Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Giovanna d'Arco
(Die Jungfrau von Orléans)


Lyrisches Drama in einem Prolog und drei Akten
Libretto von Temistocle Solera
nach Friedrich Schillers romantischer Tragödie Die Jungfrau von Orléans
Musik von Giuseppe Verdi


in italienischer Sprache
Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

konzertante Aufführung
Premiere im Theater im Nordpark am 26. Februar 2011
(rezensierte Aufführung: 11. März 2011)

Homepage

Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Ambitioniertes Verdiprojekt unter widrigen Bedingungen

Von Thomas Tillmann / Fotos von Matthias Stutte


Vergrößerung in neuem Fenster

Graham Jackson dirigiert die Niederrheinischen Sinfoniker.

Die Beurteilung der an sich verdienstvollen konzertanten Aufführungen von Verdis früher, sicher von der Vollendung der späteren Opern weit entfernter, aber doch viele packende Momente aufweisender Giovanna d'Arco im Theater im Nordpark, dem Ausweichquartier des Theaters Krefeld-Mönchengladbach während der Renovierung des Rheydter Opernhauses, fällt nicht ganz leicht, denn die akustischen Bedingungen in der optisch ja durchaus akzeptablen Halle sind so schwach, dass man eigentlich alle Mitwirkenden noch einmal an anderem Ort hören möchte, um gerecht urteilen zu können (ich hoffe, dass eine Übernahme ins Theater Krefeld geplant ist). Noch schlimmer als der völlig flache Raumklang im ersten Teil war der künstlich erzeugte, blecherne Hall nach der Pause - als Laie würde ich tippen, dass das technische Equipment einfach von zu geringer Qualität ist. Dabei gaben sich das künstlerische Personal alle Mühe: Graham Jackson hat durchaus ein Händchen für Verdi (meines Erachtens erheblich mehr als etwa Markus Stenz, dessen unidiomatische, unsensible Leistung beim Trovatore in der Kölner Philharmonie vor einigen Wochen mir noch unangenehm im Ohr ist), er gab nicht der Versuchung nach, das Publikum mit den martialisch-knalligen Farben des Frühwerks zu überrumpeln, sondern suchte bei aller Verve des Vortrags erfolgreich nach den leiseren Momenten, nach Zwischentönen, kreierte klug aufgebaute Steigerungen und arbeitete den Solisten sensibel zu, und dass es an der einen oder anderen Stelle Patzer und hörbare Grenzen bei einzelnen Mitgliedern der Niederrheinischen Sinfoniker gab, ist ja nicht wirklich seine Schuld.

Vergrößerung in neuem Fenster Dara Hobbs

Gehört hatte der Rezensent einiges über die Qualitäten von Dara Hobbs, die an den Vereinigten Bühnen bereits als Tosca, Aida, Ariadne, Marie, Brünnhilde (in Der Ring an Einem Abend), Don Carlo-Elisabetta, Lisa in Pique Dame, Mutter und Hexe in Hänsel und Gretel oder auch Rosalinde brillierte und die im April 2011 ihr Debüt als Isolde in zwei konzertanten Aufführungen von Wagners Tristan an den Bühnen der Stadt Gera geben wird, und schon nach den ersten Tönen ärgerte er sich, dass er es in den letzten Jahren so selten nach Krefeld und Mönchengladbach geschafft hat. Man wird nicht viele Sängerinnen finden, die gleichermaßen über vokale Stamina und Geläufigkeit verfügen wie die Amerikanerin, die mit ihrem leuchtenden, hellen Ton und einer guten Mischung aus Mädchenhaftigkeit und Heroinenattitüde als Giovanna auch an ersten Häusern manche Kollegin in den Schatten stellen würde, die sehr sorgfältig und mit einer stupenden Selbstverständlichkeit die herrlichsten Bögen ausspann, die mit absolut furchtloser Attacke und scheinbar ohne jede Mühe erstaunliche Spitzentöne von hoher Durchschlagskraft, aber ohne jede Schärfe beisteuerte, die mühelos die Ensembleszenen krönten, aber auch feinste Piani und vollendete Morendi zu präsentieren wusste - brava.

Vergrößerung in neuem Fenster

Kairschan Scholdybajew

Seit mehr als zehn Jahren freut man sich über die mehr als soliden Leistungen von Kairschan Scholdybajew, der zwar nach wie vor nicht die größte aller Stimmen hat und dessen Tenor in manchen Passagen inzwischen auch bereits etwas reifer klingt, der aber immer wieder Stilempfinden und bemerkenswerten musikalischen Geschmack, hohe Legatokultur und Phrasierungseleganz erkennen lässt, sich viel Mühe bei der Gestaltung seines Parts gibt und die schwierigsten Passagen mit einer Mühelosigkeit und Sicherheit singt, dass man sich wundert, dass er den bestimmt vorliegenden Angeboten größerer Häuser widersteht.

Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ dagegen der in Odessa geborene Igor Gavrilov, der neben sehr sensiblen, nuancierten Momenten im Mezzoforte und Piano in der Mittellage und in der Tiefe nicht unerhebliche Grenzen in der Höhe erkennen ließ, hier verliert die dunkle, im Laufe des Abends an Glanz und Intonationssicherheit erheblich einbüßende Stimme an Farbe und klingt sehr matt und grau, und mehr als einmal hatte ich den Eindruck, dass dem Sänger, der in den vergangenen Jahren auch Basspartien gesungen hat, diese Baritonrolle einfach zu hoch liegt und dass es auch grundsätzliche einige gesangstechnische Defizite gibt. Ausgesprochen irritierend fand ich nicht zuletzt sein geräuschvolles, fast an Seufzen erinnerndes Einatmen. Von der unverkrampft eingesetzten, frischen Bassstimme von Matthias Wippich hätte ich gern mehr gehört, als dass die Partie des Talbot vorsieht, Zheng Xu komplettierte das Solistenquintett als Delil adäquat, und auch der Chor sang in der Einstudierung von Maria Benyumowa auf beachtlichem Niveau und mit großer Konzentration (wobei etwa sechs Altistinnen an den prominenten Stellen bei aller Anstrengung eben doch auch ein wenig dürftig klingen, was viel über die schwierigen Bedingungen sagt, unter denen an diesen kleinen, liebenswerten Häusern immer noch Erstaunliches geleistet wird).

Vergrößerung in neuem Fenster Igor Gavrilov, Dara Hobbs, Kairschan Scholdybajew

Ein paar präzisere Angaben zur Rezeptionsgeschichte des Werkes hätte man sich doch gewünscht, als die im Programmheft zitierenden, sehr unvollständigen Bemerkungen von Anselm Gerhard, in denen zudem die Namen der bedeutenden Sopranistinnen Rita Orlandi-Malaspina (die 1963 als Giovanna ihr Debüt gab) und Katia Ricciarelli falsch geschrieben werden (und man hätte auch gern gewusst, wer 1941 an der Volksoper in Berlin, wo das Werk aus Gründen der "antibritischen Propaganda der Nationalsozialisten" gegeben worden sein soll, die Hauptrollen gesungen hat) und keinerlei diskographische Hinweise gemacht werden. Ein Blick in die eigenen Regale und ein paar Klicks wirken da Wunder, denn es gibt neben den zur Zeit offiziell erhältlichen Aufnahmen wie der berühmten Studioeinspielung mit Renata Tebaldi, Carlo Bergonzi und Rolando Panerai unter Alfredo Simonetto aus dem Verdijahr 1951, aus dem auch der Mitschnitt ebenfalls mit der Tebaldi, Gino Penno und Ugo Savarese aus Neapel stammt (diesmal mit Gabriele Santini am Pult), der EMI-Aufnahme mit Montserrat Caballé, Placido Domingo und Sherrill Milnes, die James Levine 1972 in London leitete, und der DVD aus Bologna mit Susan Dunn, Vincenzo La Scola und Renato Bruson sowie Riccardo Chailly am Pult (Regie: Werner Herzog) eine ganze Reihe hochinteressanter Dokumente: Am 1. März 1966 sang Teresa Stratas an der Seite von Angelo Mori und Sherrill Milnes unter Leitung von Carlo Felice Cillario in der Carnegie Hall die Giovanna, am 14. April 1972 waren im La Fenice Katia Ricciarelli, Flaviano Labò und Mario Zanasi unter Carlo Franci zu erleben, im selben Jahr sang die Italienerin die Partie auch in Rom, wiederum mit Labò, diesmal aber mit Mario Sereni als Bariton-Partner und Bruno Bartoletti am Pult, im Februar 1980 gab Angeles Gulin das Werk an der Seite von Gianfranco Cecchele und Garbis Boyagian unter Leitung von Michelangelo Veltri in Reggio Emilia, im Juli desselben Jahres war Adriana Maliponte die Giovanna neben Luis Lima und Pablo Elvira in San Diego (Leitung: Edoardo Müller), 1983 sang die kürzlich verstorbene Margaret Price die Rolle in Hamburg neben Vasile Moldoveanu und Bernd Weikl unter Gianfranco Masini, 1984 in Zürich mit Ernesto Veronelli und Vicente Sardinero unter Nello Santi, im Oktober 1985 in der New Yorker Avery Fisher Hall mit Carlo Bergonzi und Sherrill Milnes unter Leitung von Richard Bradshaw, der auch die Londoner Aufführung mit der Waliserin aus der Royal Festival Hall vom 16. März 1989 dirigiert, bei der Ottavio Garaventa und Sergei Leiferkus ihre männlichen Partner waren. 1988 sang Lucia Aliberti die Jungfrau in Montpellier zusammen mit Lando Bartolini und Matteo Manuguerra unter Cyril Diederich, bei den Ludwigsburger Festspiele dirigierte im September 1993 Jahren Wolfgang Gönnenwein das Werk mit Martile Rowland, Mario Malagnini und Renato Bruson als Solisten, 1994 dirigierte Maurizio Rinaldi Verdis siebte Oper in Rom (nach anderen Quellen in Rieti) mit den Solisten Stefania Bonfadelli, Roberto Miani und Paolo Troisi, im Juni und Juli 1996 gab es in Covent Garden Aufführungen mit June Anderson, Dennis O'Neill und Vladimir Chernov, die Daniele Gatti dirigierte, im Mai desselben Jahr hatte die Sopranistin das Werk bereits in New York mit den Partnern Gegam Grigorian und Carlo Guelfi unter Eve Quelers Leitung kreiert, die das Werk mit Martile Rowland, Mario Malagnini und Franco Sioli auch im slowakischen Zilina zur Diskussion stellte. 1999 war Laura Flanigan in der New Yorker Carnegie Hall Giovanna d'Arco neben den Herren Hugh Smith und Nikolai Putilin (am Pult: Robert Bass), im Mai 2001 in Genua Mariella Devia, Denia Mazzola im selben Jahr auch in Paris respektive St. Denis. Im April 2005 trafen sich Marina Mescheriakova (für die eigentlich vorgesehene Michele Crider und die erkrankte Nelly Miricioiu), Stefano Secco und Bruno Caproni unter Silvio Varvisos Leitung in Gent. Neuere Aufführungen, von denen ich allerdings keine Mitschnitte nachweisen konnte, gab es neben den im Programm genannten im März 2010 an der Sarasota Opera in einer Inszenierung von Martha Collins mit Cristina Castaldi, Marco Nistico und Rafael Davila und unter der musikalischen Leitung von Victor DeRenzi, am 21. Oktober 2010 schließlich eine weitere konzertante Aufführung in der Church of St. Paul and St. Andrew in New York City (Vincent La Selva, Gründer der rührigen New York Grand Opera, dirigierte, Liora Michelle, Kevin Courtemanche und Raemond Martin waren die Solisten).


FAZIT

Langanhaltender Applaus feierte die Beteiligten am Ende dieses Verdiabends, der unter anderen Bedingungen ein wirklich bemerkenswerter hätte sein können.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Graham Jackson

Choreinstudierung
Maria Benyumova

Dramaturgie
Andreas Wendholz



Solisten

Carlo VII.,
König von Frankreich
Kairschan Scholdybajew

Giovanna d'Arco
Dara Hobbs

Giacomo,
Giovannas Vater
Igor Gavrilov

Talbot, englischer
Kommandant

Matthias Wippich

Delil, Offizier
Zheng Xu



Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Theater Krefeld-
Mönchengladbach

(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2011 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -