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Intolleranza 1960

Azione scenica (szenische Aktion) in due tempi (1961)
nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino
Text und Musik von Luigi Nono

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 20' (keine Pause)


Premiere an der Staatsoper Hannover am 9. September 2010

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Hinter dem Eisernen Vorhang

Von Joachim Lange / Fotos von Thomas M. Jauk / Stage Picture

Vergrößerung in neuem Fenster Hinter dem Eisernen Vorhang

Man könnte sich den Saisonauftakt auch leichter machen, als ausgerechnet mit Luigi Nono. Nachdem die Staatsoper Hannover vor einigen Jahren schon mit Peter Konwtischnys Inszenierung von Nonos Al gran sole Aufsehen erregt hat, beginnt sie jetzt ihre Saison mit Intolleranza 1960. Diese „Azione scenica“, also diese szenische Aktion, des bekennenden italienischen Kommunisten ist ein Stück Musiktheater, das mit einer heute schon erstaunlich wirkenden Ernsthaftigkeit von der direkten gesellschaftlichen Relevanz von Kunst ausgeht und mit Vehemenz an die mobilisierende Wirkung von Musik glaubt. Und an eine kommunistische Perspektive der Geschichte.

Dabei hat Nono – nicht ganz unproblematisch – Grubenunglück, Emigrantenschicksal, Folter-Verhöre, Konzentrationslager im Algerien der 50er Jahre, die Atombombenkatastrophe von Hiroshima und eine finale Katastrophe durch einen Dammbruch miteinander verschränkt. In dieser Szenenfolge behält der moralisch anklagende Gestus allemal die Oberhand gegenüber einer dialektischen Analyse. Das „Gedenkt unserer mit Nachsicht“ aus dem Epilog, zu dem Brechts „An die Nachgeborenen“ den Text liefert, ist da schon der Höhepunkt an Selbsthinterfragung.

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Der Emigrant: Mathias Schulz

Dem im zurückliegenden halben Jahrhundert nach der Uraufführung 1961 im La Fenice in Venedig gewachsenen Misstrauen gegen solche Art von politisierender Kunst versucht vor allem der Regisseur Benedikt von Peter mit einem radikalen szenischen Erneuerungsfuror zu begegnen. Er entfesselt dazu geradezu ungeniert eine Variante von Mitmach- und Betroffenheitstheater. In Hannover wird die Zahl der Zuschauer auf knappe Parkettstärke begrenzt und nur zum Prolog und Epilog auch zwischen die abgedeckten Sitzreihen gebeten. Von dort aus geht es dann direkt mitten auf die Bühne. Es geht dann nämlich für Interpreten und Zuschauer hinter dem geschlossenen Eisernen Vorhang weiter. Zwischen Stühlen, Leitern und Sitzkissen. Wenn man Pech hat, muss man sogar stehen.

Vergrößerung in neuem Fenster Blick in den Zuschauerraum: Die Kälte nach der Katastrophe

Im Übergang zum zweiten Teil, der nach der Katastrophe von Hiroshima spielt, öffnet sich der Eiserne Vorhang wieder für einige Zeit. Jetzt imaginiert ausgerechnet der Zuschauerraum der Oper als Bühnenbild (für das ansonsten Katrin Wittig zuständig ist) eine zum Schweigen gebrachte unwirklich scheinende Natur.

Die Musiker des Orchesters sind auf Unterbühne und Schnürboden, die Choristen und Solisten auf der Bühne verteilt. Dort werden die Zuschauer unters revoltierende Volk gemischt und ansatzweise einbezogen in die episodische Handlung. Der Regisseur gibt damit für seine Inszenierung nicht nur mit der großen ästhetischen Revoluzzergeste den Zuschauerraum und seine Funktion auf, sondern die Grundverabredung des Theaters, dass die einen spielen und die anderen aus der Distanz zuschauen. Was einerseits tatsächlich eine atmosphärische Kraft entfaltet, sich aber andererseits selbst mit der behaupteten Betroffenheit unterläuft. Wenn die Musik und der Gesang dominieren, entfaltet sich die vereinende Kraft eines geschlossenen Raumes. Wenn es naturalistische Versatzstücke gibt, unterläuft sich der Ansatz aber gleichwohl selbst. Insgesamt jedoch zahlt sich der szenische Ehrgeiz aus, selbst noch da, wo die Grenzen von Nonos Stück deutlich werden.

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Überall Aufruhr und wir mittendrin

Musikalisch geht die Rechnung erstaunlich gut auf. Das von Stefan Klingele präzise koordinierte unsichtbare Orchester, der exzellente Chor und die Solisten, vom Emigranten Mathias Schulz und seiner Gefährtin Karen Frankenstein, über Khatuna Mikaberidze, Christopher Tonkin bis hin zu Tobias Schabel und Tatjana Rodenburg, überzeugen durchweg. Am Ende gibt es begeisterten Jubel für alle. Dann doch wieder vom Zuschauerraum aus.


FAZIT

Musikalisch packend geht die Oper Hannover mit dieser Inszenierung von Nonos Intolleranza ein hohes Risiko ein. Die Form, die der Regisseur dafür findet zielt auf Betroffenheit. Auch wenn das nur zum Teil aufgeht, erreicht er zumindest ein anhaltendes Nachdenken über das Stück und diese Art von Theater. Also ziemlich viel.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Klingele

Inszenierung
Benedikt von Peter

Bühne
Katrin Wittig

Kostüme
Geraldine Arnold

Licht
Susanne Reinhardt

Choreinstudierung
Dan Ratiu

Dramaturgie
Sylvia Roth


Statisterie der
Staatsoper Hannover

Chor der Staatsoper Hannover

Niedersächsisches
Staatsorchester Hannover


Solisten

Ein Emigrant
Mathias Schulz

Seine Gefährtin
Karen Frankenstein

Eine Frau
Khatuna Mikaberidze

Ein Algerier
Christopher Tonkin

Ein Gefolterter
Tobias Schabel

Sopran-Solo
Tatjana Rodenburg


Weitere Informationen
erhalten Sie von der


Staatsoper Hannover
(Homepage)





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