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Musiktheater
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Dialogues des Carmélites

Opéra in drei Akten und zwölf Bildern
Libretto vom Komponisten
nach dem gleichnamigen Drama von Georges Bernanos,
nach einer Novelle von Gertrud von Le Fort und
einem Szenarium von Philippe Agostini und R. V. Brückberger
für die Oper verwendet mit Genehmigung von Emmet Lavery
Musik von Francis Poulenc


in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h' (eine Pause)

Premiere am 22. Oktober 2010 im Opernhaus Düsseldorf

Besuchte Aufführung: 30. Oktober 2010


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Rheinoper
(Homepage)
Beladene Leere statt wirklicher Spannung

Von Thomas Tillmann / Fotos stellt die Rheinoper uns nicht zur Verfügung

Blanche de la Force hat Angst, nicht nur vor dunklen Kellern und unbekannten Geräuschen in der Nacht, sondern auch vor Menschen, vor allem wenn sie in Massen auftauchen. Und das tun sie in Guy Joostens Inszenierung von Poulencs bedeutenden Dialogues des Carmélites, vor allem und immer wieder während der Intermezzi in sehr schlichten Videoprojektionen von Volker Weinhart, aber natürlich auch an den in der Partitur vorgesehenen Stellen, in Kostümen, die bewusst nicht die der Jahre der französischen Revolution sind. Um eine historisierende Darstellung ging es der Verfasserin der Novelle, Gertrud von Le Fort, wohl nicht, vielmehr empfand sie die Geschichte der Karmelitinnen als ausgezeichneten Rahmen für Blanches Tragödie (und so sehen wir einzig die Mitglieder der Famille de la Force in Kostümen dieser Epoche).

Blanches Angst aber stellt Joosten, im Programmheft wie immer von seinem Bruder Luc dramaturgisch-apologetisch begleitet, in einen größeren Zusammenhang: "Es ist die Angst des Menschen vor Schattenzeiten, vor dem Zurückfallen ins Chaos, vor der Auflösung von Strukturen, die Halt bieten, so dass die Ängste, die man vorübergehend im Griff hatte, wieder freie Bahn haben. Es ist eine Angst, die von Epoche zu Epoche immer wieder auftauchen wird. Eine Angst, auf die keine einzige Zeit eine definitive Antwort geben kann." Bernhard F. Loges, der zweite Dramaturg der Produktion, ergänzt, die Geschichte der sechzehn Märtyrerinnen von Compiègne tauche immer dann in der Kunst auf, wenn sich ein totalitäres Regime abzeichne oder nachdem ein solches die Welt in ein Zeitalter der Angst gestürzt und die moralischen Stützen einer Gesellschaft zum Einsturz gebracht habe. Warum aber hat das Regieteam dann nicht eine Zeit und einen Ort gewählt, die dem deutschen Publikum des Jahres 2010 näher ist als die Entstehungszeit des Stücks und Frankreich (die Nonnen tragen nach der Auflösung des Ordens und nach erzwungenem Ablegen des Habit bevorzugt Baskenmützen, Blanche dazu als einzige einen roten Mantel, zwei sehr plakative Ideen von Ausstatter Johannes Leiacker).

Die Karmelitinnen stehen "für eine Welt, die Mitgefühl und Verstand integriert" und die mit ihrer bloßen Existenz die Anderen zwingt, "über ihr eigenes Leben zu reflektieren und die eigenen Werte zu hinterfragen und zu überprüfen". Das liest sich wie so häufig klug (aber wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer werden sich die Mühe machen, sich durch das Programmheft zu arbeiten, wenn sie sich schon kaum zu Applaus an Aktschlüssen aufraffen können?), aber es scheitert auch wie so häufig an der Umsetzung, denn was man unvoreingenommen sieht, ist ein kreuzbraver, allzu harmloser Theaterabend, der kein bisschen verstört, der die meiste Zeit wie die Musik aus dem Graben vor sich hinplätschert und erst gegen Ende seine stärksten Momente hat, wenn nämlich die Frauen nach ihrer Hinrichtung, die glücklicherweise nur akustisch stattfindet und vom Herunterschnellen schwarzer Stoffbahnen optisch unterstützt wird (technisch ist das allerdings nicht ganz gelungen, erst der schwarze Vorhang nach Blanches Tod sorgt für vollkommenes Dunkel im hinteren Teil der Bühne), "hocherhobenen Hauptes durch die Menge schreiten - jenseits der gesellschaftlichen Bühne weiterleben" und die Kraft offenbar wird, "die in ihnen wohnt und sich über dieses Terrorregime und nicht zuletzt über jedes Machtsystem hinwegzusetzen vermag". Bis dahin muss man ausgesprochen "viele Momente der Stille" über sich ergehen lassen, die "bedeutungsschwanger" sein und "eine beladene Leere" offenbaren wollen, einen aber eher "das Abwesende" vermissen lassen.

In ihrer Schlichtheit eindrucksvoll fand ich die mit sehr wenigen Requisiten auskommenden, offenen Bühnenbilder von Johannes Leiacker, erwartungsgemäß genial ausgeleuchtet von "Altmeister" Manfred Voss. Das Schloss des Marquis wird durch eine riesige Bücherwand und einen roten Teppich angedeutet, der Orden mit einem riesigen Kruzifix, das von der Bühnendecke den Schwestern zugewandt aufgehängt ist und das später (ziemlich vorhersehbar) verbrannt und zerstört auf dem Boden liegt, ein weißes Quadrat auf verbrannter Erde markiert das Gefängnis der Schwestern.

Die größte Enttäuschung des Abends war für mich Anja Silja, die zweifellos eine Ausnahmekünstlerin ist, eine bemerkenswert lange Karriere und in der hohen Lage auch immer noch einige prägnante Töne zur Verfügung hat. Natürlich nutzt sie auch jede Sekunde für ein beklemmendes Portrait der alten Priorin, natürlich gehen einem die Schmerzensschreie unter die Haut, aber wenn man genauer hinschaut, stellt man doch fest, dass die Rolle an sich immens faszinierend ist und man in der Sterbeszene eigentlich kaum etwas falsch machen kann - es sei denn, man wäre über weite Strecken fast nicht zu hören, weil einem die Partie erheblich zu tief ist, man eben kein Mezzosopran ist und man auf Dauer das völlig Fehlen des tiefen Registers durch intensives Flüstern einfach nicht wettmachen kann (das wird an der Scala unter Muti nicht wesentlich besser gewesen sein). Es ist traurig, dass es nicht mehr Sopranpartien für verdiente Sängerinnen im Spätherbst ihrer Kunst gibt, aber deshalb Rollen anzunehmen, die eklatant außerhalb der eigenen Möglichkeiten liegen, ist unseriös. Und so fragt man sich, ob nicht eine der verdienten Damen des eigenen Ensembles die bessere, auch kostengünstigere Wahl für die Madame de Croissy gewesen wäre - die Seiten aller Ränge waren trotz des Stars in der von mir besuchten Samstagsvorstellung beschämend leer.

Die größte Überraschung indes war für mich Jeanne Piland, die mit der Mère Marie für mein Empfinden endlich wieder eine Partie übernommen hat, die die Vorzüge ihres schlanken, diesmal sehr ausgeruht klingenden und fokussiert eingesetzten Mezzosoprans auf bemerkenswertem Niveau hervortreten ließ und an andere wunderbare Rollen des französischen Repertoires erinnerte, in denen die Amerikanerin so erfolgreich war, und auch ihre unaufgeregte, ruhige, verinnerlichte Darstellung setzte starke Akzente (und ihre Aussprache war noch die Beste, an einem Haus dieser Größe hätte man allerdings allen Mitwirkenden einen strengen Sprachcoach zur Seite stellen müssen).

Gespannt war ich auf die Stimme von Sabine Hogrefe, die in diesem Sommer in Bayreuth als Siegfried-Brünnhilde für Linda Watson eingesprungen ist. Der Eindruck ist ein zwiespältiger: Auf der einen Seite freut man sich, dass die Künstlerin, die nach einigen Jahren im lyrischeren Fach sich nunmehr den hochdramatischen Partien zuwendet, mit ihrem reif und charaktervoll klingenden, in der Tiefe nicht besonders voluminösen, ansonsten aber durchaus tragfähigen Sopran nach wie vor wunderbare Piani singen kann, auf der anderen Seite bemerkt man im Verlauf des Abends doch schon ein wahrlich ausladendes Vibrato, erhebliche Schärfen, schrillere Töne und Intonationstrübungen (vor allem bei ihrem letzten Auftritt). Immerhin, das Fach ist dünn besiedelt, da ist eine gewisse Karriere kaum aufzuhalten und wohl auch gerechtfertigt.

Die Blanche sollte vorerst die absolute Grenze dessen sein, was Anett Fritsch ihrem sehr angenehm timbrierten, sehr lyrischen Sopran zumuten sollte - Partien wie Konstanze und Musetta, die sie im Verlauf der Spielzeit gesungen hat bzw. singen wird, gehen meines Erachtens schon deutlich zu weit, zumal die Mittellage eine eher fragile ist; besonders die entschlosseneren Töne etwa im dritten Akt in der Szene mit Mère Marie verrieten, wie schnell man diese vielversprechende Stimme überstrapazieren kann. Umso mehr freute man sich die längste Zeit über ihre anmutige, empfindsame Herangehensweise an die Rolle und manchen betörenden Ton, in den sich bisweilen auch ein keineswegs störendes Klingeln mischen kann.

Einen glänzenden Eindruck hinterließ gleich zu Beginn der unverwüstliche John Wegner als Marquis de la Force - auch wenn die Stimme einige Verschleißerscheinungen erkennen lässt, so ist man doch fasziniert von dem dunklen, virilen Ton und der von der ersten Sekunde starken Präsenz und Autorität dieses verdienten Sängerdarstellers, dessen Stimme beinahe bricht, wenn er vom Tod seiner Frau erzählt - ein früher und seltener beklemmender Moment an diesem Abend. Dagegen waren mir viele Töne von Corby Welch, der den Marquis gab, zu knödelig, die Stimme klingt eigentlich nur dann ordentlich, wenn ihr Besitzer nicht lauter als Mezzaforte zu singen und das Orchester sehr leise zu spielen hat, im Forte dagegen wirkt sie strapaziert. Sehr hell, mitunter aber etwas scharf zwitscherte und plapperte Alma Sadé als quirlige Soeur Constance, kein Vergleich zu der singulären Leistung etwa der kürzlich verstorbenen Anneliese Rothenberger, die die Partie in dem vor einigen Jahren herausgekommenen Mitschnitt von der Wiener Staatsoper so entzückend und exemplarisch interpretiert hat. Stellvertretend für die übrigen Mitwirkenden, bei denen es wie stets Licht und Schatten gab, sei noch Bruce Rankin genannt, der viel aus dem Beichtvater machte, auch vokal mit nach wie vor sehr intaktem Tenor.

Und das Orchester? Axel Kober hat einige Erfahrung im französischen Fach - man erinnert sich dankbar an die Doppelproduktion von Louise und Julien am Theater Dortmund oder an Les Troyens am Nationaltheater Mannheim - und zweifellos ein Händchen für die besonderen Klangfarben, von der die und diese französische Oper leben, aber letztlich vermisste man doch ein wenig die prägnante eigene, zupackende Handschrift, schärfere rhythmische Akzente und wirkliche Spannung über den schönen, schwebend-atmosphärischen Wohlklang hinaus - erst beim Zwischenspiel vor dem Salve Regina schienen manche Mitglieder der grundsätzlich gut disponierten Düsseldorfer Symphoniker so richtig wach zu werden. Zum kontemplativen Regieeinsatz passte die sehr zurückhaltende Deutung freilich hervorragend.


FAZIT

Poulencs 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführtes Werk ist ein großartiges, die Düsseldorfer Neuproduktion ist es nicht, auch nicht in musikalischer Hinsicht, sieht man von den Leistungen einiger Solisten ab.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Axel Kober

Inszenierung
Guy Joosten

Bühne und Kostüme
Johannes Leiacker

Licht
Manfred Voss

Video
Volker Weinhart

Chor
Christoph Kurig

Dramaturgie
Luc Joosten/
Bernhard F. Loges



Chor und Statisterie der
Deutschen Oper am Rhein

Die Düsseldorfer
Symphoniker


Solisten

Marquis de la Force
John Wegner

Blanche
Anett Fritsch

Chevalier
Corby Welch

Madame de Croissy,
Priorin
Anja Silja

Madame Lidoine,
neue Priorin
Sabine Hogrefe

Mère Marie
Jeanne Piland

Soeur Constance
Alma Sadé

Mère Jeanne
Katarzyna Kuncio

Soeur Mathilde
Judita Nagyová

Beichtvater
Bruce Rankin

Erster Kommissar
Florian Simson

Zweiter Kommissar
Rolf Broman

Offizier
Daniel Djambazian

Thierry/
Kerkermeister
Dmitry Lavrov

Monsieur Javelinot
Karl Thomas Schneider

Karmelitinnen
Sandra Diehl
Chieko Higashi
Ulrike Mertens
Sibylle Eichhorn
Helena Günther
Claudia Hildebrand
Barbara Olschner
Edith Krupp
Hannelore Rüffer
Franziska Walther
Ming Yu




Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



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