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Musiktheater
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La Bohème

Oper in vier Akten
Text von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica
nach Szenen aus Henri Murgers La Vie de Bohème
Musik von Giacomo Puccini


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

In Kooperation mit der Vlaamse Opera Antwerpen
Premiere am 24. September 2010 im Opernhaus Düsseldorf


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Rheinoper
(Homepage)
Die Bohème als literarische Fiktion

Von Stefan Schmöe / Fotos stellt die Rheinoper uns nicht zur Verfügung

Beim Betrachten der Spielplanvorschau durfte man sich verwundert die Augen reiben: Da übernimmt die Rheinoper, immerhin Landeshauptstadttheater, als Eröffnungspremiere eine fast 17 Jahre alte Inszenierung aus Antwerpen. Innovation sieht anders aus, zumal die vorige Saison mit dem (nicht ohne Substanzverluste) aus Zürich importierten Tristan ebenfalls eine Zweitverwertung aufgetischt wurde (unser Bericht). Im Fall dieser Bohème mag für Intendant Christoph Meyer Pragmatismus ausschlaggebend gewesen sein: Gleich zu Spielzeitbeginn ein Publikumsrenner in einer bewährten Inszenierung, damit lassen sich die über beide Häuser und die gesamte Spielzeit verteilten 24 angesetzten Aufführungen ziemlich sicher als wesentliches Standbein des Repertoirebetriebs auf der Haben-Seite verbuchen.

Eine Novität ist's also nicht, was man zu sehen bekommt; die Suggestivkraft dieser Inszenierung ist allerdings ungebrochen. Regisseur Robert Carsen und Ausstatter Michael Levine haben das Stück behutsam entstaubt und die sentimentale Betulichkeit, die „klassischen“ Inszenierungen schnell anhaftet, konsequent ausgetrieben. Die Geschichte entwickelt sich als eine Art literarische Fiktion (was sie ja tatsächlich ist, nimmt man die Vorlage – einen Fortsetzungsroman von Henri Murger – als Grundlage). Schriftsteller Rodolfo wird am Ende allein schreibend zurück bleiben, wenn die anderen Bohèmiens seine Welt in alle Himmelsrichtungen verlassen, die Abgrenzungen des Bühnenbilds durchbrechend. Durch diesen Kunstgriff endet der Abend nicht mit der üblichen Verzweiflungsgeste, sondern bekommt nachträglich einen Rahmen, der Struktur gibt.

Eine kleine quadratische Spielfläche mit extrem reduziertem Mobiliar bildet die Wohnung dieser Bohèmiens, im ersten Akt von einer Schneefläche umgeben, im letzten von Blumen, was dem Wechsel der Jahreszeiten im Stück entspricht und in seiner Überdeutlichkeit schon wieder eine ironische Distanz schafft. Der zweite Aufzug bricht wie ein Auswuchs der künstlerischen Fantasie in diese Welt hinein. Bodenluken öffnen sich, heraus kommt eine Schar ärmlich gekleideter Menschen, ein quirliger Volksauflauf. Der Chor wird mehrfach in Standbildern „eingefroren“, womit unterstrichen wird, worauf es ankommt: Nämlich auf die Geschichte von Rodolfo und Mimi (und der Gegenhandlung Marcello – Musetta). Das Café Momus ist gestrichen, serviert wird auf einem alten Bettgestell. Trotz solcher Eingriffe wirkt das Bild ungeheuer authentisch, weil es perfekt mit der musikalischen Stimmung korrespondiert. Und Musettas Walzer wird als Hymne an die Liebe ganz groß in Szene gesetzt, an deren Ende, Patrick Süßkinds Parfüm lässt grüßen, eine kollektive Orgie steht. Der dritten Aufzug bildet in seiner Reduktion den Kontrast dazu. Ein turmartiger Bau mit einem gelb aufleuchtendem Fenster gibt einen stark abstrahierten Hintergrund, vor dem Mimi und Rodolfo, abgewrackt und mit Schnapsflasche, desillusioniert beschließen, das idealisierte Leben der Bohème gegen das pragmatische Überleben in anderen, nicht unbedingt besseren Verhältnissen einzutauschen. Spätestens da erscheinen die Protagonisten ungeachtet der behutsam historisierenden Kostüme als sehr moderne Menschen.

Die Inszenierung fährt dabei doppelgleisig: Einerseits wird die Geschichte in einer Weise nacherzählt, die sie unaufdringlich und ohne radikale Eingriffe in die Gegenwart führt; andererseits reflektiert Carsen das historische Phänomen dieser „Bohème“, die sich selbst erfindet und gleichzeitig überwindet: Das ungebunden freie Künstlertum als romantisierende Erfindung derer, die sich in die gesicherte bürgerliche Existenz retten wie der durch und durch bourgoise Komponist Puccini, der sein eigenes „bohèmisches“ Leben in seine Villa am Torre di Lago inszenierte. So wird der Oper der Spiegel vorgehalten, ohne sie zu dekonstruierend zu zertzrümmern. In dieser Vielschichtigkeit, abgerundet durch starke Bildwirkungen und eine überaus engagierte Personenregie, ist das ein ganz großer Wurf der Rezeptionsgeschichte, der auch in dieser späten Reprise ohne erkennbaren Substanzverlust unbedingt sehenswert ist.

Natürlich muss auch die musikalische Umsetzung stimmen. Am Pult steht (auch das zum Saisonauftakt etwas verwunderlich) nicht der hauseigene GMD Axel Kober, sondern Giordano Bellincampi, Chefdirigent der Oper im dänischen ?rhus – und der macht seine Sache ausgezeichnet. Er entwickelt einen schlanken, aber trotzdem „süffigen" Klang und hat viel Gespür für die musikalische Linie. Dazu kommen sehr fein differenzierte Klangfarben für verschiedene Szenen. Mimis aufsteigendes Motiv etwa erklingt in verführerisch schönen impressionistischen Klangfarben, Collines Arioso an den Mantel („Vecchia zimarra") wird trocken und verhalten in die Nähe der Mahler'schen Trauermärsche gerückt. Die Düsseldorfer Symphoniker folgen dem klangschön und flexibel. Optimierbar ist das Zusammenspiel mit den klangprächtigen, im Rhythmus aber allzu freien Chören.

Die Mimi (für die Aufführungsserie gleich vierfach besetzt, Rodolfo und Musetta sogar fünffach) singt am Premierenabend die hauseigene Primadonna Natalya Kovalova. Mit heroinenhafter (nicht immer sehr genau geführter) Riesenstimme, allerdings mit wackliger Höhe, ist das nicht unbedingt die Inkarnation einer tuberkulösen femme fragile, hat aber eine Reihe von sehr intensiven (und auch schön gespielten) Momenten. Der erste Aktgerät ihr recht draufgängerisch, nicht unpassend zur Regie; im Schlussakt findet sie dann ein auch im Verlöschen sehr dichtes Pianissimo. Mit Giuseppe Varano steht ihr ein großartiger Rodolfo gegenüber, mit einer immer „rund“ klingenden, sehr schön „italienisch“ tembrierten Stimme, vom Volumen her nicht übermäßig groß, aber tragfähig, und geschmeidiger, sicherer Höhe. Wenn dem in seinen Bewegungen etwas hölzernen Sänger noch etwas fehlt, dann am etwas mehr unmittelbarer Charme.

Die Rumänin Iulia Elena Surdu singt die Musetta mit einer nicht zu hellen Soubrettenstimme ohne Fehl und Tadel (bei einer so lebens- wie liebeserfahrenen Frau könnte man sich allerdings auch ein dunkleres, in der tiefen Lage volleres Timbre vorstellen). Recht matt bleibt der engagiert gesungene, aber glanzlose Marcello von Laimonas Pautiensius, präsent und mit subtilen Zwischentönen ist der Colline von Adrian Sâmpetrean, spielfreudig und solide der Schaunard von Richard Šveda. Peter Nikolaus Kante macht mit stimmlicher Präsenz und Spielwitz aus den Kurzpartien des Vermieters Benoît und des reichen Alcindoro kleine Kabinettstückchen. Nicht zuletzt zeichnet sich die Aufführung dadurch aus, dass Dirigent und Orchester auch solche Szenen mit großer Genauigkeit und Plastizität nachzeichnen.


FAZIT

Alter spielt keine Rolle: Die betagte, aber immer noch mustergültige Inszenierung erscheint ebenso frisch wie intelligent und ist auch am Rhein unbedingt sehenswert – zumal sich die Rheinoper auch musikalisch in guter bis sehr guter Verfassung präsentiert.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giordano Bellincampi

Inszenierung
Robert Carsen

Bühne und Kostüme
Michael Levine

Licht
Jean Kalman

Kinderchor
Petra Verhoeven

Chor
Christoph Kurig

Dramaturgie
Ian Burton



Chor und Statisterie der
Deutschen Oper am Rhein

Kinder- und Jugendchor
St. Remigius Düsseldorf

Die Düsseldorfer
Symphoniker


Solisten

Rodolfo
Giuseppe Varano

Schaunard
Richard Šveda

Marcello
Laimonas Pautienius

Colline
Adrian Sâmpetrean

Benoît / Alcindoro
Peter Nikolaus Kante

Mimì
Natalya Kovalova

Musetta
MIulia Elena Surdu

Parpignol
Dmitry Trunov

Sergeant der Zollwache
Clemens Begritsch



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



Da capo al Fine

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