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I am an unusual thing
Von Thomas Molke /
Fotos von Bettina Stöß (Stage Pictures) Im Mozart-Jubiläumsjahr 2006 hatte Xin Peng Wang ein Handlungsballett über das Leben und den Tod des musikalischen Genies kreiert. Zur Musik Mozarts zeichnete er die unterschiedlichen Lebensstationen des Wunderkindes nach, das in seinem allzu kurzen irdischen Dasein nahezu überirdische musikalische Werke schuf. Fast fünf Jahre später hat der Dortmunder Ballettdirektor gemeinsam mit dem Dramaturgen Christian Baier dieses Ballett einer gründlichen Revision unterzogen und eine Neufassung erarbeitet, die nur noch in Grundzügen an das ursprüngliche Ballett erinnert und damit auch für alle damaligen Besucher ein absolut neues Erlebnis darstellen dürfte. Im Zentrum stehen nicht mehr so sehr die einzelnen Lebensstationen des Künstlers, sondern vielmehr der Kontrast zwischen der Vollkommenheit des Werkes und der Unvollkommenheit des Menschen Mozart. Dazu hat Xin Peng Wang neben Werken von Mozart auch noch Musik des zeitgenössischen Komponisten Michael Nyman in die Choreographie eingebaut, der mit seinen Soundtracks zu Filmen wie zum Beispiel The Piano und Gattaca zu den erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart zählt und der aufgrund seiner musikalischen Bandbreite von Xin Peng Wang als legitimer Nachfolger Mozarts betrachtet wird. Mozart, das Wunderkind, (Luis Moret-Chanzá) zwischen seinem Vater (Luke Forbes, links), dem Erzbischof (Yuri Polkovodtsev, Mitte hinten) und Haydn (Sergio Carecci, rechts). Alles beginnt gewissermaßen mit dem Ende. Auf einer leeren von Nebel umhüllten Bühne wird Mozart (Mark Radjapov), scheinbar schon kurz vor seinem Tod, sichtbar. Vom Band ertönt Ute Lemper mit dem von Nyman 1991 komponierten Song "I am an unusual thing", den Nyman auf der Grundlage von Mozartbriefen aus dem Jahre 1787 und Mozartzitaten für sein Songbook komponierte. Das lyrische Ich berichtet davon, dass es weder eine Seele, noch einen Körper besitze und von den Menschen zwar nicht gesehen, aber dennoch gehört werden könne und so durch die Ohren der anderen ewiges Leben erlange. Zu diesen sehr ergreifenden Klängen, die man sich gerne live gewünscht hätte, schwebt Mark Radjapov mit einem Kerzenständer als kraftloser Mann gewissermaßen bereits entseelt über die Bühne und blickt zurück. In offenen Bühnenelementen werden Figuren seiner Vergangenheit sichtbar: sein Vater Leopold (Luke Forbes), der Erzbischof Colloredo (Yuri Polkovodtsev), Joseph II (Howard Lopez Quintero), Haydn (Sergio Carecci), seine Gattin Constanze (Risa Tateishi) und deren Schwester Aloysia (Jelena Ana Stupar). Bei diesen Erscheinungen tickt nur ein Metronom als Zeichen der verrinnenden Zeit. Das Wunderkind Mozart (Luis Moret-Chanzá) übernimmt diesen Takt, der ihn sein Leben lang fesseln wird. Mozart (Mark Radjapov) und Aloysia (Jelena Ana Stupar). Im Anschluss ertönt die Ouvertüre zu Le Nozze di Figaro. Svetlana Robos, Jelena Ana Stupar, Risa Tateishi, Adrian Robos, Howard Lopez Quintero und Mark Radjapov wirbeln quasi als Noten jeweils paarweise in einer perfekt abgestimmten Choreographie über die Bühne. Danach wieder Stille. Vater Leopold führt seinen Sprössling zu einem Klavier. Jetzt ertönen der 2. und der 3. Satz der Klaviersonate KV 332, die einzige Live-Musik dieses Abends. Während Mozarts Vater mit seinem Sohn andächtig der Musik lauscht, zeigt das Ballettensemble eine sehr gelungene tänzerische Umsetzung des Adagios und des Allegros. Nun geht es auf Reisen und die Choreographie wird sehr verspielt. Zur Schlittenfahrt, KV 605, Deutsche Tänze Nr. 3, stellen die Tänzerinnen und Tänzer eine Kutsche dar, die Mozart mit seinem Vater zu den ganzen Stationen bringt, an denen Leopold seinen Sohn als Wunderkind anpreisen wird. Mozart (Mark Radjapov, Mitte) inmitten seiner Figuren: Königin der Nacht (Luke Forbes), Papageno (Tomoaki Nakanome), Don Giovanni (Philip Woodman) und Figaro (Arsen Azatyan), hinten rechts: der Komtur (Andrei Morariu). Erneut erklingt das Metronom, dieses Mal wie eine Art Herzschlag, und erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens. Mark Radjapov scheint als Mozart gegen diese Vergänglichkeit anzurennen. Notenblätter fallen vom Bühnenhimmel, und von den Musen (Barbara Melo Freire, Sayo Yoshida und Eveline Drummen) inspiriert, setzt Mozart diese Töne in Musik um. Eingespielt wird dabei eine Variation auf Don Giovanni von Michael Nyman. Der Komtur (Andrei Morariu) als personifizierter Tod tritt auf. Aber noch bleibt Mozart ein wenig Zeit. Im 3. Satz des Divertimento für Violine, Viola und Violoncello durchbrechen Eugeniu Cilenco, Philip Woodman und Arsen Azatyan mit Rosa Ana Chanzá Hernandez in einem sehr verspielten Quartett die düsteren Vorahnungen und demonstrieren die scheinbare Leichtigkeit des Seins. Doch die Todesahnungen gewinnen wieder Oberhand. Zum Kyrie aus Mozarts Großer Messe c-moll KV 427 zeigt das Ensemble in sehr eindringlichen Bewegungen das nahende Ende, während der Komtur den kleinen Mozart auf der Totenbahre über die Bühne schiebt. Ein Wechsel erfolgt von der Angst vor dem Tod zum Feuer der Liebe. Ein großes rotes Tuch hängt vom Bühnenhimmel herab. Davor tanzt Mozart mit Aloysia Weber (Jelena Ana Stupar) zum Klavierkonzert Nr. 21 KV 467 ein sehr klassisches Pas de deux, in dem seine Verehrung für die große Sängerin zum Ausdruck kommt. Aber diese Liebe hält nicht an. Das Tuch fällt herab und Aloysia verschwindet. Ihre Schwester Constanze (Risa Tateishi) taucht auf, und erneut gibt es ein klassisches Pas de deux, dieses Mal auf dem roten Tuch. Die Liebe zu Constanze scheint also wesentlich irdischer zu sein und führte ja auch zur Hochzeit. Mozart (Mark Radjapov) lebt. Nach der Pause erklingt erneut Michael Nymans "I am an unusual thing". Der Sturm des nahenden Todes und das Ticken des Metronoms sind noch eindringlicher geworden. Mozart hat nicht mehr viel Zeit. Mit dem "Introitus" aus seinem Requiem kündigt das Ensemble das Ende bereits an. Im Anschluss daran erklingt aus Cosė fan tutte "Soave sia il vento", das Abschiedsterzett von Fiordiligi, Dorabella und Alfonso, wenn die Verlobten in den vermeintlichen Krieg ziehen. Jetzt ist es Mozart, der von seinen Bühnenfiguren Königin der Nacht (Luke Forbes), Papageno (Tomoaki Nakanome), Don Giovanni (Philip Woodman) und Figaro (Arsen Azatyan) Abschied nehmen muss, um dem Komtur (Andrei Morariu) zu folgen. Sehr bewegend ist der Moment, in dem Mozarts Figuren ihn umringen, um ihn nicht mit dem Komtur gehen zu lassen. Doch dieses Ansinnen ist vergeblich. Mozart folgt dem Komtur. Während der Komtur Mozart auf der Totenbahre über die Bühne schiebt, erklingen erneut Auszüge aus dem Requiem. Interessant ist hierbei, dass das "Lacrimosa" in einem Solo von Aloysia und nicht von Constanze getanzt wird. Constanze ist nur damit beschäftigt, die Noten zu ordnen. Damit wird eine engere spirituelle Bindung Mozarts zu seiner Schwägerin suggeriert. Zur Maurerischen Trauermusik KV 477 erhebt sich Mozart erneut von der Bahre und tanzt allein auf der leeren Bühne ein sehr kraftvolles Solo, womit er die Unsterblichkeit des Künstlers noch einmal unterstreicht. Insgesamt lässt sich beim Dortmunder Ballettensemble ein sehr hohes Niveau im klassischen Tanz konstatieren, was sowohl die Solisten als auch das Corps de Ballet betrifft und mit großem Szenen- und Schlussapplaus des Publikums belohnt wurde. Wünschenswert wäre gewesen, Mozarts hervorragende Musik live aus dem Orchestergraben zu hören, was den Genuss trotz der Einspielungen namhafter Künstler sicherlich noch gesteigert hätte. Nachvollziehbar ist jedoch, dass der Aufwand zumindest für das Requiem den Rahmen gesprengt hätte. FAZIT Xin Peng Wang zeigt, dass er seit 2006 zahlreiche neue Eindrücke zum Thema Mozart gewonnen hat, die es wert sind, dieses Ballett neu zu erarbeiten. Das Ensemble zeigt, dass es technisch perfekt die Vorstellungen des Ballettdirektors umzusetzen versteht. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Choreographie
Bühne und Kostüme
Konzept der Neufassung Ballettmeister
Pianist Statisterie des Solisten
Mozart
Constanze
Aloysia
Eine Frau
Vater / Königin der Nacht
Erzbischof
Joseph II.
Haydn Don Giovanni Figaro Pagageno Komtur Quartett Drei Musen Noten Mozart als Kind Hofherren
(Gold) Hofdamen Gesellschaft Arsen Azatyan
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