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Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch
und der Jungfrau Fewronia


Oper in vier Akten
Libretto von Waldimir Belski
Musik von Nikolai Rimski-Korsakow

In russischer Sprache mit niederländischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h 30' (zwei Pausen)

Premiere an der Nederlandse Opera Amsterdam am 8. Februar 2012


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De Nederlandse Opera
(Homepage)
Russische Seele im Breitbandformat

Von Joachim Lange / Fotos von Monika Rittershaus


Diesmal bekam das Bühnenbild seinen eigenen Applaus. Und damit auch der Regisseur, denn Dmitri Tcherniakov hat für seine Wunschoper auch das Bühnenbild entworfen. Nikolai Rimski-Korsakows (1844 1908) Opernmonstrum aus dem Jahre 1906 dessen voller Titel „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronia“ lautet, schafft es zwar äußerst selten auf eine Bühne, aber der 42jährige Russe hat sie vor elf Jahren, am Anfang seiner Karriere, in St. Petersburg schon einmal inszeniert. Auch wenn jetzt sein russischer Wald nur aus drei riesigen Baumstämmen, vertrocknetem Schilf und einer Holzhütte besteht, rührt das Auftaktbild in seiner atmosphärischen Opulenz doch unmittelbar die Herzen und Hände. In dieser idyllischen Waldeinsamkeit plaudert die schöne Fewronia mit den Tieren, hier begegnet sie ihrem Gott und hier läuft ihr der Traumprinz über den Weg, der sich obendrein auch gleich mit ihr verlobt.


Vergrößerung Fewronia in der Idylle des Waldes

Seine Heimat, das von den Tataren bedrohte Klein-Kitesch, ist ein Innenhof. Hier tummelt sich eine postsowjetische Gesellschaft vor stalinistischer Fassadenwucht. Hier sitzen sie alle beieinander. Es ist ein in kräftigen Farben ausgepinseltes Sittengemälde mit viel Wodka, Wärme und latenter Aggressivität. Die Braut und der Prinz - das ist in dieser Umgebung mehr eine willkommene Abwechslung als ein Staatsakt. Die Horde, die plötzlich einfällt und alles verwüstet und ermordet, ist eine Melange aus Hooligans, Neonazis und Terroristen mit einem Boss, der daherkommt wie ein Pate. Diese Attacke auf die Zivilgesellschaft ist beklemmend realistisch. In Groß-Kitesch hat sich die verängstigte Bevölkerung vor der aufziehenden Gefahr schon in ein heruntergekommenes Kulturhaus zurückgezogen, das längst auch als Notlazarett dient.

Vergrößerung

In Klein-Kitesch ist was los (in der Mitte der Säufer Grischa)

In der mythisch aufgeladenen, märchenhaften Volksoper versetzt der rechte Glaube zwar keine Berge, schafft es aber, der Legende folgend, die Stadt Kitesch so unsichtbar zu machen, dass die anstürmenden Tataren sie nicht mehr sehen können. Tcherniakov verweigert der Musik, die unmittelbar aus der russischen Seele aufzusteigen scheint, jede folkloristische Illustration. Er bedient sich stattdessen bei jenen Bildern, die heutzutage für den Einbruch des Irrationalen in die Gegenwart stehen. Wobei sich der nihilistische Furor fundamentalistischer Terroristen und neochristlicher Erlösungsglaube in ihrer Jenseitsorientierung durchaus treffen. Wenn es in Groß-Kitesch ernst wird, ziehen die Männer mit weißen Büßerhemden ausgestattet in die aussichtslose Schlacht. Das stärkste Bild freilich liefern die zurückbleibenden Frauen, die friedlich aber tot in den Stuhlreihen sitzen. Sie haben die makaberste Art von Unsichtbarkeit gewählt.

Vergrößerung Untergangsstimmung in Groß Kitesch

Im letzten Akt des über vierstündigen Abends irren Fewronja und der Trinker Grischa (kraftvoll: John Daszak) allein durch den Wald. Er dem Wahnsinn entgegen, sie in der Vision eines glücklichen Lebens – und das heißt für sie, in der utopischen Geborgenheit ihrer Walidylle. Mit einer Tafel, zu der sich noch einmal alle, die Fewronja wichtig waren, setzen, um gemeinsam zu essen, zu trinken und sich zu erinnern. Man denkt sogar an den armen Grischa und will ihm einen Brief schreiben. Bei diesen letzten Bildern der von Marc Albrecht gänzlich ohne Striche im sinnlichen Breitbandsound mit dem Nederlands Philharmonisch Orkest zelebrierten Musik wird dann auch klar, warum dieses Werk im Ruf eines "russischen Parsifal" steht. Die Vogelfrauen, die Fewronja ihren Tod ankündigen klingen da auch schon mal wie Rheintöchter auf dem Trockenen.

Vergrößerung

Auf dem Todesschlitten dem Ende zu

Doch wenn sich dann das Dunkel hinter der Wald-Hütte öffnet, und sich alle zum paradiesischen Picknick treffen, wünschte man sich einen Schlingensief, der sie alle etwas aufschreckt. Doch sei's drum. Svetlana Ignatovich läuft in der Mordspartie der Fewronia zu einer Hochform auf, die sie deutlich aus dem exzellenten Protagonisten-Ensemble heraushebt.


FAZIT

Pierre Audi hat in Amsterdam wieder eine Großtat gestemmt. Da es ein unbekanntes, auch etwas sperrig großes Werk mit Überlänge ist, verlangt das einem Stagione-Haus durchaus Mut und Risikobereitschaft ab. Bejubelt wurden sie am Ende alle. Und das ganz zu Recht.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marc Albrecht

Regie und Bühne
Dmitri Tcherniakov

Kostüme
Dimitri Tcherniakov
Elena Zayteseva

Licht
Gleb Filshtinsky

Choreinstudierung
Martin Wright



Koor an De Nederlandse Opera

Nederlands Cocertkoor
Nederlands Philharmonisch Orkest


Solisten

Fürst Juri, Herrscher von Kitesch
Valadimir Vaneev

Prinz Wsewolod
Maxim Aksenov

Fewronia, eine Jungfrau
Svetlana Ignatovich

Grischka Kuterma, ein Trunkenbold
John Daszak

Fjodor Pojarok
Alexey Markov

Bedjai
Marschi Franz

Burundai
Peter Arink

Ein Bärenführer
Hubert Francis

Ein wahrsagender Sänger
Gennady Bezzubenkov

Ein Knabe
Mayram Sokolva

Alkonost
Margarita Nekrasova

Sirin
Jennifer Check





Weitere Informationen
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De Nederlandse Opera
(Homepage)



Da capo al Fine

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