|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Opernspektakel mit lauten Tönen
Von Thomas Molke
/
Fotos von Jacques Croisier
Noch ist die Welt in Ordnung: Otello (Fabio Armiliato) und Desdemona (Daniela Dessi). Dabei geht der Dirigent Paolo Arrivabeni mit dem Orchester der Opéra Royal de Wallonie in die Vollen und lässt direkt am Anfang mit der grandiosen Sturmmusik dem Zuschauer nahezu das Trommelfell platzen. Auch bühnentechnisch wird mit vom Bühnenhimmel herabstürzenden Wasserbächen, Nebelschwaden und blitzendem Licht an Effekten nicht gespart. Schade, dass der Chor zu Beginn dieser Gewittermusik Abstimmungsschwierigkeiten hat. Da wirkt der eine oder andere musikalische Einsatz noch etwas holprig. Im Verlauf des Stückes gewinnt er aber an Präzision und Homogenität und wird auch wesentlich spielsicherer. Eine regelrechte Augenweide sind dabei die Kostüme (Fernand Ruiz). Opulenter kann man die Personen dieser Oper nicht in Szene setzen, keinerlei Modernisierung, einfach nur purer Theatergenuss. An der Stelle ist man aber auch schon beim Regie-Konzept von Mazzonis di Pralafera angelangt, der die Szenerie als Theater im Theater betrachtet, was sich auch im Bühnenbild von Carlo Sala widerspiegelt. Anders als die Kostüme wirkt die Bühne nicht historisch, sondern als Theaterbühne. Es sind zwar vier aufragende Säulen auf der Bühne aufgebaut, zwischen denen auch variabel Vorhänge herabgelassen werden können. Die weiteren Drahtgestelle zeigen aber, dass wir uns nicht in Venedig, sondern auf einer Theaterbühne befinden. Im Hintergrund sieht man bisweilen sogar Schauspieler, die während des ersten Aktes Liebesszenen proben. Aber Iago (Giovanni Meoni, rechts) lässt Otello (Fabio Armiliato) an der Treue seiner Frau zweifeln. Die zentrale Rolle in dieser Oper kommt sicherlich dem Bösewicht Iago zu, den Mazzonis di Pralafera als Drahtzieher der ganzen Tragödie betrachtet. Schon während der Sturmszene lässt er ihn vorne links am Bühnenrand ein Schiff in ein Aquarium versenken, um seiner Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass der von ihm verhasste Otello in den Fluten ertrinken wird. Doch der Rivale wird gerettet. Jetzt muss Iago andere Geschütze auffahren. So lässt Mazzonis di Pralafera ihn die anderen Figuren des Stückes auf fahrbaren Podesten über die Bühne schieben. Man mag diesen Ausdruck der Manipulation als platt betrachten, stimmig ist dieses Konzept auf jeden Fall. Bemerkenswert ist, dass beispielsweise Cassio bei seinem ersten Gespräch mit Desdemona dieses Podest gar nicht verlässt, wohingegen Otello schon nach der ersten Andeutung der Untreue seiner Gattin selbstständig in die von Iago ausgelegte Falle tappt und nicht mehr von ihm "geführt" werden muss. Der einzige Bruch dieser Idee erfolgt im vierten Akt, wenn Emilia Desdemona auf dem Podest in ihr Schlafgemach schiebt. Will Mazzonis di Pralafera damit andeuten, dass sie mit der Weitergabe des fatalen Tuches an ihren Mann Iago den Tod Desdemonas letztendlich verschuldet und sie somit zu ihrem Totenbett führt? An dieser Stelle geht meines Erachtens Desdemona selbst ihrem tödlichen Schicksal entgegen und wird eigentlich nicht manipuliert. Otello (Fabio Armiliato) ist von Desdemonas (Daniela Dessi) Untreue überzeugt und demütigt sie (links: Iago (Giovanni Meoni), rechts und hinten: der Chor als Volk). Auch musikalisch steht Iago im Zentrum der Oper, und Giovanni Meoni meistert diese schon fast tenorale Baritonpartie mit einer sehr kräftigen Stimme, die auch in den Höhen genügend Durchschlagskraft erreicht. Besonders erwähnenswert ist, wie subtil Meoni das Dämonische aus der Figur herausholt. So wird er weder durch ein sehr dunkles Kostüm, noch darstellerisch durch übertrieben boshafte Gesten in seinem Bekenntnis "Credi in un Dio crudel" als Bösewicht charakterisiert, sondern wirkt auf den ersten Eindruck nahezu Vertrauen erweckend, was er auch sein muss, um seinen perfiden Plan in die Tat umzusetzen. Es sind die kleinen Gesten, die Meoni perfekt beherrscht, um zu zeigen, wie gefährlich dieser Iago tatsächlich ist. So verleitet er beispielsweise zusammen mit Roderigo (James Edwards) scheinbar freundschaftlich Cassio (Cristiano Cremonini) im ersten Akt dazu, immer mehr zu trinken, um Cassios Degradierung herbeizuführen. Anders als im Libretto lässt Mazzonis di Pralafera Iago am Ende nicht entkommen, sondern von Cassio töten. Otello (Fabio Armiliato, rechts) hat Desdemona (Daniela Dessi, auf dem Bett liegend) getötet (von links: Cassio (Cristiano Cremonini), Montano (Roger Joakim), Lodovico (Luciano Montanaro), in Fesseln Iago (Giovanni Meoni) und Emilia (Sophie Fournier)). Fabio Armiliato gibt in Liège sein Rollendebüt in der Titelpartie und weiß, mit durchschlagendem Tenor und scheinbar nicht enden wollenden Kraftreserven sich gegen ein nicht gerade sängerfreundlich aufspielendes Orchester erfolgreich durchzusetzen. Sehr glaubhaft zeigt er die Entwicklung der sich steigernden Eifersucht bis hin zum Mord an seiner Gattin Desdemona. Wenn er am Ende seinen Fehler erkennt und in seinem Selbstmord das einzige romantische Leitmotiv der Oper, den Kuss, wieder aufnimmt, wirkt er fast Mitleid erregend. Daniela Dessi verfügt als Desdemona über einen sehr voluminösen Sopran, der für die Rolle aber schon etwas zu reif und dramatisch ist. Man nimmt ihr das Naive nicht ab und glaubt ihr nicht, dass sie sich bedingungslos in dieses Schicksal fügt. So ist ihr berühmtes Lied von der Weide "Piangea cantando" mit dem anschließenden "Ave Maria" zwar sehr schön gesungen, bewegt aber nicht wirklich. Auch in der Liebesszene zwischen ihr und Otello am Ende des ersten Aktes kommt trotz einer hervorragenden dunkelblauen Lichtstimmung kein inniges Gefühl auf, da man sich bei dem vorher so fulminant aufspielenden Orchester kaum auf die leisen Töne im Palais Opéra einlassen kann.
In den weiteren Rollen gefallen vor allem James Edwards als Roderigo, der Desdemona heimlich verehrt und deshalb zum Spielball Iagos wird, und Sophie Fournier als Iagos Gattin Emilia, die zu spät erkennt, welche Katastrophe sie mit der Weitergabe des Tuches heraufbeschwört hat, aber dann auch nicht mehr zu halten ist und die Intrige aufdeckt. Paolo Arrivabeni liefert einen voluminösen, sehr akkuraten Verdi-Klang aus dem Orchestergraben ab, der stellenweise selbst für die Ersatzspielstätte zu laut ist. Leider gelingt es ihm nicht, subtile Nuancen herauszuarbeiten oder den Sängern Raum für feinere Charakterschattierungen zu geben. Dem Publikum gefällt es trotzdem, und es belohnt die Sänger und Musiker mit zahlreichem Szenen- und grandiosem Schlussapplaus. Bewegend ist, wie Stefano Mazzonis di Pralafera sich zunächst bei seinen Protagonisten für die gelungene Aufführung bedankt, bevor er sich dem Applaus des Publikums stellt, der nicht ganz so enthusiastisch wie bei den Sängern und dem Orchester ausfällt.
Große Oper mit Hang zum Effekt und hervorragenden Stimmen. Die leisen Töne gehen allerdings unter. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme Licht Chorleitung
Orchester, Chor und Kinderchor Chor der Opéra de Namur Solisten
Otello
Desdemona
Iago
Cassio
Lodovico
Roderigo
Emilia Montano
Un araldo
Membres du Cejiel
|
© 2011 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de