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Musiktheater
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Berenice, Regina d'Egitto

Dramma per musica in tre atti (1737)
nach einem Libretto von Antonio Salvi
Musik von Georg Friedrich Händel (HWV 38)


Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Konzertante Aufführung im Theater an der Wien am 27. Januar 2011

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Theater an der Wien
(Homepage)

Eine Pioniertat

Von Bernhard Drobig

Händels Berenice stand von Anfang an nicht unter den günstigsten Sternen. Nicht nur war London anno 1737 der Opera seria überdrüssig geworden, sondern standen auch die zwei rivalisierenden Opernunternehmen, das von Händel und John Rich in Covent Garden betriebene und die Opera of Nobility so gut wie vor dem Ruin. Händel, der zeitgenössischen Berichten zufolge bis zur Erschöpfung um den Ruf des besseren von beiden kämpfte, hat gar, gesundheitlich angeschlagen, diese Abschlussproduktion seiner letzten Covent-Garden-Saison wohl nicht mehr selbst leiten können. Und da schließlich Berenice nur viermal gespielt wurde, bürgerte es sich ein, von einem Misserfolg zu reden, obwohl der Earl of Shaftesbury dem Werk «vornehme» Arien, Sublimität und Tiefe des musikalischen Ausdrucks attestierte und der Forschung auch keine negativen Kritiken der Zeit bekannt sind. Jedenfalls kennzeichnet Zurückhaltung gegenüber dem Werk auch unsere Zeit, hat es, soweit ersichtlich, nur 2001 eine neuere szenische Aufführung beim Badischen Staatstheater in Karlsruhe gegeben. Für Alan Curtis aber, den immer noch vom Pioniergeist der Aufbruchstimmung historischer Aufführungspraxis beseelten Forscher und Dirigenten, der inzwischen eine stattliche Reihe der im Schatten stehenden Opern Händels ins Licht gerückt hat, war es geradezu konsequent, sich auch mit diesem Werk für eine öffentliche Aufführung und geplante CD-Produktion auseinanderzusetzen.

Händel hatte das Libretto wohl bereits 1709 in Italien kennen gelernt. Es ist ein ziemlich intrikates Spiel um Liebe im Spannungsfeld politischer Interessen, angesiedelt in Alexandria im Jahr 80 v.Chr., basierend auf dem Historiker Appian: Die noch unverheiratete ägyptische Königin Berenice soll auf Wunsch des römischen Diktators Sulla ihren Neffen Alessandro heiraten, weist ihn aber ab, da sie dem eher romfeindlichem Demetrio zugetan ist, der allerdings ihre Schwester Selene liebt und sich gar mit Mitridate verbündet, um Berenice zu stürzen. Sie versucht es derweil mit List, Selene durch eine Verbindung mit Arsace von Demetrio zu trennen und bleibt ihm auch dann noch gewogen, als der sie glühend verehrende Alessandro diesen seinen Rivalen vor aufgebrachtem Volk aus Lebensgefahr rettet. Wenn Rom daraufhin zur Abwehr seiner Gegner ungeduldig eine Liaison von Selene und Alessandro verlangt und Arsace auf Selene verzichten will, fühlt sich Demetrio verraten und sinnt auf Rache. Sein Anschlag auf Arsace misslingt jedoch, ebenso Berenices neuer Versuch, diesen an Selene zu binden, denn Arsace bekräftigt seinen Verzicht zugunsten Alessandros, doch weder der noch Berenice wollen eine von Rom diktierte Ehe. Schließlich versucht es Berenice noch einmal, Demetrio trotz des begangenen Verrats für sich zu gewinnen – vergeblich. So überlässt sie dem römischen Gesandten ihren Siegelring mit dem Bedingnis, den zu heiraten, der ihn zurückbrächte. Roms Wunschkandidat Alessandro aber gibt ihn an Arsace mit der Botschaft an Berenice, er wolle nicht von Roms Gnaden, sondern aus Liebe ihr Gemahl werden. Arsace überbringt den Ring in dem Augenblick, da Demetrio als Verräter hingerichtet werden soll. Von Selene und Arsace um Begnadigung gebeten, entscheidet sich Berenice endlich für Alessandro und überlässt ihre Schwester dem Demetrio, während Arsace leer ausgeht.

Mag dieses für eine Seria typische Spiel voller politischer Kalküls am Ende doch nur zu jener Ehe führen, die am Anfang gefordert wurde, es besitzt in Alessandro eine Figur, die, zunächst scheinbar Marionette Roms, sich mehr und mehr als von echter Liebe bestimmt darstellt. Und wie für die verschiedenen Stufen seines Verhaltens, so fand Händel auch in der gesamten Handlung eine geeignete Vorlage, die beiden Primadonnen und zwei Kastraten sowie zwei Nebenfiguren mit einer ihrem Rang entsprechenden Fülle an Arien und Duetten auszustatten, auch wenn er sein Orchester nicht stärker als mit Streichern, Oboen und dem Basso continuo hat besetzen können. Zugegeben, dass fein gesponnene Gleichnisarien mit Bienensummen und Taubengurren eines besonderen Sensoriums bedürfen, um in ihrer subtilen Orchestrierung erfasst zu werden, aber es gibt genügend andere Arien, deren Schwung vom Stuhl reißen kann. Was weitgehend fehlt, sind die aus Händels früheren Opern bekannten großen Lamenti, und doch zeigt die mit konzertierender Oboe gestaltete Darstellung von Berenices Entscheidungsnot, dass Händel immer noch die Kraft besaß, augenblicklich höchste Spannung zu erzielen, was nicht zuletzt auch für die Duette gilt, insbesondere das mit der Beauftragung der Ringübergabe zwischen Alessandro und Arsace, das eine völlig eigene, wiederholter Ermahnung dienliche Struktur aufweist. Händel hat, so schien es trotz der von Curtis ausgesparten sechs von 24 Arien, auch diesem Stoff trotz aller Eile beim Komponieren keine nur flüchtig dahin geworfenen, sondern sehr wohl durchdachte Stimmungsbilder geschenkt, übrigens auch nur zweimal auf frühere melodische Modelle zurückgegriffen.

Alan Curtis, vom Cembalo aus dirigierend, suchte weder in der Continuo-Differenzierung noch in Tempi und Dynamik nach zusätzlichen Effekten, obschon er Arien und Duetten im Wiederholungsteil ihrem Charakter entsprechende Auszierungen nicht versagte und in Kadenzen auch schon einmal über den vorgegebenen Tonumfang hinaus ausgreifen ließ. Er setzte vielmehr auf eine unbeirrte Präsentation von Händels Konzept, nach einem sich eher verhalten darstellenden Beginn den sich verdichtenden Problemen auch musikalisch stärkere Eindringlichkeit zu verleihen. Dementsprechend steigerte sich auch Klara Ek als Berenice im zweiten und dritten Akt zu wirklich königlicher und menschlicher Größe und verlieh ihrem ohnehin eher dramatisch ausgerichteten Sopran zunehmend mehr Gefühlsintensität. Gleiches gilt für ihre temperamentvollere Fachkollegin Ingela Bohlin, die Alessandros wachsender Liebesglut ihren hellen Diskant lieh, wennschon nicht mit der Emotionalität, die der leicht tenoral timbrierte Countertenor Franco Fagioli seinen exakt artikulierten Bravouren schenkte. Vergleichbar souverän, doch noch stärker verinnerlicht ließ Mary-Ellen Nesi mit berührend fülliger Tiefe ihres Mezzos die nahezu tragische Figur des aufrecht hilfreichen und doch im Spiel der Großen leer ausgehenden Arsace erstehen. Ein besonderes Lob gebührt Milena Storti, die sich in wenigen Stunden vor der Aufführung die Rolle von Berenices Schwester Selene aneignete und der es bei solider Gesangstechnik sogar gelang, sich in die charakterlich schillernde Figur einzufühlen. In den beiden Nebenrollen gab der lyrische Tenor Anicio Zorzi Giustiniani dem römischen Gesandten Fabio die geforderte Kühle des Funktionärs, während Bariton Johannes Weisser für Berenices Vertrauten Aristobolo zu kräftig wirkte. Das in den Violinen überraschend oft unisono geführte Orchester (hier 17 Künstler) gefiel mit sängerfreundlichem, aufmerksam elegantem Spiel.


FAZIT

Die unprätentiös werk- und stilgerechte Wiedergabe der aus sich heraus stark wirkenden Partitur durch Alan Curtis machte überzeugend deutlich, dass Händels Berenice zu Unrecht unterschätzt wird und durchaus dankbares Publikum finden kann.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alan Curtis


Il complesso barocco


Solisten

Berenice
Klara Ek

Alessandro
Ingela Bohlin

Selene
Milena Storti

Demetrio
Franco Fagioli

Arsace
Mary-Ellen Nesi

Fabio
Anicio Zorzi Giustiniani

Aristobolo
Johannes Weisser


Weitere Informationen

Theater an der Wien
(Homepage)





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