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Musiktheater
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Das Schloss

Tanztheater von Hans Henning Paar nach dem Roman von Franz Kafka
Musik von Krzysztof Penderecki, Alfred Schnittke, Henryk Górecki
und Dmitri Schostakowitsch
Uraufführung

Aufführungsdauer: ca. 1h 25' (keine Pause)

Premiere im Theater am Gärtnerplatz in München am 26. Mai 2011
(rezensierte Aufführung: Dernière am 25.07.2011)



Staatstheater am Gärtnerplatz München
(Homepage)

In den Mühlen der Bürokratie

Von Thomas Molke / Fotos von Lioba Schöneck

Franz Kafkas Das Schloss ist eines der drei unvollendeten Romanfragmente, die 1926 posthum von Max Brod gegen Kafkas testamentarische Verfügung veröffentlicht wurden. In diesem Romanentwurf steht ein Neuankömmling, der nur K. genannt wird, in einem Dorf einem undurchschaubaren Verwaltungsapparat in Form eines Schlosses gegenüber, gegen den er behaupten will, um seine Existenz in dem Dorf zu legitimieren. Diese Undurchdringlichkeit einer Gesellschaftsgruppe und der Kampf eines Individuums gegen den bürokratischen Machtapparat haben in Hans Henning Paar, dem Leiter des TanzTheaterMünchen, schon seit längerer Zeit den Wunsch reifen lassen, dieses doch eher düstere und von der Erzählstruktur zäh wirkende Fragment in einen Tanzabend umzusetzen. Mit Dmitri Schostakowitsch, Alfred Schnittke, Henryk Górecki und Krzysztof Penderecki wählte er dabei musikalisch Vertreter des 20. Jahrhunderts aus, die die Kälte und Ausweglosigkeit von K.s Ansinnen in Paars Variante sehr gut untermalen. Ergänzt werden diese vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz begleiteten Passagen von Klangcollagen vom Band, Klaviereinspielungen von John Cage und Texten, die die Tänzer vortragen.

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Das Schloss als Schaltzentrale der Bürokratie mit aufgehäuften Aktenbergen und Leitern (Ensemble).

Alles beginnt im Zuschauerraum. Zu knarrenden Geräuschen, die man in Gruselfilmen mit einem unheimlichen Schloss verbindet, öffnet sich auf der rechten Seite im Parkett eine Tür ins Foyer, und lässt grelles kaltes Licht in den Raum fließen. Kurz darauf sieht man zum Largo aus Schostakowitschs Kammersinfonie für Streichorchester op. 110a Neel Jansen über die Zuschauerreihen des Parketts und durch den Orchestergraben auf die Bühne kriechen. Es ist K., der wie ein Landstreicher in dem Dorf ankommt. Dabei ist die Bühne (Bühnenbild: Christl Wein) zunächst noch leer und schwarz. Ein schmaler weißkalter Lichtstrahl erhellt K. Dabei holt er aus seinen Hosentaschen weißen Schnee, den er über sich wirft. Soll das ein Zeichen für die kalte Winternacht sein, durch die K. irrt, oder sind es die geschredderten Papiere seiner früheren Existenz? Hier wird der Interpretation viel Spielraum gelassen.

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Beinahe anrührende Liebesbeziehung zwischen K. (Neel Jansen) und Frieda (Caroline Fabre).

Die nun entstehenden Bühnenbilder sind recht abstrakt gehalten. Die Stube, die im folgenden das Wirtshaus, die Schule oder den Herrenhof darstellt, ist aus Aktenbergen zusammengesetzt. Auf den  Seiten der Bühne türmen sich ebenfalls Aktenberge, und hohe Leitern, die bis in den Schnürboden ragen, deuten an, dass die Spitze dieser Türme kaum erreicht werden kann. Eine schwarze Tür wird an verschiedenen Stellen der Bühne aufgestellt, führt aber ins Nichts. So geht K. zwar durch zahlreiche Türen, kommt aber nie am eigentlichen Ziel an. Die Kostüme von Christl Wein entsprechen der Entstehungszeit der Vorlage und machen gerade durch die fehlende Verfremdung die beklemmende Aktualität des Stückes bewusst. Im neoklassischen Tanzstil entwickelt Hans Henning Paar den nun folgenden Kampf K.s. Bei seiner Ankunft im Wirtshaus schlägt ihm zunächst starke Ablehnung des Wirtes entgegen. Ngoc Khai Vu setzt diese Ablehnung tänzerisch sehr expressiv um, indem er bemüht ist, jeden Körperkontakt zu vermeiden. Ein Telefonat Schwarzers mit dem Schloss, in dem Adam Dembczynski in ausländischer Sprache wohl den Kafka-Text zitiert, bleibt zwar für K. unverständlich, gibt ihm aber die Möglichkeit, zunächst einmal für die Nacht zu bleiben. Hsin-I Huang und Erik Constantin werden K. als Gehilfen zur Seite gestellt und wirken in ihren Bewegungen wie die Deppen des Dorfes, wobei sie zunächst in einer Hose mit drei Beinen in einem Kostüm als Zwillinge oder als eine Person auftreten, als die sie K. in der Romanvorlage ebenfalls betrachtet.

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Alles läuft im Schloss nach einem festgelegten Zeitplan ab (Ensemble).

Anders als in der Romanvorlage scheint K. bei Paar in das Schloss zu gelangen. Die Szene, in der die Beamten wie Roboter im Verwaltungsapparat funktionieren, K. keinerlei Auskunft erhalten kann und hilflos von einem Beamten zum nächsten irrt, erinnert schon sehr stark an die Mühlen der deutschen Bürokratie. Wie sehr man sich im Netz des eigenen Verwaltungsapparates befindet, macht Anna Caviezel deutlich, die als Gesetz Paragraphen des Deutschen Ausländergesetzes verliest und dabei lediglich die Begriffe "Ausländer" und "Bundesgebiet der BRD" gegen die Wörter "Fremder", "Schloss" oder "Gebiet des Dorfes" austauscht. Was man da zu hören bekommt, könnte original so von Kafka formuliert worden sein. Nur im letzten Satz nimmt sich Paar die Freiheit die Absurdität dieser Formulierungen auf die Spitze zu treiben. Anna Caviezel befindet sich während dieses Vortrags völlig regungslos in den Stufen einer Leiter. In dieser Szene verzichtet Paar auf eine musikalische Ausgestaltung durch das Orchester und setzt eine abstrakte Klangcollage vom Band ein.

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K. (Neel Jansen) im Kampf gegen die Aktenordner (Ensemble).

Eindrucksvoll wird auch die Beziehung zwischen K. und Frieda umgesetzt. Während man zunächst die sehr brutale Sexualität zwischen Klamm (Krzysztof Zawadzki) und Frieda (Caroline Fabre) beobachtet, wird anschließend sehr verständlich, warum sich Frieda zu dem scheinbar wesentlich einfühlsameren K. hingezogen fühlt. Das Spiel mit der Lampe, die von einer langen Schnur aus dem Schnürboden herabhängt und die die beiden sich spielerisch zuwerfen, um jeweils den anderen zu beleuchten und klarer zu sehen, wirkt sehr innig, so dass man fast vergisst, dass K. Frieda nur benutzen will. Die beiden Gehilfen nehmen bei der Entdeckung der Liebesbeziehung eine besondere Rolle ein, weil sie den beiden nämlich die Kleider rauben, so dass sie am nächsten Morgen nur in eine Decke gehüllt vor dem Dorflehrer und seinen Schülern stehen. Gianluca Martorella zeichnet den Lehrer dabei als eine Karikatur, wie sie von Wilhelm Busch erfunden sein könnte. Bemerkenswert ist hier auch die ständig abbrechende Musik. Während der Lehrer seine Zöglinge von diesem Anblick fernhalten will und mit der Musik immer wieder auf den Unterrichtsstoff zurückkommen will, können die Schüler ihm nicht mehr folgen und blicken stets auf das Liebespaar.

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Wird der neue Fremde (David Valencia) sich gegen das Schloss behaupten können?

Ausdrucksstark präsentiert sich auch Aya Sone in der folgenden Szene als Barnabas' Schwester Amalia, die sich den Annäherungsversuchen K.s widersetzt. Dabei wirkt sie in ihrer Körpersprache so fragil, ganz anders als ihre Schwester Olga (Audrey Van Herck), die sich als Prostituierte für die Stallknechte verdingt. Mit einer weiteren Klangcollage wird im Dorf K.s Umgang mit der ausgestoßenen Familie des Barnabas weitererzählt, was auch zum Bruch mit Frieda führt. Pepi, Friedas Nachfolgerin im Wirtshaus, wird nun in doppelter Funktion eingeführt: zum einen als Tänzerin, die verzweifelt um K.s Gunst kämpft, zum anderen als Sprecherin auf der Leiter, die Goethes "Gretchen am Spinnrad" rezitiert. Zu den leicht verjazzten Klängen Schuberts, dem einzigen Ausflug in die Epoche der romantischen Musik, tanzt sich Anna Caviezel die Seele aus dem Leib, um K. zu gefallen. Doch er betrachtet ihre Bemühungen amüsiert und demütigt sie dabei sogar noch, so dass diese wunderbar lyrische Szene mit der Musik ins Gegenteil gekehrt wird. Paar macht hier deutlich, dass K. genauso schlecht ist wie das System, gegen das er kämpft.

Bei der zweiten Präsentation des Schlosses gelingen Paar erneut sehr aufwühlende Bilder. So bewegen sich zwischen vom Schnürboden in rechteckiger Form herabgelassenen kalten Neonröhren Beamte wie Roboter in schwarzem Einheitslook, die den ihnen vorgeschriebenen Weg im Gleichschritt zurücklegen. Dabei kommen sie aus allen Richtungen, ohne dabei zu kollidieren. Die einzelnen Räder des Uhrwerks greifen also genau ineinander, ohne dass auch nur irgend jemand versteht, wie es eigentlich funktioniert, und wenn jemand versucht, von dem ihm vorgeschriebenen Weg abzuweichen, wird er schnellstens von den anderen wieder auf den richtigen Weg gebracht. K. nimmt diesen Kampf auf, doch was ihm entgegentritt, ist eine Horde Aktenordner, eine der ergreifendsten und für das Ensemble wegen der eingeschränkten Sicht durch die Aktenordner vor dem Gesicht schwierigsten Szenen des Abends. Zu Krzysztof Pendereckis "Passacaglia" aus der 3. Sinfonie für Orchester jagen die Ordner als absolut bedrohliche Masse K. über die Bühne. Auch sein abschließendes Gespräch mit dem Beamten Bürgel bringt für K. keinen Erfolg. Mit deutscher Michelmütze sieht man zwar, dass Francesco Ciani zu reden scheint, aber das Publikum versteht ihn genauso wenig wie K. So wird K. am Ende von aus dem Schnürboden herabfallenden Papieren begraben, während sich aus dem Orchestergraben ein neuer Fremder (David Valencia) dem Kampf mit dem Schloss stellen wird.

Liviu Petcu führt das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz mit großer Präzision durch die Herausforderungen der zeitgenössischen Kunst und stellt die Musik absolut in den Dienst des Tanzes auf der Bühne. So gibt es am Ende für alle Beteiligten sehr großen Beifall. Schade, dass sich der Choreograph bei der Dernière nicht selbst auch dem Publikum auf der Bühne gestellt hat. Dann wäre er sicherlich abschließend auch noch einmal für diese große Arbeit belohnt worden.

FAZIT

Hans Henning Paar zeigt mit seinem Ensemble, dass man auch mit modernem Tanztheater sehr spannendes und verständliches Handlungsballett kreieren kann. Zu Recht ist diese Produktion von der tz mit der "Rose der Woche" ausgezeichnet worden.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Liviu Petcu

Choreographie und Inszenierung
Hans Henning Paar

Bühne und Kostüme
Christl Wein

Licht
Rolf Essers

Dramaturgie
Esther von der Fuhr



Orchester des
Staatstheaters am Gärtnerplatz


Solisten

K.
Neel Jansen

Frieda
Caroline Fabre

Gehilfen
Hsin-I Huang
Erik Constantin

Wirt
Ngoc Khai Vu

Schwarzer
Adam Dembczynski

Gesetz
Anna Caviezel

Klamm
Krzysztof Zawadzki

Lehrer
Gianluca Martorella

Barnabas
Marc Cloot

Olga
Audrey Van Herck

Amalia
Aya Sone

Pepi
Anna Caviezel
Ljuba Avvakumova (Text)

Bürgel
Francesco Ciani

Fremder
David Valencia

Dorfbewohner, Schüler, Beamte
Ljuba Avvakumova
Alice Baccile
Jon Beitia Fernandez
Anna Caviezel
Marc Cloot
Francesco Ciani
Eric Constantin
Adam Dembczynski
Caroline Fabre
Hsin-I Huang
Marcos Mariz
Gianluca Martorella
Sandrine Monin
Aya Sone
Audrey Van Herck
David Valencia
Ngoc Khai Vu
Krzysztof Zawadzki
 


Weitere Informationen
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Staatstheater am Gärtnerplatz München
(Homepage)





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