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Sekretärinnen

Schreibmaschinen-Revue von Franz Wittenbrink

Aufführungsdauer: ca. 2h 25' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 12.September 2010

 


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Theater Dortmund
(Homepage)
Viel Rauch, kaum Feuer

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stöß

Franz Wittenbrinks Revuen sind in der Regel ein Garant für ausverkaufte Häuser. Das hatte sich das Theater Dortmund nach dem großen Erfolg der "Comedian Harmonists" zur Spielzeiteröffnung 2003 wohl auch gedacht und daher als Eröffnungspremiere die wohl bekannteste Revue des Theaterautors und Musikers einstudiert, die seit der Uraufführung 1995 ein Dauerbrenner auf deutschen Bühnen ist. Von einem ausverkauften Haus war das Theater am Sonntag dann aber leider doch weit entfernt, was man weder dem spielfreudigen Ensemble noch dem sehr fantasievollen Bühnenbild anlasten konnte.

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Carina Sandhaus (vorne) präsentiert "Ich bin stark" (im Hintergrund das Ensemble in der Schreibmaschine).

Hans Kudlich hat, passend zu einer Schreibmaschinen-Revue, eine überdimensionale Schreibmaschine auf die Bühne gestellt, natürlich eine "de Luxe" von Triumph. Die einzelnen Tasten fungieren als Schreibtische für die neun Sekretärinnen. Die fünfköpfige Band, bestehend aus Keyboard (Michael Hönes), Saxophon / Klarinette (Markus Heeb), Gitarre (Peter Autschbach), E-Bass (Bernd Zinsius) und Percussion (Stephan Schott), ist im Schreibfenster anstelle der Typen untergebracht und sorgt für einen sehr peppigen Sound. Die Leinwand im Hintergrund scheint als großes Blatt Papier aus der Schreibmaschine herauszukommen. Auf der linken Bühnenseite befindet sich ein großer Bilderrahmen, auf den - wie auf die rückwärtige Leinwand - unterschiedlichste auf die einzelnen Musiknummern abgestimmte Bildprojektionen geworfen werden, die den Text mal untermalen und mal karikieren. Auf der rechten Seite steht ein riesengroßer Aschenbecher mit einer glimmenden Zigarette, in dem die Sekretärinnen für ihre Raucherpausen Platz nehmen können. In diesem Ambiente singen und tanzen die Darstellerinnen zu einfallsreichen und gut getimten Choreographien von Alexander Fend.

Die Liederpalette umfasst Schlager, Chansons, Rock- und Popnummern aus verschiedenen Jahrzehnten der letzten 100 Jahre von Friedrich Holländer, Georg Kreisler, Cole Porter, George Gershwin über Hildegard Knef bis zu Nina Hagen und Tic Tac Toe und wird vom Ensemble einfallsreich und stimmlich gut präsentiert, wobei die Interpretationen der rockigen Nummern den Opernsängerinnen bisweilen nicht liegen. Doch auch wenn die einzige männliche Rolle, der Bürobote (Dominik Freiberger), vor der Pause bei der Lokalhymne "Leuchte auf, mein Stern Borussia" wirklich alles unternimmt, um die Zuschauer von den Sitzen zu reißen, sogar wie Superman mit gelb-schwarzem Schal in den Bühnenhimmel entschwebt, wird zwar herzhaft gelacht und applaudiert, aber der Funke springt nicht über. Woran liegt es? An der Größe des Raumes? Braucht das Stück eine intimere Atmosphäre? Im Theater Hagen, wo das Stück 2001 mit sehr großem Erfolg gespielt wurde, hatte man sich entschieden, die Revue (ebenfalls mit Opernsängerinnen) nicht auf der Hauptbühne, sondern in einer kleineren Spielstätte, im Tor 2, aufzuführen, und auch die Wuppertaler Bühnen hatten 1998 mit dem Kleinen Haus in Elberfeld einen beschaulicheren Rahmen für das Stück gewählt, was ebenfalls mit zahlreichen ausverkauften Vorstellungen belohnt worden war.

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Die Sekretärinnen auf der Leertaste bei "Always look at the bright side of life" (v. l.: Vera Fischer, Keiko Matsumoto, Johanna Schoppa, Isabel Jasse, Carina Sandhaus, Brigitte Schirlinger, Anke Briegel und Andrea Rieche).

Der eigentliche Schwachpunkt ist wohl eher der Inszenierung von Markus Kupferblum anzulasten, der die Auswahl der musikalischen Nummern nicht gerade zugunsten des Stückes aktualisiert und Lieder neueren Datums eingefügt hat, was als Grundidee nicht schlecht ist, solange die Aussage des Stückes dabei nicht leidet.  Franz Wittenbrinks Revuen wie "Sekretärinnen", "Männer" oder auch "Mütter" durchleuchten in der Regel stets eine Gruppe von Personen, die in den ausgewählten Liedern und teilweise auch rezitierten Texten ganz spezielle Leidenschaften, Sehnsüchte und Träume wiedergeben, in denen sich der Zuschauer dann wiederfinden kann oder auch nicht. Dabei haben die Personen zwar in der Regel keine Namen, bleiben also anonym, werden aber durch die interpretierten Lieder typisiert. Dies geschieht in Dortmund zum einen durch die bunte Palette an Kostümen von Ingrid Leibezeder, die mithilfe der Perücken und des Outfits durchaus Unterschiede zwischen den einzelnen Sekretärinnen herausarbeitet. Da ist vom Vamp (Carina Sandhaus zunächst in grellem Gelb, nach der Pause in leuchtendem Rot), über die Japanerin (Keiko Matsumoto im stereotypen Kimonolook), strengem Hosenanzug (Johanna Schoppa mit recht herben Zügen), verträumtem Petticoat (Anke Briegel wie Karin Baal im Film "Die Halbstarken"), modischem Kostüm (Vera Fischer in lila) und scheußlichem Woolworth-Verschnitt (Andrea Rieche mit einer Frisur, die an die junge Anneliese Rothenberger erinnert) alles dabei, um die Sekretärinnen zu individualisieren. Zum anderen bekommen sie Namen (wenn auch nur die Vornamen ihrer Darstellerinnen).  Aber das ist auch schon alles.

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Die Sekretärinnen reißen dem Büroboten (Dominik Freiberger) zu "Casanova" die Kleider vom Leibe (v. l.: Johanna Schoppa, Keiko Matsumoto, Anke Briegel, Andrea Rieche, Vera Fischer).

Der Chef des Büros, eine eigentlich zentrale Figur des Stückes, der zwar nicht auftritt, aber das Handeln der Sekretärinnen untereinander stark beeinflusst, wird in dieser Inszenierung seiner eigentlichen Bedeutung beraubt. So existiert normalerweise ein Konkurrenzkampf unter den Sekretärinnen, wer denn jeweils vom Chef zum Diktat gerufen wird, was zwar in dieser Inszenierung ziemlich am Anfang mit dem Lied "Die nächste bin i" von Stefanie Werger aufgenommen wird, dann aber als Idee fallen gelassen wird. So verzichtet Kupferblum darauf, die einzelnen Sekretärinnen durch eine am Schreibtisch aufleuchtende Lampe jeweils zum Chef zu zitieren und nach einem triumphalen Gang in das Zimmer des Chefs gedemütigt wieder zurückzukehren. Folglich verpufft der Effekt des Liedes "Respect", das Keiko Matsumoto singt, da nicht richtig herausgearbeitet wird, dass die Sekretärinnen vom Chef alles andere als respektiert werden. Stattdessen hat der Chef einen Papagei, der dann vom Büroboten "Gassi" geführt wird und lediglich androht, das ungebührliche Verhalten der Sekretärinnen dem Chef mitzuteilen.

Auch die Rolle des Büroboten (Dominik Freiberger) wird von der Regie nicht in allen Nuancen ausgereizt. Während der sonst von den Sekretärinnen verachtete Bote im zweiten Teil mit einem sehr gefühlvollen Lied von Eros Ramazotti die Herzen der Frauen höher schlagen lassen darf, bis sie ihm die Kleider regelrecht vom Leibe reißen, entschließt sich Markus Kupferblum,  ihn nach der Pause allein auf der Bühne "Una festa sui prati" von Adriano Celentano singen zu lassen. Doch bevor die aus der Pause zurückkehrenden Sekretärinnen ihm dann zu "Casanova" wirklich die Kleider vom Leibe reißen, raunzt Carina Sandhaus ihn zunächst mit "Verpiss dich" von Tic Tac Toe an, was die Motivation der anschließenden Leidenschaft zerstört. Auch die "Überlandpartie" mit Isabel Jasse, bei der er mit ihr einen Ausflug auf einer zu einem Auto mutierten Tippex-Flasche macht, ist eher Klamauk als motiviert komisch. Das gleiche gilt für die Slapstickeinlage am Ende des Stückes, als Dominik Freiberger als Ersatzfeuerwehrmann das hinter der Schreibmaschine ausgebrochene Feuer löschen soll und sich den Wassereimer stolpernd selbst über den Kopf schüttet. Wieso er nach diesem Klamauk noch der Meinung ist "It's a man's world" ist nicht ganz nachvollziehbar, genauso wenig wie die Trockenhauben, die im zweiten Teil in dem Aschenbecher stehen und unter denen sich die Sekretärinnen Illustrierte lesend die Haare zu trocknen scheinen, während Jeanette Claßen das eigentliche Highlight der Revue, das in eine Hommage einer Sekretärin an ihre Schreibmaschine umgedichtete Lied "Can't live, if living's just without you", präsentiert. Dagegen fehlt aber der eigentlich obligatorische "Typewriter-Song", mit dem die Revue sonst immer eröffnet wird. Überhaupt wird in diesem Liederabend sehr wenig getippt.

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Die Sekretärinnen unter der Haube (v. l.: Johanna Schoppa, Keiko Matsumoto, Vera Fischer, Brigitte Schirlinger).

Aber es gibt auch richtig große Momente an diesem Abend. Da ist als erstes das Lied "Spiegel" von Tic Tac Toe zu nennen, in dem Carina Sandhaus ihre Kolleginnen Isabel Jasse, Jeanette Claßen und Keiko Matsumoto voyeuristisch mit einer Handkamera einfängt, während diese von ihren Problemen und Sorgen mit ihrem Aussehen berichten. Eine Gänsehaut bekommt man auch, wenn Andrea Rieche den Büroboten tippen lässt und dazu von Georg Kreisler das bitterböse Lied "Geben sie acht" singt, in dem sie berichtet, dass sie allein durch ihre bösen Träume Menschen töten kann. Das japanische Lied "Amagigoe" von Keiko Matsumoto ist ebenfalls sehr beeindruckend, auch wenn hier Übertitel wünschenswert gewesen wären, um eine Ahnung vom Inhalt zu haben. Johanna Schoppa vermag mit den amerikanischen Songs "Diamonds are a girl's best friend" und "My heart belongs to daddy" ebenfalls zu begeistern. Besonders amüsant ist auch, wenn Vera Fischer in "Ein Schiff wird kommen" davon singt, dass ihre Kinder später so wie sie am Kai ständen, aber nicht auf die Schiffe, sondern auf die Alimente aus fernen Ländern warten würden.

Überhaupt werden einige Texte sehr sarkastisch gebrochen. So wird Anke Briegel, während sie "Eine Frau wird erst schön durch die Liebe" singt, von den übrigen rauchenden Sekretärinnen geradezu zugequalmt, und auf das schwermütige "In einem kühlen Grunde" von Isabel Jasse, reagieren Johanna Schoppa und Keiko Matsumoto, indem sie lauthals das Ende einer Zigarre ausspucken.

Am Ende gibt es neben einem einsamen Buhruf für die Inszenierung recht einhelligen Beifall für das wirklich spielfreudige Ensemble und die hervorragend aufspielende Band.

 

FAZIT

Nicht der ganz große Wurf wie die "Comedian Harmonists" vor ein paar Jahren, aber dennoch ein sehr unterhaltsamer und kurzweiliger Abend.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michael Hönes

Inszenierung
Markus Kupferblum

Bühnenbild
Hans Kudlich

Kostüme
Ingrid Leibezeder

Choreographie
Alexander Fend

Lichtgestaltung

Ralph Jürgens

Musikarrangements

Kai Tietje, Michael Hönes

Projektionen

Micaela Middlemann

Dramaturgie
Klaus Angermann



Solisten

Die Sekretärinnen

Anke
Anke Briegel

Jeanette
Jeanette Claßen

Vera
Vera Fischer

Isabel
Isabel Jasse

Keiko
Keiko Matsumoto

Andrea
Andrea Rieche

Carina
Carina Sandhaus

Brigitte
Brigitte Schirlinger

Johanna
Johanna Schoppa

Bürobote
Dominik Freiberger

 

Die Musiker

*Besetzung der Premiere

Keyboard
*Michael Hönes /

Petra Riesenweber

Saxophon / Klarinette
Matthias Grimminger /

*Markus Heeb

Gitarre
*Peter Autschbach /

Phil de la Puerta

E-Bass
*Bernd Zinsius /

Martin Scheer

Percussion
Stephan Schott


Weitere
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