
(Homepage)



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