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Das Leben ein Alptraum
Von Joachim Lange
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Fotos Bernd Uhlig
Gerade hat der Brüsseler Opernintendant Peter de Caluwe beim jährlichen Ranking der deutschen Kritiker den Lorbeer für die beste Inszenierung des Jahres eingeheimst, da meldet sich das La Monnaie schon wieder mit einer nicht nur szenisch herausfordernden, sondern auch musikalisch fulminanten Produktion zu Wort. Diesmal ist es Janaceks Katja Kabanová. Leon Hussain ist am Pult des Orchestre symphonique de la Monnaie kein Neuling. Der Salzburger Musikdirektor hatte hier schon mit Ligetis Le Grand Macabre Furore gemacht. Mit seiner Katja freilich hat er sich wohl endgültig vom gelehrigen Assistenten diverser Pultstars (wie Rattle, Muti oder Gergejev) zu einer der jungen Hoffnungsträger seiner Zunft gemausert. Es war schlichtweg grandios, wie er jetzt Janáèeks Musik mit Leidenschaft und Umsicht durchpflügte und aus dem Graben auflodern ließ, wie er Klangfarben zum Leuchten brachte, eine kammermusikalisch präzise Transparenz mit einem atemberaubenden Sog zu einem Ganzen fügte. Und wie er alles, einschließlich der oft abrupten Szenenwechsel oder pointierenden Generalpausen, mit der Szene zu verschränken verstand.
Boris und Katja, auch sie haben keine Perspektive
Dort ging es der zum ersten Mal in Brüssel inszenierenden Regie-Ikone Andrea Breth um ein Theater der Erinnerung, wie sie sagte. Natürlich mit der ihr eigenen von machen Künstlern gefürchteten und ihren Fans geliebten - Genauigkeit und Präzision, wie man sehen konnte! Es gibt also keine Variante von sozialkritischem Bühnen-Realismus, sondern eher eine Studie der inneren Zerrissenheit Katjas. Diese junge Kaufmannsfrau wird in der russischen (und überhaupt das Leben abschnürenden) Provinz nicht nur von einem besonders bösartigen Exemplar der sprichwörtlichen Schwiegermutter namens Kabanicha (Renée Morloc) drangsaliert. Sie ist obendrein von lauter männlichen Waschlappen umgeben.
Die Tafel im Hause Kabanov
Ihr Ehemann Tichon (John Graham-Hall) lässt vor Mama nicht nur immer noch die Hosen runter, er pariert auch sonst aufs Wort, bis über die Grenze der Selbstachtung hinaus. Aber auch der ansehnlichere Boris (Kurt Streit), den sich diese Katja in einem verzweifelt ausbrechenden Akt der Leidenschaft im wahrsten Wortsinn einmal als Liebhaber nimmt, kommt nicht wirklich auf die Idee, Katja mitzunehmen oder seine Koffer wieder auszupacken, als man ihn nach ihrem Geständnis des Fehltrittes mit ihm fort schickt. Dass hier alles auf eine Katastrophe hinausläuft, das hört und sieht man vom ersten Moment an.
Eiseskälte, Katja im Kühlschrank
Annette Murschetz hat der Breth nämlich einen von jenen postkatastrophischen Räumen gebaut, in denen sich überzeugend alp-träumen, dösig rumhängen, drangsalieren, Vergeblichkeit zelebrieren und sterben lässt. Es ist eine Art verwahrloster Innenraum, der in einen Gang mündet, mit Porträts von Gott weiß wem über den Flügeltüren. Er ist mal mit einem Kühlschrank als metaphorischem Rückzugsort für Katja bestückt, mal mit einem Schminktisch für die halbwegs lebenslustige Varvara (vital auftrumpfend: Natascha Petrinsky). Oder dann mit einer alten Badewanne, in der Katja von der Kindheit schwärmt und der Liebe, in der sie aber auch am Ende, mangels Wolga, mit aufgeschnittenen Pulsadern stirbt. In diesem Raum kann auch eine betörend hintergründige Poesie und Komik aufleuchten. Wenn sich die Frauen an einer Tafel vor einer angeleuchteten Regenwand zum gemeinsamen Essen versammeln, dann läuft die Detailfreude der Breth bei jedem Bissen, bei jedem Wegnicken zur Hochform auf. Und wenn es die robuste Kabanicha und der beleibte Dikoj (Pavlo Hunka), kurzerhand auf dem Tisch zu treiben versuchen und über ein Verheddern beim Senioren-Schinkenklopfen nicht hinauskommen, dann ist das von groteskem Witz.
Tod in der Badewanne
Andrea Breths Katja ist kein (bei Janáèek gut mögliches) emotionales Überwältigungstheater. Bei ihr werden alle realistischen Versatzstücke und die einem überzeitlich, ländlichen Milieu verpflichteten Kostüme von Silke Willrett und Marc Weeger zu Teilen einer alptraumartig surreal ablaufenden Erinnerung Katjas an ihr Leben. Die dämmert, wie die Musik und Szene, aus dem völligen Dunkel auf und endet nach einer gespenstischen Totenmesse zwischen mit Kerzen bestückten Ölfässern mit dem abrupten Einschalten des Saallichtes. Zwischen diesen beiden Momenten fasziniert die Breth mit durchreflektiert atmosphärischer Sogwirkung. Weil die Rückhaltlosigkeit, mit der sich Evelyn Herlitzius für diese Katja verausgabt, mit manch allzu lodernd herausgeschleudertem Ton versöhnt, wurde auch sie zu recht an der Spitze eines stimmlich, vor allem aber darstellerisch überzeugenden Ensembles gefeiert.
An der Brüsseler Oper La Monnaie haben Andrea Breth und Leo Hussain eine musikalisch und szenisch überzeugende Katja Kabanová auf die Bühne gebracht Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Chor
Solisten
Savjol Prokofjeviè Dikoj
Boris Grigorjeviè
Marfa Ignat?vna Kabanová (Kabanicha)
Tichon Ivanyè Kabanov
Katerina (Kát'a)
Váòa Kudrjá
Varvara
Kuligin
Glaa
Feklua
Grunja
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