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La Sonnambula (Die Nachtwandlerin)

Melodramma in zwei Akten

Libretto von Felice Romani nach Augustin Eugène Scribes Ballettlibretto
La Somnambule ou L'Arrivée d'un nouveau seigneur
Musik von Vincenzo Bellini


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 55' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Bonn am 3. Juli 2011


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Theater Bonn
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Surreale Parallelwelt im Belcanto

Von Thomas Molke / Fotos von Thilo Beu

Vincenzo Bellinis Oper La Sonnambula gehört zwar neben Norma und I Capuleti e i Montecchi zu den bekannteren Werken des viel zu früh verstorbenen Sizilianers, befindet sich im Vergleich zu den beiden anderen Opern aber doch recht selten auf den Spielplänen der deutschen Opernhäuser. Hierfür mögen die sängerischen Anforderungen zum einen und die recht krude Handlung über das reine Mädchen, das schlafwandelnd im Bett eines anderen landet,  zum anderen als Gründe angeführt werden, wieso die Intendanten lieber auf andere Werke zurückgreifen. Umso erfreulicher ist es, dass die Oper Bonn sich kurz vor der Sommerpause diesem Belcanto-Brocken widmet und mit einem in jeder Hinsicht überzeugenden Abend das Ende der diesjährigen Spielzeit einläutet.

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Amina (Julia Novikova) erscheint schlafwandelnd im Zimmer des Grafen Rodolfo (Martin Tzonev, links). Der Skioptikologe (Harry Schnause) beobachtet alles.

Da ist zunächst die Besetzung der äußerst schweren Partie der Amina, der Schlafwandlerin, für die die Oper Bonn direkt mit zwei Ensemble-Mitgliedern aufwarten kann, die die Rolle alternierend singen: Julia Novikova und Emiliya Ivanova, wobei letztere auch noch die Partie der Gegenspielerin Lisa übernimmt. Schon am Premierenabend beweisen beide Sopranistinnen, Novikova als Amina und Ivanova als Lisa, dass sie sich hinter den Sängerinnen des letzten Jahrhunderts, die diese Partie wieder ins Bewusstsein der Opernbesucher gerückt haben, Joan Sutherland und Maria Callas, keineswegs zu verstecken brauchen. Mit leuchtend klarem Sopran gestaltet Novikova die aus Wunschkonzerten und von CD-Aufnahmen bekannten Bravourarien des zweiten Aktes, die berühmte Schlafwandel-Arie "Ah! Non credea mirarti", Aminas Liebesgeständnis an Elvino, der sie zu Unrecht der Untreue beschuldigt, und das glückliche Finale "Ah! Non giunge uman pensiero", nachdem Elvino erkannt hat, dass Amina ihm immer treu gewesen ist. Auch Ivanova lässt als Lisa in der Kavatine des ersten Aktes "Tutto è gioia, tutto è festa", in der sie ihre nicht erwiderte Liebe zu Elvino, Aminas Bräutigam, beklagt, mit glockenklarem Sopran aufhorchen und empfiehlt sich für die weiteren Vorstellungen, in der sie auch die Partie der Amina singt. Schon allein für diese beiden Sängerinnen lohnt es sich, die Aufführung auch in der alternierenden Besetzung noch einmal zu besuchen.

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Die Dorfgemeinschaft und Elvino (Marc Laho, rechts) finden Amina (Julia Novikova) im Bett des Grafen (in der Mitte: Teresa (Susanne Blattert)).

Auch den Problemen der Handlung weiß das Regie-Team um Roland Schwab ein sehr stimmiges Inszenierungskonzept entgegenzuhalten. Ein im Bühnenhintergrund aufgedrucktes Alpenpanorama mutet zunächst wie der Ort der Handlung sehr pittoresk an. Doch die Bühne von Frank Fellmann zeigt, dass das kleine Alpendorf, in dem die Handlung spielt, keineswegs so lieblich ist, wie es auf den ersten Blick scheint. So befindet sich in der Mitte der Bühne eine Scheibe, auf der sich das Dorf befindet. Von oben angestrahlt wirkt es sehr hell, aber dabei von der Außenwelt abgeschlossen. Unterhalb der Scheibe befindet sich das Dorf noch einmal spiegelverkehrt. Hier sieht man zum einen die Schattenseite des Dorfes, zum anderen aber auch, dass es für die  Dorfbewohner nur Schwarz und Weiß gibt. Dieser Ansatz spiegelt sich auch in den Kostümen von Renée Listerdal wider. Wenn die Dorfbewohner sich für Aminas Hochzeit vorbereiten, sind alle sehr hell gekleidet, und die Damen tragen weiße Schirme. Nachdem Amina aber im Bett des Grafen entdeckt wird und die ganze Dorfgemeinschaft Amina verflucht, sind alle sehr dunkel gekleidet und die Schirme, die sie wie Waffen auf Amina richten, sind schwarz. Die großen weißen Froschaugen, die der Chor in dieser Szene trägt, lassen die Dorfbewohner dabei noch bedrohlicher erscheinen.

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Elvino (Marc Laho) verflucht Amina (Julia Novikova, mit Teresa (Susanne Blattert, hinter ihr)) (im Hintergrund: der Chor).

In diese abgeschlossene Welt dringt nun Graf Rodolfo als eine Art Wissenschaftler ein, der nicht nur das Dorf unter die Lupe nimmt, sondern auch Aminas Somnambulismus zu ergründen sucht. Über der Scheibe des Dorfes scheint ein großes Mikroskop zu schweben, das aber auch Bestandteil eines überdimensionalen Skioptikons, einer Projektionsvorrichtung, die zur Entstehungszeit der Oper in Europa weit verbreitet war, sein kann. Schließlich führt der Graf einen Diener mit sich, der im Programmheft als Skioptikologe ausgewiesen wird und mit einem solchen Gerät Aufnahmen unter den Dorfbewohnern macht. Im zweiten Bild des ersten Aktes, das im Schlafzimmer des Grafen spielt, befindet sich unter dem großen Mikroskop nicht mehr das Dorf, sondern ein Bett, das von einem durchscheinenden Vorhang umgeben ist, auf den verschiedene Apparaturen projiziert sind, die die Untersuchungen des Grafen andeuten könnten. Amina begibt sich schlafwandelnd in diesen "Untersuchungsraum", und der Graf scheint nun, seine Studien betreiben zu wollen, wird aber von den auftauchenden Dorfbewohnern gestört. Der Vorhang fällt und offenbart Amina in einer scheinbar eindeutigen Situation. Sofort wird sie von Elvino verstoßen. Er wendet sich wieder Lisa zu. Bezeichnend ist hierbei, dass für Lisa und Amina das gleiche Hochzeitskleid verwendet wird. Der einen wird es heruntergerissen, der anderen übergezogen.

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Die schlafwandelnde Amina (Julia Novikova, Mitte) auf dem Mühlrad (links: Graf Rodolfo (Martin Tzonev), rechts: Elvino (Marc Laho) und Teresa (Susanne Blattert), im Hintergrund: Statistinnen als Amina-Doubles).

Im zweiten Akt wird das Alpenpanorama von einem sehr surrealen Wald überdeckt. Auch die Holzpfähle, die aus dem großen Mikroskop herausragen und die die Dorfbewohner statt der Regenschirme im ersten Akt jetzt bei sich tragen, wirken sehr bedrohlich und zeigen, dass Aminas Situation relativ hoffnungslos ist. Auch Rodolfos wissenschaftliche Erläuterungen zum Somnambulismus auf einer Leinwand werden von den Dorfbewohnern jäh unterbrochen, indem sie die Leinwand zerstören. Schon schickt man sich an, Lisa und Elvino vor den Altar zu führen, als Teresa,  Aminas Mutter, Lisa mit einem Schal, den diese im Zimmer des Grafen verloren hat, der Untreue überführt. Nun weiß Elvino gar nicht mehr, wem er glauben soll. Da erscheint erneut die schlafwandelnde Amina, jetzt sehr librettonah auf einem Mühlrad. Frank Fellmann stellt insgesamt fünf Mühlräder auf die Bühne, auf denen Amina mit vier Statistinnen als Doubles in weißem Hochzeitskleid balanciert. Erst jetzt sind alle von Aminas Unschuld überzeugt, und vor einem Bühnenprospekt mit zahlreichen Hochzeitsfotos im Stil des 19. Jahrhunderts, schließen Amina und Elvino den Bund fürs Leben. Die Dorfbewohner sind immer noch sehr dunkel gekleidet und der sich hebende Bühnenprospekt offenbart auch warum. Im Anschluss an den allgemeinen Jubel zeigt Schwab auf den Mühlrädern die vier toten Schlafwandlerinnen, die abgestürzt sind. Ein Zeichen, dass Amina im Dorf nicht mit  diesem Leiden leben können wird.

Neben den beiden herausragenden Sopranistinnen gebührt ein großes Lob auch Martin Tzonev, der den Grafen Rodolfo mit sehr markantem Bass und überzeugendem Spiel gestaltet, Susanne Blattert, die Aminas Ziehmutter Teresa mit sehr warmem Mezzo ausstattet, und Marc Laho, der dem etwas einfältigen Elvino tenoralen Glanz verleiht. Der Chor unter der Leitung von Sibylle Wagner präsentiert sich sehr homogen. Die recht statischen Bewegungen sind wohl dem Regiekonzept geschuldet. Zu einer Glanzleistung führt auch Robin Engelen das Beethoven Orchester Bonn, das sehr klar aufspielt und sich in den entscheidenden Passagen stets sehr sängerfreundlich zurücknehmen kann. Besonders lobenswert ist der saubere Klang der Blechbläser. So gelingt der Oper Bonn ein rundum gelungener Belcanto-Abend, der vom Publikum in jeder Hinsicht mit sehr großem Applaus belohnt wird.

FAZIT

Wer diese Belcanto-Perle in dieser Spielzeit nicht mehr erleben kann, sollte sich direkt zu Beginn der neuen Spielzeit um Karten für diese sehens- und hörenswerte Produktion bemühen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Robin Engelen

Inszenierung
Roland Schwab

Bühne
Frank Fellmann

Kostüme
Renée Listerdal

Licht
Max Karbe

Choreinstudierung
Sibylle Wagner

Dramaturgie
Ulrike Schumann



Chor und Statisterie
des Theater Bonn

Beethoven Orchester Bonn

 

Solisten

*rezensierte Aufführung

Graf Rodolfo
Ramaz Chikviladze /
*Martin Tzonev

Teresa
Susanne Blattert

Amina
*Julia Novikova /
Emiliya Ivanova

Elvino
Marc Laho

Lisa
*Emiliya Ivanova /
Vardeni Davidian

Alessio
Sven Bakin

Ein Notar
Josef Michael Linnek

Ein Skioptikologe
Harry Schnause


Weitere
Informationen

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Theater Bonn
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