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Irrelohe

Oper in drei Aufzügen
Text und Musik von Franz Schreker


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (zwei Pausen)

Premiere im Opernhaus Bonn am 7. November 2010
(rezensierte Aufführung: 13. November 2010)


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Theater Bonn
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Verfluchte Sexualität

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu


Auf einer Bahnreise von Dresden nach Nürnberg habe, so hat Franz Schreker die Entstehung der Oper beschrieben, der Orts- und Bahnhofsname „Irrelohe“ plötzlich seine Phantasie angestachelt. In nur drei Tagen sei das Libretto verfasst gewesen. Ob das im Detail so stimmt, sei dahingestellt; die Anekdote macht jedoch plausibel, wie es um das Textbuch bestellt ist: Das wirkt wie eine collagenhaft um die Motive von Wahnsinn und Feuer, eben die „irre Lohe“, angesammelte Fülle von Elementen und Versatzstücken aus Oper und Schauerroman des 19. Jahrhunderts. Fluch und Erlösung (durch Liebe und Feuer), ein rivalisierendes (Halb-)Brüderpaar; Schenke, Schloss und Kreuzweg als Orte der Handlung; Mord und Wahnsinn und so fort. An seine großen Erfolge mit dem Fernen Klang, den Gezeichneten oder dem Schatzgräber konnte der gefeierte Komponist mit diesem Sujet nicht mehr anknüpfen. Die Zeit für eine solche psychologisierende Hyperromantik war im krisengeschüttelten Uraufführungsjahr 1924 allmählich abgelaufen.


Foto kommt später

Peter (Mark Morouse) möchte von seiner Mutter Lola (Daniela Denschlag) wissen, wer sein Vater ist

Zur Handlung: Auf dem Geschlecht derer zu Irrelohe lastet ein Fluch, der alle männlichen Nachkommen zur Vergewaltigung und in den Wahnsinn treibt. Der alte Graf von Irrelohe hat einst während seiner eigenen gräflichen Hochzeit das Dorfmädchen Lola vergewaltigt und dabei einen Sohn, Peter, gezeugt, der in Unkenntnis seines Vaters aufgewachsen ist. Aufgeklärt über seine düstere Herkunft wird er ausgerechnet von Christobald, Lolas damaligem Geliebten, der aus Scham über seine eigene Untätigkeit seitdem inkognito als Musiker durch das Land zieht und auf Rache sinnt – die sich vorerst in einer Reihe von Brandstiftungen entlädt. Es kommt, wie es in der Oper kommen muss: Peter und sein im Schloss zurückgezogen lebender Halbbruder, der Grafensohn Heinrich, sind in das gleiche Mädchen Eva verliebt. Eva entscheidet sich für Heinrich. Der tötet in einem dramatischen Showdown seinen Halbbruder, während Schloss Irrelohe in den von Christobald gelegten Flammen aufgeht.

Schreker hat diese Fülle opernhafter Szenen geschickt verdichtet und einen durchaus schlüssigen und spannenden Plot daraus konstruiert. Aber gerade durch dieses routiniert ausgeworfene Netz von allzu vertrauten eng verzahnten Motiven bleiben die Figuren zumindest teilweise blass, folgen mehr einer automatisierten Operntraditionslogik als innerer Notwendigkeit - das zumindest suggeriert die in ihrer Bildästhetik und Assoziationsvielfalt eindrucksvolle, inhaltlich aber wenig erhellende Bonner Neuinszenierung durch Intendant Klaus Weise.


Foto kommt später

Eva (Ingeborg Greiner) verfällt dem Grafen Heinrich (Roman Sadnik)

Im Bühnenbild von Martin Kukulies herrscht das für Weise-Inszenierungen typische Halbdunkel. Ein paar LKWs versetzen die Handlung ins 20. Jahrhundert, ein zunächst unter Planen eingelagertes Sportcoupé im Schloss suggeriert nicht nur den gegensätzlichen sozialen Status, sondern auch die (später überwundene) Bewegungslosigkeit des Grafen, im Finale erfolgt dann tatsächlich der motorisierte Ausbruch aus der Enge des Dorfes. Die LKWs lassen an Gefangenentransporte denken, manchmal erinnert die Szenerie an ein besetztes Dorf, ohne dass sich dies an konkreten Details festmachen ließe. Zur geplanten Hochzeit von Heinrich und Eva senken sich rote Flaggen vom Bühnenhimmel, die nicht nur das folgende Feuer vorwegnehmen, sondern auch ohne Hakenkreuz an Nazi-Standarten erinnern. Der hinter der Maske des Musikers versteckte Rächer Christobald entspricht in einigen Szenen dem Archetypus des jüdischen Fiedlers, die Dörfler erscheinen im knallig bunten Zigeuneroutfit. Es fehlt aber eine stringente Linie, die diese Elemente zusammenhalten würde – und es fehlt eine vermittelnde Personenregie, die den Figuren ein Eigenleben gegenüber dem schwer auf ihnen lastenden Motivüberbau geben könnte.


Foto kommt später

Gestörte Hochzeitsfeier: Peter (Mark Morouse) tanzt mit Eva (Ingeborg Greiner), Bräutigam Heinrich (Roman Sadnik) gefällt das gar nicht, und Lola (Daniela Denschlag) wendet sich ab

Weises Regieansatz ist nicht so konsequent, die Handlung als widerspruchsbehaftete Traumsequenz zu zeigen (gleichwohl gehen viele Elemente in diese Richtung). Sie bleibt zudem merkwürdig neutral im Konflikt zwischen den ungleichen Halbbrüdern. Das geht wohl auch auf eine Schwäche in Schrekers Dramaturgie zurück, die den Grafen Heinrich ziemlich fleischlos erscheinen lässt. Aufschlussreich ist ein Vergleich mit Wagners Fliegendem Holländer, bei dem Senta sich zwischen dem braven Tenor Erik und dem dämonischen Holländer-Bariton entscheiden muss - in Irrelohe hat Eva in Schrekers verquerer Sexuallogik die Wahl zwischen dem grundanständigen (und deshalb impotenten) Bariton Peter und dem zur Zügellosigkeit verdammten (und sich deshalb selbst zur Impotenz zwingenden) Tenor Heinrich, für den sie sich entscheidet. Eine Umkehrung des Stimmtypus also, die durchaus (und möglicherweise vom Komponisten bewusst so eingesetzt?) fragwürdig ist – seit Don Giovanni ist, Ausnahmen bestätigen die Regel, der Bariton der bessere Liebhaber. Weder will die Regie noch kann Sänger Roman Sadnik die hieraus resultierende Leerstelle füllen. Sadniks an sich geschmeidiger und höhensicherer Tenor ist nicht großformatig genug, um gegen die Orchestergewalten so etwas wie Machtanspruch zu verkörpern (dazu verfällt er in textlastigen Passagen gerne in eine Art plapperndes Parlando, das die Figur noch kleiner macht). Musikalisch kann er daher trotz gesanglich durchaus ansprechender Leistung nichts von der latenten Gewalt der Figur, von der immer die Rede ist, plausibel machen. Im Gegensatz dazu verleiht Heldenbariton Mark Morouse dem Peter kraftvolle, bei aller auch vokal eindrucksvoll dargestellter Zerissenheit maskuline Züge.


Foto kommt später

Finale mit Feuerzauber: Eva (Ingeborg Greiner) vor dem brennenden Schloss Irrelohe

Ingeborg Greiner hat als Eva nicht den hochdramatischen Sopran, der die Zerrissenheit der Figur ausgestalten könnte, bleibt dadurch mehr die lyrisch brave Dulderin (was Schrekers Frauenbild nahe kommen dürfte). Daniela Denschlag als Lola und Mark Rosenthal als Christobald legen ihre Rollen auch musikalisch sehr überzeugend als Charakterpartien an, und auch die Nebenrollen sind durchweg mehr als ordentlich besetzt. Chor und Extrachor, dramaturgisch nicht mehr als eine Randerscheinung, singen klangschön.

Das eigentliche Ereignis, das die Produktion unbedingt hörenswert macht, ist aber zweifellos der Orchesterpart. Schreker steht hier in der Nachfolge von Strauss' Salome und Elektra, deren Tonsprache weiter an den Rand der konventionellen Tonalität getrieben wird, und hat eine hochvirtuose Partitur für Riesenorchester in vielfacher klanglicher Aufsplitterung geschrieben. Das ist eine Musik von außerordentlicher Suggestivkraft, eigentlicher Träger der Handlung und in viel zu lange Vergessenheit geraten. Die stärksten Momente hat das Bonner Beethoven Orchester in den Pianissimo-Passagen am Rande des Verlöschens, die Ligetis Klangflächen ahnen lassen und damit weit in die Zukunft verweisen. Die melodischen Elemente baut Blunier wie ferne Zitate in einen dunkel changierenden Strom des Unterbewussten ein. In den blechlastigen Fortissimo-Stellen (die dem Sängerensemble keine Chance lassen) ist das Orchester zupackend und von enormer Präsenz, neigt aber auch dazu, in Einzelstimmen zu zerfallen – ein bei Blunier schon häufiger zu beobachtendes Phänomen. Dennoch ist diese Interpretation gleichermaßen Pioniertat wie Meisterleistung, die vom ersten bis zum letzten Takt mitreißt. Da kann nicht einmal der finale Schlossbrand, sicher der schönste und eindrucksvollste Feuerzauber seit langem, mithalten.


FAZIT

Eine musikalische Entdeckung ersten Ranges, die unbedingt hörenswert ist. Die Regie liefert passende Bilder dazu, ohne alle dramaturgischen Zweifel am Textbuch ausräumen zu können.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Blunier

Inszenierung
Klaus Weise

Bühne
Martin Kukulies

Kostüme
Fred Fenner

Licht
Thomas Roscher

Choreinstudierung
Sibylle Wagner

Dramaturgie
Janine Ortiz


Chor und Extrachor
des Theater Bonn

Statisterie
des Theater Bonn


Beethoven Orchester Bonn


Solisten

Graf Heinrich, Herr auf Irrelohe
Roman Sadnik

Eva
Ingeborg Greiner

Die alte Lola
Daniela Denschlag

Peter, ihr Sohn
Mark Morouse

Christobald, ein Hochzeitsspieler
Mark Rosenthal

Fünkchen
Valentin Jar

Strahlbusch
Piotr Micinski

Ratzekahl
Ramaz Chikviladze

Anselmus
Giorgos Kanaris

Der Förster
Martin Tzonev

Der Pfarrer
Boris Beletskiy

Der Müller
Egbert Herold

Ein Lakai
Josef Michael Linnek



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