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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Menschen aus Fleisch und Blut statt antiker MonsterVon Thomas Tillmann / Fotos: stellt der Fotograf uns nicht zur VerfügungBei ihrer Neuinszenierung der Elektra wollte Gabriele Rech offenbar keine monumentale antike Tragödie auf die Bühne bringen, sondern eher Menschen aus Fleisch und Blut, die durch diverse Familientragödien zerrüttet sind und nicht voneinander loskommen (man vergisst angesichts Elektras dominanter Sicht der Dinge, dass Klytämnestra ja nicht aus Lust und Laune den Gatten erschlägt, sondern weil sie den vermeintlichen Tod ihrer Tochter Iphigenie rächen will, die der Vater für guten Wind Richtung Troja zu opfern bereit war). Sie tragen zeitlich eher ins letzte oder in unser Jahrhundert weisende, in der Mehrheit entweder unauffällige, im Falle der drei Damen leider ziemlich unvorteilhafte Abendgarderobe von Tobias Hoheisel und leben in einem eleganten geschlossenen Raum, dessen untere Ebene Elektra im Wesentlichen auf einer edlen schwarzen Ledersitzgruppe liegend bewohnt, unter der sie den Leichnam des Vaters aufbewahrt, den sie in entscheidenden Momenten hervorholt (die Frage, ob er nicht längst verwest sein müsste, wurde intensiv diskutiert, ich empfinde sie freilich als ziemlich nebensächlich, denn für Elektra und letztlich auch für die übrigen Familienmitglieder ist Agamemnon ja nach wie vor sehr, vielleicht zu sehr präsent, und auf diesen Umstand weist die Regisseurin so hin). Im hinteren Teil von Matthias Schaller ist eine Rampe installiert, an der unten von Anfang an die Leichname vorwiegend junger Männer liegen - Diener oder Gäste vielleicht, die die Hausherrin stellvertretend für den Sohn, der außer Hause lebt, hat töten lassen - und an der jegliche Fluchtversuche scheitern. Die Verbindung zu den übrigen Gemächern stellt ein beleuchteter Aufzug her, den die Haustechnik in der besuchten Vorstellung nicht im Griff hatte, denn Klytämnestra etwa war nicht rechtzeitig zu ihrem Auftritt auf der Brücke, von der aus sie ihre Tochter zunächst argwöhnisch beobachtet. So sehr man das Bemühen schätzt, das Stück näher in unsere Zeit zu verlegen und dem Zuschauer damit größere Identifikationsmöglichkeiten zu eröffnen - so deute ich auch Rechs Einfall, die Mägde von Sitzen im Parkett aufstehen und ihren Weg auf die Bühne finden zu lassen, auch Orest tritt durch den Zuschauerraum auf -, so sehr man sich freut, dass hier keine Monster auf der Bühne agieren, sondern wirkliche Menschen in sehr natürlich wirkenden Bewegungen und Interaktionen (die Damen gehen sich etwa in mehreren Szenen an den Hals, "erdrücken" sich praktisch in dem hermetisch abgeriegelten "Raum", dem sie nicht entfliehen können), so wenig vermag dieser Abend mich wirklich zu packen, anders als manche kontroversere Produktion der letzten Jahre. Dabei ist wenig falsch an Gabriele Rechs unaufgeregter, zurückhaltend-ruhiger, auf blinden Aktionismus ebenso wie auf allzu kopflastige, psychologisierende Verrätselung verzichtender Erzählweise, die eine intensive Auseinandersetzung mit Musik und Text erkennen lässt. Insofern ist auch der etwas vordergründig wirkende Schluss durchaus gerechtfertigt, namentlich das Abschlachten der Diener und Mägde auf der Bühne, der reichliche Einsatz von Theaterblut, der freilich immer etwas lächerlich anmutet. Elektra selber liefert am Ende, nachdem sie lange vergeblich versucht hat, überhaupt wieder auf die Beine zu kommen, keineswegs einen bemühten Tanz ab, sondern steht wie erstarrt am Bühnenrand, einige Meter von ihr bleibt Chrysothemis zurück, während Orest wie in Trance das Weite sucht. Bei ihrem ersten Solovorhang trägt Elektra das gleiche rote Kreuz auf dem Gesicht, das zu Beginn des Abends das Gesicht der vierten Magd zierte - wir ahnen, dass Gabriele Rech nur Chrysothemis eine wirkliche Chance einräumt, irgendwann zu einem "normalen" Leben zu finden. Man hatte einiges gehört über Catherine Foster, die seit einigen Jahren in Weimar engagiert ist und sich dort sehr behutsam vom lyrischen zum hochdramatischen Sopran hin entwickelt hat und mittlerweile kaum noch als Geheimtipp bezeichnet werden kann. Und in der Tat ist man begeistert von dieser ausladenden, kraftvollen, belastbaren, dabei enorm gesund und nie angestrengt klingenden Stimme, die mühelos den Raum füllt und keine Grenzen zu kennen scheint und dennoch immens zarte Piani auszuführen nach wie vor in der Lage ist, auch im späteren Verlauf des Abends. Man freut sich über herrliche Legatobögen, über die souveräne Phrasierung, den klugen Aufbau von Steigerungen, über wirklich imposante, triumphale, stets runde Spitzentöne, wie man sie selten hört. Und vor allem gibt es keine unmotivierte Kraftmeierei, kein pseudoexpressives Gekeife, keinen Sprechgesang und kein Übertreiben, um von stimmlicher Überforderung abzulenken. Freilich ist die Engländerin das eine oder andere Mal noch sehr mit der Bewältigung des deutschen Textes befasst, was eine intensivere Interpretation über das reine Singen hinaus bisher noch verhindert, da gibt es noch kleinere Schwächen aufzuarbeiten, und auch darstellerisch könnte da manches noch dichter werden. Dalia Schaechter hat größere Fans als den Rezensenten, aber mit der Klytämnestra hat sie eine Rolle gefunden, die ihren vokalen Möglichkeiten trotz begrenzter Mittel in der Tiefe noch am ehesten entgegenkommt (ich gebe zu, dass ich die Wiederaufnahme des Macbeth, in der sie die Lady singen sollte, sehr bewusst nicht besucht habe), wobei auch ihr ein intensiveres Studium des Hofmannsthalschen Textes nicht geschadet hätte. So (angenehm) zurückhaltend sie sich musikalisch der Partie näherte und teilweise erfreulich verinnerlicht gestaltete, so outriert fand ich manches mimische und gestische Bemühen, aber insgesamt kann man doch von einem gelungenen Rollenportrait sprechen. Dies gilt in noch größerem Maße für Edith Haller, von deren höchst erfolgreicher Bayreuther Sieglinde man gehört hatte (man sieht, dass die Oper Köln keine Kosten gescheut hat, ein erstklassiges Ensemble zu engagieren) und die als blond gelockte, in kontrastierendem Weiß auftretende Chrysothemis mit den absolut ungefährdeten, kraftvoll durchschlagenden Spitzentönen ihres strahlenden, sehr weiblichen, jubelnden jugendlich-dramatischen Soprans uneingeschränkt punkten konnte und auch darstellerisch keine Wünsche offen ließ als üppige, etwas naive Schwester. Bemerkenswert auch, dass die Stimmen der beiden Sängerinnen wirklich ein wenig wie die von Schwestern klangen, ohne dass je die Gefahr bestand, sie zu verwechseln. Samuel Youn sang mit herrlich majestätischem Bassbariton, der sich wie eine mächtige Klangsäule auftat, einen sehr ernsthaften, zurückhaltenden Orest, René Kollo ließ als enorm textverständlicher Aegisth eine weitgehend intakte, riesige, dunkler als erinnert klingende Stimme ertönen, die angenehm an seine großen Erfolge im Heldentenorfach erinnerte. Unter den Interpreten der kleineren Partien seien Martin Koch mit etwas grellem Tenor als junger Diener und Csilla Csövári als vierte Magd hervorgehoben, bei deren bemerkenswerten Tönen man sich fragte, ob sie in einigen Jahren nicht auch eine gute Chrysothemis wird singen können. Es ist kein Geheimnis, dass Martin Stenz mich in den letzten Jahren mit seinen Deutungen besonders der Werke Richard Wagners nicht wirklich hat überzeugen können - vielleicht liegt ihm Richard Strauss einfach besser? Besonders zu würdigen ist, dass er erfreulich viel Rücksicht auf das Bühnenpersonal nahm und sich nicht auf exorbitanten Lärm aus dem Graben versteifte (und das ohne das Stück auch nur ansatzweise "weichzuspülen"), sondern eher nach immer neuen Farben und Effekten in der Partitur suchte, an manchen Stellen eine beinahe geheimnisvolle Atmosphäre zu schaffen verstand, und nicht auf aggressive Rhythmik setzte oder bemüht aufzuzeigen versuchte, wie "modern" dieses Werk doch war, als es 1909, also vor gut hundert Jahren, in Dresden uraufgeführt wurde.
Kein perfekter, aber vor allem aufgrund der Leistungen der Soprane und des Orchesters ein großer Abend, den mancher als wichtigen Schritt auf dem Wege der Kölner Oper zurück in die erste Liga der deutschen Opernhäuser werten mag. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Dramaturgie
Chor
Solisten
Klytämnestra
Elektra
Chrysothemis
Aegisth
Orest
Der Pfleger des Orest
Die Vertraute
Die Schleppträgerin
Ein junger Diener
Ein alter Diener
Die Aufseherin
1. Magd
2. Magd
3. Magd
4. Magd
5. Magd
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- Fine -