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Amüsement mit Hintersinn
Von Roberto Becker
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Fotos von Monika Rittershaus Auf der Bühne ist das Überleben der Fledermaus nicht gefährdet. Da verhindert sie auch nichts. Ganz im Gegenteil. Da setzt sie Kräfte frei, da füllt sie Häuser und da begeistert sich das Publikum (immer) an ihrer Musik oder regt sich (manchmal) über die Inszenierung auf. Die Geschichte wirkt von heute aus gesehen zwar ein klein wenig an den Haaren herbei gezogen. Der überwiegende Teil der Fans des Operetten-Dauerbrenners wird wohl kein Dienstmädchen wie Adele beschäftigen und kaum bei einem russischen Prinzen, den sein Geld langweilt, eingeladen werden, um Zeuge irgendwelcher Intrigenspiele zu werden und walzerselig ein Hohelied auf die falschen Identitäten anzustimmen. Obwohl: Mogelnde Putzfrauen, erschlichene Titel und reiche Russen sind heutzutage auch wieder nicht sooo weit aus der Welt, wie man es bei einer Story aus den 70er Jahren des vorvorigen Jahrhunderts vermuten könnte.
Ein ungewöhnlicher Auftakt wir sind schon auf dem Ball des Prinzen ...
Sei's drum. Was Rosalinde mit ihrem Alfred, Eisenstein mit den sogenannten Ballettratten, der Russenprinz mit seiner Langeweile, der Frosch mit seinem Slibowitz und alle zusammen mit Johann Strauss am Hut haben, das ist längst eine Geschichte, die sich selbst legitimiert. Sie gehört - noch - zum kulturellen Gedächtnis. Und sie macht Spaß und verführt. Auch wenn (hoffentlich) keine Frau mehr auf Eisensteins Trick mit dem Damenührchen hereinfallen würde. Christof Loy verlässt sich mit seiner Frankfurter Version voll auf diese Geschichte, und geht doch zugleich ziemlich souverän mit ihr um. Was ja gerade bei dieser Super-Operette, bei der das Publikum so gut wie jeden Kalauer kennt, ein besonderes Risiko ist. Dabei versucht sich Dirigent Sebastian Weigle in Frankfurt keineswegs als Über-Wiener, sondern setzt bewusst auf Noblesse und Eleganz, lässt sich in das Netz der Melodien fallen, muss aber auch keinerlei Ungereimtheiten zwischen den gesprochenen und gesungenen Texten überdecken. Christof Loy hat die Fledermaus nämlich weniger als Vorlage für entfesselten Frohsinn, sondern als ernsthaft, melancholisch heiteres Spiel mit verschiedenen Identitäten inszeniert. Und das ganz bewusst mit Wortdialogen ohne die üblichen Sängerpeinlichkeiten. Vor allem aber hat er die drei Akte auseinandergenommen und neu zusammengesetzt.
Der Prinz und seine Gäste die Verbrüderung als Höhepunkt des Balls
Alles beginnt in dem großzügig geschwungenen und tapetengemusterten Salon gleich neben dem Ballsaal mit dem Ruf nach Amüsement. In Rückblenden wird dann, nach und nach, der erste Akt beigesteuert und auf den dritten vorausgegriffen. Beleuchtungswechsel und eine nur knapp veränderte Einrichtung genügen, um erst Eisensteins Wohnung und dann das Gefängnis zu imaginieren. Wenn dann auch noch Rosalinde zum Csárdás schweigt und die Musik nur die Begleitung für Gabriels Werben um die vermeintliche ungarische Gräfin wird, dann ist das schon ein starkes Stück. Natürlich gibt es die Klänge der Heimat dann noch, aber Barbara Zechmeister singt sie allein, wenn sie in ihre Identität als betrogene Ehefrau (mit Liebhaber in der Hinterhand) zurückkehrt. Zu dieser strukturellen Abweichung vom Gewohnten kommt die Verbannung des Chores in den Orchestergraben und einer Konzentration der Ballgesellschaft auf ein halbes Dutzend genau porträtierter Ballgäste und Ballettratten.
Der sonst so souveräne Eisenstein in ungewöhnlicher Lage
Lässt man sich darauf ein, dann bietet diese Inszenierung die Chance, bekannt Geglaubtes völlig neu zu sehen und in der Beziehungsmalaise von Rosalinde und Gabriel die tiefe melancholische Traurigkeit zu erkennen, die auch zur sozusagen zeitlosen Essenz der Fledermaus gehört. Loy behauptet dabei aber keine neuen Gewissheiten, sondern hält die alten in einem Schwebezustand. So wie die Identität von Orlofsky, von dem man am Ende nicht mehr so genau weiß, ob er immer der blonde russische Prinz mit der gut sitzenden Uniform und den zwar extravaganten, aber doch guten Manieren ist, oder nicht vielleicht doch der Gefängniswärter Frosch.
Hier gibt es auch einen 32. September und den Prinzen als Frosch ...
Counter Martin Wölfel wechselt nämlich auf offener Bühne zwischen beiden Rollen - und füllt sie beide hervorragend aus. Wenn Loy mit dieser lebensklugen, melancholischen Heiterkeit seine Fledermaus dem schenkelklopfenden Operettenfrohsinn entgegen hält, dann hat er dabei noch einen Joker. Und das ist Christian Gerhaher. Der wird in letzter Zeit vor allem als weltbester Wolfram von Eschenbach gefeiert und ist nicht gerade ein erklärter Operettenfreund. Doch allein schon sein elegant verdruckster, dosiert komischer und natürlich brillant gesungener Eisenstein macht diese Fledermaus zu einem Ereignis.
Christof Loy geht mit seiner Inszenierung ein hohes Risiko ein, legt aber durch die klugen Umstellungen und eine präzise Personenführung die melancholische Seite der Fledermaus auf faszinierende Weise frei. Musiziert wird auf hohem Niveau. Christian Gerhahers Eisenstein adelt das Ensemble. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühnenbild und Kostüme
Choreographie
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten
Gabriel von Eisenstein
Rosalinde
Frank
Prinz Orlofsky/ Frosch
Alfred
Dr. Falke
Dr. Blind
Adele
Ida
Ivan
Ramusin
Ali-Bey
Murray
Marquis Cariconi
Duparquet
Laszlo
Melanie
Faustine
Felicitas
Sidi
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