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Musiktheater
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Daphne

Bukolische Tragödie in einem Aufzug
von Richard Strauss

Dichtung von Joseph Gregor

Aufführungsdauer: ca. 1 Stunden 40 Minuten

Premiere in der Sächsischen Staatsoper Dresden am 2. Oktober 2010
Besuchte Aufführung: 8. Oktober 2010

Homepage

Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)

Am Thema vorbei

Von Bernd Stopka / Fotos von Matthias Creutziger

Es ist zwar nicht wirklich zu begründen warum, aber es ist doch immer etwas Besonderes, wenn ein Werk auf der Bühne seiner Uraufführung zu erleben ist. Gerade auch, wenn es sich um eine seltener gespielte Oper handelt, wie „Daphne“ von Richard Strauss. Gerade hier sind die Erwartungen hoch und die Herausforderungen groß. Das liegt einerseits an den enormen Ansprüchen, die die Partien an die Sängerinnen und Sänger stellen und andererseits an einer Handlung und einem Libretto, die über große Strecken den Eindruck machen, als seien sie reine Trägermasse zur Bereitung eines Stimmenfestes. Diesem Eindruck wollte Regisseur Torsten Fischer mit seiner Inszenierung entgegenwirken, indem er die Geschichte anders erzählt und ihr einen politischen Tiefgang verordnet, den sie im Original nicht hat.

Vergrößerung in neuem Fenster Apollo (Robert Dean Smith) und Daphne (Camilla Nylund),
Peneios (Georg Zeppenfeld) und Gaea (Christa Meyer)

Daphne verweigert sich der Lebensart ihrer Umgebung und heute insbesondere der Teilnahme am fröhlichen Dionysos-Fest, sie sehnt sich nach Natur und fühlt eine starke Verbundenheit mit der Sonne und den Pflanzen. Besonders Bäumen fühlt sie sich in geschwisterlicher Liebe stärker verbunden als ihren Eltern, dem zum Fischer gewordenen Ex-Gott Peneios und der erd- und lebensverbundenen Gaea. Als der von ihr als Gatte verschmähte Leukippos vom eifersüchtigen, als Hirte verkleideten Gott Apollo getötet wird, betrauert sie den brüderlich, aber nicht leidenschaftlich geliebten Gefährten ihrer Jugend. Vom reumütigen Apollo in einen Lorbeerbaum verwandelt, erlebt sie die glücklichste Phase ihres Dasein - als Schwester ihrer geliebten Bäume. Soweit das Original.

Vergrößerung in neuem Fenster

Sophie Scholls Text auf den Gazeschleier projiziert

Bei seinen Recherchen hat der Regisseur einen Text von Sophie Scholl entdeckt, in dem sie eine Liebe zur Natur beschreibt. Dieser Text wird zu Beginn der Oper auf den Gazevorhang projiziert und Daphne in Bezug zu Sophie Scholl gesetzt. Die Handlung spielt nun in der Entstehungszeit der Oper. Was folgt, ist absehbar: Flugblätter und Brutalität, Faschisten, Gefangennahmen, Folterungen, das ganze Programm, das überall da zu sehen ist, wo es hinpasst oder auch – und das häufiger – nicht.

Ein Lorbeerbaum wird auf der Bühne vom Volk geplündert. Die Szene, in der Daphne einen Baum anhimmelt und beschmust, hinter dem sich Leukippos versteckt hat, wird entzaubert, indem der Baum einfach weggelassen wird und Daphne sich an Leukippos’ Rücken schmiegt. Mit dem Aufgang einer überdimensionalen feuerroten Sonne erscheint Apollo als strahlender Held, lohengrinähnlich, vielleicht sogar als Erlöser oder neuer Führer. Das bezieht sich auf eine Textpassage, in der Peneios eine Vision beschreibt: Er sieht Apollo vom OIymp herabsteigen und am Fest teilnehmen. So kann man Textpassagen überinterpretieren – auch damit, dass man mit der Sonne, die Daphne als Spenderin des Lichtes und des Lebens verehrt, auch Zerstörung und Verbrennung darzustellen versucht.

Vergrößerung in neuem Fenster Leukippos (Ladislav Elgr) kurz vor seiner Ermordung

Aus den bunt gekleideten Menschen ist eine uniforme Masse geworden. Beim „Fest des Dionysos“ warnen die Hirten die Mädchen vor den Schäfern, die schon etwas zu viel Wein getrunken haben. Daraus macht der Regisseur eine brutale Verfolgung und Demütigung der Frauen. Inzwischen wurde die leere Bühne mit einer bühnenbreiten hohen Treppe versehen. Leukippos wird von Apollos neuen Schergen mit deren Gewehrkolben brutal erschlagen, nicht ohne vorher eine Handvoll Flugblätter in die Luft geworfen zu haben. Spätestens hier assoziiert man mit ihm Sophies Bruder Hans Scholl. Schließlich werden alle wie in Zeitlupe in graue Kleidung gezwungen und auf die Hinterbühne abgeführt. Ein bühnenbreiter und –hoher Spiegel (die sind bei Bühnenbildnern gerade besonders hoch im Kurs) lässt sie wie an einer Bühnenhinterwand aufgehängt erscheinen.

Als Schlußbild sind diese Menschen wie eine Baumkrone angeordnet und wiegen ihre Arme wie Zweige im Wind. Daphne legt sich dazu und wird eins mit ihnen. Ganz uniform. Ganz uniform mit den anderen Menschen? Das ist doch gerade das, was Daphne nicht möchte! Das Bild ist wunderschön und erscheint als ein ganz besonders ästhetischer Anblick. Vielleicht bleibt mir eine tiefere Bedeutung verborgen, aber so schön es ist – so unsinnig erscheint es mir. Unpassend sowohl zu Daphne als auch zu Sophie Scholl.

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Daphne (Camilla Nylund) betrauert
 Leukippos (Ladislav Elgr, liegend),
Apollo (Robert Dean Smith, links)
wird vom Gewissen geplagt

Erklärtermaßen ist keine Eins-zu-eins-Umsetzung der Daphne-Sophie Scholl Übertragung beabsichtigt, das macht die Sache nicht besser, erklärt es doch gleich, dass es sich hier – wieder einmal – um eine Verkettung von Ideen und Assoziationen handelt. Und wenn die Szene und der Text so gar nicht zusammenpassen wollen, wenn das eigene Konzept an bestimmten Stellen hakt, dann wird das – auch wieder einmal – als „interessanter Bruch“ verkauft.

Daphne und Sophie Scholl trennt mindestens ein ganz erheblicher Aspekt: Sophie Scholl hat als Widerstandskämpferin ihr Leben riskiert und verloren. Sie hat gegen das Unrecht gekämpft. Daphne ergeht sich in ihrer Naturverbundenheit, entzieht sich dem Leben und beklagt Leukippos ausgiebig, wird aber nicht für die Gerechtigkeit aktiv. Diese Übertragung wird Sophie Scholl nicht gerecht.


Vergrößerung in neuem FensterDaphne (Camilla Nylund) vor der
lebenspendenden und zerstörerischen Sonne

Auch musikalisch bringt diese Produktion nur wenig Freude. Der junge Dirigent Omer Meir Wellber konzentriert sich regieadäquat auf die martialisch und gewaltig zum Klingen zu bringenden Passagen der Partitur. Dabei ist er regelmäßig ganz einfach viel zu laut und erstickt die Sänger, die oft kaum deutlicher als eine Orchesterstimme zu hören sind. Schade, denn die großartige Sächsische Staatskapelle könnte das viel differenzierter.

Robert Dean Smith hat als Apollo am meisten zu kämpfen, kann seine lyrischen Qualitäten kaum gegen den Eindruck aufwiegen, dass ihm für diese Partie der heldische Glanz und die Durchschlagskraft fehlen. Ladislav Elgr überzeugt da als Leukippos weit mehr mit klar-glänzendem Timbre, punktgenauen Spitzentönen und außergewöhnlicher Bühnenpräsenz. Camilla Nylung betört als Daphne vor allem mit wunderschönen Tönen in der Mittellage, die Anstrengungen dieser Partie machen sich jedoch in der Höhe mit engen und spitzen Tönen bemerkbar. Von Strauss’ Instrumentierung auf federsanften Händen getragen begeistert Christa Meyer als Gaea ebenso mit ihrem samtweichen Alt wie Georg Zeppenfeld mit seinem balsamischen Bass als Peneios. Schäfer, Mägde und Chor lassen keine Wünsche offen.


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Daphne (Camilla Nylund)
auf dem Weg zur Baumwerdung


FAZIT

Die Übertragung Daphne-Sophie Scholl wird weder der Widerstandskämpferin noch der griechischen Heldin gerecht. Der mythologischen Figur tut es nicht weh. Der Oper durchaus. Sophie Scholl hat angemessenere Würdigungen verdient.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Omer Meir Wellber

Inszenierung
Torsten Fischer

Bühnenbild
Herbert Schäfer

Kostüme
Andreas Janczyk

Chor
Pablo Assante

Malerei
Vasilis Triantafillopoulos

Licht
Fabio Antoci

Dramaturgie
Nora Schmidt


Sächsische Staatskapelle Dresden

Herren des Sächsischen
Staatsopernchores

Komparserie


Solisten

Peneios
Georg Zeppenfeld

Gaea
Christa Mayer

Daphne
Camilla Nylund

Leukippos
Ladislav Elgr

Apollo
Robert Dean Smith

Schäfer
Jeremy Bowes

Schäfer
Aaron Pegram

Schäfer
Ilhun Jung

Schäfer
Peter Lobert


Magd
Romy Petrick

Magd
Gala El Hadidi



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Semperoper Dresden
(Homepage)




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