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Isabeau

Leggenda drammatica in drei Teilen

Text von Luigi Illica

Musik von Pietro Mascagni

in italienischer Sprache mit deutschen übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Staatstheaters Braunschweig  am 19. März 2011

 

 

 



Staatstheater Braunschweig
(Homepage)

Durch die Ohren zum Herzen

Von Thomas Molke / Fotos von Karl-Bernd Karwasz

Pietro Mascagni ist heute weitgehend nur durch den Operneinakter Cavalleria Rusticana bekannt. Dass er anschließend noch 14 weitere Opern komponiert hat, mit denen er teilweise auch versuchte, sein Image als Komponist des Verismo abzulegen, ist sehr in Vergessenheit geraten. Daran konnten auch Wiederentdeckungen wie beispielsweise die Ausgrabung seiner Oper Iris im Theater Chemnitz vor vier Jahren oder die beiden konzertanten Aufführungen seiner Oper L'amico Fritz in der Deutschen Oper Berlin nichts ändern. Nun hat sich das Staatstheater Braunschweig im Rahmen seiner alljährlichen Opernausgrabungen an die deutsche Erstaufführung der vor 100 Jahren in Buenos Aires uraufgeführten dramatischen Legende Isabeau gewagt. Und das Ergebnis lässt aufhorchen.

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Isabeau (Mária Porubčinová, Mitte in Weiß) wird vom Volk (Chor) verehrt.

Die Geschichte spielt im Mittelalter des 12. Jahrhunderts, ist also auch inhaltlich Wagners Musikdramen näher als den Stoffen des Verismo. König Raimondo möchte sein einziges Kind Isabeau verheiraten, damit die Thronfolge gesichert ist. Dazu wird ein Turnier veranstaltet, bei dem die Bewerber die Prinzessin aber nicht durch Kämpfe untereinander, sondern durch Anpreisen ihrer Tugenden gewinnen sollen. Isabeau, die in ihrer jungfräulichen Frömmigkeit vom Volk wie eine Heilige verehrt wird, lehnt aber alle Bewerber ab. Daraufhin bestraft sie ihr Vater, indem er ihr auferlegt, nackt bei gleißender Mittagshitze durch die Straßen der Stadt zu reiten. Das Volk und Isabeau erwirken aber zumindest die Auflage, dass alle Fenster und Türen geschlossen werden müssen und dass jeder, der die nackte Prinzessin ansieht, geblendet werden soll. Nur ein Junge aus dem Wald, Folco, bricht dieses Verbot, um der Schönheit der Prinzessin zu huldigen und die Falschheit der Bevölkerung zu entlarven. Das Volk fordert seinen Tod. Kurz vor seiner Ermordung durch den wütenden Mob erkennt Isabeau ihre Liebe zu dem Naturburschen und verletzt sich tödlich, um in der Ewigkeit mit ihm Vereinigung zu finden.

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Re Raimondo (Selçuk Hakan Tiraşoğlu, Mitte) zwischen dem Herold (Dae-Bum Lee, links) und Cornelius (Oleksandr Pushniak, rechts).

Schon die kurze Inhaltsangabe dürfte die Schwierigkeiten einer szenischen Realisierung deutlich machen. Wie kombiniert man den Ritt der nackten Prinzessin mit dem musikalischen Höhepunkt der Oper, dem Intermezzo, das wortlos und sehr ergreifend die Scham und Pein Isabeaus beschreibt, dabei auch die vom Himmel brennende Sonne spürbar macht? Will man bei einer solch ergreifenden Musik eine hochkarätige Sopranistin nackt über die Bühne reiten lassen? Konstanze Lauterbach schafft eine andere Möglichkeit, Isabeaus Leid auszudrücken. Während die Prinzessin im ersten Akt wie eine Madonna in einen weißen Schleier gehüllt ist, wird ihr lediglich dieser Schleier genommen. Mit  langen offenen Haaren, die ihr weißes Unterkleid bedecken, irrt sie nun barfuß über weiße auf der Bühne ausgelegte Pflastersteine. Dabei zeigt die Darstellerin Mária Porubčinová sehr großes schauspielerisches Talent. Mitleid erregend schwankt sie über die einzelnen Steine, droht zu fallen, wird bisweilen nur von ihrem Pferd (Katrin Bothe), welches, optisch ein Alter Ego, ihr auf den letzten Schritten die Steine unterlegt. Porubčinovás Blick drückt so viel Leid, so viel Qual aus, dass man darüber völlig vergisst, dass sie noch ein langes Unterkleid trägt. Das Publikum ist sogar so bewegt, dass es sich noch nicht einmal am Ende dieser Szene traut, für dieses musikalisch grandiose Intermezzo, das dem Intermezzo der Cavalleria musikalisch in nichts nachsteht, zu applaudieren.

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Isabeau (Mária Porubčinová, rechts) mit ihrem Pferd (Katrin Bothe, links) auf dem Weg ins Gefängnis zu Folco.

Auch für die restliche Inszenierung schaffen Konstanze Lauterbach und ihr Bühnenbildner Andreas Jander sehr symbolträchtige Bilder. So befindet sich vorne auf der Bühne eine weiße Madonna auf einem grünen runden drehbaren Podest. Auf einem solchen drehbaren Podest steht auch Isabeau während des ersten Aktes, wenn sie die Bewerber zurückweist. Das Volk, von dem sie verehrt wird, wird mit eben diesen Figuren von ihr belohnt, als sie von ihrer Pilgerreise zurückkehrt. Isabeaus Unnahbarkeit wird durch eine Glasröhre mit Kuppel dargestellt, die sie mehrere Male während des Stückes betritt. Die Wände des Königshofes sind mit einer nicht sehr schönen, teilweise auch abblätternden Blümchentapete versehen, um zu demonstrieren, dass dieses Reich die besten Jahre hinter sich hat. Farblich dominieren auf dem Boden grüne Streifen, die zum einen für die Hoffnung, zum anderen für zerstörte Natur stehen können. Denen tritt nämlich der Naturjunge Folco mit seiner Großmutter mit brauner Erde und Pflanzen gegenüber. Auch werden durch die großen öffnungen der asymmetrischen Palastwände Theaterprospekte mit einer unberührten Natur aus längst vergangenen Tagen heruntergefahren, wenn Folco in die Stadt kommt. Die darauf abgebildeten überdimensionalen Echsen könnten Anspielungen auf mittelalterliche Drachen sein.

Beim Bußgang Isabeaus im zweiten Teil des Abends sind die öffnungen in den Wänden verschlossen. Schwarz dominiert nun die Bühne. Nur das Fenster Folcos ist nicht versperrt, da er ja ohne Scham und schlechtes Gewissen Isabeau betrachtet. Mit diesem Blick wird Isabeau auch aus ihrer unnahbaren weißen Sphäre herausgerissen und trägt ab jetzt feuerrot, zum einen als Ausdruck ihrer aufkeimenden Liebe zu Folco, zum anderen als Zeichen ihrer erwachenden Körperlichkeit. Dazu greift sie in der Glasröhre auch immer wieder zu brauner Erde. Auch Folcos lange Haarmähne stellt eine Verbindung zu Isabeau dar. Die restlichen Figuren sind in zeitlosen Kostümen gehalten.

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Folco (Arthur Shen) wartet im Gefängnis auf seine Strafe.

Die zweite Schwierigkeit einer - selbst konzertanten - Realisierung dieses Stückes dürfte in der Tenorpartie liegen. Das Werk erfreute sich bis 1939 in Lateinamerika und Italien sehr großer Beliebtheit und verschwand vom Spielplan, als Bernardo de Muro seinen Bühnenabschied gab. 382 Mal hatte er die Rolle des Folco gesungen, so dass der Erfolg dieses Werkes wohl unweigerlich an diesen Tenor geknüpft war. Die Tessitura dieser Partie dürfte auch für die namhaften Tenöre der Folgezeit so abschreckend gewesen sein, dass niemand damit seine Karriere aufs Spiel setzen wollte. In Braunschweig hat man nun den Publikumsliebling Arthur Shen mit dieser mörderischen Partie betraut, und er meistert sie sehr gut, selbst wenn er in den ganz hohen Tönen an seine Grenzen stößt. Shens Tenor verfügt über leuchtende Strahlkraft und enorme Stimmreserven, so dass er die Partie bis zum Ende ohne Anzeichen von Schwächen durchhält. Mit unglaublichem Verve gibt er den aufrichtigen Naturburschen, dem die Verlogenheit der Städter fremd ist und der unbeirrt zu Isabeau steht. Sein Duett mit Isabeau "I tuoi occhi", indem die Liebe der beiden zueinander erwacht, ist ein weiterer musikalischer Höhepunkt des Abends.

Auch die Titelpartie stellt stimmlich enorme Anforderungen, denen Mária Porubčinová in vollem Umfang gewachsen ist. Ihr dramatischer Sopran verfügt über eine unglaubliche Bandbreite, so dass sie die dramatischen Ausbrüche genauso wie die leisen Töne sehr überzeugend präsentiert. Dass sie auch eine hervorragende Darstellerin der Rolle ist, wurde bereits bei der Beschreibung des Intermezzos erwähnt. Selçuk Hakan Tiraşoğlu gibt ihren Vater, den König Raimondo, mit sonorem Bass. Auch die übrigen Solisten reihen sich ohne Abstriche in das hohe stimmliche Niveau ein.

Eine ganz besonders anspruchsvolle Rolle kommt auch dem Chor zu. Während er in der Cavalleria  zwar auch die Handlung bestimmt, aber sich nicht direkt an ihr beteiligt, treibt er in Isabeau die Handlung voran und steigt mit der Ermordung Folcos sogar zur zentralen Figur auf. Der Chor des Staatstheaters meistert den Spagat zwischen der anfänglichen Lieblichkeit bei der Begrüßung Isabeaus im ersten Akt hin zu den "morte"-Schreien im dritten Akt bis zu der bitteren Erkenntnis, dass das Volk für den Tod der geliebten Prinzessin verantwortlich ist, grandios. Ebenso gelingt es dem Staatsorchester unter der Leitung von Georg Menskes die Vielschichtigkeit von Mascagnis Musik herauszuarbeiten. Dabei schafft Menskes es, die Sänger auch bei großem orchestralem Einsatz nie zuzudecken. Besonders erwähnenswert ist auch der klare und akkurate Klang der Blechbläser, der nicht in jedem Theater so erreicht wird. So werden am Ende alle Beteiligten zu Recht mit lang anhaltendem Publikumsapplaus bedacht.

 

FAZIT

Eine Wiederentdeckung auf enorm hohem musikalischem und stimmlichem Niveau, von der es hoffentlich auch bald eine CD-Aufnahme geben wird.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Georg Menskes

Inszenierung und Kostüme
Konstanze Lauterbach

Bühne
Andreas Jander

Chor

Georg Menskes

Dramaturgie
Daniela Brendel

 

Chor und Statisterie des
Staatstheaters Braunschweig

Staatsorchester Braunschweig



Solisten

*Besetzung der Premiere

Isabeau
Mária Porub
činová

Re Raimondo, Isabeaus Vater
Sel
çuk Hakan Tiraşoğlu

Folco, ein Falkner
Arthur Shen

Giglietta, seine Großmutter
Julia Rutigliano

Il Cavalier Faïdit / Ethel, Raimondos Neffe
Malte Roesner

Messer Cornelius, Kanzler
Oleksandr Pushniak

L'Araldo, der Herold
Dae-Bum Lee

Ermyntrude
*Cornelia Butz / Yuliya Grote

Ermyngarde
*Annegret Glaser / Hyo-Jin Shin

Il Vegliardo
Leszek Wos

Drei Wachen
Young-Ki Kim
Andreas Sebastian Mulik
Leszek Wos

Ubaldo di Edimburgo
Georg Michalkov

Arundel di Westerne
Uwe Hornecker

Wendelino di Brunsviga
Franz Reichetseder

Ethelberto d'Argile
Sebastian Matschoß

Randolfo di Dublino
Andreas Sebastian Mulik

Archimboldo di Guascogna
Mike Garling

Nasamune Okazaki
Young-Ki Kim

Arimaspen Sagaris
Jae-Min Ahn

Kolaxais de Katiaroi
Han Su Lee

Balduino di Boulogna
Andrzej Welna

Pferd
Katrin Bothe

Falke
Jiri Kobylka


 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Staatstheater Braunschweig
(Homepage)



Da capo al Fine

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