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Madama Butterfly

Tragedia giapponese in drei Akten
von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa
nach John Luther Long und David Belasco
Musik von Giacomo Puccini



in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 21. April 2011
Besuchte Vorstellung: 10. Mai 2011


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Butterfly im Frachtcontainer

Von Thomas Tillmann / Fotos von Matthias Jung

Vergrößerung in neuem Fenster Konsul Sharpless (Heiko Trinsinger, links) warnt Pinkerton (Zurab Zurabishvili, rechts): Für Butterfly könnte die Hochzeit mehr bedeuten als eine gemeinsame verbrachte Nacht.

Man ahnt Böses, wenn man den Zuschauerraum des Aalto-Theaters betritt: Ein Team von Putzwütigen in Schutzuniformen reinigt unter schwerer Vermummung und angetrieben vom schmierigen, schlecht gelaunten Kuppler Goro einen übel verschmutzten Raum, der sich im Laufe des Abends als Container herausstellen wird, der mit einfachen Mitteln routiniert zur "Hochzeitssuite" aufgehübscht wird und als festes Heim für Frischvermählte gar nicht gedacht ist. Mancher Besucher wird angesichts der Kostümierung der Statisten ebenso wie der Rezensent an die Katastrophe in Japan gedacht und diesen auf der Hand liegenden szenischen Einfall als geschmacklos eingestuft haben (die Premiere war am 21. April, da hätte man das noch abmildern können). Es bleibt aber in Tilman Knabes Konzept bei dieser vielleicht unfreiwilligen Provokation, ansonsten erzählt er die Geschichte erstaunlich brav, aber stringent, da ist man anderes gewöhnt von diesem enfant terrible des Regietheaters. Ein etwas weniger klischeehaftes USA-Bild hätte man sich vielleicht gewünscht: Natürlich trägt Pinkerton Westernstiefel, zu enges T-Shirt, Sonnenbrille und Baseballcap (und drunter eine scheußliche blonde Perücke), natürlich lümmelt sich die dem Alkohol verfallene, aufgequollene Cio-Cio-San mit ihren strähnigen, vor Monaten blondierten Haaren ab dem zweiten Akt in einem an Cindy von Marzahn gemahnenden Hausanzug in grellem Pink, Cio-Cio-Sans Anhang scheint Erwachsenen-Mangas entsprungen zu sein und mit Ausnahme der Mutter vor allem aus Kolleginnen aus dem Milieu zu stammen, die noch während der Trauungszeremonie Pinkerton in eindeutiger Weise befummeln, auch das Kostüm der Protagonistin, die nie als Fünfzehnjährige durchgegangen ist, sieht ein wenig nach Karnevalsbedarf oder Asia Shop aus, was aber sicher Konzept war - man ist sich einfach bis zum Ende nicht sicher, ob diese Geschichte in Japan spielt oder ob Pinkerton nicht ein besonderes Zeremoniell mit japanischen Zutaten in seinem Heimatland bestellt hat, in dem Menschen ja durchaus in containerartigen mobile homes leben (müssen) und wie Kate Pinkerton jedes Problem mit Geld meinen lösen zu können.

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Pinkerton (Zurab Zurabishvili) und Cio-Cio-San (Annemarie Kremer) geben sich ganz ihren Gefühlen hin.

Eben jener Container, der im zweiten Akt zugemüllt ist mit Disney-Produkten, künstlichen Blumen, leeren Burger-Verpackungen und Plastikflaschen, Metalltafeln mit Werbebotschaften - auch ein mit "Hope" unterschriebenes Obama-Plakat darf nicht fehlen -, ist eine durchaus nachvollziehbare Umsetzung von Butterflys rhetorischer Frage zu Beginn des zweiten Akts: "Perchè con tante cure la casa rifornì si serrature" ("Warum ließ unser Häuschen mit Schlössern und mit Riegeln er versehen", übersetzt Hartleb). Überzeugend gerät auch der auf den ersten Blick wie eine Demonstration der Technik wirkende Einfall, den Container während des Summchores um 90 Grad zu drehen und auf den Kopf zu stellen - er ist lästig geworden wie seine Bewohner, der Platz wird für neue menschenverachtende Geschäfte benötigt. Aber natürlich gibt es in dieser Inszenierung auch Mätzchen, die einem auf die Nerven gehen: Permanent sind die Protagonisten aufgefordert zu trinken und zu rauchen, Pinkerton kaut natürlich auch gern Kaugummi, er tritt aus dem Zuschauerraum auf, was vor zwanzig Jahren in Hilsdorf-Inszenierungen spannend war und jetzt nur noch Gähnen auslöst, auch wenn die exotische Frauen missbrauchenden Männer natürlich mitten aus der Gesellschaft kommen, ja, ja. Und auch Butteflys Traum hat man so ähnlich schon allzuoft gesehen: Ein Pinkerton-Double seilt sich aus dem obersten Rang ab, weitere Doubles laufen auf Cio-Cio-San zu, während Vogelstimmen aus den Boxen dringen. Konventionell auch die Sterbeszene: Die Bühne ist inzwischen leer, die Sopranistin führt ziemlich authentisch das japanische Todesritual aus und versprengt reichlich Theaterblut, bevor das Kind zu ihr eilt, seine blonde Perücke abreißt, unter der dunkles Haar sichtbar wird, und den Dolch erhebt - dieser Junge wird seine Mutter rächen.

Vergrößerung in neuem Fenster Butterflys Container wird gegen Ende des Stücks um 90 Grad gedreht.

Von Annemarie Kremer hatte man vorab schon einiges gehört, nicht viele Sängerinnen haben Gilda und Marie in La fille du régiment einerseits und Tosca und Butterfly andererseits im Repertoire und singen diese Partien auch einigermaßen parallel. Besondere Pluspunkte der ziemlich schlanken, aber durchdringenden, in der unteren Mittellage und Tiefe allerdings einiges an Präsenz und Farbe einbüßenden Stimme sind zweifellos die sicheren Spitzentöne, bereits das in feinstem, bezaubernden Pianissimo ausgeführte Des in alto am Ende der Auftrittsszene war hörens- wie bemerkenswert, auch in den großen Ausbrüchen kam sie erstaunlicherweise nicht in Schwierigkeiten, sondern überzeugte mit vollem, wenn auch etwas reifen Ton, nur in wenigen Momenten hörte man das pure Metall der Stimme und sorgte sich, namentlich in der Schlussszene wurden dann mehr und mehr die Grenzen des Soprans der Niederländerin deutlich, die sich zweifellos auch darstellerisch mächtig ins Zeug legte.

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Butterfly (Annemarie Kremer) weiß, was zu tun ist.

Marie-Belle Sandis war schwer beschäftigt damit, in Butterflys Container für ein wenig Ordnung zu sorgen und ihre Herrin mit schmerzlinderndem Whisky zu versorgen, was natürlich ein zweischneidiges Projekt ist; musikalisch war sie den Anforderungen problemlos gewachsen, weil die Stimme einiges Volumen in der Tiefe hat und somit auch in der unteren Lage nicht an Rundung und Klang verliert, ohne dass ihre Besitzerin forcieren müsste oder das Brustregister grob aktivieren müsste. Zurab Zurabishvili, der seit dem letzten Herbst zum Ensemble des Aalto-Theaters gehört, singt zwar noch Partien wie Rodolfo in La Bohème und Tebaldo in I Capuleti e i Montecchi, aber eben auch Manrico, Calaf und Radamès (solche Sänger kann man natürlich gut gebrauchen), die an sich sehr angenehme, volltönende Spintostimme klingt folgerichtig eigentlich schon ein wenig dramatisch und zu dunkel für den Pinkerton, was natürlich Geschmackssache ist, und einige der durchaus imposanten Spitzentöne gerieten auch einen Hauch zu tief. Immerhin, das etwas machohafte Schmettern passt natürlich zu Rolle und Charakter. Heiko Trinsinger gab den ziemlich alkoholgeschädigten, verlotterten und unfähigen Konsul, ich vermisse bei dieser vor allem auf Lautstärke getrimmten, mit viel Druck produzierten Stimme nach wie vor wenigstens den Anflug von Eignung fürs italienische Fach. Rainer Maria Röhr war szenisch wie vokal präsent als fies-vulgärer Zuhälter Goro, Marcel Rosca empörte sich furchteinflößend als Onkel Bonze und musste ordentlich brüllen, um sich gegen das bei seinem Auftritt sehr laute Orchester durchzusetzen. In den kleineren Partien erinnert man sich an Marie-Helen Joel als sehr blonde Kate Pinkerton im hellen Kostüm, an Réne Aguilar wegen der ausladenden Optik als Yamadori, vielleicht auch an Marion Steingötter, die als Butterflys Mutter so traurig schaute und das verabredete Geschäft als einzige wohl nicht recht durchschaut hatte.

Vergrößerung in neuem Fenster Das Kind (Mitglied der Kinderstatisterie) wird den Tod seiner Mutter rächen.

Eher dezent als spektakulär fand ich das nichtsdestotrotz hochwertige Spiel der Essener Philharmoniker, besonders nach dem Stefan Soltesz die - zur Situation natürlich passenden - nervös-hektischen Tempi des Anfangs gegen gemäßigtere austauschte und damit Orchestermusikern wie Bühnenpersonal mehr entgegenkam. Etwas weniger süßlich und vordergründig auf Effekt abzielend hätte man sich das Intermezzo musiziert gewünscht, dass an diesem Abend mehr nach Lehár als nach Puccini klang.


FAZIT

Eine musikalisch solide, szenisch durchaus überzeugende, aber die Rezeptionsgeschichte des Werkes nicht nachhaltig verändernde Butterfly hat das Aalto-Theater da im Spielplan.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Inszenierung
Tilman Knabe

Bühne
Alfred Peter

Kostüme
Gabriele Rupprecht

Chor
Alexander Eberle

Licht
Dirk Beck

Dramaturgie
Nils Szczepanski



Statisterie
des Aalto-Theaters

Opernchor
des Aalto-Theaters

Essener Philharmoniker


Solisten

Cio-Cio-San,
genannt Butterfly
Annemarie Kremer

Suzuki,
Dienerin Cio-Cio-Sans
Marie-Belle Sandis

Kate Pinkerton
Marie-Helen Joel

F. B. Pinkerton,
Leutnant in der
Marine der USA

Zurab Zurabishvili

Sharpless,
Konsul der USA
in Nagasaki

Heiko Trinsinger

Goro, Kuppler
Rainer Maria Röhr

Der Fürst Yamadori
Réne Aguilar

Onkel Bonze,
Priester
Marcel Rosca

Yakusidé,
Onkel Cio-Cio-Sans
Armen Manukyan

Der kaiserliche Kommissar
Mateusz Kabala

Der Standesbeamte
Ulrich Wohlleb

Die Mutter Cio-Cio-Sans
Marion Steingötter

Die Tante
Uta Schwarzkopf

Die Cousine
Kyung-Nan Kong

Das Kind
Michael Rosca






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Da capo al Fine

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