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Belcanto mit Spaß-Faktor
Von Thomas Molke
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Fotos von Jacques Croisier
Almaviva (Sergei Romanovsky, links) weiß, wie er Figaro (Nicola Alaimo, rechts) überzeugen kann, ihn zu unterstützen. Da ist zum Beispiel Rosinas Arie "Ah se è ver" aus dem zweiten Akt, die erst in der kritischen Neuausgabe von Patricia B. Brauner 2008 im Anhang vermerkt wurde und die Rossini 1819 für die Sopranistin Giuseppina Fodor-Mainvielle für eine Aufführung in Venedig kurz vor der Gewitterszene einführte. Von ihrem Vormund über den scheinbaren Verrat Lindoros informiert gewinnt die sonst so kecke Rosina durch diese Arie mehr psychologische Tiefe. Dramaturgisch ist diese Szene sehr sinnvoll, da sie die Entwicklung Rosinas zur doch recht schwermütigen Gräfin Almaviva, als die sie in der Oper Le Nozze di Figaro auftritt, nachvollziehbarer macht. Stimmlich ist die Arie wegen des Wechsels zwischen dramatischen Passagen und Koloraturen eine große Herausforderung. Die Koreanerin Sumi Jo verfügt mit ihrem beweglichen Sopran über alle Voraussetzungen und nutzt diese Arie, um ein weiteres Mal das Publikum von den Sitzen zu reißen. Schon bei ihrer Bravourarie im ersten Akt "Una voce poco fa" hatte sie nämlich mit nicht enden wollenden Verzierungen bei den Koloraturen und einem äußerst kecken Auftreten das Publikum so aufgeheizt, dass es den orchestralen Abschluss der Arie nicht mehr abwarten wollte oder konnte und seiner Begeisterung freien Lauf ließ. Rosina (Sumi Jo) träumt von Lindoro. Dieses - teilweise etwas störende - Hineinklatschen in die Arien erreichte allerdings auch Nicola Alaimo bei seiner Auftrittsarie "Largo al factotum". Mit fundierter baritonaler Tongebung tritt er gewichtig aus seinem auf die Bühne gezogenen Laden heraus und preist mit nicht endenden Stimmreserven seine Angebote als Barbier, Arzt und sonstiges an. Dabei holt er aus einer Tasche eine Unzahl von mehr oder weniger schönen Perücken hervor, diverse Barbierutensilien und sogar einen Frisierstuhl, so dass sich der Zuschauer perplex fragen mag, wie diese ganzen Gegenstände überhaupt alle in dieser Tasche gewesen sein können. Mit diesen kleinen Regieeinfällen macht Mazzonis di Pralafera deutlich, wie tief er in den Text und die Musik eindringt. Wenn Figaro der Drahtzieher der ganzen Geschichte ist, hat er auch magische Kräfte. Am Ende wird Figaro sogar auf dem Sockel der Rossini-Statue aus Pesaro auf die Bühne gezogen. Don Basilio (Carlo Lepore, rechts) gibt Dottore Bartolo (Bruno De Simone, links) wichtige Tipps, wie man Almaviva das Handwerk legen kann. Bruno De Simone als grantelnder Dottore Bartolo steht diesen beiden grandiosen Sängerdarstellern in nichts nach. Mit viel Spielwitz tappt er in die Fallen, die Figaro und Almaviva ihm stellen, und verliert am Schluss, gerade weil er so vorsichtig und klug sein wollte. Da scheint die Annäherung an seine Angestellte Berta (Alexise Yerna) nur ein kleines Trostpflaster zu sein. Stimmlich gibt er den Bartolo etwas näselnd und beinahe schon baritonal, so dass deutlich wird, dass von ihm keine Ernst zu nehmende Gefahr ausgeht. Anders verhält es sich mit dem Musiklehrer Don Basilio. Carlo Lepore stattet ihn vor allem in seiner Arie "La calunnia è un venticello" mit einem sehr tiefen, schwarzen Bass aus. Hier muss Almaviva alle Möglichkeiten der Bestechung einsetzen, um diese Figur in Schach zu halten. Diese Auslegung wird auch durch die Kostümierung (Fernand Ruiz) gestützt, da Basilios purpurfarbener Anzug und das große silberne Kreuz auf dem schwarzen Hemd zwar an einen Kirchenmann erinnern, der darüber befindliche schwarze lange Mantel und die schwarze Sonnenbrille aber mafiöse Züge tragen. Finale 1. Akt: von links: Don Basilio (Carlo Lepore), Bartolo (Bruno De Simone), Berta (Alexise Yerna), Offizier (Marc Tissons), Figaro (Nicola Alaimo), Almaviva (Sergei Romanovsky) und Rosina (Sumi Jo), im Hintergrund: Statisterie. In diesem hervorragenden Gespann kann Sergei Romanovsky als Graf Almaviva zumindest stimmlich nicht ganz mithalten. Zwar bemüht er sich, die Töne stets sauber anzusetzen, ohne dabei zu pressen oder gar zu schreien. Die Koloraturen bereiten ihm aber große Schwierigkeiten, weil seine Stimme, zumindest in der besuchten Aufführung, nicht beweglich genug ist. Bei seiner Auftrittsarie "Ecco, ridente in cielo" gerät er bereits an seine Grenzen. Im weiteren Verlauf der Vorstellung nimmt er sich etwas zurück und wirkt stimmlich gegenüber Rosina, Figaro und Bartolo blass. Was ihm an Stimme fehlt, macht er aber im Spiel wieder wett, ob als scheinbar betrunkener Soldat, der sich gewaltsam Einlass in Bartolos Haus verschafft, oder als angeblicher Musiklehrer, der sich mit Bartolo gegen den Grafen zu verschwören scheint. Auch als schmachtender Liebhaber weiß er, seinen Charme einzusetzen und Rosina für sich zu gewinnen. In dieser Figur gibt Mazzonis di Pralafera ebenfalls einen Ausblick auf die Fortsetzung der Geschichte. Mag es auf den ersten Blick auch ein wenig plakativ wirken, wenn Romanovsky sich mit der Leuchtschrift "Almaviva" unter seinem Mantel vor dem Gemächt letztendlich der Geliebten zu erkennen gibt, weist es doch darauf hin, dass er es mit der Treue später nicht so genau nehmen wird. Dass er sich nach der Hochzeit mit den Schwanzfedern eines Pfaus schmückt, zeigt, was für ein eitler Geck dieser Graf eigentlich ist. Figaro (Nicola Alaimo, links), Rosina (Sumi Jo) und Almaviva (Sergei Romanovsky, rechts) sitzen in der Falle. Besonderes Augenmerk richtet Mazzonis di Pralafera auf die Statisterie. So dürfen die beiden Diener (Benoît Louwette und Gustavo Just) zusammen mit Figaros Lehrling (Valentine Jongen) während der Arie der Berta, "Il vecchiotto cerca moglie", in der sie einerseits ihr Unverständnis über Bartolos Absicht, Rosina zu heiraten, andererseits aber auch ihr eigenes Liebessehnen besingt, darum spielen, wer denn der Alten jetzt den Hof machen soll. Während sich Alexise Yerna als Berta jeglichen Avancen gegenüber nicht abgeneigt zeigt, legen die drei eine so große Schüchternheit an den Tag, dass Berta sie letztendlich nur mit Geld locken kann. Auch Gilles Mahia als behäbiger und etwas tumber Diener Ambrogio legt viel komödiantisches Talent in seine stumme Rolle, wenn ihm mehrere Male die Perücke hoch geht. Das recht klassische Bühnenbild von Jean-Guy Lecat und die bunten Kostüme von Fernand Ruiz unterstützen den Ansatz, dass hier mit sehr viel Spaß und Begeisterung für das Belcanto-Genre inszeniert worden ist.
Abschließend ist noch die glänzende Leistung des Orchesters unter dem Generalmusikdirektor Paolo Arrivabeni zu nennen. Mit sehr forschem Dirigat erzeugt Arrivabeni einen sehr spritzigen Klang aus dem Orchestergraben. Ein Fingerzeig reicht, um zu verhindern, dass ihm die Sänger beim Finale des ersten Aktes davongaloppieren. Er schafft es, mittels sehr präziser Führung durch die schwierigen Tempi der Partitur zu führen. Schade nur, dass die Lüftungsanlage oder ab und zu vorbeibrausende Autos oder Motorräder in den Piano-Passagen den Genuss etwas dämpfen. Aber bald wird das Stammhaus ja wieder fertig sein.
Eine in jeder Hinsicht überzeugende Inszenierung mit einer hervorragenden musikalischen Umsetzung. So macht Belcanto richtig Spaß. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und Licht
Bühne
Kostüme
Choreographie Chorleitung
Orchester und Chor der Solisten*rezensierte Aufführung
Rosina
Figaro
Dottore Bartolo
Il Conte Almaviva
Don Basilio
Berta
Fiorello Un Ufficiale
Ambrogio Le gar çon de boutiqueValentine Jongen
2 serviteurs 2 servantes Membre du
Cejiel
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