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Musiktheater
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Der geduldige Socrates

Musikalisches Lustspiel in drei Akten
Libretto von Johann Ulrich von König
Musik von Georg Philipp Telemann

in deutscher und italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 10' (eine Pause)

Premiere im Theater am Gärtnerplatz in München am 30.06.2011
(rezensierte Aufführung: 26.07.2011)



Staatstheater am Gärtnerplatz München
(Homepage)

Bigamie in Athen

Von Thomas Molke / Fotos von Hermann Porsch

Obwohl Georg Philipp Telemann zu den bedeutendsten Komponisten seiner Zeit zählte, haben vor allem die Musikforschung des 19. Jahrhunderts und Theodor W. Adorno alles daran gesetzt, seine Verdienste zu schmälern und  Johann Sebastian Bach als die prägende Gestalt der Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts herauszustellen. Dabei ist heute sogar nachgewiesen, dass Bach einige Kantaten von Telemann übernommen hat. Auch wenn von den zahlreichen Opern, die Telemann verfasst hat, nur ein Bruchteil überliefert ist, sollte trotzdem der Einfluss, den seine musikalischen Lustspiele auf die Entwicklung der komischen Oper in Deutschland gehabt haben, keineswegs unterschätzt werden. Das Schaffen Telemanns wieder mehr ins Zentrum der Betrachtung zu rücken, mag ein Grund für das Staatstheater am Gärtnerplatz gewesen sein, dieses dramaturgisch doch etwas krude Lustspiel über den Allvater der griechischen Philosophie auf den Spielplan zu setzen.

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Socrates (Stefan Sevenich) zwischen seinen beiden Ehefrauen Amitta (Thérèse Wincent, links) und Xantippe (Heike Susanne Daum, rechts).

Der geduldige Socrates war ein Auftragswerk für die von der Bürgerschaft unterhaltene Oper am Gänsemarkt in Hamburg, dessen damaliger Erfolg sicherlich mitverantwortlich dafür war, dass Telemann die Leitung dieses Opernhauses bis zu seiner Schließung 1738 angetragen wurde. Telemanns Librettist Johann Ulrich von König griff dabei auf eine textliche Vorlage von Niccolo Minato zurück, La pazienza di Socrate con due moglie, die bereits 1680 von Antonio Draghi vertont worden war. Dabei beließ König zahlreiche Arien in der italienischen Sprache, übersetzte die Rezitative und schrieb weitere Arien in deutscher Sprache hinzu. So wurde mit Pitho, einem weiteren Schüler des Socrates, die für die deutschen Komödien der damaligen Zeit obligatorische lustige Figur eingefügt. Die Handlung der Oper lässt sich in zwei Strängen beschreiben, die eigentlich völlig zusammenhanglos nebeneinander herlaufen. Zum einen muss Socrates, der mit zwei Frauen verheiratet ist, ständig zwischen seinen beiden Ehefrauen Xantippe und Amitta schlichten, da jede von beiden in seiner Zuneigung bevorzugt werden will. Zum anderen kann der griechische Prinz Melito sich nicht zwischen seinen beiden Verehrerinnen Rodisette und Edronica entscheiden und erhofft sich von Socrates die Lösung seines Problems. Hinzu kommt noch mit Antippo ein weiterer Bewerber um die Gunst der beiden jungen Frauen, den diese aber beide als Alternative zu Melito ablehnen.

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Antippo (Yosemeh Adjei) betet Rodisette (Stefanie Kunschke) an, doch sein Werben bleibt unerhört.

Die Rahmenhandlung des Stückes, nach der aufgrund eines Senatsbeschlusses jeder Mann in Athen zwei Frauen heiraten solle, um den Nachwuchs zu sichern, macht eine szenische Umsetzung dieses Stoffes auch nicht leichter oder aktueller. Daher beschließt das Regieteam um den Barockexperten Axel Köhler, auf eine platte Modernisierung zu verzichten und die Oper in ihrer Entstehungszeit anzusiedeln. So stellt Frank Philipp Schlößmann Socrates' Philosophenschule als eine riesige Bibliothek dar, in der sich die antiquarischen Bücher bis unter die Decke stapeln. Neben einem Sessel, in dem der große Philosoph häufig sitzt, befindet sich eine überdimensionale Büste auf der Bühne, die das Konterfei des großen Philosophen zeigt. Dennoch spart Schlößmann nicht mit ironischen Brüchen, wenn inmitten der zahlreichen Bücher, der vom Gezänke seiner Frauen genervte Socrates die Minibar öffnet und Trost im Alkohol sucht oder seine Schüler, nachdem ihr Lehrmeister aus dem Haus ist, die Büste in einen Tisch für ihre Würfelspiele umfunktionieren, denen sie sich viel lieber als dem langweiligen Philosophieren widmen. Die verschiebbaren Stellwände sind mit weißen Kumulus-Wölkchen bemalt und brechen in ihrer Heiterkeit die scheinbar schwer wiegenden Probleme der Protagonisten. Mit den aufragenden Pinien im zweiten Teil beim Adonisfest beschwört Schlößmann dann doch ein wenig ein antikes Arkadien herauf. Durch Einsatz der Drehbühne und der verschiebbaren Wände ist dieses Bühnenbild eigentlich ständig in Bewegung und ermöglicht so schnelle Szenenwechsel.

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Melito (Robert Sellier) zwischen zwei Frauen: Edronica (Ella Tyran, links) und Rodisette (Stefanie Kunschke, rechts).

Die Kostüme von Katharina Weißenborn sind sehr opulent im barocken Stil gehalten. Dabei lassen sich in den Farben stereotype Zuordnungen erkennen. Socrates und sein Schüler Plato tragen eine weiße Toga, um die Ausgeglichenheit dieser beiden großen Philosophen darzustellen. Xantippes und Edronicas Kostüme werden im ersten Akt von den Farben Schwarz und Gelb beherrscht, was ihre gegenseitige Eifersucht symbolisieren könnte. Das kräftige Lila ihrer Kostüme im zweiten Teil macht für Socrates den Umgang mit seinen beiden Ehefrauen auch nicht leichter. Rodisettes und Edronicas Kleider ähneln sich sehr in ihrem gold-silbrigen Glanz, so dass nachvollziehbar wird, dass es für Melito gar nicht so leicht ist, sich zwischen diesen beiden schönen Frauen zu entscheiden. In der Kostümierung passt Antippo wesentlich besser zu den beiden Frauen, da er die gleichen Farben trägt. Aber vielleicht ist er gerade deshalb für die beiden so uninteressant, da Melito in seinem königlichen Blau und mit seiner tenoralen Stimme im Gegensatz zum Countertenor ganz andere Qualitäten zu haben scheint. Melitos Vater Nicia erinnert in seinem goldenen Kostüm und mit der schwarzen Perücke ein wenig an den Sonnenkönig.

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Melito (Robert Sellier, rechts) sucht Rat bei seinem Vater Nicia (Gregor Dalal, links).

Axel Köhler verzichtet in der Personenführung auf irgendwelche im Libretto nicht vorgeschriebene Mätzchen und vertraut auf das, was Telemanns Musik vorgibt. Und bei aller berechtigten Kritik an der literarischen Vorlage muss man anerkennen, dass musikalisch einzelne Passagen sehr bemerkenswert gestaltet sind. So sind die Zankduette Xantippes und Amittas so schrill, dass man gut nachvollziehen kann, wie schwer es Socrates bei diesen beiden Frauen fallen muss, die Geduld zu bewahren und stets eine Schlichtung zwischen ihnen herbeizuführen. Sandra Moon als Xantippe und Thérèse Wincent als Amitta treiben dabei mit sehr scharfem Sopran in schrillem Parlando das Spiel auf die Spitze. Dabei machen die beiden sehr schnell deutlich, dass jeder Friede zwischen ihnen nur von kurzer Dauer sein kann. So ist Stefan Sevenichs Wutausbruch als Socrates, wenn er selbst anfängt, Seiten aus den Büchern zu reißen und den Sessel umzuschmeißen, zwar nicht Ausdruck der sokratischen Gelassenheit, zeigt aber menschlich sehr nachvollziehbare Verhaltensweisen.

Rodisette und Edronica stellt Köhler einen Bildhauer und einen Maler zur Seite, die ihre Vorzüge in Form einer Skulptur bzw. eines Gemäldes herausarbeiten sollen und, wie man am Ende der Oper sehen wird, bei den jeweiligen Proportionen doch gehörig übertrieben haben. Musikalisch gehören diesen beiden Figuren die sicherlich schönsten Momente der Oper. Besonders bemerkenswert ist eine Arie Rodisettes im zweiten Teil, in der Christina Gerstberger im Kampf um Melitos Gunst von einem Violin-Pizzikato begleitet wird. Szenisch recht komödiantisch ausgestaltet ist ein Terzett im zweiten Teil zwischen Melito und seinen beiden Verehrerinnen, in dem Robert Sellier als Melito, nachdem er erfahren hat, dass er theoretisch beide Frauen heiraten kann, jeweils heftig mit einer der beiden flirtet und der anderen dabei mitteilt, doch nicht so ein Geschrei zu machen. Dennoch kann bei allen schönen Momenten in der Musik das Gefühl von Längen in der Handlung nicht vermieden werden, zumal häufig der Zusammenhang zwischen den einzelnen Szenen ein wenig willkürlich erscheint. Wenn Socrates am Ende die Entscheidung fällen soll, welche von beiden Frauen Melito denn nun heiraten soll, und Rodisette und Edronica ihm als Richter ihre Gründe vortragen, warum sie jeweils die Auserwählte sein sollte, erinnert die ganze Szene an den biblischen König Salomon. Und da am Ende sicherlich keiner mit dem Urteil zufrieden wäre, muss Amor eingreifen und durch das Abschießen der gefürchteten Pfeile, die einzelnen Paare zusammenführen, dabei aber auch Socrates von seinen beiden Frauen befreien, indem sie sich seinen Schülern zuwenden.

Musiziert wird auf sehr hohem Niveau. Jörn Hinnerk Andresen entlockt dem Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz sehr präzise barocke Klänge. Warum der zweite Teil des Abends mit der Ouvertüre zu einer Huldigungserenata von 1716 unter dem Titel "Deutschland grünt und glüht im Frieden" eingeleitet wird, bleibt dramaturgisch unklar, ist musikalisch mit den Blechbläsern von der Seitenloge aber sehr schön anzuhören. Stefan Sevenich gibt die Titelfigur mit weichem Bass sehr menschlich. Im Gegensatz dazu sind Sandra Moon als Xantippe und Thérèse Wincent als Amitta sowohl stimmlich als auch szenisch an Stutenbissigkeit kaum zu übertreffen. Christina Gerstberger und Ella Tyran gestalten die beiden Prinzessinnen Rodisette und Edronica mit sehr kräftigem und lyrischem Sopran. Robert Sellier gefällt als Melito mit geschmeidigem Tenor, und Yosemeh Adjei verleiht Antippo mit seinem wohligen Countertenor einen sehr liebenswerten Charakter, der eigentlich zu Unrecht von den beiden Frauen verschmäht wird. Auch Gregor Dalal als Nicia und Mauro Peter, Stefan Thomas und Oliver Weißmann als Schüler Pitho, Alcibiades und Plato gefallen in den kleineren Rollen. Warum Xenophon als Schüler in der rezensierten Aufführung fehlte, ist unklar. Jedenfalls wurde zu Beginn keine Ansage gemacht.

FAZIT

Musikalisch ist dieses Werk Telemanns sicherlich die Wiederentdeckung wert. Szenisch gibt es allerdings nicht viel her. Einen unterhaltsamen Abend - wenn auch mit einigen Längen - erlebt man im Gärtnerplatz aber auf jeden Fall.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jörn Hinnerk Andresen

Regie
Axel Köhler

Bühnenbild
Frank Philipp Schlößmann

Kostüme
Katharina Weißenborn

Licht
Rolf Essers

Dramaturgie
Christoph Maier-Gehring 



Chor und Statisterie des
Staatstheaters am Gärtnerplatz

Orchester des
Staatstheaters am Gärtnerplatz

Continuo
Gerd Amelung
Jörn Hinnerk Andresen
Philipp Borchardt
Hans Brüderl
Johannes Overbeck
Stefan Schütz


Solisten

*rezensierte Aufführung

Socrates
Holger Ohlmann / *Stefan Sevenich

Rodisette
Stefanie Kunschke /
*Christina Gerstberger

Edronica
*Ella Tyran / Inga-Britt Andersson

Xantippe
Heike Susanne Daum / *Sandra Moon

Amitta
Elaine Ortiz Arandes / *Thérèse Wincent

Melito
Robert Sellier

Antippo
Yosemeh Adjei

Nicia
Gregor Dalal

Pitho
Mauro Peter

Alcibiades
Stefan Thomas

Plato
Oliver Weißmann

Xenophon
(Bernhard Appich)

Cupido
Maximilian Wintergerst

Adonis
Denys Mogylyov

Maler
Robert Ludewig

Bildhauer
Martin Bayer

 


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Staatstheater am Gärtnerplatz München
(Homepage)





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