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Musiktheater
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Peter Pan - Fliege deinen Traum

Musical für die ganze Familie nach James Matthew Barrie

Buch von Christian Berg und Melanie Herzig

Musik von Konstantin Wecker

Aufführungsdauer: ca. 2h 10' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 26. Juni 2010

(rezensierte Aufführung: 14. Oktober 2010)

 


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Theater Dortmund
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Denn am Ende kriegt der Hook dich!

Von Thomas Molke / Fotos von Björn Hickmann, Stage Picture

Der Einsatz für den Nachwuchs wird im Theater Dortmund großgeschrieben. So existiert seit 2008 nicht nur mit der Kinderoper eine eigene Spielstätte für die kleinen Besucher. Auch in die Oper wird regelmäßig mit einem Stück für die ganze Familie Groß und Klein gemeinsam zu einem Theaterabend eingeladen. Doch während man in der Spielzeit 2008 / 2009 mit dem Doppelabend Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten (Francis Poulenc) und Das Kind und die Zauberdinge (Maurice Ravel) weder musikalisch noch inszenatorisch den Nerv des jungen Publikums getroffen hatte, macht man mit dem Musical über den Jungen, der nie erwachsen werden wollte, alles richtig und nimmt Jung und Alt auf eine sehr fantasievolle Traumreise mit nach Nimmerland.

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"Nimm die Beine in die Hände und dann duck dich, denn am Ende kriegt der Hook dich", Captain Hook (Hannes Brock) bei seinem Auftrittslied (im Hintergrund Mitglieder des Chors).

Für die Aufführung wählt man in Dortmund weder die Broadway-Version von Moose Charlap (1954) noch die britische Variante von Piers Chater-Robinson (1985), sondern vertraut auf ein deutsches Duo, Konstantin Wecker und Christian Berg, deren Version am 8. Mai 2008 im Schmidt Theater in Hamburg mit großem Erfolg uraufgeführt worden ist. Das erspart zum einen die Übersetzung der Liedtexte und trifft zum anderen aufgrund der Aktualität den Puls der Zeit. Wenn man dann auch noch den Autor Christian Berg selbst inszenieren lässt, ist man auf der ganz sicheren Seite. Neu ist, dass diese Produktion erstmals in einer Fassung für großes Orchester zu erleben ist. Und den Vorteil des vollen Orchesterklanges hört man, wenn man ihn mit der CD der Hamburger Version vergleicht.

Christian Berg folgt im Großen und Ganzen der Romanvorlage von James Matthew Barrie, wobei er der Fee Tinkerbell (herrlich divenhaft: Vera Semieniuk) mehr Spielraum gibt. Zwar ist sie in der Vorlage auch eifersüchtig auf Wendy (Maria Hilmes), weil sie "ihren" Peter (Stephan Boving) nicht mit ihr teilen will. Allerdings geht sie im Original nicht so weit, Wendy und die Kinder an Hook (grandios: Hannes Brock) zu verraten. Bis zu diesem Zeitpunkt wirkt sie im Stück fast unsympathischer als der eigentliche Bösewicht Hook. Wenn sie dann aber die für Peter Pan von Hook vergiftete Medizin trinkt, um Peter zu retten, hat sie sich soweit rehabilitiert, dass das junge und auch ältere Publikum durchaus bereit ist, sie wieder lebendig zu klatschen. Auch gibt Christian Bergs Fassung einen Ausblick auf den Film "Hook" mit Dustin Hoffman und Robin Williams, in dem Peter Pan ja doch erwachsen geworden ist, weil er Wendys Tochter geheiratet hat. Während Peter in der Buchvorlage Wendy nicht wiedersieht, besucht er sie in dieser Version Jahre später, als sie schon selbst Mutter ist, und überredet ihre Tochter Jane, mit ihm einen Ausflug nach Nimmerland zu machen und wie ihre Mutter dort Geschichten zu erzählen. Inszeniert wird dies alles mit zahlreichen Publikumsaktivitäten. Wenn ein Erzähler (Hannes Brock) bei der Ouvertüre das Publikum fragt, ob denn auch alle an Feen glauben, hört man nicht nur von den Kindern ein lautes "Ja". Beim Indianertanz vor der Pause werden dann alle aufgefordert, sich von den Sitzen zu erheben und mitzutanzen. Das ist eben ein Spaß für die ganze Familie. Auch mit aktuellen Bezügen wird nicht gespart, wenn Hook beispielsweise ruft: "Holt mich hier raus! Ich bin ein Star!" oder einem Piraten am Ende des Stückes nahegelegt wird, doch jetzt bei Jack Sparrow anzuheuern. Der Sprachwitz bedient zum einen die Kleinen, wenn Hook und Tinkerbell sich als Captain Spuck und Stinkerbell beschimpfen, oder wenn Tinkerbell lapidar bemerkt "Ach leck mich doch an den Flügeln". Zum anderen ist der Wortwitz wohl eher für das ältere Publikum gedacht, wenn Peter Pan vor zwei Wolken warnt, in denen geblitzt wird.

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Captain Hook (Hannes Brock, Mitte hinten) und Smee (Edward Steele, vorne) in der Lagune der Nixen (im Hintergrund Mitglieder der Statisterie).

Die Musik von Konstantin Wecker ist sehr abwechslungsreich und eingängig und zeigt das große Talent des als Liedermacher, Poet, Schauspieler und Komponist bekannten Künstlers, der unter anderem so bekannte Filmmusiken wie "Kir Royal" (1986) und "Schtonk!" (1992) komponiert hat. Bei der Ouvertüre glaubt man sich zunächst in einen Disney-Film oder in die Zauberwelt eines Harry Potter versetzt. Geradezu elfenhaft perlt die Musik und verschafft dem Zuhörer ein wohliges Gefühl. Doch Herr Wecker vermag auch ganz andere Rhythmen zu vertonen. So wird Hooks erster Auftritt zu einem flotten Cancan, passend zu Hooks Renaissance-Look im Stil des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Der Indianertanz, bei dem die Zuschauer hinterher auch mittanzen sollen, entwickelt sich zu einer Art Riverdance. Wenn Wendy "Kinder brauchen Träume" singt, schafft die Musik eher rockige Töne, was der Jugend von heute sicherlich näher kommt. Das Seemannslied "Was soll man tun, wenn der Bootsmann krank ist" klingt wie eine freie Adaption von "What shall we do with a drunken sailor". Wie auch Christian Berg hat Konstantin Wecker besondere Freude an der musikalischen Ausgestaltung der Fee Tinkerbell. In ihrem Auftrittslied "Zauberhaft" stellt sie sich als zickige Diva vor, die stets den begeisterten Zuspruch von allen erwartet. Und wenn sie diesen nicht kriegt, kann sie sehr gemein werden, was sich im so genannten "Zickenduett" mit Wendy hervorragend äußert, wenn beide feststellen: "Eine von uns beiden muss jetzt gehen". Peter Pan hat mit seinem Titelsong "Fliege deinen Traum" einen Ohrwurm, der auch Stunden nach der Aufführung noch nachhallt.

Das Bühnenbild von Dorothee Schumacher unterstützt den inszenatorischen und musikalischen Ansatz in vollen Zügen und ist einfach nur märchenhaft schön, und zwar nicht nur für die jüngeren Zuschauer. So unterhielten sich auf dem Weg aus dem Theater zwei ältere Damen, dass sie so ein schönes Bühnenbild ja schon lange nicht mehr gehabt hätten. Also auch Erwachsene möchten  bisweilen gern in einem fantasievollen Bühnenbild dem Alltag entfliehen. Während das Schlafzimmer in zartem Blau gehalten wird und das große Fenster einen Blick auf einen klaren Sternenhimmel freigibt, wird Nimmerland von einem großen knorrigen Baum dominiert, der von zahlreichen Büschen umgeben ist. Für die Lagune der Nixen, auf der Tigerlilly gefangen gehalten wird, stellt Frau Schumacher einen Felsen auf die Bühne, auf dem zwei Nixen in wunderschönen Kostümen (Ute Werner) sitzen, während im Hintergrund Stoffbahnen das sanfte Rauschen des Meeres andeuten. Für das Indianerlager ist der Bühnenboden dann hochgefahren worden und der knorrige Baum setzt sich quasi unterirdisch mit seinen Wurzeln fort, wobei eine Wurzel als Rutsche fungiert, auf der die Kinder in das Indianerlager gelangen. Mit der Jolly Roger wird dann im zweiten Teil ein richtiges Schiff auf die Bühne gehievt, bei dem auch mit Details nicht gespart wird. Da schießen die Kanonen aus der Seitenwand. Peter Pan schwebt bei seinem Titelsong in einer weißen Wolke vor einem klaren Sternenhimmel und lädt erneut zum Träumen ein, bis die Geschichte dann wieder im Schlafzimmer der jetzt erwachsenen Wendy endet. Hier werden alle Tricks der modernen Bühnentechnik genutzt, um die Zuschauer zu verzaubern und es vielleicht mit der großen Konkurrenz des Films aufnehmen zu können. Auch die Kostüme von Ute Werner sind an dieser Stelle ausdrücklich zu loben.

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Captain Hook (Hannes Brock, rechts) will seine Gefangene Wendy (Maria Hilmes, vorne, links) von der Jolly Roger ins Meer werfen (im Hintergrund links: Smee (Edward Steele) und Mitglieder der Statisterie).

Gesungen wird mit Mikroports auf sehr hohem Niveau. Stephan Boving entspricht mit seinem jungenhaften Aussehen einer Idealbesetzung des Peter Pan. In einem Kostüm, das auch für Papageno durchgegangen wäre, singt er sich mit leichtem Tenor durch die Partitur und beweist nicht nur Schwindelfreiheit, wenn er bei "Fliege deinen Traum"  in einer Wolke gen Bühnenhimmel schwebt, sondern macht auch am Ende eine sehr gute Figur, wenn er von zwei Drahtseilen emporgehoben wird und davonfliegt. Da wirkt er schon fast wie Superman. Seinem Aussehen entsprechend ist auch seine Spielfreude, so dass man ihm den liebenswerten -  wenn auch etwas unvernünftigen - Jungen, der nicht erwachsen werden will, durchaus abnimmt. Von besonderem Liebreiz ist auch Maria Hilmes als Wendy, auch wenn ihre wunderschöne Mezzo-Stimme für die Partie fast schon zu schwer ist. Da muss sie sich mit dem Mikroport schon manchmal arg zurückhalten, damit dem Zuhörer nicht das Trommelfell platzt. Ihr Spiel verbindet das Mädchenhafte wunderbar mit dem Vernünftigen, das Wendy trotz ihres Alters schon besitzt, so dass klar wird, warum sie nicht in Nimmerland bleiben kann und will. Ganz hervorragend ist auch Vera Semieniuk als Tinkerbell. Während sie zunächst nur als kleiner auf dem Bühnenbild sichtbarer Laserpunkt unverständlich herumschnattern darf, bekommt sie in Nimmerland dann ihren großen Auftritt, wenn sie zu ihrer Arie "Zauberhaft" in einem gelben Narzissenkleid auf einer Blumengondel im Bühnennebel hereinschwebt, wobei sie die Szene direkt ironisch bricht, indem sie anfängt zu husten und sich beschwert, wann denn endlich das Rauchverbot gelte. So zickig gibt sie sich die ganze Zeit, wobei sie nur zufrieden ist, wenn man ihr applaudiert und Aufmerksamkeit spendet. Das macht man aber gerne, weil Frau Semieniuk in ihrem Spiel das Publikum zu begeistern versteht. In ihrer Musik wird die Oper ein wenig karikiert, was sich in einigen übertriebenen  Koloraturen äußert, die Frau Semieniuk spielerisch beherrscht.

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Showdown zwischen Hook (nicht im Bild) und Peter Pan (Stephan Boving, vorne Mitte) (auf dem Bug des Schiffes Tinkerbell (Vera Semieniuk), dazwischen Mitglieder der Statisterie).

Der Höhepunkt in wahrscheinlich jeder "Peter Pan" - Inszenierung ist und bleibt aber natürlich Captain Hook, der in der Hamburger Premiere von Christian Berg selbst gespielt wurde. In Dortmund spielt ihn Hannes Brock (wer sonst?!). Und Hannes Brock kann wieder einmal erneut neben seinen tenoralen Qualitäten auch seine komödiantischen Fähigkeiten voll unter Beweis stellen und das Publikum in seinen Bann ziehen. Schon bei seinem ersten Satz aus dem Off, dass er noch nicht fertig mit der Maske sei, wird klar, dass jetzt der Star des Abends kommt. So ist auch das Plakat, welches man durch Aufklappen des Programmheftes erhält, ihm gewidmet. In seinem Outfit erinnert er stark an den Sonnenkönig Ludwig XIV, zunächst mit roter Perücke in lilafarbenem Kostüm, später mit weißer Perücke und gelbem Kostüm. Wenn Hannes Brock die Bühne betritt, beherrscht er diese, ohne dabei die anderen Darsteller an die Wand zu spielen. Des Weiteren zeigt er sehr großes Improvisationstalent, wenn er in einer Umbaupause ein Kind auf die Bühne bittet, das ihm erklären soll, was er denn machen müsse, um auch Freunde zu haben und nicht immer so allein zu sein. Er versteht es wunderbar, auf die Antworten einzugehen. Auch die Tatsache, dass sofort zwei Kinder auf die Bühne klettern, bringt ihn nicht durcheinander. Zum Abschluss gibt es dann sogar noch ein Foto mit ihm, was die Kinder sich dann zuschicken lassen können. Folglich lässt man ihn im Stück auch nicht von dem Krokodil fressen, sondern nur fliehen und somit Peter Pan das Duell mit seinem Widersacher gewinnen.

Abgerundet wird dieser Abend durch ein herrlich aufspielendes Orchester unter der Leitung von Ralf Soiron, der es wunderbar versteht, die unterschiedlichen Klangfarben und Rhythmen aus der Partitur herauszuholen. So wird der Abend zu einer gelungenen Traumreise durch ein Land der Fantasie, das Flügel verleiht und beim Publikum  große Begeisterung hervorruft, die sich am Ende in lang anhaltendem Applaus äußert.

 

FAZIT

Ein großes Theatererlebnis für Jung und Junggebliebene mit eingängiger Musik, einer hervorragenden Inszenierung in einem wunderschönen Bühnenbild mit märchenhaften Kostümen, ideal besetzten Darstellern und einem satten Orchesterklang.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Ralf Soiron

Inszenierung
Christian Berg

Bühnenbild
Dorothee Schumacher

Kostüme
Ute Werner

Choreographie
Martin Schurr

Lichtgestaltung

Bernd Sack

Chor

Granville Walker

Dramaturgie
Daniel Schindler

 

Opernchor des Theater Dortmund

Statisterie des Theater Dortmund

Dortmunder Philharmoniker
 



Solisten

Erzähler / Captain Hook
Hannes Brock

Peter Pan
Stephan Boving

Wendy
Maria Hilmes

Tinkerbell
Vera Semieniuk

Smee / Indianerhäuptling
Edward Steele

Tigerlilly / 1. Pirat / 2. Junge
Martina Vorsthove

Indianer / 2. Pirat / 1. Junge
Georg Kirketerp

John / 3. Pirat
Min Lee

Michael / Jane
Barbara Vorbeck


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