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Tamerlano

Dramma per musica in drei Akten

Libretto von Nicola Francesco Haym nach Agostino Graf Piovene und Ippolito Zanelli
Musik von Georg Friedrich Händel


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Bonn am 27. Februar 2011
(rezensierte Aufführung: 12.03.2011)


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Theater Bonn
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Liebeswirren in Schwarz-Weiß-Optik

Von Thomas Molke / Fotos von Thilo Beu

Händels Oper Tamerlano, die acht Monate nach seinem umjubelten Giulio Cesare am 31. Oktober 1724 im King's Theatre Haymarket ihre Uraufführung erlebte, stellt in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit in Händels Opernschaffen dar. Anders als in anderen Barockopern wurde hier dem Kastraten der Titelpartie für die Partie des besiegten osmanischen Sultans Bajazet ein Tenor als Kontrahent gegenübergestellt, der in seiner psychologischen Gestaltung der Titelfigur zumindest ebenbürtig ist. Neu war auch, dass dieser Tenor eine dramatisch auskomponierte Sterbeszene auf der Bühne erhielt, was wohl dem schauspielerischen Talent des damaligen Interpreten Borosini geschuldet war. Des Weiteren komponierte Händel den Schlusschor in E-Moll, was die darin ausgedrückte Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach dem drastischen Tod Bajazets karikiert. Hier drückte Händel also bereits aus, dass das für die opera seria der damaligen Zeit geschuldete lieto fine in diesem Fall nicht glaubhaft war. Auch verzichtete Händel auf die in der Barockoper üblichen verwirrenden Handlungsstränge und konzentrierte stattdessen die Handlung einzig auf den Konflikt um Bajazets Tochter Asteria. Der Tartarenfürst liebt die Tochter des besiegten Sultans und ist sogar bereit, den Vater dafür zu begnadigen. Dieser jedoch lehnt dieses Angebot ab und erwartet von seiner Tochter ewigen Hass gegenüber dem Erzfeind. Hinzu kommt noch der griechische Prinz Andronico, der Asteria ebenfalls liebt und zwischen Loyalität zu Bajazet und Tamerlano hin und her gerissen ist.

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Asteria (Emiliya Ivanova, Mitte) als Spielball zwischen Tamerlano (Mariselle Martinez, links), Bajazet (Mirko Roschkowski, hinten) und Andronico (Antonio Giovannini, rechts).

Diesem letzten Aspekt trägt Philipp Himmelmanns Inszenierung vor allen Dingen Rechnung. So lässt er das ganze Stück aus der Sicht Asterias spielen. Wenn sich nach der Ouvertüre der Vorhang öffnet, steht Asteria mit einem Messer vor einem Prospekt, durch den die drei Männer, die ihr Schicksal bestimmen, sichtbar werden: Tamerlano, Bajazet und Andronico. Mit diesem Messer will sie sich das Leben nehmen, was sie am Ende der Inszenierung auch tut. Dieses Anfangsbild wird nämlich nach Bajazets Selbstmord wieder aufgenommen, nur dass nun als dritte Person Tamerlanos ehemalige und nach dem Verzicht auf Asteria wiedergewonnene Braut Irene sichtbar wird. Anders als im Libretto ersticht sich Asteria nun, bevor die übrigen Protagonisten in immer schwächer werdendem Licht die Hoffnung auf ein neues Morgen besingen, bis sie durch den Prospekt gar nicht mehr sichtbar sind. Während dieser Ansatz beim Anfangs- und Schlussbild dramaturgisch aufgeht, birgt er im Mittelteil inszenatorisch doch einige Probleme. So verhindert Himmelmann in seiner Inszenierung nahezu sämtliche Interaktionen zwischen den Protagonisten und lässt sie recht statisch ins Publikum singen. Auch die Rolle des Leone, des Vertrauten Tamerlanos und Andronicos, ist gestrichen, da die Figuren in ihrer Isolation keine Vertrauten besitzen und Leone für Asteria keine Rolle spielt.

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Bajazet (Mirko Roschkowski, hinter dem Prospekt) beschwört seine Tochter Asteria (Emiliya Ivanova).

Dieses Konzept könnte sehr schnell langweilig werden, hätte nicht Johannes Leiacker ein grandioses Bühnenbild geschaffen, dass häufig genug die Aufmerksamkeit von der statischen Handlung ablenkt. Inspirieren ließ sich Leiacker von einem im letzten Jahr im Escher-Museum in Den Haag verlegten Boden, der mit perspektivisch gezeichneten ansteigenden Quadern die optische Täuschung vermittelt, dass dieser Boden nicht eben ist. Dieser Bodenbelag rahmt das gesamte Bühnenbild ein. So ist er zum einen auf dem Prospekt sichtbar, vor dem Asteria steht und durch den die anderen Sänger hindurchscheinen. In der Mitte der Bühne steht eine große drehbare Wand, die auf der Vorder- und Rückseite perspektivische Zeichnungen eines Palastes andeutet, wobei die eine Seite in Weiß mit schwarzen Strichen gezeichnet ist, während die andere Seite, das gleiche Bild in Schwarz mit weißen Strichen zeigt. Mit dieser Schwarz-Weiß-Optik wird Asterias ausweglose Situation unterstrichen: Es gibt keinen Mittelweg. Während des ersten Teils ist diese Wand in ständiger Drehbewegung und zeigt damit die Rastlosigkeit der Protagonisten. Auch ist diese Wand in sich drehbar, indem sie sich in drei Bögen und einen Mittelteil zerlegen lässt. Während im ersten Teil nur der Mittelteil losgelöst von der restlichen Wand gedreht wird, wenn Irene als neue Figur in das bereits bestehende Gefühlskarussell einbricht, kommen nach der Pause alle Bögen einzeln und gegenläufig in Bewegung und machen die emotionalen Verwirrungen komplett. Auch ist das schwarze Bild nach der Pause ebenfalls wie der Bühnenprospekt gezeichnet, so dass man von den ansteigenden Quadern nahezu erdrückt wird. In diesem Ambiente entstehen herrliche Standbilder, die die Figurenkonstellationen deutlich machen und für die statische Inszenierung entschädigen.

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Chaos der Gefühle: von links: Andronico (Antonio Giovannini), Bajazet (Mirko Roschkowski), Asteria (Emiliya Ivanova) und Tamerlano (Mariselle Martinez).

Auch musikalisch bewegt sich der Abend auf sehr hohem Niveau. So zaubert Rubén Dubrovsky mit dem Beethoven Orchester Bonn einen sehr schlanken und präzisen Händel-Klang aus dem Graben, der anders als manche CD-Aufnahme die Dramatik und das Gefühlschaos der Protagonisten hörbar macht. Da das Werk auf sehr wenige Solisten konzentriert ist, steht und fällt eine gute Aufführung natürlich mit den Sängerdarstellern. In diesem Punkt gibt es nichts zu beanstanden. Emiliya Ivanova singt als Asteria mit leuchtendem Sopran die Höhen sehr sauber aus, ohne dabei zu quetschen oder die Töne zu verschleifen. Dabei stellt sie auch mimisch und gestisch die innere Zerrissenheit Asterias sehr bühnenpräsent dar, selbst wenn ihr von der Regie Interaktionen mit den anderen Figuren größtenteils untersagt werden. In dem Duett mit Andronico im zweiten Teil, "Vivo in te, mio caro bene", vermittelt sie gemeinsam mit dem Countertenor Antonio Giovannini sehr glaubhaft und rührend die innige und tiefe Verbundenheit des Liebespaares, das in dieser Inszenierung nicht zueinander finden darf. Dass nur die Rolle des Andronico mit einem Countertenor, die Titelpartie hingegen mit der Mezzosopranistin Mariselle Martinez besetzt ist, mag der Uraufführung Rechnung tragen, in der der damalige Starkastrat Senesino gerade nicht die Titelpartie, sondern die Rolle des Andronico übernommen hatte, während Tamerlano in der Uraufführung von dem als secondo uomo verpflichteten Altkastraten Andrea Pacini gesungen wurde. Giovannini überzeugt mit einer sehr weichen Stimme vor allem in den Höhen und macht die Leiden des jungen Prinzen regelrecht spürbar. Auch bei ihm wird in der mimischen Darstellung offensichtlich, wie sehr er sich in diese Rolle hineingefunden hat.

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Selbstmord auf der Bühne: Bajazet (Mirko Roschkowski).

Mirko Roschkowski verfügt als osmanischer Sultan Bajazet über einen sehr beweglichen und höhensicheren Tenor, der vor allem in den Koloraturen zu glänzen weiß. Seine groß angelegte Sterbeszene, die mit der Rache-Arie "Empio per farti guerra" beginnt, kostet er auch darstellerisch sehr exzessiv aus. Auch macht er in seiner Bühnenpräsenz sehr deutlich, wieso er einen so starken Einfluss auf seine Tochter ausübt. Mariselle Martinez stattet die Titelfigur mit einem in den Tiefen sehr fülligen Mezzo aus, so dass man ihr stimmlich und auch optisch den siegreichen Tartarenfürsten abnimmt, der bei aller Verliebtheit dennoch eine gewisse Stärke behält. Ein Höhepunkt des Abends ist ihre Arie "A dispetto", in der sie plant, Asteria und ihren Vater hart zu bestrafen. Auch Susanne Blattert als verschmähte Braut Irene weiß, mit dramatischem Mezzo zu überzeugen, wobei sie im zweiten Teil in ihrer Verzweiflungs-Arie "Crudel piu non son io" durchaus lyrische Töne anschlägt.

So ließ das hohe musikalische Niveau und das grandiose Bühnenbild Johannes Leiackers die Aufführung zu einem rundum gelungenen Abend werden, der vom Publikum mit großem Applaus belohnt wurde.


FAZIT

Wer bereis Händel-Fan ist, sollte sich diese Aufführung nicht entgehen lassen. Wer nicht, könnte dadurch vielleicht einer werden.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Rubén Dubrovsky

Inszenierung
Philipp Himmelmann

Bühne
Johannes Leiacker

Kostüme
Katherina Kopp

Licht
Thomas Roscher

Dramaturgie
Michaela Angelopoulos




Beethoven Orchester Bonn

Continuo
Orgel und Cembalo
Christopher Arpin

Violoncello
Grigory Alumyan

Laute
Yamato Hasumi

Kontrabass
Ingo Klatt


Solisten

*rezensierte Aufführung

Tamerlano
Mariselle Martinez

Bajazet
Mirko Roschkowski

Asteria
Judith Gauthier /
*Emiliya Ivanova

Andronico
Antonio Giovannini

Irene
Susanne Blattert

Ein Bass
Sven Bakin


Weitere
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Theater Bonn
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