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Götterdämmerung

Dritter Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Text und Musik von Richard Wagner


in deutscher Sprache mit französischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h (zwei Pausen)

Premiere der Operá national du Rhin in Strasbourg am 25. Februar 2011
(rezensierte Aufführung: 28. Februar 2011)


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Operá national du Rhin
(Homepage)

Wenn die Maske fällt

Von Roberto Becker / Fotos von Alain Kaiser


Diese Götterdämmerung beginnt mit einem ziemlich düsteren Raunen. Die Seile der Nornen wirken eingestaubt oder zugewachsen, so als hätten sie jahrelang ungenutzt am Meeresboden gelegen. Ab und an flackern sie auf. Wie Impulse in Animationen von Nerven-Strängen. Das Weltgedächtnis, das die Nornen vertreten, ist unübersehbar am Verdämmern, schon bevor die Seile reißen. Auch der Ort, an dem sich Brünnhilde und Siegfried ihr Liebesnest eingerichtet haben, ist eine zerschmetterte, vermutlich einen Gott darstellende Statue.


Foto kommt später

Siegfried und Brünnhilde

In David McVicars Straßburger Ring geht es auch im Finale vor allem archaisch zu. Anders als in so gut wie allen laufenden Ring-Projekten verzichtet er darauf, aus der Götterdämmerung eine politische Zustandsanalyse der Welt zu machen, die unsere Gegenwart anspringt. Er gibt den Mythenforscher und setzt dabei so konsequent auf eine Art Fantasy-Archaik, dass die Geschichte auch in ihrer opulenten Verkleidung am Ende ganz nackt und bloß dasteht. Wenn man sich soweit und so deutlich vom sozusagen politisch korrekten, oder zumindest üblichen Deutungsmainstream absetzt, ist das mit dem Risiko behaftet, im schlimmsten Fall bei einer unverbindlich dekorativen Kostüm- und Rampenshow zu landen. Doch das passiert McVicar nicht, weil es ihm gelingt, aus der Besinnung auf den Kern der Geschichte und ihrer opulenten ästhetischen Form ein Spannungsverhältnis zu entwickeln. Wohl auch, weil er sich beim Spiel mit den Masken auf die Ursprünge des Theaters besinnt und es als eigenes szenisches Leitmotiv dem Geflecht der musikalischen Leitmotive auf ihrem Weg durch die Tetralogie zur Seite stellt. Am Ende liegen dann nicht nur die Götterstatuen in Trümmern, am Ende fallen auch alle Masken. Die goldenen, die Gunther und Gutrune als prachtliebende Herrscher ausweisen. Aber auch die der Götter. Vom Feuer angefressen sinken sie zum Finale aus dem Schnürboden auf den Scheiterhaufen herab, den Brünnhilde entzündet hat. Die beiden Raben, die aus der Mitte von Hagens (stock-)schlagkräftiger Truppe gen Walhall entflogen waren, haben ihr Werk offenbar getan und mit einer Kollektion von ausgedienten Göttermasken grüßt Walhall jetzt gewissermaßen zurück.


Foto kommt später

Brünnhilde und Grane

Bildmächtig sind die grandiosen goldenen Felsplatten, mit denen Bühnenbildner Rae Smith die Giebichungen umgeben hat, eindrucksvoll das Video-Hochwasser des Rheins, das den großen Brand (der mehr ein großes, illuminiertes Dampfen ist) löscht, artistisch gekonnt sind der Grane-Mann auf Sprungfedern im pferdeartigen Drahtgestell und die martialisch durchchoreographierte Stockkämpfer-Garde Hagens. Man hätte sich nicht gewundert, wenn diese, so wie im asiatischen Historienkino, auch noch durch die Luft geflogen wären. Für McVicar ist seine eskalierende Opulenz aber auch der Hintergrund für eine gekonnte, differenzierende und jede Figur genau zeichnende Personenregie.


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Gunther, Hagen und Siegfried

Das nimmt alles in allem auch dann für sich ein, wenn man es lieber etwas politischer hätte. Nach der großen Katastrophe taucht das personifizierte Rheingold wieder auf. Ein nackter Tänzer legt seine Goldmaske vorn an der Rampe ab. In einem Lichtkegel ist dieses durch das Feuer eines veritablen Weltuntergangs wieder gereinigte Gold das letzte, was wir sehen. Der Ring hat sich geschlossen. Und aller Wahrscheinlichkeit nach beginnt der Kreislauf jetzt von neuem.

Nachdem Günter Neuhold 2007 mit dem Rheingold begonnen und Claus Peter Flor den Siegfried übernommen hatte, vollendet der Slovene Marko Letonja jetzt, nach seiner Walküre, mit der Götterdämmerung die sozusagen „größere Hälfte“ des Rings am Pult des Orchesters der Rheinoper. Dabei haben er - und noch mehr seine Sänger - mit einer problematischen Akustik zu kämpfen. Womit man freilich weder die vielen ungenauen Einsätze und Wackler noch die Unausgewogenheit zwischen Streicher und Bläsern begründen kann.


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Siegfried und die Rheintöchter

Für die Entfaltung von stimmlichem Glanz ist sie jedenfalls denkbar ungeeignet. Allerdings demonstrierten die drei Rheintöchter Anais Mahikaian, Kimmy Mc Laren und Carolina Bruck-Santos dann doch noch recht überzeugend, dass man auch hier wirklich abgerundet und wohlartikuliert singen kann, ohne in einen Lautstärke-Wettstreit einzutreten. In dem wähnten sich vor allem Lance Ryan mit seinem Siegfried und Jeanne-Michèle Charbonnet mit ihrer Brünnhilde. Daran beteiligte sich auch Daniel Sumegis als Hagen, der mit demonstriertem Überdruck die fahle Glanzlosigkeit seiner Stimme (zumindest in dieser Vorstellung) dennoch nicht überdecken konnte. Immerhin verfügten sie alle über eine beachtliche Kondition. Insgesamt überzeugten aber Nancy Weissbach mit ihrer eloquenten Gutrune, Robert Bork mit seinem soliden Gunther und Hanne Fischer als Waltraude deutlich mehr.


FAZIT

Mit der Götterdämmerung ist ein Ring-Projekt in sich schlüssig vollendet worden, das sich im Ansatz auf den archaischen Kern der Geschichte konzentriert und in der entfalteten Opulenz mit einer differenzierten Personenregie überzeugt. Für die musikalische Qualität wären wohl eine kürzere Produktionsdauer der Tetralogie und eine einheitliche musikalische Leitung besser gewesen. Alles in allem ein beachtlicher Ring-Kraftakt am „anderen“ Ufer des Rheins!


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marko Letonja

Inszenierung
David McVicar

Bühne
Rae Smith

Kostüme
Joe van Schuppen

Licht
Paule Constable

Bewegungschoreographie
Andrew Greevs

Choreinstudierung
Michel Capperon


Chor der Operá national du Rhin

Orchestre philharmonique
de Strasbourg


Solisten

Siegfried
Lance Ryan

Brünnhilde
Jeanne-Michèle Charbonnet

Hagen
Daniel Sumegi

Gunther
Robert Bork

Alberich
Oleg Bryjak

Gutrune
Nancy Weissbach

Waltraude
Hanne Fischer

Erste Norn
Sarah Fulgoni

Zweite Norn
Hanne Fischer

Dritte Norn
Nancy Weissbach

Woglinde
Anaïs Mahikian

Wellgunde
Kimy Mc Laren

Flosshilde
Carolina Bruck-Santos

Grane
David Greeves

Hagens Mannen
Manuel Bastardo
Robin Beilé
Jean-Nicolas Broyer
Étienne Fanteguzzi
Sylvain Sicaud
Michaël Timm
Gautier Tritschler
Gilles Vandepuits
Arnaud Vidal



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