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Telemaco ossia
L'isola di Circe


Dramma per musica in zwei Akten
Text von Marco Coltellini
Musik von Christoph Willibald Gluck

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (eine Pause)

Premiere im Theater Basel am 9. Juni 2011
(rezensierte Aufführung: 11.06.2011)




Theater Basel
(Homepage)
Zwischen Ehefrau und Zauberin

Von Thomas Molke / Fotos von Monika Rittershaus

Glucks Telemaco, anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten des späteren Kaisers Joseph II. mit der Prinzessin Maria Josepha von Bayern am 30. Januar 1765 in Wien uraufgeführt, war zu Glucks Lebzeiten kein großer Erfolg beschieden, wurde das Werk doch bereits nach der zweiten Aufführung abgesetzt und geriet bis zu seiner Wiederentdeckung in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts völlig in Vergessenheit. Dabei bot die Oper mit ihren Figuren doch eigentlich die ideale Projektionsfläche für den Habsburger Hof, wurde doch die Titelfigur unter anderem durch den Roman des Franzosen François de Salignac de Fénelon mit dem Titel Les Aventures de Télémaque (1694-1698) als vorbildlicher Herrschersohn charakterisiert und gab somit ein Idealbild für einen jungen König ab. Auch der Ort der Handlung, Circes Zauberinsel, dürfte den damaligen Erwartungen an die Opera seria entsprochen haben. Vielleicht war es aber der musikalische Bruch mit den Konventionen der damaligen Operntradition, der das Publikum verwirrte und den mangelnden Erfolg verursachte. So hatte sich Gluck seit seinem Orfeo 1762 vom starren Schema der Opera seria gelöst und mit Ausnahme von Circes Koloraturarie am Anfang des Stückes sich einer aus der Handlung natürlich entwickelnden Melodieführung verschrieben. Dies mag der Grund sein, wieso das Programmheft von einer längst überfälligen Wiederentdeckung spricht, die das Theater Basel in Koproduktion mit den Schwetzinger  SWR Festspielen (eine Rezension zu dieser Aufführung findet man hier) und dem Staatstheater Nürnberg, das diese Produktion für die Internationalen Gluck-Festspiele 2012 übernehmen wird, herausgebracht hat.

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Penelope (Agneta Eichenholz) im Kreis der auf ihre Ehemänner wartenden strickenden Frauen (Damenchor) mit dem kleinen Telemaco (Statist).

Die Handlung basiert auf einer Episode aus Homers Odyssee. Ulisse (Odysseus) ist nach dem Sieg über Troja auf seinen Irrfahrten auf Circes Zauberinsel gelandet, wird dort von dieser gefangen gehalten, während seine Gefährten in dieser Version der Geschichte in Bäume verwandelt worden sind. Telemaco ist ausgezogen, um seinen Vater zu suchen, und landet, anders als in der Mythologie, ebenfalls schiffbrüchig auf dieser Zauberinsel. Dort wird er von Circes Dienerin Asteria gesund gepflegt. Die beiden verlieben sich. Circe, die erkennt, dass sie Ulisse nicht halten kann, ist bereit, ihn mit seinem Sohn und seinen Gefährten von der Insel ziehen zu lassen, bereut diesen Entschluss jedoch bald und fordert Asteria auf, die Schiffe anzuzünden. Doch Asteria kann aus Liebe zu Telemaco diesen Befehl nicht ausführen und möchte lieber mit diesem die Insel verlassen. Dazu muss aber erst Merione, die Tochter des kretischen Königs Idomeneo, in ihr die gesuchte verschollene Schwester erkennen, damit Ulisse Asteria als standesgemäße Partie für seinen Sohn akzeptiert. Circe bleibt allein zurück und zerstört ihre Insel.

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Circe (Agneta Eichenholz) sehnt sich nach Ulisses (Tomasz Zagorski) Liebe.

Regisseur Tobias Kratzer führt in seiner Inszenierung eine Figur ein, die zwar eigentlich im Libretto nicht auftaucht, das Handeln der Figuren im Stück aber durchaus in Form ihrer mentalen Präsenz beeinflusst: Penelope. Schon vor der Ouvertüre sitzt sie mit den Damen des Chors strickend in einem großen kolonialistisch anmutenden Raum in Erwartung ihres Gatten, während ihr noch kleiner Sohn Telemaco mit einem Flugzeug spielt. Bühne und Kostüme von Rainer Sellmaier verlegen dabei die Handlung in die Zeit des ersten Weltkriegs, was die zahlreichen afrikanischen und asiatischen Trophäen über der großen Eingangstür suggerieren. Während der Ouvertüre sieht man Penelope vergeblich am Fenster auf die Heimkehr ihres Gatten wartend, während Telemaco zu einem jungen Mann herangewachsen ist. Jetzt erscheinen die Freier, die Penelope umwerben und der Auslöser für Telemaco sind, sich auf die Suche nach seinem verschollenen Vater zu begeben. Das nun folgende Orakel, das vor Amors Rache warnt, wenn man ihn verachtet, in den Mund eines verschmähten Freiers zu legen, ist noch stimmig. Die Auftrittsarie Circes jedoch von Penelope singen zu lassen, ist hingegen diskutabel. Kratzer sieht beide Figuren als eine Person, die auf der Bühne zwischen einem zartroten Blümchenkleid mit weißem Spitzenkragen (Penelope) und einem mondänen türkis-farbenen Kleid mit tiefem Ausschnitt (Circe) wechselt. So öffnet sich während Circes Arie der große Bühnenraum und lässt einen dschungelartigen Zauberwald sichtbar werden, dessen Bäume teilweise auch noch die restlichen Seitenwände des Raumes zerstören. Dabei geht Kratzers Ansatz in vielen Bereichen auf. So mag beispielsweise Circes unmotivierter Verzicht auf Ulisse, weil dieser ihre Liebe nicht erwidert, und ihre Bereitschaft, ihn und seine Gefährten ziehen zu lassen, Penelopes Wunschdenken entsprechen. Auch Telemacos Vision von seiner Mutter, die sich aus Verzweiflung das Leben genommen hat, von Circe als verkleidete Penelope darstellen zu lassen, macht Sinn, da Circe Telemaco diese Vision ja eingeflüstert hat. Nur das Ende bleibt in der Inszenierung etwas problematisch. Während Circe nach Ulisses Abfahrt in ihrer Rachearie ihre Insel zerstört, verwandelt sie sich wieder in Penelope, die ihren heimkehrenden Gatten alles andere als herzlich empfängt. Hier misstraut Kratzer also eindeutig der Homerschen Vorlage.

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Telemaco (David DQ Lee) inmitten der verzauberten Gefährten (Herrenchor).

Auch die Figur der Asteria wird von der Regie gedoppelt. So tritt sie als farbiges Dienstmädchen bei Penelope auf. Bereits hier wird angedeutet, dass Telemaco sich in sie verliebt hat, was von seiner Mutter wegen des Standesunterschiedes gar nicht gern gesehen wird. Den gleichen Grund führt Ulisse später an, wenn er nicht bereit ist, Asteria mit nach Ithaka zu nehmen. In Kratzers Inszenierung entpuppt sich Asteria nicht als verschollene kretische Prinzessin, sondern wird von Merione zu dieser gemacht. So brandmarkt Merione die verzweifelte Asteria mit dem Zeichen, das sie als Tochter des Königs Idomeneo ausweist, und Asteria berichtet wie auf Stichwort quasi von Meriones Lippen ablesend, dass sie auf der Suche nach ihrem Vater sei. Die Welt will betrogen werden, vor allem, wenn die Forderungen so sinnlos sind wie die einer standesgemäßen Beziehung. Der Chor nimmt ebenfalls eine Doppelrolle ein. Während die Damen zwischen wartenden strickenden Ehefrauen und Dienerinnen Circes wechseln, die sich mit den zurückverwandelten Gefolgsleuten Ulisses vergnügen, stellen die Männer am Anfang die bedrängenden Freier und später Ulisses Gefolgsleute dar. Das ist psychologisch alles in allem sehr genau durchdacht, geht jedoch nicht an jeder Stelle glatt auf.

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Merione (Solenn' Lavanant-Linke, links) macht Asteria (Maya Boog, rechts) zu ihrer Schwester.

Musikalisch bewegt sich die Produktion auf sehr hohem Niveau. Die zierliche estnische Dirigentin Anu Tali hat das Freiburger Barockorchester fest im Griff und zaubert aus dem Graben einen sehr bewegenden Sound, der die ruhigen leidenden Passagen sehr intensiv klingen lässt, wohingegen Circes Wutausbrüche musikalisch fulminant explodieren. Dabei ist das Dirigat stets sängerfreundlich. Solenn' Lavanant-Linke gestaltet die Partie der Merione mit sehr warmem Mezzo. Als starke Frau in einer Männergesellschaft sucht sie wie ein Soldat gekleidet nach der verschollenen Schwester und sieht dabei über Standesunterschiede hinweg, wenn sie Asteria kurzerhand zu ihrer Schwester deklariert. Maya Boog darf wohl aufgrund ihrer langjährigen Zugehörigkeit zum Baseler Ensemble als Publikumsliebling betrachtet werden. Mit sehr lyrischem Sopran gibt sie die gefühlsbetonte Asteria, die für den geliebten Telemaco auch bereit ist, auf die eigene Rettung zu verzichten.

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Circe (Agneta Eichenholz) zwischen Wut und Verzweiflung.

Tomasz Zagorski präsentiert Ulisse mit sehr kräftigem Tenor. Dabei entwickelt er sich vom leicht verlotterten Mann im Unterhemd mit langen Haaren und Bart im ersten Akt zu einem schneidigen gepflegten Helden im zweiten Akt, dessen Rückkehr nun nichts mehr im Wege steht. Agneta Eichenholz meistert darstellerisch den Spagat zwischen liebender Ehefrau und verführerischer Zauberin sehr gut. Auch stimmlich weiß sie, mit dramatischen Ausbrüchen in ihren Rachearien und sauber geführtem Sopran zu überzeugen. Höhepunkt der Aufführung ist neben dem Orchester der Countertenor David DQ Lee. Sehr jugendlich in Spiel und Gesang mimt er mit sehr weicher beweglicher Stimme den jungen Mann, der darunter leidet, dass er die Geliebte auf der Zauberinsel zurücklassen soll, aber nicht die Kraft besitzt, sich gegen seinen übermächtigen Vater durchzusetzen. So gibt es am Ende verdienten Applaus für alle Beteiligten. Wie das Publikum die Regiearbeit bewertet, kann nicht beurteilt werden, da sich das Regieteam dem Applaus in der zweiten Aufführung nicht gestellt hat.


FAZIT

Ein unbekanntes Werk, das musikalisch aufhorchen lässt und hoffentlich weitere Inszenierung nach sich ziehen wird. Ob einem die Präsenz Penelopes stimmig erscheint, ist Geschmacksache.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Anu Tali

Regie
Tobias Kratzer

Bühne und Kostüme
Rainer Sellmaier

Licht
Guido Hölzer

Chorleitung
Henryk Polus

Dramaturgie
Ute Vollmar




Chor und Statisterie
des Theater Basel

Freiburger Barockorchester


Solisten

Circe / Penelope
Agneta Eichenholz

Ulisse
Tomasz Zagorski

Telemaco
David DQ Lee

Asteria
Maya Boog

Merione
Solenn' Lavanant-Linke

Oracolo 
Christopher Bolduc




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Basel
(Homepage)



Da capo al Fine

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