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Musiktheater
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The Turn of the Screw

Oper in einem Prolog und zwei Akten
Libretto von Myfanwy Piper nach der gleichnamigen Erzählung von Henry James
Musik von Benjamin Britten


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (keine Pause)

Premiere der Oper Köln in der Trinitatiskirche Köln am 11. Februar 2011

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Oper Köln
(Homepage)

Schauergeschichte in der Trinitatiskirche

Von Thomas Molke / Fotos: Klaus Lefebvre

Es sollte eine Spielzeit im Stagione-Betrieb werden, in der die Kölner Oper während der Renovierung des Opernhauses am Offenbachplatz an verschiedenen Spielstätten ihr Programm präsentieren wollte. Dann wurde die Renovierung des Opernhauses verschoben. So findet in dieser Spielzeit doch noch ein, wenn auch nur eingeschränkter Spielbetrieb im Opernhaus statt. Dennoch wurde ein Teil der anderen Spielstätten beibehalten, zum einen, um bereits bestehende Verträge einzuhalten, zum anderen aber auch, weil die jeweiligen Produktionen bereits auf die neuen Spielstätten abgestimmt worden waren. Letzteres wird bei Brittens The Turn of the Screw sicherlich der Fall gewesen sein, da das Publikum in der Trinitatiskirche durch die unmittelbare Nähe zum Geschehen eine unter die Haut gehende Schauergeschichte erleben durfte, deren Effekt im Opernhaus durch die wesentlich größere Distanz zur Bühne sicherlich nicht erreicht worden wäre.

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Herzliche Begrüßung auf dem Landsitz Bly: von links: die Gouvernante (Claudia Rohrbach), Mrs. Grose (Helen Donath), Flora (Ji-Hyun An) und Miles (Carlo Wilfart).

Brittens Oper basiert auf Henry James' gleichnamiger Novelle, in der eine namenlose Gouvernante auf den Landsitz Bly zur Erziehung der beiden Waisenkinder Miles und Flora kommt und der festen Überzeugung ist, dass die beiden Kinder unter dem verderblichen Einfluss zweier Toter, des Dieners Peter Quint und der ehemaligen Gouvernante Miss Jessel, stehen. Sie nimmt den Kampf mit den Geistern auf, an dem sie aber nahezu selbst zerbricht, und während Flora von Bly fortgeschafft wird, stirbt Miles in den Armen der Gouvernante, nachdem er zugegeben hat, von dem toten Diener Quint besessen zu sein. Während es in James' Novelle relativ offen bleibt, ob die Geister tatsächlich existieren, macht Brittens Komposition deutlich, dass er durchaus an die Existenz der Geister glaubt, indem er sie zum einen als Personen auftreten lässt, zum anderen mit Halbtönen als Haupttönen in den Szenen des zweiten Aktes eine klangliche Dimension eröffnet, die von den bei den anderen Protagonisten dominierenden ganzen Tönen in eine Art Nacht- oder Schattenwelt führt. Faszinierend ist, wie Britten das sogenannte "Screw"-Thema von Szene zu Szene führt und mit einem jeweils steigenden Hauptton sukzessiv eine weitere Drehung der Schraube andeutet, die am Ende in der Katastrophe, Miles' Tod, mündet.

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Miss Jessel (Adriana Bastidas Gamboa, oben links) und Peter Quint (John Heuzenroeder) benötigen Miles (Carlo Wilfart) und Flora (Ji-Hyun An), um zueinander zu kommen. Mrs. Grose (Helen Donath) gibt vor, nichts zu bemerken.

Die Bühne (Tobias Flemming) zieht sich als Steg durch das Hauptschiff der Kirche. Die Zuschauer sind auf beiden Seiten des Stegs platziert. In der Mitte des Stegs befindet sich ein Kreis, auf dem ein schwarzer Schreibtisch und ein Flügel stehen. Der Boden darunter ist aber bereits teilweise eingestürzt, so dass das Klavier und der Schreibtisch wie ein Relikt aus einem lange verlassenen Haus wirken. Unter dem Schreibtisch und Klavier befinden sich Berge von Papier, die wohl andeuten, was im Prolog erwähnt wird: der Erzähler hat nämlich eine blasse Handschrift einer Frau gefunden, die von den damaligen Ereignissen auf Bly berichtet. So befindet sich die Gouvernante (Claudia Rohrbach) zu Beginn des Prologs auch unter diesem Papierberg. Sie entsteigt quasi den verschriftlichten Erinnerungen. Die Rückseite des Hauptschiffes ist mit einem riesigen weißen Papiertuch verhängt, das im Laufe des Stückes immer mehr abgerissen wird und den Blick auf ein schwarzes Schauergemälde freigibt. Damit wird deutlich, wie die Gouvernante im Laufe der Handlung immer mehr erkennt, von welchen dunklen Mächten ihre beiden Schützlinge Miles und Flora beherrscht werden. Die Kirchenorgel auf der Vorderseite des Hauptschiffes ist mit meterhohen Spiegeln verhängt, die die bedrückende und unheimliche Atmosphäre des Landsitzes noch unterstützen. Über dem Schreibtisch und dem Klavier hängt in der Mitte des Hauptschiffes eine kugelförmige Lampe, die zunächst von Miles (Carlo Wilfart) während seines Liedes "Malo" wie ein Pendel in Schwingung gebracht wird, eine Handlung, die von der Gouvernante am Ende des Stückes aufgenommen wird und einen hypnotischen Sog ausübt. Die Geister agieren teilweise von den Seitenemporen, was durch fahl-blaues Licht (Andreas Grüter) noch unterstützt wird und neben der musikalischen Ausgestaltung für weitere Gänsehaut beim Publikum sorgt.

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Miss Jessel (Adriana Bastidas Gamboa, links) hat Macht über Flora (Ji-Hyun An). Die Gouvernante (Claudia Rohrbach) ist verzweifelt, Mrs. Grose (Helen Donath) schaut weg.

Benjamin Schad folgt in seiner Inszenierung dem Libretto recht genau, wobei er auf große Verfremdungseffekte verzichtet, aber dennoch im Detail eine sehr psychologische Lesart herausarbeitet. So kann der Sprecher im Prolog (John Heuzenroeder), der die Gouvernante unter dem Papierberg wieder zum Leben erweckt, durchaus mit dem Vormund der Kinder identifiziert werden, der auf die Gouvernante eine derartige Faszination ausübt, dass sie diesen Job nach anfänglichen Zweifeln doch übernimmt und die Bewältigung dieses Auftrags als ihre Lebensaufgabe ansieht. Die Gesichter der beiden toten Geister, Peter Quint (John Heuzenroeder) und Miss Jessel (Adriana Bastidas Gamboa) weisen grüne Verwesungsspuren auf, die unter Floras Kleid dann auch sichtbar werden. Hier wird also deutlich, inwiefern die Toten von dem Mädchen schon Besitz ergriffen haben. Anders verhält es sich bei Miles. Beim Showdown kopiert Peter Quint das Aussehen des Jungen, indem er die gleiche graue Mütze trägt. Diese graue Mütze reißt sich Miles vom Kopf, bevor er Peters Namen nennt, ihn als Teufel bezeichnet und tot zusammenbricht. Anders als im Libretto stirbt er nicht in den Armen der Gouvernante, sondern wird von Peter Quint von der Bühne getragen. Als Toter ist er dem Totenreich nun näher als den Lebenden. Quint hat gewonnen und die Gouvernante bleibt allein auf dem Landsitz zurück.

Raimund Laufen zaubert mit den nur 12 Musikern des Gürzenich-Orchesters, die hinter den Zuschauern im Seitenschiff platziert sind,  einen Klang, der zwischen schauriger Romantik und großen Naturbeschreibungen wechselt. Ganz hervorragend lässt sich allein aus der Musik die Ankunft der Gouvernante auf Schloss Bly in einer Kutsche erahnen. Wenn die helle Stimmung der ganzen Töne zu den halben Tönen der Schattenwelt wechselt, entsteht musikalisch eine herrlich schaurige Atmosphäre, die den Zuschauern eine regelrechte Gänsehaut beschert.

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Die Gouvernante (Claudia Rohrbach) bleibt allein zurück.

Auch gesanglich bewegt sich die Produktion auf sehr hohem Niveau. Helen Donath gibt eine sehr reife Haushälterin Mrs. Grose, die lange Zeit vor der Realität die Augen verschließt. So ist sie auch der Gouvernante bei der Bekämpfung der Geister keine richtige Unterstützung. Sie klärt sie zwar über die Vergangenheit auf, erwartet aber, dass die Gouvernante ohne fremde Hilfe damit fertig wird. Ji-Hyun An glänzt als Flora mit glockenklaren Koloraturen und überzeugt darstellerisch, indem sie einerseits glaubhaft ihre mädchenhafte Unschuld zeigt, andererseits in ihrer Besessenheit durch Miss Jessel durchaus grausame Züge an ihrer Puppe auslebt. Carlo Wilfart, Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund leistet als Miles sowohl stimmlich, als auch darstellerisch Großartiges. Sein kräftiger Knaben-Sopran füllt die Kirche aus und macht auf eine große musikalische Entwicklung Hoffnung. Besonders beeindruckend gelingt sein Lied "Malo" von seinem Wunsch, lieber auf einem Baum in Freiheit zu leben als ein schlechter Mensch im Unglück zu sein. Adriana Bastidas Gamboa überzeugt als Miss Jessel mit vollem Mezzo und zeigt eine darstellerisch sehr glaubhafte innere Zerrissenheit  zwischen ihrer Liebe zu Peter Quint und der Suche nach einem neuen Opfer. John Heuzenroeder besticht sowohl im Prolog, als auch in der Rolle des Dieners Quint durch seinen leuchtenden Tenor, der musikalisch die Frage aufwirft, ob Quint wirklich so böse ist, wie er szenisch gezeigt wird. Star des Abends ist Claudia Rohrbach als Gouvernante. Mit großem Sopran wechselt sie zwischen lyrischen Momenten und dramatischen Ausbrüchen. Dabei ist ihr Spiel in jeder Situation sehr ausdrucksstark. Ihr Wille, die Kinder zu beschützen, wird zu einer regelrechten Manie, die Miles am Ende das Leben kostet. Ob sie wirklich etwas erreicht hat, ist somit fraglich. Nicht fraglich ist, dass auch dem Regieteam für diese Inszenierung großes Lob gebührt. So gab es am Ende sehr großen und verdienten Beifall für alle Beteiligten


FAZIT

Ein Theaterabend, der unter die Haut geht und musikalisch und inszenatorisch in vollem Maße überzeugt. Dabei ist die Wahl des Aufführungsortes ein absoluter Gewinn.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Raimund Laufen

Inszenierung
Benjamin Schad

Bühne
Tobias Flemming

Kostüme
Annett Lausberg

Licht
Andreas Grüter

Dramaturgie
Georg Kehren




Gürzenich-Orchester Köln


Solisten

*Besetzung der Premiere

Der Prolog
John Heuzenroeder

Die Gouvernante
Claudia Rohrbach

Miles
*Carlo Wilfart /
Jan Paul Albers

Flora
Ji-Hyun An

Mrs. Grose
Helen Donath

Quint
John Heuzenroeder

Miss Jessel
Adriana Bastidas Gamboa



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Köln
(Homepage)





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