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Musiktheater
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Médée
Tragédie lyrique en cinq actes et un prologue
Von Marc-Antoine Charpentier
Text von Thomas Corneille

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln


Dauer: 2 ¾  Stunden – eine Pause
Premiere am 12. Juni 2011
Besuchte (2.) Aufführung am 15. Juni 2011
Homepage

Oper Frankfurt
(Homepage)
Amok zwischen Designermöbeln

Von Christoph Wurzel / Fotos: Barbara Aumüller

Zwar ist die Geschichte dieser rasenden Mörderin auf der Opernbühne durchaus geläufig, aber Charpentiers Médée, obendrein seine einzige Oper, ist darunter eine absolute Rarität im Repertoire. Die Frankfurter Oper hat sich in dieser Spielzeit dieses Opernstoffes gleich zweimal angenommen: in einer zeitgenössischen Fassung von Aribert Reimann zu Beginn und gegen Ende nun in der barocken Version von Marc-Antoine Charpentier, die am Hofe des Sonnenkönigs 1693 nur mit geringem Erfolg uraufgeführt wurde und dann bis zu einigen Wiederbelebungsversuchen in den achtziger Jahren nahezu in der Versenkung verschwand.

Szenenfoto Unerwünschter Gast: Médée (Anne Sofie von Otter) und „Gastgeber“ Créon (Simon Bailey)

Die Medea-Geschichte gehört wohl zu den unerhörtesten Stoffen der Opernliteratur – vielleicht, weil dieser Mythos über alle Zeiten hinweg elementare Gefühle evoziert: Eifersucht, Rache, Entsetzen. Im Bockenheimer Depot wurde die barocke Lesart dieser archaischen Handlung (freilich um den Prolog gekürzt, der nur das übliche absolutistische Herrscherlob singt)  in die Jetztzeit versetzt, in ein Ambiente gehobener Wohnkultur mit Penthouse, Designermöbeln und edler Garderobe. Gleichsam veristisch entwickelt sich zuerst die Geschichte: Medea und Jason sind mit ihren zwei Kindern vor Verfolgung an den Hof Kreons nach Korinth geflüchtet, was sich aber als unsicheres Asyl erweist, denn Kreon möchte Medea bald loswerden und Jason stattdessen mit seiner Tochter Créuse verkuppeln. Erst nach und nach erfasst Medea diesen Betrug und hier kippt die Handlung in eine fantastische Ebene. Nun beginnt Medeas Rachefeldzug, bei dem sie kein Maß kennt und alle Höllenkräfte der Zerstörung in Bewegung setzt, durch die sie erst Kreon in den Wahnsinn treibt (er landet im Wasserpflanzenbassin), der Nebenbuhlerin mit einem vergifteten Kleid höllische Todesqualen bereitet und schließlich vor den Augen des untreuen Gatten die Kinder ermordet. Hier zieht die Regie alle Register von Hexenküche und Spukspektakel. Das wirkt in den Effekten bisweilen etwas aufgesetzt und hergeholt, wird aber in der Personenregie schlüssig umgesetzt.
 

SzenenfotoZwei Höllengeister zu Hilfe geholt: Die Eifersucht (Simon Bode, links) und die Rache (Vuyani Mlinde) mit Medea (Anne Sofie von Otter)


Vor allem Anne Sofie von Otter vermochte der Medea-Figur eine beklemmend echte Gestalt zu verleihen. Aber nicht nur darstellerisch überzeugte sie in dieser Rolle, sondern gestaltete die seelischen Klüfte dieser innerlich aufgewühlten Frauenfigur auch stimmlich eindrucksvoll. Keine rasende Furie zeigte sie, sondern einen äußerlich kalt agierenden, innerlich aber vor Emotionen berstenden Charakter, der sich von einer unbedingt Liebenden zu einer verzweifelt Rächenden gewandelt hat – die beklemmende Charakterstudie einer Amoktäterin.

Vergrößerung in neuem FensterGeht qualvoll im tödlichen Giftkleid zugrunde: Créuse (Christiane Karg)

Als Medeas Konkurrentin machte die Sopranistin Christine Karg eine darstellerisch wie stimmlich exzellente Figur. Ihre Sterbeszene im Giftkleid war einer der Höhepunkte des Abends. Auch Simon Bailey als Créon überzeugte durch klares Rollenprofil als durchschaubar intriganter Herrscher. Julien Prégradien meisterte die wegen sehr hoher Lage heikle Tenorpartie des Jason gut und war auch schauspielerisch als schwacher, verführbarer Charakter überzeugend. Die weiteren Rollen waren durchaus adäquat mit guten Kräften des Frankfurter Ensembles besetzt. Andrea Marcon, Spezialist des italienischen Barock, reicherte die an sich weniger impulsive französische Diktion mit Temperament an, was Charpentiers Musik durchaus gut bekam. Das offensichtlich um einige Barockspezialisten erweiterte Ensemble des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters meisterte die Partitur exzellent, ließ schöne Klangfarben hören und achtete auf rhythmische Geschmeidigkeit.

 

 

FAZIT

Ein Erfolg auf der ganzen Linie: hoher Repertoirewert, anregende Szene, beeindruckende Besetzung der Hauptrollen, wunderbarer Klang aus dem Orchester.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
und Cembalo

Andrea Marcon

Inszenierung
David Hermann

Bühnenbild und Kostüme

Christof Hetzer

Licht

Joachim Klein

Dramaturgie
Zsolt Horpácsy




Ensemble Barock vokal
der Hochschule für Musik Mainz

Statsterie der Oper Frankfurt

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester

 

Solisten

Médée
Anne Sofie von Otter

Créon
Simon Bailey

Jason
Julian Prégradien

Créuse
Christiane Karg

Oronte
Sebastian Geyer

Nérine
Eun-Hye Shin

Cleone
Sharon Carty

La Vengeance (Die Rache)
Vuyani Mlinde

La Jalousie (Die Eifersucht)
Simon Bode

Continuo
Johannes Keller (Cembalo)
Daniele Caminiti,
Evangelina Mascardi
(Theorbe)
Johannes Heim,
Christian Zincke
(Gambe)
Philipp Bosbach (Violoncello)





Weitere Informationen


Oper Frankfurt
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