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Rigoletto

Melodramma in drei Akten

Libretto von Francesco Maria Piave
Musik von Giuseppe Verdi

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Chemnitz am 5. März 2011
(rezensierte Aufführung: 25.04.2011)




Theater Chemnitz
(Homepage)

Fluch und Rache

Von Thomas Molke / Fotos von Dieter Wuschanski

Giuseppe Verdi musste einige Zugeständnisse machen, bevor seine Oper Rigoletto in Venedig am 11. März 1851 zur Uraufführung kommen konnte. So durfte er der Dramenvorlage Victor Hugos Le roi s'amuse dahingehend nicht folgen, einen untreuen König auf die Bühne zu stellen. Also wurde die Handlung von Paris nach Mantua verlegt, und aus dem König wurde ein Herzog. Um Verdis gewünschter Nähe zu Hugos Dramenvorlage entgegenzukommen, hat sich Regisseur Michael Heinicke wohl entschieden, den kompletten Hofstaat in historische Kostüme des ancien régime auf die Bühne zu bringen, wobei die Höflinge allerdings allesamt durch die etwas senilen und wackeligen Bewegungen der Herren des Opernchores als Hofschranzen karikiert werden. So gibt es zu Beginn des ersten Aktes am Hof eine Reise nach Jerusalem, um anzudeuten, wie schnell eine erkämpfte Position wieder verloren sein kann.

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Rigoletto (Heiko Trinsinger, Mitte) verspottet die Hofgesellschaft, hier den Grafen von Ceprano (Andreas Kindschuh, links) (im Hintergrund: Herren des Chores).

In dieser stereotypen Gesellschaft werden die Hauptpartien wesentlich differenzierter und teilweise auch in neuem Licht gezeichnet. Da ist zum einen der Herzog, dessen Kleidung zwar genauso knallrot ist und bei dessen Hose das Gemächt genauso durch einen Aufsatz betont wird wie bei dem restlichen Hofstaat, der sich aber durch die lange Hose und die schwarzen Haare von den weißen Perücken und Pluderhosen der Höflinge deutlich unterscheidet. Der Herzog fühlt sich unwohl an diesem Hof. Selbst die Eroberung einer Gräfin Ceprano langweilt ihn. Er ist auf der Suche nach etwas Reinem. Heinicke inszeniert ihn folglich nicht als einen ständig balzenden Don Juan und findet auch seine Belege für diese Deutung in der Musik. So ist die Sorge des Herzogs um die entführte Gilda im zweiten Akt in seiner Arie "Parmi veder le lacrime" durchaus ernst zu nehmen und lässt sein Auftreten als armer Student im ersten Akt in einem ganz anderen Licht erscheinen. Umso größer ist dann seine Enttäuschung über Gildas Entschluss, doch dem Vater zu folgen und ihn zu verlassen. Dafür will er sich rächen, und somit ist seine Arie "La donna è mobile" nicht etwa ein Frauen verspottendes Bekenntnis des Herzogs, sondern Ausdruck seiner speziellen Wut auf Gilda, die sich vermeintlich gegen ihn entschieden hat. Seine Annäherung an Maddalena (Tiina Penttinen) im dritten Akt in dem Quartett "Bella figlia dell' amore" geschieht in dem klaren Bewusstsein, sich an Gilda zu rächen, da er in Heinickes Inszenierung durchaus bemerkt, dass er von ihr beobachtet wird. Wie sonst ließe sich erklären, dass der Herzog nach diesem Quartett ohne Maddalena zu Bett geht?

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Rigoletto (Heiko Trinsinger, links) und der Herzog (Alexandru Badea, rechts).

Rache ist auch das Hauptmotiv Rigolettos, aber nicht aus Enttäuschung über Gildas Verhalten, sondern um sie zu retten. Schließlich schwebt Monterones Fluch wie ein Damokles-Schwert permanent über ihm, symbolisiert in dieser Inszenierung durch ein schwarz-rot gekleidetes Ballett mit unheimlichen Masken, das immer dann auftritt, wenn sich Rigolettos Angst zeigt. Dabei ist sein Charakter sehr zwiespältig angelegt. Wenn er sich für den Hofstaat als hässlicher Narr zurecht macht und den ganzen Hof verspottet, kann die Sympathie für diese Figur sehr leicht schwinden, und die Kälte der Höflinge verwundert nicht, wenn er im zweiten Akt verzweifelt um Hilfe für seine Tochter bittet, bei deren Entführung er unwissend selbst mitgewirkt hat. Heinicke setzt ihm für die Entführungsszene einen großen Babykopf auf, um die Naivität seiner Handlung zu betonen. Dass er seine Tochter aber gerade dadurch verliert, dass er ihren Geliebten töten will, um sie vor ihm zu retten, und sich somit der Fluch Monterones erfüllt, lässt ihn tragisch werden. Am Ende bricht er nach Gildas Tod unter dem den Fluch verkörpernden Ballett zusammen.

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Rigoletto (Heiko Trinsinger) will Gilda (Guibee Yang) vor dem Leben am Hof bewahren.

Und Gilda? Sie ist ein reiner Engel in einem weißen Kleid mit einer roten Schärpe um den Leib, mit der bereits ihre Verbundenheit zum Herzog und seinem Hof angedeutet wird. Dieser Liebe zum Herzog kann sie bei aller Reinheit nicht entfliehen. Sie ist sogar bereit, sich für diese Liebe zu opfern und anstelle des Geliebten in den Tod zu gehen. Engelsgleich entsteigt sie am Ende der Oper dem Sack, in dem sie ihrem Vater vom Meuchelmörder Sparafucile übergeben worden ist, um von ihrem Vater Abschied zu nehmen, schwebt entrückt der grauen Steinwand entgegen und verharrt vor den Blut triefenden Lettern "Vendetta". Als Opfer dieser Rache haucht sie ihr Leben aus, und das gleißende weiße Licht, was sie in allen ihren Auftritten stets begleitet hat, um ihre Reinheit hervorzuheben, verlischt.

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Monterones Fluch erfüllt sich: Rigoletto (Heiko Trinsinger) verliert Gilda (Guibee Yang) (rechts: Mitglied des Fluchballettes).

Zu dieser ausgeklügelten Personenregie hat Peter Sykora neben den opulenten Kostümen auf der Drehbühne ein sehr wandelbares Bühnenbild geschaffen, das auf der einen Seite den Palast des Herzogs in knalligem Rot mit zahlreichen Durchgängen und Fenstern andeutet. Die Stühle, auf denen die Höflinge bisweilen Platz nehmen, haben alle Barhockerhöhe und sind recht wackelig, um zu demonstrieren, dass es in dieser Gesellschaft keinen festen Halt gibt. Die Rückseite des Palastes ist ganz in Schwarz gehalten und deutet durch Treppen Rigolettos Haus an, wobei die Gitter darauf anspielen, dass er seine Tochter vor der Umwelt wie in einem Käfig abschirmt. Sparafuciles Schenke ist durch einen Fadenvorhang zugänglich, der in dunklem Rot den zweifelhaften Charakter dieses Ortes unterstreicht.

Musikalisch bewegt sich die Inszenierung auf sehr hohem Niveau. Alexandru Badea stattet den Herzog mit sehr kräftigem Tenor aus, wobei seine überbordenden Gesten in seinen Arien bisweilen etwas übertrieben wirken. Da wäre weniger doch mehr gewesen. In den Höhen könnte seine Stimme noch ein bisschen geschmeidiger werden. Heiko Trinsinger gibt gesanglich und darstellerisch einen sehr überzeugenden Narren. Sein sehr voluminöser Bariton lässt in "Cortigiani" seine Wut auf die Verlogenheit und Bosheit der Höflinge regelrecht spürbar machen. Mit Gilda gelingen ihm sehr innige Momente im Duett des ersten Aktes. Mit sehr sparsamen Gesten und ausdrucksstarker Mimik versteht Trinsinger es, die Bühne zu beherrschen. Guibee Yangs Sopran ist so glockenklar und rein wie Gildas Charakter. Somit kann man auch dies junge neue Ensemble-Mitglied der Chemnitzer Oper - genau wie Trinsinger - als Idealbesetzung für die Rolle feiern. Diese jungen Sopranistin wird sicherlich noch eine vielversprechende Karriere vor sich haben.

In den weiteren Rollen gefallen vor allem Tiina Penttinen mit laszivem Mezzosopran als Maddalena und Kouta Räsänen mit profundem Bass als gedungener Mörder Sparafucile und Monterone. Ob diese Doppelbesetzung des fluchenden Grafen und des Meuchelmörders intendiert oder Zufall ist, bleibt der Fantasie des Publikums überlassen. Reinhard Petersen ergänzt die großartigen stimmlichen Leistungen mit der forsch aufspielenden Robert-Schumann-Philharmonie zu einem rundherum grandiosen Verdi-Erlebnis, das keine Wünsche offen lässt und somit am Ende mit großem und lang anhaltendem Applaus für alle Beteiligten belohnt wird.


FAZIT

Ein musikalisch großartiger Verdi-Abend, der zum einen eine neue Sichtweise auf die Protagonisten ermöglicht, zum andern aber auch die klassischen Erwartungen des Publikums nicht enttäuscht.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Reinhard Petersen

Inszenierung
Michael Heinicke

Choreographische Mitarbeit
Lode Devos

Bühne und Kostüme
Peter Sykora

Licht
Matthias Vogel

Chor
Mary Adelyn Kauffman

Dramaturgie
Christiane Schiemann




Herren des
Opernchores Chemnitz

Robert-Schumann-Philharmonie

 

Solisten

Herzog von Mantua
Alexandru Badea

Rigoletto
Heiko Trinsinger

Gilda
Guibee Yang

Graf von Monterone
Kouta Räsänen

Sparafucile
Kouta Räsänen

Maddalena
Tiina Penttinen

Graf von Ceprano
Andreas Kindschuh

Marullo
Martin Gäbler

Borsa
André Riemer

Giovanna
Monika Straube

Gräfin Ceprano
El
běta Laabs

Ein Page
Elběta Laabs

Der Fluch
Ramona Capraro
Valerija Frank
Laura Lamy
Agnes Schmetterer
Armin Frauenschuh
Viktor Pènzes
Simon Ripert
Dani
ël Veder

 


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