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Der Herr
erleuchte unsere Kinder
Von Thomas Molke
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Fotos von Pedro Malinowski
Stolz: Anna II (Noriko Ogawa-Yatake, Mitte) möchte eine Künstlerin sein. Doch die Männer (von links: Michael Dahmen, E. Mark Murphy und Dong-Won Seo) haben andere Vorstellungen (ganz links: Hanna Dóra Sturludóttir). In Weills Die sieben Todsünden mit einem Libretto von Bertolt Brecht erzählt die Protagonistin Anna I von den sieben Jahren, die sie in unterschiedlichen Teilen der USA verbrachte, um für ihre Familie in Louisiana den Hausbau finanzieren zu können. Mit ihrem Alter Ego, Anna II, schafft sie es, sich dem immensen Druck, den einerseits ihre Familie, andererseits die Gesellschaft auf sie ausüben, zu widersetzen. Die sieben Todsünden, mit denen die sieben Stationen ihrer Reise überschrieben werden, werden nicht von ihr, sondern von ihrer Umwelt an ihr begangen, wobei sie es trotz der physischen und psychischen Ausbeutung durch ihre Umwelt schafft, ihr Ziel, das kleine Haus in Louisiana, zu erreichen. Welchen hohen Preis sie dafür jedoch bezahlt, macht die letzte resignierte Äußerung von Anna II, mehr als deutlich. Eigentlich war diese Geschichte als Tanzstück gedacht, die Weill für die neue Ballettkompanie zweier ehemaliger Tänzer der berühmten "Ballets Russes" in Paris komponierte. In Gelsenkirchen hat man trotz einer vorhandenen Ballettsparte auf den Einsatz von Tänzern vollständig verzichtet. Vielleicht scheute man den Vergleich mit dem grandiosen Tanzabend von Pina Bausch, mit dem man vielerorts Die sieben Todsünden heute assoziiert. Anna I (Hanna Dóra Sturludóttir, links) ermahnt Anna II (Noriko Ogawa-Yatake, Mitte) durchzuhalten (rechts hinten: Dong-Won Seo). Stattdessen siedelt Alexander von Pfeil seine Inszenierung in einer modernen Psychotherapiegruppe an. Dabei stellen Michael Dahmen, Dong-Won Seo und Mark Weigel, der für den indisponierten E. Mark Murphy, eingesprungen ist, während Mark Bowman-Hester die Partie von der Seitenbühne einsang, Patienten mit mehr oder weniger deutlichen Neurosen dar, die von Noriko Ogawa-Yatake als freundlicher Arzthelferin mit Medikamenten versorgt werden. Auch Hanna Dóra Sturludóttir gehört wohl als Patientin in diese Therapiegruppe, wobei sie noch den psychisch stärksten Eindruck macht. Kein Wunder also, dass sie im späteren Spiel in die Rolle der Anna I schlüpft. Lars-Oliver Rühl mimt mit stereotypem Lockenkopf den etwas esoterisch angehauchten Therapeuten. Bevor die Ouvertüre beginnt, schreibt jeder Teilnehmer der Gruppentherapie eine Todsünde auf ein großes Plakat, Michael Dahmen als ein sehr überpenibler Patient sogar zwei, damit man die Themen festgelegt hat, die in dieser Gruppensitzung abgehandelt werden sollen. Erst dann platziert Hanna Dóra Sturludóttir ganz im Sinne des epischen Theaters Michael Dahmen als Vater, Dong-Won Seo als Mutter, Mark Weigel als Sohn und die Arzthelferin (Noriko Ogawa-Yatake) als Anna II in einem Familienbild, und die Ouvertüre beginnt. Bei jeder Station der Reise wird die entsprechende Todsünde, die diese Szene betitelt, auf dem beschriebenen Plakat an die Wand geheftet. Surabaya-Johnny: Hanna Dóra Sturludóttir mit dem erschossenen Therapeuten (Lars-Oliver Rühl). überzeugend gerät dabei vor allem das zweite Bild des Stolzes. Während Noriko Ogawa-Yatake in Memphis noch glaubt, mit ihrem Talent als Tänzerin Karriere machen zu können, legen Michael Dahmen, Mark Weigel und Dong-Won Seo Tiermasken an, fallen über Anna her, und machen sehr deutlich, woran die Männer eigentlich interessiert sind. Nur widerwillig kann Anna I ihr Alter Ego überzeugen, diese Demütigungen auszuhalten und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn die Familie sich im dritten Teil aber beschwert, dass Anna zu wenig Geld nach Hause schickt, eskaliert die Szene und Lars-Oliver Rühl unterbricht das Spiel. Erneut sammelt man sich, um im Kreis Gemeinschaftsgefühl zu demonstrieren, bevor man dann an die weiteren Stationen der Reise geht. Dabei wird Anna II immer tiefer in den Strudel der Ausbeutung gezogen, während Anna I durch die Erzählung der Geschichte die Kraft zu schöpfen scheint, diese zu verarbeiten. Dass sich dabei eine Liebesbeziehung zwischen ihr und dem Therapeuten anbahnt, bleibt unausweichlich, was Anna II nicht bereit ist zu akzeptieren. Und so ist auch Noriko Ogawa-Yatake am Ende diejenige, die den Therapeuten erschießt. Anna I hat ihre Psychosen überwunden. Anna II ist ein psychisches Wrack. Die Gruppen-Therapie ist beendet: Hanna Dóra Sturludóttir (Mitte) verlässt mit der Arzthelferin (Noriko Ogawa-Yatake (links) die Sitzung (rechts: Michael Dahmen, hinten: E. Mark Murphy). An dieser Stelle folgt der Übergang zu den Songs aus Happy End. Das Stück ist eigentlich eine Gangster-Komödie in der Tradition der Dreigroschenoper über die kleinen und großen Gauner der Chicagoer Unterwelt, bei denen das "Happy End" im Morast der Unmoral bis zum Hals versinkt. Nach dem Mord an dem Therapeuten singt Noriko Ogawa-Yatake die Ballade von der Höllen-Lilli, der es egal ist, ob sie für ihr Verbrechen in der Hölle schmoren wird. Während dieser Song noch im direkten Zusammenhang zum vorherigen Geschehen steht, scheint die Wahl der folgenden drei Lieder doch recht beliebig, und es lässt sich kein richtiger szenischer Spannungsbogen erkennen. Erst mit dem berühmten "Surabaya-Johnny", das Noriko Ogawa-Yatake zusammen mit Hanna Dóra Sturludóttir singt, wenn Michael Dahmen und Dong-Won Seo als Patienten scheinbar ebenfalls das Zeitliche gesegnet haben und Mark Weigel die Tatwaffe nach Abwischen der Fingerabdrücke in die Hand gelegt wird, bevor die beiden Damen den Raum verlassen, scheint, die Geschichte wieder aufzunehmen. Gesanglich überzeugen die Sängerinnen und Sänger durch sehr präzise Textverständnis. Hanna Dóra Sturludóttir und Noriko Ogawa-Yatake verfügen beide über einen sehr kräftigen und warmen Sopran, der für die Weill'schen Songs allerdings recht gewöhnungsbedürftig ist. Gerade bei "Surabaya-Johnny" hat man sich so an die rauchige Stimme einer Chanteuse à la Gisela May gewöhnt, dass der Satz "Nimm doch die Pfeife aus dem Maul, du Hund" bei klaren Sopranklängen nicht richtig überzeugen kann. Lars-Oliver Rühl gefällt mit sehr durchdringendem Tenor, der die Schärfe und Bosheit der Familie und Umwelt sehr deutlich macht. Das MiR-Jugend-Orchester unter der Leitung von Clemens Jüngling überzeugt durch sehr präzisen Klang und Freude am Spiel, so dass die gelungene und recht professionelle Produktion vom Publikum mit großem Beifall belohnt wird. Schade nur, dass bei der erst zweiten von vier Aufführungen einige Reihen frei blieben. Vielleicht war der Wochentag schuld daran, an der Qualität der Darbietung lag es jedenfalls nicht.
FAZIT Das Musiktheater im Revier hat erneut bewiesen,
welches Niveau mit jungen musikbegeisterten Menschen erreicht werden kann.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme Licht
Dramaturgie
SolistenDie sieben Todsünden *rezensierte Aufführung
Anna I
Anna II Die Familie Fünf Songs Happy End
Sängerinnen / Sänger
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