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Das Problem mit dem Namen
Bei Eduard Künnekes Operette Der Vetter aus Dingsda
denkt man sicherlich nicht sofort an Richard Wagners Werke. Zu weit scheint die
Welt der Operette doch von dessen großen Musikdramen entfernt zu sein. Dass dies
inhaltlich nicht unbedingt der Fall ist, zeigt die Wuppertaler Produktion in der
Inszenierung von Robin Telfer sehr deutlich. Und dabei ist es nicht nur der
Schwan im Bühnenteich, der eine Assoziation zum Lohengrin aufbaut. Die
Frage nach dem Namen ist in Wagners Drama ebenso entscheidend wie in Künnekes
Vetter. Im Gegensatz zu Elsa weiß zwar Julia de Weert ganz genau, wie ihr
edler Ritter heißen muss, der ihr Retter vor Onkel und Tante sein soll. Sollte sein
Name aber nicht Roderich de Weert sein, kann sie ihm ihr Herz nicht schenken.
Das ist August Kuhbrot bewusst und deshalb kann er seinen Namen nicht nennen, wie
Lohengrin, um das scheinbare Glück nicht zu zerstören. Und wenn er dann doch
seine Identität offenbart, ist das traute Glück dahin, vorerst. Denn immerhin
befinden wir uns in der Operette. Egon von Wildenhagen (Miljan
Milovi Monika Frenz hat ein Bühnenbild konstruiert, das ein wenig an einen Tanz am Abgrund erinnert. Ein großer rechteckiger Bühnenteich in der Mitte wird von verschiedenen Holzstegen umgeben, die rings um den Bühnenteich in unterschiedlicher Höhe angebracht und nicht direkt miteinander verbunden sind. Man muss schon sehr balancieren, um von einem Steg auf den nächsten zu kommen. In der Mitte des Teiches befindet sich eine große rechteckige drehbare Platte, bisweilen mit einem Sonnenschirm. Um in die Mitte zu kommen, bedarf es schon eines beherzten Sprunges von den Seiten, wenn man nicht durch das Wasser mit einiger Rutschgefahr waten möchte. Dieser Bühnenbildentwurf mag zum einen der Entstehungszeit der Operette geschuldet sein, da die Musik der Zwanziger Jahre häufig als Tanz auf dem Vulkan betrachtet wurde. Zum anderen spiegeln die einzelnen Teile aber auch die Unsicherheiten der Charaktere des Stückes wider: Onkel Josse und Tante Wimpel, die mit der bevorstehenden Volljährigkeit Julias fürchten, nicht mehr weiter von dem für Julia verwalteten Geld leben zu können und sich dementsprechend in ihrem Lebensstil einschränken müssten; Julia de Weert, die seit sieben Jahren auf ihren Vetter Roderich wartet und sich ein Glück nur an seiner Seite vorstellen kann; August Kuhbrot, der mit seiner Behauptung, er sei der lang ersehnte Vetter, ein sehr gefährliches Spiel spielt; selbst Hannchen, die zwar stets sehr keck und selbstbewusst den anderen gegenüber auftritt, aber insgeheim sehnsüchtig auf einen Märchenprinzen wartet, der sie in ein Leben führt, in der sie nicht nur die Freundin des Hauses ist. Somit hat der Bühnenteich eine weitaus größere Bedeutung, als nur den Schwan als augenzwinkernden Verweis auf Lohengrin einzuführen: Er zeigt, wie schwierig es für alle Beteiligten ist, festen Boden unter den Füßen zu behalten und nicht zwischen den gespannten Intrigen und Lügengeflechten auszurutschen. Julia (Elena Fink, rechts) ist volljährig. Gemeinsam mit Hannchen (Dorothea Brandt, links) zeigt sie Onkel Josse (Olaf Haye) und Tante Wimpel (Michaela Mehring), wo es jetzt lang geht (im Hintergrund: Carlotta (Miriam Scholz) und Hans (Peter K. Hoffmann)). Dass ausgerechnet der verschmähte Egon von Wildenhagen in einem hellgrauen Anzug auftritt, mag eine weitere Lohengrin-Assoziation darstellen, da er ja gerne von Julia de Weert erhört werden möchte, also versucht, wie Elsas Schwan aufzutreten. Auch die übrigen Kostüme von Tanja Liebermann ermöglichen deutliche Charakterstudien. So werden Julias und Hannchens Kleider wesentlich kürzer, nachdem Julia die Bestätigung ihrer Volljährigkeit erhalten hat. Und während Julia zu Beginn des Stückes auch noch schwanenweiß trägt, bis der erste Fremde erscheint, wechselt sie dann zu grün, der Farbe der Hoffnung. Auch August Kuhbrot schlüpft nach der Nacht im Hause de Weert in einen - welch Zufall - hellen Anzug von Roderich, um somit dem ersehnten Traumprinzen ein wenig näher zu kommen, auch wenn seine etwas längeren blonden Locken eher an einen Siegfried erinnern, um bei Wagner zu bleiben. Die Diener Hans und Carlotta wirken ebenfalls nach der Erklärung der Volljährigkeit Julias ein wenig gelöster, weil sie erkennen, dass unter Julia und Hannchen nun etwas lockerere Zeiten im Haus anstehen werden. "Sieben Jahr lebt' ich in Batavia" (von links: August Kuhbrot (Boris Leisenheimer), Julia (Elena Fink), Hannchen (Dorothea Brandt), Tante Wimpel (Michaela Mehring), Onkel Josse (Olaf Haye), in der zweiten Reihe: Carlotta (Miriam Scholz) und Hans (Peter K. Hoffmann)). Robin Telfer hat bei dieser "Kammeroperette", die ohne Chor auskommt, sein Augenmerk vor allem auf die Personenregie bis in die kleinste Rolle gerichtet. Aus dem zweiten Diener Karl macht er das Dienstmädchen Carlotta, das von Miriam Scholz wunderbar komödiantisch angelegt wird. Mit rotem Schmollmund und spitzen Lippen stakst sie in rosafarbenen Plüschpantoffeln mit einer großen Blume im Haar durch die Szene und vermag mit bloßen Blicken die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. An ihrer Seite gibt Peter K. Hoffmann den Diener Hans gewohnt verschroben. Wenn er mit der Schrotflinte auf die Jagd nach dem vermeintlichen Mörder von August Kuhbrot geht, sorgt er mit dem einen oder anderen fehlgeleiteten Schuss durchaus für Chaos. Auch Michaela Mehring kann als Tante Wimpel in Mimik und Gestik ihr in Wuppertal schon häufig bewundertes komödiantisches Talent voll ausspielen, wobei die Regie sich nicht ganz einig zu sein scheint, wie diese Tante eigentlich angelegt werden soll. Während sie von ihrem Mann, Onkel Josse, von oben herab behandelt wird, steht sie ihm dennoch treu zur Seite. Bei dem Lied "Sieben Jahr lebt' ich in Batavia" löst sie ihren Dutt und wird mit offenem Haar auf einmal viel lockerer, um dann aber nach der Pause in das alte Rollen-Klischee zurückzufallen. Da hätte man ihr doch ein bisschen mehr Emanzipation von Onkel Josse gegönnt. Olaf Haye scheint sich in der Rolle des Onkels nicht richtig wohl zu fühlen. Vielleicht ist er noch zu jung für diese Rolle, vielleicht aber auch einfach zu drahtig, so dass man ihm den gesetzten älteren Herren, der ständig nur ans Essen denken kann, nicht abnimmt. Zwar singt er mit herrlichem baritonalem Klang, der Funke springt bei dieser Figur aber nicht über. Miljan Milovi ć ist als Egon von Wildenhagen eigentlich viel zu nett, als dass man es ihm gönnt, von den Frauen so behandelt zu werden.Julia (Elena Fink, rechts) will wissen, ob der Fremde (Boris Leisenheimer) Roderich ist. Hannchen (Dorothea Brandt) beobachtet das Gespräch skeptisch. Die vier Hauptpartien sind musikalisch und szenisch gut besetzt. Elena Finks Julia klingt zwar in den Höhen bei "Strahlender Mond" manchmal etwas schrill, legt die Partie aber ansonsten mit einem sehr schönen, kräftigen Sopran an und spielt die eigensinnige Julia, der ein Name wichtiger ist als die Person, die dahinter steht, sehr glaubhaft. Boris Leisenheimer setzt als August Kuhbrot seinen Tenor sehr diszipliniert ein und vermeidet die Höhen, wenn er Gefahr läuft, sie nicht sauber aussingen zu können. Dabei ist er stets textverständlich. Spielerisch vermag er sowohl den romantischen Liebhaber glaubhaft darzustellen, als auch seinem Ärger in "Vor dem Wetter und den Weibern muss man sich nicht ducken" angemessen Luft zu machen. Dorothea Brandt gibt ein kesses Hannchen mit sehr jugendlichem Sopran. Dass eine so selbstbewusst auftretende junge Frau sich am Ende Hals über Kopf in den zweiten Fremden verlieben muss und sofort bereit ist, ihm überallhin zu folgen, ist wohl eher dem Libretto als der Regie anzulasten. Immerhin wird der zweite Fremde ja auch sehr beeindruckend aus dem Schnürboden herabgeseilt und Attraktivität ist dem schlanken Tenor Adam Sanchez gewiss nicht abzusprechen. Seine Stimme ist noch sehr jung und zeigt noch Entwicklungspotenzial. Hannchen (Dorothea Brandt) findet in dem echten Roderich (Adam Sanchez) ihre große Liebe. Das Sinfonieorchester Wuppertal unter der Leitung von Tobias Deutschmann leuchtet die Farben der Partitur sehr differenziert aus. So ertönen abwechselnd Anklänge an die romantische Oper und Operettenseeligkeit aus dem Orchestergraben, die dann in einen flotten Foxtrott oder Tango übergehen. Bei Boris Leisenheimers Erzählung von Batavia tritt auch eine Tanzgruppe auf, die in herrlich kitschigen Eingeborenen-Kostümen in rotem Licht (Lichtregie: Sebastian Ahrens) den Saal zum Schmunzeln bringt. Was die Textverständlichkeit im Allgemeinen betrifft, ist diese Operette grenzwertig, so dass in einigen Passagen, in denen die Sänger nicht ihre Opernstimmen zum Einsatz bringen können, die Verwendung von Mikroports vielleicht ratsam wäre, zumal die Bühne, wenn die Sänger weiter hinten stehen, den Klang der Stimmen etwas verschluckt. Am Ende gibt es großen Applaus für alle Beteiligten, und man verlässt beinahe ein wenig enttäuscht den Saal, weil es nicht noch eine Zugabe von "Sieben Jahr lebt' ich in Batavia" gegeben hat.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Choreographie
Licht
Dramaturgie
Solisten
Julia de Weert
Hannchen
Onkel Josse
Tante Wimpel
Egon von Wildenhagen
Ein Fremder
Ein zweiter Fremder
Carlotta
Hans
Tanzensemble Annika Gmyrek Jan Lade Jan Möllmer Nadine Schröer Ann-Kathrin Schulte Florian Wisnewski
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- Fine -