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Musiktheater
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Cardillac

Oper in drei Akten
Libretto von Ferdinand Lion
nach der Novelle Das Fräulein von Scuderi von E.T.A. Hoffmann
und dem gleichnamigen auf der Novelle basierenden Schauspiel von Otto Ludwig
Musik von Paul Hindemith (Erstfassung)

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Premiere an der Staatsoper Wien am 17. Oktober 2010


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Staatsoper Wien
(Homepage)
Tödliche Liebe zur Kunst

Von Roberto Becker / Fotos: Michael Pöhn

An der Wiener Staatsoper hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Die Langzeitära von Ion Holender ist im Sommer mit einem neuen Tannhäuser zu Ende gegangen. Das eigentliche Ausrufezeichen von Holenders Abschieds-Saison war – untypischerweise - die Uraufführung von Aribert Reimanns Medea. Das besondere der Wiener Staatsoper ist nämlich nicht ihre Verpflichtung dem Neuen gegenüber, sondern die, das größte Repertoireopernhaus der Welt zu sein. Dies zu bleiben ist sogar eine Verpflichtung, die der Gesetzgeber auch der neuen Intendanz vorgibt. Tatsächlich hat das Haus sage und schreibe 50 Inszenierungen in seinem Repertoire. In Wien stimmt also die Opernweisheit besonders, dass sich die Qualität eines Hauses über den Zustand seines Repertoires definiert. Schon rein quantitativ bleiben die Neuproduktionen hier eher Akzente, die sich erst auf lange Sicht beim tatsächlichen Profil des Hauses auswirken.


Foto kommt später

Staatsoperndirektor Dominique Meyer (l.) und GMD Franz Welser-Möst

Die erste Produktion unter dem neuen Intendanten Dominique Meyer (55) und unter Leitung seines gleichzeitig neu berufenen GMD Franz Welser-Möst (50) ist Cardillac von Paul Hindemith. Das klingt innovationsfreudiger als es ist. Da die Wiener Philharmoniker, die auch das Staatsopernorchester stellen, derzeit auf Tournee sind, war ohnehin nur ein Stück mit relativ kleiner Besetzung möglich. Hinzu kommt, dass das Inszenierungsteam mit Sven-Erich Bechtolf und dem Ausstatter-Ehepaar Rolf und Marianne Glittenberg und Welser-Möst durch ihre gemeinsamen Zürcher Produktionen, nicht zuletzt aber durch ihren aktuellen Wiener Ring, aufeinander eingespielt sind. Doch immerhin: nimmt man die erste Neuproduktion von Janaceks Katja Kabanova in tschechischer Sprache hinzu, dann gehören zumindest zwei ambitionierte Werke des 20. Jahrhunderts zum ersten Premierenplan der neuen Intendanz.


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Cardillac allein bei der Arbeit

Wie schon bei den letzten beiden Cardillac-Produktionen in Wien 1964 und 1996 (bei der ersten, die ein Jahr nach der Dresdner Uraufführung im Jahre 1927 stattfand, gab es da keine Wahl) entschied man sich für die Erstfassung der Oper. Nach Nazizeit und Krieg hatte Hindemith (1895-1963) seinen Cardillac 1952 überarbeitet und den neunzig Minuten noch eine dreiviertel Stunde hinzugefügt, die u.a. eine Adaption von Jean Baptist Lullys Oper Phaéton beinhaltet. Dabei handelst es sich um eine ansonsten geglättete Fassung, bei der die „Kanten entschärft sind“ (Welser-Möst). Sie konnte sich gegenüber der wuchtig geschlossenen Erstfassung nicht durchsetzen.

Im Stück, dem die Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ von E.T.A. Hoffmann zu Grunde liegt, geht es nur auf den ersten Blick um eine Schauergeschichte aus dem Paris zur Zeit des Sonnenkönigs, bei der eine geheimnisvolle Mordserie die Bürger in Unruhe und Aufruhr versetzt. Schließlich kommt heraus, dass der in hohem Ansehen stehende Goldschmied Cardillac jener geheimnisvolle Mörder ist. Der holt sich nämlich die Schmuckstücke, die er am Tag verkauft hat, in der Nacht wieder zurück, weil er sich nicht von ihnen trennen kann und will. Dabei verliert jeder der Käufer sein Leben. Hinter der Kriminalgeschichte verbirgt sich hier ein radikaler Diskurs über die Absolutheit von Kunst. Bei Cardillac freilich geht die Verehrung, ja obsessive Besessenheit von den eigenen Werken soweit, dass die nicht etwas das Leben feiern, sondern vernichten.


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Die Tochter und der Offizier

Sven-Eric Bechtolf und seine Ausstatter nehmen Cardillac nicht als einen pathologischen Fall, in dessen Psychologie sie eindringen wollen. Sie suchen ihren Zugang über eine bewusst stilisierende Ästhetik. In einer Mischung aus Nosferatu- Stummfilmmanier und einer Motorik, die an die heiteren Stücke von Robert Wilson erinnert. Und es macht durchaus Effekt, wenn da gleich zu Beginn ein Chor aus Bürgern in schwarzen Mänteln und Zylindern und weiß geschminkten Gesichtern von der Musik umgetrieben und hin und her geworfen wird, und wenn dabei immer wieder einzelne ausgesondert und zu Sündenböcken gemacht werden, weil man den wahren Mörder nicht findet, der alle in Angst und Schrecken versetzt.

Schräge Hausfassaden und herumfahrende kleine Hausmodelle verbreiten eine kafkaeske Atmosphäre der Angst. Ebenso wirkungsvoll ist der Auftritt der Dame und des Kavaliers hinter einem separierenden roten Bühnenvorhang. Ildikó Raimondi und Matthias Klink steigern sich hier in ein Pas des deux der Lust am Untergang. Mal im direkten Spiel miteinander, mal indirekt, durch eine Gaze getrennt, im choreographierten Dialog von realer Person und Schattenriss. Bei dem für den Kavalier tödlichen Liebesspiel taucht dann der übermächtige Schatten des Mörders von hinten auf und verrichtet sein Werk.


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Der Kavalier und die Dame

Cardillac selbst hat seinen Arbeitsplatz vor einem vergoldeten Riesenschrank mit einer Drehtür als Rückwand – die Assoziation zum Tresor, in dem Reichtümer und Kostbarkeiten aufbewahrt werden, ist offenkundig. Hier hängen auch der Mantel und der Zylinder, deren Schatten auf den unheimlichen Mörder aus Leidenschaft verweisen. In seiner Personenführung knüpft Bechtolf an die Eigenheit des Stückes an, dass außer Cardillac niemand einen Namen hat, sondern alle nur als Typen bezeichnet sind. Seine Tochter bewegt sich obendrein nur marionettenhaft wie eine aufgezogene Olympia-Puppe. Nach dem der vom Goldlieferanten verfolgte und letztlich enttarnte Cardillac am Ende unter dem Druck der Massen wie in einem nihilistischen Triumph das Geständnis herausgeschleudert hat, dass er der Mörder ist, den alle suchen, und er einer kollektiv, mechanisch exerzierten Messerstecherei zum Opfer gefallen ist, taucht er als eine vergoldetet Statue seiner selbst wieder auf. Die Faszination des radikal Bösen hat in gewisser Weise gesiegt. 

Die Wirkung von Bechtolfs in ihrer Bildersprache nicht neuen, aber handwerklich gut ausgeführten Inszenierung bietet brennende Aktentaschen, eine herein rollende riesige Uhr oder wirkungsvoll platzierte slow motion Szenen. Sie ist aus einem Guss, lässt in ihrer Spannung mit der Zeit allerdings etwas nach, weil die anfängliche Überraschung, die die Stilisierung des Raumes und der Bewegungen bieten, der Vorhersehbarkeit weicht und die bewusste Vermeidung einer Psychologisierung vor allem der Titelfigur zudem auf das Aufkommen von Anteilnahme verzichtet.


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Cardillac und die beunruhigten Bürger

Dieser Spannungsabfall auf der Bühne wird freilich von Welser-Möst im Graben mehr als nur aufgefangen. Denn die in ihrer wuchtigen Originalität faszinierende und packende Musik von Hindemith ist beim neuen GMD und dem Staatsopernorchester in den allerbesten Händen. Hinzu kommt, dass die relativ kleine Orchesterbesetzung die Wiener Staatsoper optimal auszufüllen scheint und die Sänger nie zu Kraftanstrengungen herausfordert, die über ihre Grenzen gehen. Neben der Sängerfreundlichkeit bestach er mit seiner Souveränität in den neobarocken Anspielungen, der Präzision und dem Farbenreichtum. Wurde Franz Welser-Möst zu Beginn demonstrativ herzlich vom Publikum empfangen, so wurde er am Ende mit guten Gründen gefeiert. Dieser GMD-Einstand mit Hindemith war nach einem halben Dutzend Premieren mit Wagner und Strauss, die er hier geleitet hat, für ihn ein voller und ermutigender Erfolg.

Im Zentrum des Ensembles hatte Juha Uusitalo die Hauptlast zu tragen. Souverän füllt er darstellerisch und über weite Strecken auch stimmlich diese Rolle aus. Wenngleich seine Stimme ihren früheren dunklen Glanz nicht mehr erreicht, übertraf er mit diesem Cardillac deutlich seinen etwas fahlen Scarpia in der jüngsten Münchner Tosca-Produktion. Mit imponierender Eloquenz und schneidender Intensität hingegen profiliert Tomasz Konieczny den Goldhändler. Der Tenor Herbert Lippert wurde für seinen schmetternden, um die Tochter des Goldhändlers bemühten Offizier zu Recht gefeiert. Die Dame versieht Ildikó Raimondi mit eleganter Beweglichkeit, Matthias Klink ist ein dazu passender so spielfreudiger wie smart intelligenter Kavalier. Alexandru Moisiuc schließlich steuerte einen soliden Führer der Prévôté bei. Der Chor der Wiener Staatsoper war in Bestform.


FAZIT

Die Cardillac-Premiere war an der Wiener Staatsoper ein musikalischer und szenischer Erfolg. Bei einem Werk neben den großen Filetstücken des Repertoires ist das für die dortigen Verhältnisse schon außergewöhnlich. Dass sich die österreichische Kritik in der Begeisterung auch für die Inszenierung überschlug, mag damit zusammenhängen, dass nach Bechtolfs Ring die Erwartungen ohnehin nicht sehr hoch waren und die Inszenierung ja zweifellos eine in sich geschlossene Ästhetik hat und im Handwerklichen überzeugt. Für den eigentlichen Glanz sorgte aber unbestritten Franz Welser-Möst.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Franz Welser-Möst

Inszenierung
Sven-Eric Bechtolf

Bühne
Rolf Glittenberg

Kostüme
Marianne Glittenberg

Licht
Jürgen Hoffmann

Chor
Thomas Lang



Chor der Wiener Staatsoper

Orchester und Bühnenorchester der
Wiener Staatsoper


Solisten

Cardillac
Juha Uusitalo

Die Tochter
Juliane Banse

Der Offizier
Herbert Lippert

Der Goldhändler
Tomasz Konieczny

Der Kavalier
Matthias Klink

Die Dame
Ildikó Raimondi

Der Führer der Prévôté
Anlexandru Moisiuc



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Wiener Staatsoper
(Homepage)



Da capo al Fine

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