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I Capuleti e i Montecchi
(Romeo und Julia)

Tragedia lirica in zwei Akten
Libretto von Felice Romani
Musik von Vincenzo Bellini

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (eine Pause)

Premiere der Konzertanten Aufführung
und Essener Erstaufführung
im Aalto-Theater Essen am 6. März 2011


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Begrüßenswerter Einsatz für Bellini mit einigen Schönheitsfehlern

Von Thomas Tillmann / Fotos von Matthias Jung

Philip Gossett gibt dem modernen Publikum in seinem Beitrag zur Roberto-Abbado-Aufnahme von Bellinis I Capuleti e i Montecchi einen einzigen Ratschlag, mit welcher Einstellung man sich das Werk anhören solle: Man solle "vergessen, dass ein gewisser William Shakespeare jemals ein Stück namens Romeo und Julia geschrieben hat". Der Musikwissenschaftler fährt fort: "Über Bellinis Oper ist in den letzten eineinhalb Jahrhunderten viel ganz außerordentlicher Unsinn geschrieben worden - vor allem Anschuldigungen, Bellini und sein Librettist ... hätten Shakespeares Meisterwerk völlig entstellt. Es ist jedoch vollkommen klar, dass weder Bellini noch Romani diese englische Tragödie gekannt hatten." Was Bellini und Romani zweifellos kannten, waren die Quellen der Romeo und Julia-Geschichte aus dem 16. Jahrhundert, die auch Shakespeare benutzt hat (Gossett kommt zu dem Schluss, dass die direkte Quelle für Romani "eine wenig bekannte, italienische neoklassische Tragödie von Luigi Scevola, 1818 in Mailand veröffentlicht", gewesen sein muss, aus der "Romani nicht nur die ganze Form seiner Geschichte abgeleitet, sondern auch viele Verse und Formulierungen" übernommen hat). Die Opernhandlung setzt erst ein, als die heimlichen Treffen des Paares durch die unmittelbare bevorstehende, von Giuliettas Vater angeordnete Hochzeit mit Tebaldo ein Ende nehmen müssen; der ganze Verlauf des Werkes steht also im Zeichen der immer auswegloser werdenden äußeren Situation. Romani strich zudem die für Vaccais fünf Jahre zuvor herausgekommene Oper vorgesehene Schlussszene samt Arie für Giulietta allein, was dazu führt, dass die Liebenden nun zusammen sterben können (Gossett hebt zurecht hervor, dass uns in Bellinis Werk nichts von der Not der beiden Liebenden ablenke und bezeichnet den Schluss der Oper als "die rührendste Sterbeszene im ganzen italienischen Opernrepertoire"). Insgesamt sieben der Musiknummern weisen mehr oder weniger deutliche Anklänge an die Musik der Zaira auf, Giuliettas berühmte Kavatine ist größtenteils Bellinis erster Oper Adelson e Salvini entlehnt. Im Programmheft wird ein Überblick zur Entstehungs- und Aufführungsgeschichte gegeben, in dem allerdings merkwürdigerweise Aufnahmen wie die aus Neapel vom März 1995 mit Giusy Devinu als Giulietta, Anna Caterina Antonacci als Romeo und Luca Canonici als Tebaldo (Angelo Campori dirigiert) sowie die mit Hei-Kyung Hong, Jennifer Larmore und Paul Groves vom Juli 1998 aus Edinburgh fehlen, bei der immerhin Donald Runnicles am Pult stand, vom 16. 5. 1973 gibt es auch einen Mitschnitt aus Venedig mit Katia Ricciarelli als Giulietta, Veriano Lucchetti als Tenor-Romeo in der Nachfolge Giacomo Aragalls in dieser Rolle und Giorgio Merighi als Tebaldo, Piero Bellugi dirigierte, und im April und Mai 1991 traute sich noch einmal Katia Ricciarelli die Rolle zu, diesmal an der Seite von Diana Montague und Dano Raffanti und mit Bruno Campanella als musikalischem Leiter.

Stefan Soltesz bezeichnet sich in einem "Statement" im Programmheft als Bellini-Fan, der immerhin innerhalb seiner Intendanz die dritte Oper dieses Komponisten herausbringe. Besonders die "Lyrik und kammermusikalischen Erscheinungsform" dieses "einzigartige(n) Opus des italienischen Musiktheaters" faszinieren den Aalto-Chef - und "Bellinis besondere Fähigkeit, Gefühle in Melodien auszudrücken". Diese Fähigkeit Bellinis praktisch umzusetzen war indes keine leichte Herausforderung für den musikalischen Leiter: Die Sinfonia fand ich zu schnell musiziert, zu launig, zu vordergründig, zu plakativ, mich störte auch die in Essen immer gleiche glitzernde, aber kühle Brillanz, die vordergründige Suche nach Effekten und das ziemlich gewöhnliche Forte, beides lässt die Musik des Sizilianers schwächer klingen als sie ist. Im Laufe des Abends aber vermochte Soltesz sich mehr und mehr auf das besondere Werk einzulassen und den Solisten zuzuarbeiten, das Spiel des Orchesters wirkte nun weniger gehetzt und sensibler, und gerade im zweiten Teil erreichte Soltesz einen herrlich schwebenden Klang, den ich ihm nach dem oberflächlichen Beginn nicht zugetraut hätte. Nicht vergessen werden dürfen die solistischen Leistungen der sehr guten Hornistin in der Einleitung von Giuliettas Kavatine und die des exzellenten Klarinettisten in der Einleitung zur fünften Szene des zweiten Aktes. Nicht ganz nachvollziehen konnte ich indes, warum bei einer konzertanten Aufführung mehr als ein dutzend weitgehend kleinerer Striche vorgenommen wurden, von der einen oder anderen Arie hätte man doch gern die Wiederholung gehört (und man hätte sich über genauere Angaben im Programmheftlibretto gefreut; was denn nun fehlte, musste der interessierte Premierengast zuhause selber recherchieren). Und wäre es nicht auch reizvoll gewesen, im Anschluss an das Originalfinale auch noch die Todesszene aus Vaccais Oper aufzuführen und zur Diskussion zu stellen, die Maria Malibran seit 1832 anstelle von Bellinis Schluss gesungen hat (nachzuhören in der Münchner Aufnahme mit Vesselina Kasarova) und die auch Eingang in Ricordis Ausgabe der Oper fand, versehen mit dem Hinweis "Kann auf Wunsch anstelle des letzten Teils von Bellinis Oper benutzt werden, wie dies allgemein getan wird" (so steht es auch im Neudruck des Klavierauszugs von 2001)? Zeit wäre doch gewesen.

Richard Wagner hat gemutmaßt: "es soll sich nur die richtige Sängerin hinstellen und es singen, und es reißt hin." Diese richtige Sängerin war meines Erachtens Michaela Selinger nur in wenigen Momenten. Die Österreicherin besitzt einen sehr lyrischen Mezzosopran von sehr sopraniger Färbung mit wenig Tiefe, nur in wenigen Momenten ahnte man, dass die Stimme expansionsfähig ist, die längste Zeit aber sang die Künstlerin mit größter Vorsicht (etwa in der martialischen Cabaletta Romeos in der Auftrittsarie) und spürbarer Distanz und blieb auch im Ausdruck sehr allgemein und diskret (man muss ja nicht gleich so in die Vollen gehen wie Agnes Baltsa), das war einfach ein bisschen wenig Stimme und Präsenz, und man fragt sich, ob man sie in Partien wie Orlofsky, Magdalene, Octavian und Komponist an der Wiener Staatsoper, wo sie von 2005 bis 2010 engagiert war, bevor sie jetzt nach Essen wechselte, ebenso wenig gehört hat wie in Ensembleszenen an diesem Premierenabend, etwa am Ende des ersten Finales, als beide Künstlerinnen das B sangen, man aber eigentlich nur den Sopran richtig wahrnahm. Mir jedenfalls waren ein paar kraftvollere Töne in der Szene mit Tebaldo und ein paar herzzerreißende Phrasen am Grab zu wenig für diese Partie, die eben auch die heroisch-kriegerische Geste verlangt.

Vergrößerung in neuem Fenster Ein zu Werbezwecken aufgenommenes Stellfoto: Romeo (Michaela Selinger) und Giulietta (Anna Virovlansky).

Star des Abends war für mich Anna Virovlansky, die man aus Bonn in bester Erinnerung hat und die aktuell an der Rheinoper engagiert ist, und deren frischer, leichter, aber durchaus gehaltvoller Sopran an Wärme und Ausdrucksstärke gewonnen hat. Exzellent gelangen ihr hauchzarte, schwebende, wie aus dem Nichts sich entwickelnde, fein ausgesponnene Piani, sie ist eine Meisterin des geschmackvollen messa di voce, aber auch mit einigem Nachdruck produzierte Töne klangen niemals scharf, und man hätte sich gewünscht, dass sie noch ein paar Spitzentöne mehr hätte singen dürfen, aber vermutlich hatte der musikalische Leiter an Arienenden Notentreue eingefordert. Die Künstlerin scheint anders als die Kollegin ihre Partie wirklich verinnerlicht und ganz zu ihrer eigenen gemacht zu haben, die Mädchenhaftigkeit wirkte dabei nie aufgesetzt, sondern sehr natürlich, ebenso der mitunter wunderbar trauerumflorte Ton, die intensive Gestaltung der Rezitative und die unverkrampfte, uneitle Virtuosität.

Felipe Rojas Velozo hat bereits eine Reihe prominenter Engagements an deutschen Häusern hinter sich und hat auch in Essen schon den Sänger im Rosenkavalier und den Ismaele in Nabucco gesungen, ich erinnere mich an einen ordentlichen Rodolfo in der Wiesbadener Luisa Miller vor einigen Monaten. Als Tebaldo indes enttäuschte er, zu viele Vokalverfärbungen irritierten da, zu sehr schmetterte der Südamerikaner sich mit viel Druck und tenoralem Machismo durch die Partie, die zwar durchaus einen kämpferischen, heroischen Charakter hat, aber eben doch auch eine gewisse Beweglichkeit und Leichtigkeit des Singens erfordert, leisere Töne, mehr als ein Einheitsforte, Ausdrucksnuancen - mit einem Wort mehr Stil. Dagegen ist Marcel Rosca auch nach vielen Karrierejahren noch eine erste Wahl für Vaterrollen wie den Capellio, zumal er ausgesprochen viel aus Romanis Text machte und so der Figur mehr Nuancen abgewann, als man hätte erwarten können. Wieso man indes keinen besseren Sänger als Horst Lamnek für den Lorenzo engagiert hatte - gab es denn da niemanden im Ensemble? -, leuchtete nicht recht ein - die wenig attraktive, matte, stumpfe Stimme störte den Gesamteindruck des Abends nicht unerheblich. Besser aufgestellt waren da die immerhin gut 40 Herren im erweiterten Chor, die, von Alexander Eberle offenbar gut vorbereitet, dynamisch sehr differenziert, abgestuft und akkurat sangen, nur in der letzten Szene hätte ihr Vortrag noch etwas sensibler ausfallen können.


FAZIT

Der Beifall nach der Essener Erstaufführung von Bellinis Oper war langanhaltend, aber die ganz große Begeisterung hat das Stück wie so häufig nicht auslösen können, was zweifellos nicht zuletzt daran lag, dass man für einen ganz großen Wurf charismatischere respektive stilsicherere Interpreten für Romeo und Tebaldo hätte aufbieten müssen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Choreinstudierung
Alexander Eberle



Opern- und Extrachor
des Aalto-Theaters

Essener Philharmoniker


Solisten

Capellio, Oberhaupt
der Capuleti,
Vater von Giulietta

Ks. Marcel Rosca

Giulietta,
Geliebte von Romeo
Anna Virovlansky

Romeo, Anführer
der Montecchi

Michaela Selinger

Tebaldo, Anhänger der
Capuleti, verlobt
mit Giulietta

Felipe Rojas Velozo

Lorenzo, Arzt, in
Diensten der Capuleti

Horst Lamnek






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