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dance in motion

Ballettabend in drei Teilen von Ricardo Fernando
 

motion (Uraufführung)

Musik von Motion Trio

 

Der wunderbare Mandarin

Tanzpantomime in einem Akt, Musik von Béla Bartók

Fluss de Lebens

Musik von Philip Glass

 

Aufführungsdauer: ca. 2 h 10' (zwei Pausen)

Premiere im Theater Hagen am 7. Mai 2011


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
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Alles fließt

Von Thomas Molke / Fotos von Foto Kühle

Aller guten Dinge sind drei. Nach diesem Motto hat Ballettdirektor Ricardo Fernando nicht nur insgesamt drei große Ballettabende für diese Spielzeit zusammengestellt, sondern nach dem überaus erfolgreichen drei-mal-tanz erneut einen dreiteiligen Ballettabend präsentiert. Während er bei drei-mal-tanz seine Compagnie mit drei Gastchoreographen neue Wege gehen ließ, zeichnet er für die drei Choreographien in dance in motion selbst verantwortlich. Dabei sind die drei Teile stilistisch und musikalisch sehr unterschiedlich und nicht einem gemeinsamen Thema zugeordnet, wobei allerdings auffällt, dass das Handlungsballett Der wunderbare Mandarin von zwei Arbeiten eingerahmt wird, die keinen festen Handlungsstrang erzählen, sondern bei denen die Bewegungen mit der Musik zu einer Einheit verschmelzen.

Der Abend beginnt mit der Uraufführung motion, einem Ballett, das Fernando zur Musik dreier polnischer Akkordeonspieler inszeniert hat, die sich 1996 zum "Motion Trio" zusammengeschlossen haben und seitdem mit ihren außergewöhnlichen Akkordeonkompositionen, die von Techno bis Klassik reichen, zahlreiche Preise gewonnen haben. Fernando hatte sie vor zwei Jahren kennengelernt und sofort den Wunsch entwickelt, ihre Musik in Tanz umzusetzen. Aus den mittlerweile fünf erschienen CDs des Trios hat der Ballettdirektor für motion insgesamt sechs Stücke ausgewählt, die er von seiner Compagnie vertanzen lässt. Dazu hat Jan Bammes ein überdimensionales Akkordeon auf den hinteren Teil der Bühne gestellt, dessen Balg die Tänzerinnen und Tänzer beim ersten Musikstück "Yellow Trabant" entsteigen und die Akkordeonklänge in Bewegung umsetzen. Auf den Balg werden dabei von Achim Köster in einer sehr schnellen Abfolge Bilder einer Großstadt projiziert.

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motion: Ensemble bei "Silence" mit Mehrfachreflexion auf dem Balg des Akkordeons.

Im zweiten Stück "Wedding Tango" geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, wenn Giulia Fabris, Clémentine Herveux, Andre Baeta und Vladimir de Freitas, der kurzfristig für den erkrankten Marcelo Moraes eingesprungen ist, in wechselnden Konstellationen tanzen, während auf den Balg Menschenmassen in der Großstadt projiziert werden. Wer hier zu wem gehört, wechselt ständig. Nach diesen beiden doch etwas hektischeren Stücken wird es in der dritten Nummer "Silence" wesentlich ruhiger. Ausgehend von einer Tänzerin wächst die Choreographie je nach Wechsel des musikalischen Motivs allmählich auf bis zu vier Tänzerinnen an, die dann von vier Tänzern ergänzt werden, bis am Ende eine Tänzerin wieder übrig bleibt. Auch in diesem Stück ist der Einsatz des Lichtes grandios, zumal mit Hilfe von Kameras die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer aus der Vogelperspektive auch noch auf den Balg des Akkordeons projiziert werden. Großartig ist auch die Mehrfachreflexion der Tänzer im Spiegel, welche den Balg bis ins Unermessliche laufen lässt. Bedrückend wird es, wenn die Leiste mit den Scheinwerfern langsam herabgelassen wird und die Tänzer gewissermaßen auf den Boden drückt.

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motion: Ensemble bei "Train to Heaven".

Das vierte Stück "Pageant" klingt sehr lateinamerikanisch. Andre Baeta, Shaw Coleman, Vladimir de Freitas und Matt Williams bahnen sich mit fordernden Bewegungen ihren Weg durch den Balg des Akkordeons und stellen mit ungeheurem Tempo in sehr kraftvollen Bewegungen männliches Balzverhalten zur Schau. Das fünfte Stück "Train to Heaven" stellt den Höhepunkt des ersten Teils dar. Zehn Tänzerinnen und Tänzer sind wie der auf den Balg projizierte Zug ständig in Bewegung und demonstrieren die Ruhelosigkeit des modernen Menschen in einer schnelllebigen Zeit. Wenn sie sich zu fünf Paaren zusammenschließen, bedrängen sie sich gegenseitig, und statt sich Kraft zu geben, setzen sie sich nur noch mehr unter Druck. Der erste Teil endet mit "Libertin", bei dem das Ensemble erneut dem Balg entsteigt und dem schnellen Rhythmus der Musik bis zum Umfallen folgt.

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Das Mädchen (Carla Silva) verführt den älteren Freier (Leszek Januszewski) (im Hintergrund: die drei Strolche (Matt Williams, Shaw Coleman, Andre Baeta)).

Der zweite Teil des Abends, Der wunderbare Mandarin von Béla Bartók, ist eine Tanzpantomime in einem Akt, die von einem der wichtigsten expressionistischen Schriftstellern Ungarns, Menyhért Lengyel, stammt und die Bartók 1917 in einer Zeitschrift fand und sofort vertonen wollte. Die Uraufführung, die erst 1926 in Köln erfolgte, wurde ein großer Skandal, weil dem Kölner Publikum das Stück als zu anrüchig erschien, so dass der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer das Stück vom Spielplan nahm und es zu Bartóks Lebzeiten nie wieder aufgeführt wurde. Die Geschichte handelt von drei Strolchen, die mit Hilfe eines jungen Mädchens reiche Männer ausrauben wollen. Dazu soll das Mädchen die Männer verführen. Die ersten beiden potentiellen Opfer, ein älterer und ein jüngerer Freier, erweisen sich allerdings als arm und werden deshalb von den drei Strolchen verjagt. Erst der dritte Freier, ein einflussreicher Mandarin, scheint ein passendes Opfer zu sein. Doch der Versuch, ihn mit einem Kopfkissen zu ersticken misslingt. Selbst als die Strolche ihn mit Dolchen erstechen, erhebt sich der Mandarin nach einer kurzen Weile wieder. Als auch der dritte Versuch, ihn mit dem Gürtel zu erhängen, scheitert, hat das Mädchen Mitleid mit dem Mandarin und ist bereit, sich ihm hinzugeben. Aufgrund dieses Mitgefühls ist der Mandarin endlich in der Lage zu sterben.

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Das Mädchen (Carla Silva) und der Mandarin (Vladimir de Freitas).

Jan Bammes hat diese Parabel des 20. Jahrhunderts ins Rotlichtviertel von Amsterdam verlegt. Die Handlung findet hinter einer riesigen Fensterfront statt. Carla Silva spielt die verschiedenen Facetten des Mädchens sehr expressiv zwischen lasziver Verführerin mit Silikonkissen und blonder Löwenmähne einerseits und sehr verletzlichem und empfindsamem Mädchen andererseits. Auch Leszek Januszewski als lüsterner älterer Freier und Alexander Käss als sehr schüchterner jüngerer Freier überzeugen in vollem Maße. Andre Baeta, Shaw Coleman und Matt Williams geben drei herz- und seelenlose Freier, denen man im Dunkeln gewiss nicht begegnen möchte. Die Rolle des Mandarins übernahm Vladimir de Freitas sehr kurzfristig für den erkrankten Marcelo Moraes. Mit welcher Mimik und Gestik er diesen Mandarin darstellt, der gewissermaßen wie der personifizierte Tod nicht von dieser Welt zu sein scheint und daher von den Strolchen auch nicht überwunden werden kann, löst beim Publikum regelrechte Begeisterungsstürme aus. Man muss Bartóks Musik nicht mögen, aber die Geschichte wird von ihr hervorragend erzählt und von den Solisten grandios umgesetzt.

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Fluss des Lebens: Ensemble im Wasser.

Mit dem letzten Teil des Abends, Fluss des Lebens, hat sich Ricardo Fernando einen Traum erfüllt, ein Stück im Wasser zu choreographieren. Als Musik hat er dazu das Tirol Concerto for piano and orchestra Movement II von Philip Glass ausgewählt, welches beim Klangspurenfestival 2000 in Tirol seine Uraufführung hatte. Zu dieser verspielt-leichten Musik bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer in silbern glänzenden Kostümen auf einer leicht gefluteten Bühne. Ihre Bewegungen sind dabei so fließend wie das Wasser, welches sie aufwirbeln. Großartig ist hierbei auch wieder die Videoprojektion von Achim Köster, die das Wasser auch noch auf der Rückwand sprudeln und schimmern lässt. Je nach Lichteinfall regnet es auch noch vom Bühnenhimmel, so dass ein Bild entsteht, welches einfach nur entspannend und ästhetisch schön ist. So gibt es auch nach diesem kürzesten Teil des Abends stehende Ovationen für ein ambitioniertes Ensemble, das gerade bei der letzten Choreographie sichtlichen Spaß zu haben scheint, wenn es sich beim Schlussapplaus in das Wasser wirft und es somit fast bis in den Zuschauerraum spritzt. Großen Applaus gibt es auch für Ricardo Fernando, der mit seinem Team erneut bewiesen hat, welchen Stellenwert das Ballett für das Theater Hagen hat. Schade nur, dass bei der Premiere zumindest im Parkett einige Plätze frei blieben. Solch eine fantasievolle Vorstellung hätte ein ausverkauftes Haus verdient. Aber es gibt ja noch ein paar Aufführungen.


FAZIT

Hier kommen sowohl die Freunde des Handlungsballetts, als auch die Anhänger des modernen Ausdruckstanzes auf ihre Kosten. Ricardo Fernando hat wieder einen großen Wurf gelandet.



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Produktionsteam

Choreographie und Inszenierung
Ricardo Fernando

Ausstattung
Jan Bammes

Beleuchtung & Video
Achim Köster

Dramaturgie
Maria Hilchenbach

motion

Tänzerinnen und Tänzer

Giulia Fabris
Yoko Furihata
Clémentine Herveux
Hayley Macri
Noemi Martone
Eunji Yang
Andre Baeta
Shaw Coleman
Vladimir de Freitas
Leszek Januszewski
Alexander Käss
Marcelo Moraes
Matt Williams

 

Der wunderbare Mandarin

Tänzerinnen und Tänzer

*Besetzung der Premiere

Der Mandarin

*Vladimir de Freitas /
Marcelo Moraes

Das Mädchen
Carla Silva

Älterer Freier
Leszek Januszewski

Jüngerer Freier
*Alexander Käss /
Shaw Coleman

Drei Strolche
Andre Baeta
*Shaw Coleman /
Vladimir de Freitas
Matt Williams

Passanten
Ensemble des balletthagen

 

Fluss des Lebens

Tänzerinnen und Tänzer

Ensemble des balletthagen


 


Weitere Informationen
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Theater Hagen
(Homepage)




Da capo al Fine

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