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Die Heimkehr des Verbannten

Tragische Oper in drei Akten

Libretto von Gaetano Rossi, Deutsche Übersetzung von Siegfried Kapper
Musik von Otto Nicolai

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Chemnitz am 29. Januar 2011
(rezensierte Aufführung: 24.04.2011)




Theater Chemnitz
(Homepage)

Wahl zwischen Pelz und Strickpulli

Von Thomas Molke / Fotos von Dieter Wuschanski

Mit der Wiederentdeckung der Oper Il templario in der Spielzeit 2007 / 2008 hat die Oper Chemnitz das Augenmerk darauf gerichtet, dass Otto Nicolai nicht nur Die lustigen Weiber von Windsor komponiert hat. In dieser Spielzeit präsentiert das Theater im Rahmen der jährlichen Ausgrabung von diesem heute etwas vernachlässigten Komponisten nun eine weitere Oper, mit der er sich sicherlich von allen seinen Werken am intensivsten auseinandergesetzt hat, schuf er doch insgesamt drei Fassungen. Dass die Uraufführung dieses Werkes in Mailand am 13. März 1841 unter dem Titel Il Proscritto ein absoluter Misserfolg wurde, war wohl vor allem der weiblichen Hauptpartie, Nicolais Ex-Verlobter Erminia Frezzolini, geschuldet, die ihre Rolle, vermutlich um sich an ihrem Ex-Bräutigam zu rächen, nur markierte, also so leise sang, dass das Publikum sie nicht verstehen konnte. Drei Jahre später arbeitete Nicolai das Werk in Wien zu Die Heimkehr des Verbannten um, schuf 50 % der Musik neu, ließ nach eigenen Bekundungen auch bei dem Rest kein Stück unverändert und erlebte einen großen Erfolg. Die dritte Fassung wurde erst nach seinem Tod 1849 in Berlin unter dem Titel Der Verbannte veröffentlicht. In Chemnitz hat man sich nun für die Wiener Fassung entschieden.

Die Handlung spielt zur Zeit der Rosenkriege im 15. Jahrhundert. Lord Artur Norton war vor vielen Jahren gezwungen, seine Heimat zu verlassen. Da seine Frau Leonore annehmen musste, dass er gestorben sei, hat sie sich mit dem Grafen Edmund von Pembroke verlobt. Doch am Tag vor der Hochzeit taucht der verschollene Gatte wieder auf. Beide Männer machen zunächst ihren Anspruch auf Leonore geltend, doch Edmund sieht großmütig ein, dass Leonore zu Artur gehört, und ist bereit, auf seine geliebte Braut zu verzichten. Er setzt sogar beim König die Begnadigung seines Rivalen durch. Doch gerade diese Güte macht es Leonore unmöglich, sich für einen dieser beiden Männer zu entscheiden, und sie wählt den Freitod.

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Artur (Bernhard Berchtold) überrascht Leonore (Julia Bauer) bei ihrer Verlobungsfeier.

Regisseur Philipp Kochheim betrachtet den Konflikt einer Frau, die zwischen zwei Männern steht und durchaus die freie Wahl der Entscheidung hat, als sehr aktuell und modern und hat sich deshalb entschieden, die Geschichte nicht zur Zeit der Rosenkriege spielen zu lassen, sondern in die Gegenwart zu holen. Edmund ist in seiner Inszenierung ein Staatspräsident, der in seiner Dienstwohnung, einer avantgardistischen Suite in einem Hochhaustrakt (Bühnenbild: Thomas Gruber), inmitten von Prominenz aus Politik und Gesellschaft seine Verlobung feiert. Da dürfen natürlich auch die Presse und der Sicherheitsdienst nicht fehlen. So inszeniert Kochheim während der Ouvertüre mit den sehr spielfreudigen Damen und Herren des Opernchores den großen Aufmarsch einer illustren Gästeschar. Bei aller Bühnenpräsenz und stimmlicher Homogenität des Chores wäre es aber durchaus wünschenswert gewesen, den deutschen Text zu Übertiteln, da man in den Chorpassagen leider kaum etwas vom Text versteht.

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Noch scheint klar zu sein: Leonore (Julia Bauer) gehört zu Edmund (Hans Christoph Begemann, rechts). Artur (Bernhard Berchtold, links) betrachtet es mit Argwohn (im Hintergrund: der Chor).

Während die Ouvertüre und die Ensembles sehr der deutschen Oper la Freischütz verhaftet sind, lässt sich bei den Arien der Solisten durchaus noch der Einfluss des italienischen Belcanto heraushören. Das beginnt mit Leonores erster Arie. Julia Bauer versichert als Leonore mit sehr beweglichem Sopran, der auch in den Höhen über eine enorme Durchschlagskraft verfügt, ihrer Freundin Irene (Tiina Penttinen mit sehr wohl-timbriertem Mezzosopran), wie sehr sie ihren zukünftigen Gatten liebe, auch wenn sie gerade jetzt verstärkt an ihren verschollenen Ehemann Artur denken müsse. Hans Christoph Begemanns Bariton wirkt in seiner Auftrittsarie als Graf Edmund noch etwas belegt. Teilweise wird er vom forsch aufspielenden Orchester in seiner Arie übertönt. Erst im Laufe des Abends gewinnt seine Stimme an Volumen, wobei die etwas leiseren Töne gut mit dem doch sehr sanften Charakter des Grafen korrespondieren. Anders verhält es sich bei Bernhard Berchtold in der Rolle des Verbannten Artur. Als vermummter Einbrecher steigt er, scheinbar als Fassadenkletterer, mit Maschinengewehr durch das Fenster, schlägt zunächst einmal einen Wachmann nieder und besingt in einer großen Arie seine unbändige Liebe zu Leonore in der Hoffnung, bald wieder mit ihr vereint zu sein. Berchtolds kräftiger Tenor zeigt sich dabei sehr beweglich und auch in den Höhen noch sehr geschmeidig.

Es kommt zum Treffen mit seiner Gattin, die über die Rückkehr des verschollenen Ehemanns so verwirrt ist, dass sie anfängt, sich zu ritzen. Diesen Regieeinfall könnte man als überflüssig betrachten, wenn man nicht schon an dieser Stelle motivieren möchte, warum eine moderne Frau auch heute noch am Ende den Freitod wählt. Artur wird natürlich entdeckt und zum großen Finale des ersten Aktes festgenommen. Damit ist der Einsatz des Chors auch schon beendet. Die folgenden Akte bewegen sich in einem intimeren musikalischen Ambiente.

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Leonore (Julia Bauer) muss sich entscheiden. Will sie ihr jetziges Leben für Artur (Bernhard Berchtold) aufgeben?

Der zweite Akt ist musikalisch dabei der zwiespältigste. Am Beginn steht ein Duett zwischen Artur und Edmund, in dem letzterer die Identität des Nebenbuhlers herausfinden will. Wenn der Graf ihm dabei zu absolut fröhlichen und beschwingten Klängen der Musik die Todesstrafe androht, wirkt das schon beinahe unfreiwillig komisch. An dieser Stelle korrespondiert die musikalische Ausgelassenheit keineswegs mit der Ernsthaftigkeit der Situation. Erst als Edmund nach einem weiteren gescheiterten Fluchtversuch Arturs erkennt, dass der Rivale Leonores verschollener Ehemann ist, und bereit ist, Leonore frei zu geben, folgt mit dem Quintett "O schönes Glück", in das nacheinander Leonore, Artur, Edmund und Leonores Brüder Richard (Kouta Räsänen mit profundem Bass) und Georg (Uwe Stickert mit weichem Tenor) einstimmen, das musikalische Glanzstück der Oper, was den unpassenden Anfang des Aktes vergessen lässt. Spätestens an dieser Stelle hat sich Hans Christoph Begemann freigesungen und beendet diesen Akt mit einer grandiosen Arie, in der er es versteht, die Hilflosigkeit des liebenden Bräutigams stimmlich und darstellerisch auf den Punkt zu bringen. Besonders bewegend ist der Moment, in dem er auf das Fenstersims tritt und einen Augenblick über einen Freitod nachdenkt. In dieser Charakterzeichnung liegt auch das Außergewöhnliche der ansonsten in der Oper so stereotypen Tenor-Sopran-Bariton-Konstellation.

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Leonore (Julia Bauer) zwischen Edmund (Hans Christoph Begemann, links) und Artur (Bernhard Berchtold, rechts).

Für den dritten Akt ist die Bühne hochgefahren, und man befindet sich im Schlaf- und Ankleidezimmer Leonores. An den ganzen Kleidern wird klar, zwischen welchen beiden Wegen Leonore sich entscheiden muss. Wählt sie den Pelz und damit die glamourösen Kleider an der Seite Edmunds oder einen weiten grauen Strickpullover an der Seite des mittellosen Revoluzzers Artur. Das Anziehen des Strickpullovers macht ihre Wahl zunächst eindeutig. Doch auch Edmund erscheint nun im legeren Strickoutfit. Schwieriger kann ihr die Entscheidung nun nicht mehr gemacht werden, weil beide Männer sich für sie als in gleichem Maße liebenswert erweisen. Auch die eindringliche Musik des dritten Aktes, die jetzt nur noch auf diese drei Charaktere konzentriert ist, unterstützt die Unmöglichkeit einer Entscheidung, so dass Leonore nur noch die Wahl bleibt, mit Gift ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie stirbt in Arturs Armen. Die Bühne wird langsam wieder heruntergefahren, und Edmund bricht entseelt zusammen, was in zahlreichen Opern stets nur den liebenden Frauen zugedacht ist.

Das Licht verlischt, und das Publikum scheint so ergriffen zu sein, dass es einige Zeit benötigt, um sich zu fassen, bevor es den Darstellern und dem hervorragend aufspielenden Orchester unter Frank Beermann großen und lang anhaltenden Beifall spendet.

FAZIT

Ein großer Theaterabend, der offenbart, dass es bei Otto Nicolai auch anderes als Die lustigen Weiber von Windsor zu entdecken gibt, vor allem, wenn man mit einer so hervorragenden Solistenregie wie in Chemnitz auch musikalisch punkten kann.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Frank Beermann

Inszenierung
Philipp Kochheim

Bühne
Thomas Gruber

Kostüme
Bernhard Hülfenhaus

Licht
Holger Reinke

Chor
Mary Adelyn Kauffman

Dramaturgie
Carla Neppl




Damen und Herren
des Opernchores Chemnitz

Robert-Schumann-Philharmonie

Oboensolo
Peter Wenzel

Klarinettensolo
Regine Müller

Violoncellosolo
Thomas Bruder


Solisten

Graf Edmund von Pembroke
Hans Christoph Begemann

Lord Artur Norton
Bernhard Berchtold

Leonore, seine Gattin
Julia Bauer

Richard von Somerset, ihr Stiefbruder
Kouta Räsänen

Georg, ihr Bruder
Uwe Stickert

Irene, ihre Freundin
Tiina Penttinen

Williams
André Riemer

 


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Theater Chemnitz
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