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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Der Fluch des KreuzesVon Thomas Molke / Fotos: Paul LeclaireGeorg Friedrich Händels erste Oper für London, Rinaldo, die er angeblich in nur zwei Wochen 1711 komponierte, gilt bis heute wohl als sein bekanntestes Werk für das Musiktheater, was nicht zuletzt auf die Vielzahl der großartigen Arien zurückzuführen ist, die sich aufgrund zahlreicher CD-Einspielungen einem breiten Bekanntheitsgrad erfreuen. Mit dieser eingängigen Musik und einem opulenten Bühnenzauber katapultierte sich der Hallenser Komponist in dem nach Purcell nicht gerade für die Oper prädestinierten London zum Shootingstar der Musiktheaterszene und avancierte zum englischen Hofkomponisten. Wenn man bei einer Neuproduktion mit so hochrangigen Händel-Experten wie Patricia Bardon in der Titelrolle, Simone Kermes als Gegenspielerin Armida und dem Barockspezialisten Alessandro de Marchi am Pult des Gürzenich-Orchesters Köln aufwartet, ist man musikalisch auf jeden Fall auf der sicheren Seite, und es bleibt nur abzuwarten, welche Sichtweise das Regieteam auf diese Zauberoper entwickelt. Almirena (Krenare Gashi) und Rinaldo (Patricia Bardon) - noch - glücklich vereint in Armidas Zaubergarten. Sabine Hartmannshenn hat die Geschichte um den Kreuzritter Rinaldo, der im Kampf für Goffredo (Gottfried von Bouillon) um das zu befreiende Jerusalem in die Fänge der Zauberin Armida, der Prinzessin von Damaskus, gerät, sich ihren Verführungskünsten aber aus Liebe zu Almirena widersetzt und so den Sieg der Kreuzritter erreicht, in die Gegenwart geholt. Das opulente Bühnenbild von Dieter Richter zeigt einen in die Jahre gekommenen Palast, der nun als Schaltzentrale für die Befreiung Jerusalems dient. Der Kühlschrank mit den Coladosen im linken Bühnenhintergrund und die Soldatenfiguren auf dem Schreibtisch suggerieren, dass die Kreuzritter hier US-Amerikaner sind. An der linken Bühnenwand hängt eine Luftaufnahme von Jerusalem, davor steht ein Modell der Stadt mit der berühmten al-Aqsa-Moschee, die es für die Kreuzritter zu erobern gilt. Die hintere Bühnenwand ist durch eine große Weltkarte bedeckt. Was der Flipper auf der rechten Bühnenseite soll, erklärt sich nicht, auch nicht, dass Rinaldo zu Beginn des zweiten Aktes an diesem spielt, während Goffredos Bruder rät, einen Magier aufzusuchen, der ihnen helfen soll, die Heiden zu besiegen und die entführte Almirena zu befreien. Die Kostüme von Susana Mendoza sind in diesem Ambiente entsprechend modern gehalten, wobei Eustazio eine schwarze Kutte anlegt, um zu unterstreichen, dass der Kampf im Namen des christlichen Glaubens geführt werde. Goffredos Anzug ist so weiß, wie die Sache der Kreuzritter von ihm für rein und ehrenhaft gehalten wird. Rinaldo ist ein fleißiger Kämpfer, der sich zunächst in sportlichem Dress trainiert, um dann für den Feldzug ein erdfarbenes Kriegeroutfit anzulegen. Almirena tritt als Modepüppchen auf, die sich die Zeit mit Einkaufen vertreibt. Der um eine Waffenruhe bittende Gegner Argante erscheint als arabischer Scheich. Rinaldo (Patricia Bardon) will die Geliebte befreien. Dieses Ambiente ändert sich schlagartig, wenn die Zauberin Armida durch die Weltkarte in diesen Palast eindringt. Hinter dieser Weltkarte entpuppt sich ihr Zauberreich mit barocken Kostümen, und mit Eintreten der Figuren in diese andere Welt legen die Kreuzritter und Almirena auch entsprechende Kostüme an. So präsentiert sich Goffredo mit langer schwarzer Perücke und rotem Königsmantel als Louis XIV-Verschnitt. Eustazio tauscht die schwarze Kutte gegen eine rote Kardinalsrobe. Rinaldos Rüstung und Argantes Anzug sind in gleißendem Gold gehalten. Besonders fantasievoll entpuppt sich auch das Bühnenbild in diesem Zauberreich. Der Zaubergarten, in den Armida Almirena und Rinaldo lockt, besteht aus scherenschnittartigen Bäumen im Hintergrund, durch die ein warmes gelbes Licht leuchtet. Aber diese surreale Idylle trügt. Armida setzt mit einer Schlange, die vom Bühnenhimmel herabkommt, Rinaldo außer Gefecht und entführt in gewaltigem Bühnennebel Almirena vor den Augen des Geliebten. Auch die Sirenenszene im zweiten Akt ist mit einem sehr eindrucksvollen roten bewölkten Himmel gestaltet. Rinaldo schlüpft unter einem durchsichtigen Vorhang zu den beiden wunderschönen Sirenen und wird somit von Goffredo und Eustazio getrennt. Almirena ist in einem surrealen Bild aus Türen und Sand gefangen. Häufig erscheint der Blick in dieses Zauberreich, durch das Bild "Tuareg" von Pascal Maitre, das als Prospekt den Theatervorhang ersetzt. Argante (Wolf Matthias Friedrich) hat sich in die gefangene Almirena (Kenare Gashi) verliebt. Wenn im dritten Akt Goffredo und Eustazio den christlichen Weisen Mago auf einem Berg aufsuchen, wirkt das Regiekonzept allerdings nicht ganz überzeugend. Die Bühne ist nach hinten geöffnet und wirkt wie eine Geisterbahn auf einem Jahrmarkt. Der nach hinten führende Weg ist mit leuchtenden Totenköpfen gepflastert, Mago entsteigt als bleiches Gespenst einem Sarg, und während er Goffredo und Eustazio erklärt, dass Almirena und Rinaldo von Armida gefangen gehalten werden, werden auf die Rückwand die Schreckensbilder einer Geisterbahnfahrt projiziert. Die Zauberstäbe, die der Magier den beiden überreicht, sind zwei Fernbedienungen, mit denen sie später den auf eine Leinwand projizierten Mordversuch Armidas an Almirena stoppen. Nachdem Rinaldo Almirena aus Armidas Fängen befreit hat, begibt man sich zurück in die Gegenwart. Nur Armida und Argante bleiben in den barocken Kostümen, weil sie ihre Niederlage noch nicht akzeptiert haben. Doch im Hintergrund sieht man schon amerikanische Soldaten als Pappfiguren mit Panzern über die Bühne fahren. Die Methoden, mit denen der gefangen genommene Argante hinterher gefoltert wird, enthalten das ganze grausame Spektrum von Stromschlägen bis zum Waterboarding, so dass Armidas und Argantes Einlenken und Annehmen des christlichen Glaubens am Ende so erzwungen wirkt, dass man - wie im Libretto übrigens auch - die Ernsthaftigkeit hinterfragen dürfte. So ist auch der medienwirksame Handschlag am Ende der Oper zwischen Goffredo und dem sichtlich mitgenommenen Argante eine reine Show. An dieser Stelle geht das Regiekonzept dann wieder auf. Noch will Armida (Simone Kermes) Rinaldo (Patricia Bardon) töten. Musiziert und gesungen wird auf sehr hohem Niveau, was aber auch nicht verwundert, hat man doch mit Alessandro de Marchi einen ausgewiesenen Fachmann für die Barockmusik ans Pult des Gürzenich-Orchesters Köln geholt. Mit sehr akkurater Führung und stets variablen Tempi schafft de Marchi es, dass die Musik niemals langweilig klingt, sondern stets die Emotionen der Handlung transportiert. Dabei ist die orchestrale Besetzung relativ klein und eine Mischung aus modernen und alten Instrumenten. Die beiden Brüder Goffredo und Eustazio werden von den Countertenören Hagen Matzeit und Steve Wächter interpretiert. Steve Wächters Altus glänzt dabei mit einer sehr flexiblen Stimmführung, die ihn problemlos zwischen Tenor und Falsett wechseln und somit die Oktavsprünge wie ein Kinderspiel wirken lässt. Hagen Matzeit begeistert mit einem sehr kräftigen und warmen Countertenor, der das Publikum vor allem in seiner Glanzarie des zweiten Aktes, "Mio cor", in der er seine Verzweiflung regelrecht herausschreit, nachdem nach seiner Tochter Almirena nun auch noch sein Hoffnungsträger Rinaldo verloren scheint, zu regelrechten Begeisterungsstürmen hinreißt. Dabei muss man bemerken, dass de Marchi mit seinem zügigen Dirigat nach nahezu jeder Da-Capo-Arie den Applaus systematisch unterdrückt hat. Sonst wäre die Oper womöglich vor Mitternacht gar nicht mehr zu Ende gewesen. Krenare Gashi gestaltet die Rolle der Almirena mit einem sehr jugendlichen lyrischen Sopran, dem man das junge Mädchen sowohl stimmlich, als auch darstellerisch sehr gut abnimmt. In ihrer berühmten Arie des zweiten Aktes, "Lascia ch'io pianga", macht sie sehr deutlich, wie die damalige Aufführungspraxis der Improvisationen wohl funktioniert haben mag, weil diese Interpretation ganz anders klingt, als man sie von den zahlreichen CD-Einspielungen gewohnt ist. Gashi führt einige überraschende Verzierungen ein, die auf den ersten Blick zwar ungewohnt sind, diese recht bekannte Arie aber in einem völlig neuen Licht scheinen lassen. Auch Wolf Matthias Friedrich als Argante, Yong Don Park als Mago sowie Ji-Hyun An und Kathleen Parker als Sirenen wissen, stimmlich im vollem Maße zu überzeugen. Armida (Simone Kermes) und Argante (Wolf Matthias Friedrich) konvertieren nach ihrer Niederlage zum christlichen Glauben. Die Stars des Abends aber sind Patricia Bardon in der Titelpartie und natürlich Simone Kermes als Armida. Mit sehr beweglichem Mezzosopran und großartigen Koloraturen feuert Patricia Bardon gleich im ersten Akt mit den drei Arien "Cara sposa", "Cor ingrato" und "Venti turbini" ein regelrechtes Barock-Feuerwerk ab, was deutlich macht, wieso dieses Werk Händels seine anderen Opern in den Schatten stellt. Dabei changiert Bardon glänzend zwischen innigen leidenden Gefühlen bei den ersten beiden Arien und frischem Tatendrang in der dritten Arie. Auch ihre berühmte Siegesarie im dritten Akt, "Or la tromba suon festante", gelingt ihr mit sehr flexibler Stimme, wobei es schade ist, dass die Trompeten an dieser Stelle etwas ungenau spielen und damit die Faszination dieser Arie ein wenig dämpfen. Simone Kermes begeistert sowohl darstellerisch, als auch stimmlich. Nachdem Rinaldo im zweiten Akt ihren Verführungskünsten nicht erlegen ist, präsentiert sie mit schier unglaublichen Koloraturen in der Arie "Ah crudel" ihre ganze Wut und entfacht damit im Publikum einen stürmischen Szenenapplaus, den de Marchi nun nicht mehr unterbinden kann. Doch Kermes ist nicht mehr zu halten. Nachdem Armida erkennen muss, dass auch Argante in Almirena verliebt ist, schwört sie in der grandiosen Arie "Vo' far guerra" allen Rache und legt sich sogar mit dem Cembalisten an, der es, was zu Händels Zeit ein absoluter Tabubruch war, der Sopranistin die zu singende Kadenz raubt, indem er sie übernimmt. Kermes' gespieltes Entsetzen einer Primadonna über das Gebaren dieses Cembalisten ist ganz große Komik auf der Opernbühne, die vom Publikum entsprechend frenetisch gefeiert wird. Und nach diesem grandiosen Abgang begab sich Simone Kermes nicht in die Garderobe zur Vorbereitung auf den dritten Akt, sondern gab freudestrahlend Autogramme im Opernfoyer. So wurde dieser Premierenabend zu einem rundum großartigen Erfolg. Das Regiekonzept fand, auch wenn es einer gewissen Konsequenz nicht entbehrte, aber nicht bei allen Zuschauern Anklang, so dass das Regieteam zahlreiche Buhrufe über sich ergehen lassen musste
Musikalisch ein großartiges Opernerlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Dramaturgie
Solisten*Besetzung der Premiere
Goffredo
Almirena
Rinaldo
Eustazio
Argante
Armida
Mago
Araldo 2 Sirenen Ein Diener
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- Fine -