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Molière

Ballettabend in zwei Teilen von Ricardo Fernando
 

Le disperazioni del Signor  Pulcinella

Tanzschauspiel von Hans Werner Henze (Neufassung 1995)

 

Jean Baptiste

Musik von Richard Strauss, Jean-Baptiste Lully, Darius Milhaud und Christoph Willibald Gluck

Aufführungsdauer: ca. 1 h 45' (eine Pause)

Premiere im Theater Hagen am 24. September 2010
(rezensierte Aufführung: 03.12.2010)


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Theater Hagen
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Molière und die Musik

Von Thomas Molke / Fotos von Foto Kühle (Rechte Theater Hagen)

Dass Molières Komödien eng mit dem Ballett verbunden sind, ist einem Großteil des Publikums heutzutage sicherlich nicht mehr bewusst, Recht selten sind die Versuche, wie in der letzten Spielzeit im Theater Aachen mit Der eingebildete Kranke und vor einigen Jahren in Liège mit Le Bourgeois gentilhomme, die Stücke in ihrer ursprünglichen Form als Comédie-ballet dem Zuschauer wieder zugänglich zu machen. Da auch Hans Werner Henze in Anlehnung an diese Tradition ein Tanzschauspiel, das auf Molières Komödie Georges Dandin ou le Mari confondu basiert, komponiert hat, kreiert Hagens Ballettchef Ricardo Fernando einen zweiteiligen Ballettabend über den wohl größten französischen Dichter, leistet dabei einerseits mit dem ersten Teil einen Beitrag zum Henze-Jahr und erinnert andererseits mit dem zweiten Teil an die enge Zusammenarbeit Molières mit seinem Namensvetter Jean-Baptiste Lully, dem großen Hofkomponisten von Ludwig XIV. Da der Tanz im Mittelpunkt stehen soll, wird im ersten Teil auf den von Henze eigentlich vorgesehenen Gesang verzichtet. Im zweiten Teil werden nur einzelne Szenen aus Molières Komödien Der Bürger als Edelmann, Der eingebildete Kranke und Dom Juan zur Musik von Lully, Richard Strauss, Darius Milhaud und Gluck präsentiert.

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Herr Pulcinella (Andre Baeta, vorn kniend) wird von der Gesellschaft (von links nach rechts: Fortunella (Yoko Furihata), Herr Bellavista (Leszek Januszewski), Frau Bellavista (Giulia Fabris), Smeraldine (Hayley Macri), Lupino (Marcelo Moraes) und Ermanno (Matthew Williams)) ausgegrenzt.

Henzes Tanzschauspiel Le disperazioni del Signor Pulcinella geht zurück auf ein am 30. Dezember 1950 in Wiesbaden uraufgeführtes Ballett unter dem Titel Jack Pudding, wobei die Musik ursprünglich für eine Georges Dandin - Inszenierung in Konstanz vorgesehen war, die aber nie stattfand. Erst 1995 revidierte Henze die Musik und wandelte das ursprüngliche Ballett in eine Comedia di balletto con canto um, wobei die Molièresche Handlung nach Neapel verlegt wurde und aus Georges Dandin der Signor Pulcinella wurde. Auch die übrigen Namen wurden der Tradition der commedia dell'arte entsprechend angepasst. Dabei ist Pulcinella (Andre Baeta) mit Smeraldine (Hayley Macri) verheiratet. Bei Molière heißt die junge Dame Angélique, die Tochter eines verarmten Adeligen, die ihrem Mann Dandin durch zahlreiche Liebschaften ständig Hörner aufsetzt. Schon in der Eröffnungssequenz wird deutlich, dass Pulcinella nicht richtig in diese Gesellschaft passt. In den Tanz des Volkes auf den Straßen Neapels kann er sich nicht richtig hineinfinden. Er bleibt mit seinem Tanz in der Regel allein. Auch ein angedeutetes Pas de deux mit Smeraldine ist nur von kurzer Dauer, bevor sie ihm schon wieder davonläuft. Schon tritt auch der Nebenbuhler Lupino (Marcelo Moraes) auf. Marcelo Moraes karikiert mit seinen marinierten Bewegungen einen arroganten Adeligen, der jedoch trotz seiner eigentlichen Lächerlichkeit Pulcinella überlegen bleibt und Smeraldines Herz gewinnen kann. Pulcinella entdeckt die beiden in flagranti, zeigt den Beweis sogar ihren Eltern (Leszek Januszewski und Noemi Martone) an, erntet aber von allen nur Spott und Gelächter. Erst jetzt entfernt sich die Handlung von der Molièreschen Vorlage. Pulcinella denkt in seiner Verzweiflung an Selbstmord. Er will sich erhängen. Sehr beeindruckend sind in diesem Moment die Lichteffekte, die den Strick durch den Theaterprospekt hindurchscheinen lassen und ihm den einzigen Ausweg weisen. Pulcinella hängt sich auf, doch der Strick reißt. Reglos bleibt er auf dem Boden liegen, bis er von einer Gruppe junger Mädchen gefunden wird. Ein Mädchen mit dem sprechenden Namen Speranzina (Hoffnung) vermag es, ihm neuen Lebensmut zu geben und die Beleidigungen seiner Gattin und der Gesellschaft zu vergessen. Mit ihr will er ein neues Leben beginnen.

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Herr Pulcinella (Andre Baeta) will sich das Leben nehmen.

Andre Baeta gibt den Herrn Pulcinella innerlich sehr zerrissen. Häufig wälzt er sich zu der Musik auf dem Boden und deutet durch zahlreiche Verrenkungen an, dass er nicht in diese Gesellschaft passt. Im Gegensatz zu Molières Dandin hat er sehr starke tragische Züge, wenn er mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen. Dass er dann das Glück am Ende an der Seite eines jungen Mädchens findet, mag seine Verzweiflung wahrscheinlich nicht ganz bannen, da Speranzina sicherlich noch zu jung ist, um ein dauerhaftes Glück zu garantieren. Wahrscheinlich wird sie später wie Smeraldine ihm Hörner aufsetzen. Hayley Macri interpretiert Smeraldine sehr gerissen. So versteht sie es, mit grazilem Tanz und anmutigen Bewegungen, vor Pulcinella stets die Unschuldige zu spielen, schreckt dabei aber keineswegs davor zurück, ihren Gatten mit Lupino zu betrügen. Marcelo Moraes macht schon optisch durch seinen feinen langen Frack deutlich, dass er Pulcinella überlegen ist. So trennen auch die Kostüme von Peer Palmowski Pulcinella stark von der übrigen Gesellschaft. Als Bühnenbild fungiert ein Theaterprospekt, auf den Bilder projiziert werden, so dass den Tänzern sehr viel Raum für den modernen Bewegungstanz gelassen werden. Die Bilder sind einerseits von Neapel inspiriert, wenn sie enge italienische Gassen offenbaren, zeigen andererseits aber auch einen sterilen Saal, in dem sich die Gesellschaft zum vornehmen Tanz bewegt. In den Straßen ist der Tanz dann etwas wilder und weniger mariniert. Michael Albert holt mit dem Orchester Hagen die unterschiedlichen Klangfarben der Henze-Partitur aus dem Graben, so dass der erste Teil des Ballettabends eine sehr schlüssige abgerundete Einheit bildet.

Der zweite Teil beginnt dann mit der Musik von Richard Strauss zu Der Bürger als Edelmann. Molière (Marcelo Moraes) und Lully (Shaw Coleman) treten zusammen mit Louis XIV (Vladimir de Freitas) in sehr aufwendigen Kostümen auf. Der Dichter und der Komponist wollen dem König eine Kostprobe ihres Schaffens präsentieren. Dazu befindet sich im Hintergrund ein riesiges Buch auf der Bühne, das die Werke Molières enthält und dem dann je nach Seite die  Protagonisten des jeweiligen Stücks entschlüpfen. Molière, Lully und Louis XIV greifen mal in die Handlung ein, mal sitzen sie rechts und links am Bühnenrand und beobachten das Treiben ihrer Figuren, wobei Lully die Werke mit seinem zwei Meter langen Taktstock in der Regel mitdirigiert. Zu beobachten ist, dass Lully und der König auf der einen Seite sitzen und Molière sich allein auf  der anderen Seite befindet, was Lullys größere Nähe zum Sonnenkönig ausdrücken könnte. Beim Tanz verschwimmen diese Grenzen jedoch.

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M. Jourdain (Leszek Januszewski, Mitte vorne) fühlt sich als Paladin und gibt vor seiner Frau (Noemi Martone, vorne) an. Cleante (Malthe Clemens, links) gibt sich der Geliebten Lucile (Yoko Furihata) zu erkennen (Im Hintergrund von links: Dorante (Andre Baeta), Molière (Marcelo Moraes), Lully (Shaw Coleman) und Louis XIV (Vladimir de Freitas)).

Molière öffnet das Buch zur ersten Geschichte: Der Bürger als Edelmann. Dieses 1670 uraufgeführte Werk stellt den Höhe- und Endpunkt der Zusammenarbeit zwischen Molière und Lully dar, weswegen Ricardo Fernando für diesen Teil Auszüge aus Lullys Ballettmusik zu diesem Werk gewählt hat. Den Seiten entschlüpft ein etwas behäbiger Bürger M. Jourdain (Leszek Januszewski), dem die Rolle als Edelmann nicht so richtig zu passen scheint. Wie Leszek Januszewski geckenhaft über die Bühne schreitet, zeigt großes komödiantisches Talent. Verzweifelt versuchen, Molière als Fechtmeister, Lully als Musikmeister und selbst der König als Tanzmeister diesen Bürger für die Welt der Edelleute fit zu machen. Doch es bleibt ein Fiasko mit vielen Blessuren und reichlich Komik und Spaß für den Zuschauer. Die Einlagen der Tänzer erinnern an gekonnte Slapstickeinlagen aus alten Filmen. Dann wird in groben Zügen die Handlung des Stückes erzählt: Cleante (Malte Clemens) liebt Jourdains Tochter Lucile (Yoko Furihata). Doch Jourdain verweigert seine Zustimmung. Daraufhin verkleidet sich Cleante als türkischer Prinz und kann so Jourdain hereinlegen und Lucile ehelichen.

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Argan (Matthew Williams, auf dem Bett) inmitten seiner vier Krankenschwestern (Ballettensemble) (rechts: Molière (Marcelo Moraes), Louis XIV (Vladimir de Freitas) und Lully (Shaw Coleman)).

Das Buch wird zur zweiten Geschichte umgeblättert: Der eingebildete Kranke. Argan (Matthew Williams im langen weißen Nachthemd und mit weißer Schlafmütze) erscheint mit einem riesigen Fieberthermometer im Mund, dass er ständig reibt, weil er doch meint, krank sein zu müssen. Es erscheinen vier Krankenschwestern mit einem Krankenbett, in dem sie ihn über die Bühne fahren, mit Spritzen verarzten oder seine Reaktionen mit einem Hämmerchen testen. Dies alles geschieht zur Filmmusik Scaramouche von Darius Milhaud, die leichte Jazz-Anklänge aufweist und weder zu Molière noch Lully in irgendeinem Zusammenhang steht. Das Szenarium ist zwar witzig anzusehen, zumal Matthew Williams einen grandiosen Hypochonder mimt, wirkt aber im Anschluss an die vorherige Sequenz ein wenig beliebig. Das empfindet wohl auch Molière, wenn er fragend zum Himmel blickt, der König, wenn er sich ob dieser ungewohnten Klänge die Ohren zuhält, und Lully, wenn er  schmerzverzerrt seinen Fuß reibt.

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Dom Juan (Leszek Januszewski, vorne liegend) wird für seine Missetaten bestraft (direkt vor ihm von links: Molière (Marcelo Moraes) und Louis XIV (Vladimir de Freitas), im Hintergrund: Ballettensemble).

Die dritte Geschichte wird dann wieder etwas ausführlicher erzählt: Dom Juan. In verführerischem Rot entschlüpft Dom Juan (Leszek Januszewsi) den Seiten des Buches und wird umringt von zahlreichen Frauen und Männern auf roten Hockern. Die Frauen tragen grüne Korsagen und werden von ihm umgarnt, während die Männer in Schwarz verständnislos diesem Treiben zusehen. Riccardo Fernando verwendet dafür in Auswahl die Musik von Christoph Willibald Glucks Don Juan. Dieses Ballett ist zwar vier Jahre älter als Molières Komödie und gehört ursprünglich zu einer anderen Bearbeitung des Stückes, hat aber dennoch einen engen Bezug zu Molières Werk. In weißem Kleid erscheint Elvire (Carla Silva), die von Dom Juan aus dem Kloster entführt, geheiratet und dann verlassen wird. Es folgt abschließend zum Allegro non troppo, was auch Gluck auch für die Oper Orfeo ed Euridice als Tanz der Furien  verwendet hat, Dom Juans Ende. Sehr eindrucksvoll wird Dom Juan von den Geistern des Komturs in die Tiefe gezogen. Diese Szene gestaltet das Ballettensemble mit Hilfe der roten Hocker sehr eindringlich. Beim Orchester wäre an dieser Stelle ein bisschen mehr Präzision zu wünschen gewesen.

So endet zu den furiosen Klängen ein sehr abwechslungsreicher Ballettabend, der einen großen musikalischen Bogen vom 17. Jahrhundert bis zum 20. Jahrhundert spannt und so zahlreiche Bearbeitungen von Molières Werken in einer sehr amüsanten Choreographie des Ballettchefs mit einem gewohnt spielfreudigen Ensemble präsentiert, mit großem Beifall des Publikums für alle Beteiligten. Ungewohnt war lediglich, dass Ricardo Fernando beim Schlussapplaus nicht mit seinem Ensemble zur Verbeugung vor den Vorhang trat, was an sich auch in Hagen bei den Folgevorstellungen vom Publikum schon erwartet wird..


FAZIT

Hier kommen sowohl die Henze-Fans, als auch die Anhänger barocker Klänge auf ihre Kosten. Ricardo Fernando vermag es erneut, pure Lebensfreude auf die Bühne zu bringen und das Publikum mit fantasiereichen Choreographien in seinen Bann zu ziehen.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michael Albert (3.12.2010)

Inszenierung und Choreographie
Ricardo Fernando

Ausstattung
Peer Palmowski

Dramaturgie
Maria Hilchenbach


 

Ballett Hagen

Eleven der Ballettschule Ivancic

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

*Besetzung der rezensierten Aufführung

Le disperazioni del Pulcinella

Herr Pulcinella
*Andre Baeta / Shaw Coleman /
 Matthew Williams

Smeraldine, seine Frau
*Hayley Macri /
 Carolinne de Oliveira

Herr Bellavista, deren Vater
*Leszek Januszewski /
 Matthew Williams

Frau Bellavista, deren Mutter
Giulia Fabris / *Noemi Martone

Salvatore Lupino, ein Kavalier
*Marcelo Moraes /
 Malthe Clemens

Ermanno, ein Postbote
*Matthew Williams /
 Shaw Coleman / Andre Baeta

Fortunella, seine Verlobte
*Yoko Furihata /
 Clémentine Herveux

Speranzina
Sophie Hahn / Neele Dresel

Eilige Leute
Ballettensemble Hagen

Kinder
Eleven der Ballettschule Ivancic

Jean-Baptiste

Jean-Baptiste Molière
*Marcelo Moraes /
 Leszek Januszewski

Louis XIV
*Vladimir de Freitas /
 Malthe Clemens

Jean-Baptiste Lully
*Shaw Coleman /
 Matthew Williams /
 Andre Baeta

M. Jourdain
*Leszek Januszewski /
 Marcelo Moraes

Mme. Jourdain
*Noemi Martone / Giulia Fabris

Lucile
*Yoko Furihata /
 Carolinne de Oliveira

Cleante
*Malthe Clemens /
 Vladimir de Freitas

Nicole
*Hayley Macri /
 Clémentine Herveux

Dorante
*Andre Baeta / Shaw Coleman

Argan
*Matthew Williams / Andre Baeta

Krankenschwestern
Ballettensemble Hagen

Dom Juan
*Leszek Januszewski /
 Vladimir de Freitas

Elvire
*Carla Silva / Yoko Furihata

Frauen und Männer
Ballettensemble Hagen

 

 

 

 

 

 


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