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Hiebe für die Elster
Von Thomas Molke / Fotos von Art & Artist, München Mit Rossinis La gazza ladra verbindet man heute meistens nur noch die schmissige und von der Werbung gern zitierte Ouvertüre, die zum gängigen Repertoire diverser Galakonzerte gehört. Die Handlung um das Dienstmädchen Ninetta, das zu Unrecht wegen Diebstahls eines silbernen Löffels zum Tode verurteilt werden soll und erst in letzter Minute gerettet werden kann, da sich eine diebische Elster als Übeltäter entpuppt, ist größtenteils unbekannt, da die komplette Oper - sieht man von einer Aufführung im Rahmen der Rossini-Festspiele in Bad Wildbad im Jahr 2009 einmal ab - so gut wie nie auf den Spielplänen der deutschen Bühnen steht. Umso erstaunlicher ist es, dass ein tschechisches Tourneetheater mit diesem Werk durch drei deutsche Kleinstädte tourt, die über kein eigenes Opernensemble verfügen. Sicherlich ist es bei Gastspielbühnen auch ein wenig riskant, mit einer doch recht unbekannten Oper das Publikum fernab von Opernmetropolen oder Festspielen ins Theater zu locken. So blieben auch im Saalbau Witten leider zahlreiche Plätze leer, wofür vielleicht aber auch das frühlingshafte Wetter verantwortlich gemacht werden konnte. Die Elster (Kateřina Pešková, rechts) tanzt inmitten der Dorfgemeinschaft (Chor) (links vorne: Lucia (Zdeňka Mollíková)). Scheinbar misstraut auch die Agentur Art & Artist Tschernig in München der Zugkraft dieses sehr unbekannten Werkes und versucht, die Attraktivität zu erhöhen, indem sie die Veranstaltung als Produktion der Tschechischen Oper Prag in Kooperation mit dem Mährischen Theater Olomouc (Olmütz) ausgibt. Während das Programmheft diese Tschechische Oper Prag als großes Tournee-Opernensemble ersten Ranges rühmt, zeigt ein Blick auf die Besetzungsliste und den Ort der Premiere dieser Produktion, dass dieses Ensemble nur aus Mitgliedern des Mährischen Theaters Olomouc besteht, was auch die Homepage des Mährischen Theaters bestätigt. Das "Tournee-Ensemble" der Tschechischen Oper Prag verfügt nämlich über gar keine eigene Homepage. Lediglich der Regisseur Martin Otava, der als künstlerischer Leiter dieses Tournee-Ensembles genannt wird, ist auf der Internetseite der Prager Staatsoper als Regisseur für verschiedene Produktionen erwähnt. Die in Witten präsentierte Inszenierung sucht man darunter aber vergeblich. Warum diese Augenwischerei betrieben wird, bleibt fraglich. Denn nicht nur namhafte Operngrößen können für herausragende Qualität bürgen. Ninetta (Elena Gazdíková) weist den werbenden Podestà (Michael Kubečka) zurück. Das Mährische Theater Olomouc rühmt sich damit, erstmals seit 1831 wieder Rossinis La gazza ladra in Tschechien zur Aufführung gebracht zu haben. Allerdings scheint man, sich auch ansonsten dem Pesaresen in Olomouc eher selten genähert zu haben, da bereits die Ouvertüre die für Rossini so typische und unverzichtbare Schmissigkeit vermissen lässt. Miloslav Oswald dirigiert das Orchester sehr auf Sicherheit, so dass zwar ein melodisch korrekter Klang aus dem Graben ertönt, der von Rossinis intendiertem Tempo aber weit entfernt ist. Natürlich ist es vermessen, die Präsentation mit den zahlreichen bekannten CD-Einspielungen zu vergleichen, aber ein bisschen spritzigeres Spiel aus dem Orchestergraben hätte man sich schon gewünscht. Dass die Rezitative von einem Keyboard mit Cembalo-Klang begleitet werden, ist sehr gewöhnungsbedürftig und mag dem Gastspielcharakter geschuldet sein. Vielleicht wollte oder konnte man kein Cembalo aus Olomouc mitbringen. Auch der Chor und die Solisten scheinen mit Rossinis Tempo nicht so recht vertraut zu sein, da sie in den etwas schnelleren Passagen das Tempo ein wenig drücken, beziehungsweise in den Tutti nicht synchron in der Melodie bleiben. Die Tenöre im Chor scheppern außerdem ein wenig, was hauptsächlich in der Gerichtsszene stört, da sie dort ziemlich weit vorne an der Rampe stehen. Ninetta (Elena Gazdíková) soll verurteilt werden. Giannetto (Jakub Rousek, links) ist verzweifelt. Der Podestà (Michael Kubečka, rechts) reibt sich die Hände (im Hintergrund: Chor). Elena Gazdíková verfügt als Ninetta über einen sehr reinen Sopran, singt die Koloraturen aber eher legato als perlend und lässt so die für Rossini typische Leichtigkeit vermissen. Ihre Darstellung ist bisweilen ein wenig steif. Die Liebesszenen mit Jakub Rousek als ihrem Verlobten Giannetto wirken sehr distanziert. Nie singen die beiden sich in ihren Duetten an, sondern sind immer sehr auf den Dirigenten konzentriert oder blicken ins Publikum. Auch Jakub Rouseks Tenor lässt die erforderliche Leichtigkeit ein wenig vermissen, so stemmt er mit aller Macht auch die hohen Töne, was ihm in den meisten Fällen gelingt, wobei ihm das langsame Spiel des Orchesters dabei keine große Unterstützung bietet. Vladislav Zápražný mimt darstellerisch sehr überzeugend Ninettas Vater Fernando, der mit seinem recht kräftigen Bass aber doch einige Probleme bei den Tempi hat. Michael Kubečka gefällt als Bürgermeister Podestà, der es auf das Dienstmädchen Ninetta abgesehen hat und das Todesurteil aus verletzter Eitelkeit erwirken will, mit sehr mariniertem Spiel. Das Diabolische geht ihm dabei zwar ein wenig verloren, aber wenn er in die allgemeine Klage der Dorfgemeinschaft über Ninettas Schicksal "Sorte barbara" ein hämisches "Bene, benissimo" einflechten kann, vermag Kubečka es hervorragend, Rossinis musikalischen Witz deutlich zu machen. Glanzpunkt der Solistenriege bleibt darstellerisch und musikalisch die Mezzosopranistin Václava Krejčí Housková als Pippo. Ihr gelingt in der Kerkerszene mit Elena Gazdíková der innigste Moment der Inszenierung, da die beiden Frauen sowohl stimmlich, als auch darstellerisch sehr harmonieren. Der Abschied von dem jungen Pippo scheint der zum Tode verurteilten Ninetta schwerer zu fallen als die Trennung von ihrem Verlobten. So verwundert es letztendlich auch nicht, dass Pippo Ninetta retten kann, indem er die gestohlenen Gegenstände im Versteck der Elster findet. Houskovás sehr beweglicher Mezzo changiert dabei hervorragend zwischen jugendlicher Naivität und treuer Ergebenheit. Ninetta (Elena Gazdíková) mit ihrem Vater Fernando (Vladislav Zápražný, links) vor Gericht (rechts: der Podestà (Michael Kubečka) mit Chor). Die Kostüme von Dana Svobodoba sind zwar sehr schön anzusehen, wirken aber ein wenig beliebig und ohne besonderes Konzept. So erinnert der Podestà mit seinem Spitzentaschentuch, dem weiß geschminkten Gesicht mit Schönheitsfleck und den rosafarbenen Gamaschen eher an einen französischen Adeligen des ancien régime als an den Bürgermeister des Dorfes. Ninetta hebt sich durch ihr orangefarbenes feines Kleid sehr von den übrigen Dienstboten, die schlicht in weiß gekleidet sind, ab, wobei dies aber auch ihre herausragende Stellung als potentielle Schwiegertochter des Hauses unterstreichen kann. Warum einige Herren des Chors, die als Dienstboten und Richter auftreten, bereits in der Dienstbotenszene die weißen Richterperücken tragen, bleibt unverständlich. Auch wieso die Soldaten am Ende des ersten Aktes ebenfalls weiß geschminkt in an Osmanen erinnernden Uniformen auftreten, ist nicht nachzuvollziehen. Genauso unverständlich bleibt das Bühnenbild von Jan Zavarsky. Die spärlichen Bühnenelemente, die den Kerker, den Hof des Gutsherren Fabrizio oder den Baum mit dem Nest und dem Diebesgut der Elster andeuten, sind allesamt mit Rossinis Konterfei übersät. Soll das den Zuschauern den Komponisten als Urheber dieses Werkes permanent vor Augen führen? Ein tieferer Sinn erschließt sich hieraus nicht. Während Martin Otavas Personenführung besonders in den Konstellationen Ninetta - Giannetto und Ninetta - Fernando recht statisch und hölzern wirkt, die Auf- und Abgänge in der Kerkerszene des zweiten Aktes etwas unmotiviert sind und sich beim Chor eine gewisse Unsicherheit auf der Gastspielbühne zeigt, richtet Otava das Augenmerk nahezu die ganze Zeit auf die Titelfigur des Stückes, die diebische Elster. Fast permanent wuselt der Vogel zwischen den Akteuren umher, ärgert und neckt die Dienstboten und ist stets bemüht, etwas zu stehlen. Dabei zeigt Kateřina Pešková als Elster eine hervorragende Bühnenpräsenz, in der sie die anderen Darsteller bei weitem übertrifft. Ihr scheint Rossinis Rhythmus regelrecht in die Beine zu gehen. So hüpft sie selbst dann spielerisch umher, wenn die anderen Ninettas Verurteilung beklagen, und karikiert damit Rossinis flotte Musik in der dramatischen Szene. Ob durch die dunkel geschminkten Wangen bei der Elster und dem leichten schwarzen Ansatz auf Pippos Wangen eine Verbindung zwischen diesen beiden Figuren hergestellt werden soll, bleibt Interpretationssache. Nach der Aufklärung des Diebstahls ist Pippo der einzige, der die Elster zeitweise vertreiben kann und vor dem sie auch einen gewissen Respekt zeigt. Schließlich ist er derjenige, der ihr auf die Schliche gekommen ist. So schön Peškovás Spiel aber auch gerade am Schluss nach Ninettas Begnadigung ist, so problematisch ist ihre permanente Anwesenheit dramaturgisch. Da die Dorfbewohner ja schon im ersten Akt ständig von ihr geärgert werden, ist es nicht schlüssig, dass zunächst keiner auf die Idee kommt, dass sie für die Diebstähle verantwortlich ist. Aber diesen kleinen logischen Fehler vernachlässigt man gern mit Blick auf Peškovás erfrischendes Spiel und schmunzelt, wenn sie von einem Dienstboten am Ende des Stückes übers Knie gelegt wird und Hiebe kassiert. Auch wenn die Produktion einige Schwächen zeigt, ist dennoch der Versuch sehr anerkennenswert, ein unbekanntes Werk auf einer Tournee zu präsentieren. Das Wittener Publikum belohnte dieses Ansinnen mit großem und freundlichem Applaus für alle Beteiligten.
Ein gut gemeinter Versuch, mit einem selten gespielten Stück durch deutsche Kleinstädte zu touren. Ein bisschen mehr Regietheater dürfte es dabei aber doch sein.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild Kostüme
SolistenNinetta Elena Gazdíková
Giannetto Il Podestà Pippo
Lucia Fernando
Villabella
Fabrizio Vingradito Isacco
Antonio
Giorgio
Der Präfekt
Die Elster
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E-Mail: oper@omm.de
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