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Musiktheater
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Anna Nicole

Oper in zwei Akten
Libretto von Richard Thomas
Musik von Mark-Anthony Turnage

in englischer Sprache mit englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Uraufführung am 17. Februar 2011, The Royal Opera House Covent Garden, London


Homepage

Royal Opera House, London
(Homepage)
Ein implantiertes Leben

Von Roberto Becker / Fotos © The Royal Opera / Bill Cooper



Vergrößerung Anna Nicole tanzt

Dass diese Uraufführung etwas besonderes sein sollte, lies sich schon daran erkennen, dass man um das Libretto ein Geheimnis machte. Und dass das ganze Royal Opera House auf Blondine dekorierte war. Wogegen ja erst mal nichts zu sagen ist. Zumal, wenn man dabei so demonstrativ die Nähe zu Marilyn Monroes immer noch wirkendem Sexappeal sucht. Schon allein für ihr im prüden Amerika wirklich tollkühnes „Happy Birthday! Mister President“, mit dem sie 1962 ihren letzten öffentlichen Auftritt im Madison Square Garden hatte und das mehr einer ziemlich privaten Liebeserklärung an Kennedy glich als dem offiziellen Glückwunsch einer Ikone an den Präsidenten, hat sie sich ihre Unsterblichkeit verdient. Auch für die berühmte Szene mit dem hochfliegenden Kleid über dem U-Bahn-Schacht. Und überhaupt. Obendrein war sie nicht nur u.a. mit Arthur Miller verheiratet, sondern weit klüger und belesener, als das kolportierte Blondinen-Image vermuten ließe. Man glaubt es kaum, dass sie schon fünfzig Jahre tot ist, so lebendig ist sie.

Da kann man schon verstehen, dass es ein Traum für amerikanische Mädchen ist, eine zweite Marilyn zu werden. So wie bei jener Anna Nicole Smith, über die Mark Anthony Turnage (51) jetzt seine dritte Oper geschrieben hat. Diese Anna Nicole entfloh ihrem kleinen Provinzleben, ließ sich ihre Brüste so mit Silikon vergrößern, dass sie es zwar in den Playboy schaffte, aber auch Rückenprobleme bekam. Sie angelte sich einen fast neunzigjährigen texanischen Ölmilliardär, wurde nach 13 Monaten Witwe, stritt sich jahrelang um das Erbe, nahm zu und immer mehr Tabletten, bis sie, 39jährig, vor drei Jahren an einer Überdosis starb. Alles in allem wohl doch eher der amerikanische Alptraum als der Stoff, aus dem Opern gemacht werden (sollten). In ihrem Falle ist selbst die mit Skandalen am Leben gehaltene B-Prominenz längst abgelaufen.


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Anna als Mutter

Und dann kommen Turnage und sein Librettist Richard Thomas, lassen sich vom Royal Opera House mit einer Oper zur dieser Personalie beauftragen und liefern sie tatsächlich ab. Aber eigentlich auch wieder nicht. Denn mehr als ein Musical ist dabei nicht herausgekommen. Da nützt es auch nicht viel, wenn sich der Musikchef des Hauses Antonio Pappano mit seinem Orchester dafür ins Zeug legt. Nun gehört es offenbar zum britischen Humor, sich über eine flott heruntergeschnurrte und mit musikalischer Gebrauchsware unterlegte, volle Ladung underdog slang auf der ehrwürdigen Opernbühne zu amüsieren. Gleich zu Anfang verspricht nämlich dieses Bühne Donna Annachen „to blow“ und „to kiss“, was man wohl ebenso wenig übersetzen muss, wie die diversen Fortsetzungen, die mit „fuck“- und „titti“ Zusätzen aufgemischt, fröhlich so weiter gehen.


Vergrößerung Anna und ihr Hauptgewinn: Ehemann Howard

Regisseur Richard Jones hat die 17 Szenen angemessen knallig bunt verpackt. Da gibt es dann einen Chor, der wie eine Reportermeute berichtet und kommentiert, eine wahrhaft schrecklich nette Familie daheim, einen biederen Erst-Ehemann, von dem der Sohn ist, der sich als Teenager umbringt. Da ist der clevere Anwalt immer wieder zur Stelle, wenn's ums Geld geht. Und da schwebt der Milliardär, wie im Behindertenaufzug, aus dem Schnürboden in Annas Leben, posiert mit ihr auf einer Riesenhochzeitstorte, wird von ihr (wohl nicht gerade mit guter Küche, siehe oben) verwöhnt und bleibt dann auf der Strecke. Der Weg zum Ende bietet noch einen peinlichen Auftritt in der Larry-King-TV-Show und andere Entgleisungen. Bis Anna am Ende selbst den Leichensack von innen schließt und die Musik einfach verebbt.


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Kameras sind immer dabei: Annas buntes Leben

Für die spielfreudige und attraktive, sonst im Wagnerfach ziemlich erfolgreiche Eva-Maria Westbroek ist diese Anna Nicole keine Hürde. Sie wahrt mit ihrer Professionalität als Darstellerin ihren eigenen Ruf als Sängerin höchst überzeugend. Der von Anna Nicole Smith vermag davon nicht zu profitieren. Im Leben ist es also Nichts geworden mit der Marilyn Nachfolge. Und auf der Bühne ist nur ein B-Musical dabei herausgesprungen. Gejohlt wurde bei der Uraufführung trotzdem. Plötzlich merkt man aber, was wirklich fehlt: eine „richtige“ Marilyn-Oper. Aber dafür findet sich ja vielleicht noch jemand anderes, als das Duo Turnage und Thomas. Zeitlose Schönheit, Charme, Tragik und ein Nachleben in Bewusstsein und in der Kunst, das sich sehen lassen kann, stünde einem Haus wie dem in Covent Garden bestimmt besser zu Gesicht als diese Silikonshow.


FAZIT

Als Oper groß angekündigt, ist diese Anna Nicole allenfalls ein Musical. Es kommt mit seiner inhaltlichen und musikalischen Substanz nicht über das eher schlichte Format seiner Titelheldin hinaus. Immerhin geht es flott und kurzweilig über die Bühne.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Antonio Pappano

Inszenierung
Richard Jones

Bühne
Miriam Buether

Kostüme
Nicky Gillibarnd

Licht
Mimi Jordan Sherin
D.M. Wood

Choreographie
Aletta Collins

Chor
Renato Balsadonna



Royal Opera Chorus

The Orchestra of the
Royal Opera House


Solisten

Anna Nicole
Eva-Maria Westbroek

Mayor of Mexia
Wynne Evans

Deputy Mayor of Mexia
Damian Thantrey

Virgie (Anna Nicole's mother)
Susan Bickley

Daddy Hogan (Anna Nicole's father)
Jeremy White

Aunt Kay
Rebecca de Pont Davies

Shelley (Anna Nicole's Cousin)
Loré Lixenberg

Billy (Anna Nicole's first husband)
Grant Doyle

Stern (Anna Nicole's Lawyer)
Gerald Finley

Four Lap Dancers
Yvonne Barclay
Katy Batho
Amanda Floyd
Amy Catt

Trucker
Jeffrey Lloyd-Roberts

Dominic Gent
Dominic Peckham

Patron
Grant Doyle

Blossom
Allison Cook

Meat Rack Quartet
Kiera Lyness
Marianne Cotterill
Louise Armit
Andrea Hazell

Doctor Yes
Andrew Rees

J. Howard Marshall II
Alan Oke

Young Daniel
Andrew Gilbert

Marshall's Family
Loré Lixenberg
Rebecca de Pont Davis
Grant Doyle
Jeremy White

Teenager Daniel
Dominic Rowntree

Runner
Zhengzhong Zhou

Larry King
Peter Hoare

Band

Drummer
Peter Erskine

Bass Guitarist
John Paul Jones

Guitarist
John Parricelli





Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Royal Opera House
Covent Garden

(Homepage)



Da capo al Fine

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