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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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| Ring – Ansichten und
Aussichten Von Christoph Wurzel / Fotos von Monika Rittershaus 2013 ist Wagnerjahr, da
heißt
es vorzuarbeiten. Und so schmieden viele Opernhäuser zur Zeit
wieder am Ring. In Hamburg
ist das Werk nunmehr vollendet worden, in Frankfurt
ist man mittendrin und in Berlin an der Staatsoper wurde erst (in
Kooperation mit Mailand) der Anfang gemacht. Alle drei Produktionen
reichen bis ins Jubeljahr und lassen Erwartungen zu auf das Kommende
oder runden die bisher entworfenen Wagner-Welten ab. Alle drei
Produktionen richten besonders den Blick auf das Individuelle. Weniger
Gesellschaft oder Geschichte und nichts Mythologisches wird hier
abgehandelt. Ein geschlossenes Welt-Konzept liegt keiner der hier
besprochenen Inszenierungen mehr zugrunde.
Hagen mit seinem Über-Ich: John Tomlinson (unten) und Wolfgang Koch als Alberich (oben) (Hamburg) In Hamburg hat der
Bühnenbildner Christian Schmidt zu jedem Teil des „Ring“ einen
anderen
Raum entworfen. In der Götterdämmerung
ist es ein kalt-weißes
labyrinthartiges Schachtelhaus auf der Drehbühne, das den Personen
keine Orientierung mehr bietet und in dem nun die Götter in einem
der
Zimmer ihrem Untergang entgegen harren. Alle Anderen verlaufen sich
schier in diesen zweistöckigen Zimmerfluchten. Ein ebenso
funktional wie symbolisch überzeugendes Konzept. Dieser Raumkubus
erlaubt nicht nur reibungslose Szenenwechsel, sondern verdeutlicht auch
Beziehungen; etwa wenn im Traumdialog Hagen von seinem
Übervater
Alberich von oben wie an unsichtbaren Marionettenfäden
gezogen
wird. In der Frankfurter Walküre beherrscht wie
schon im Rheingold die
von Jens Kilian
genial
entworfene Scheibe aus konzentrischen Kreisen die Bühne, die
gedreht,
abgeschrägt und in sich verschoben werden können, was immer
wieder neue
räumliche Möglichkeiten schafft, immer neue magische Bilder
entstehen
lässt. Aus der schützenden Enge von Hundings Hütte
stürmen Sieglinde
und Siegmund am Ende des 1. Aktes hinaus aufs freie Feld, wo sie trotz
leise fallenden Schnees in den Frühling ihrer jungen Liebe
taumeln; ein
wundervoll poetisches Hoffnungsbild angesichts der realen Gefahren, die
diese Liebe bedrohen. Und im Schlussbild wird wirklich ein feuriger
Zauber entfacht, wenn Brünnhilde wie auf einem Katafalk in der
erhöhten
Mitte ruht, von den von unten züngelnden Flammen umgeben.
Winterstürme – noch nicht vorbei: Eva-Maria Westbroek (Sieglinde) und Frank van Aken (Siegmund) (Frankfurt) Als
Bühnenbildner im Berliner Rheingold
zeichnet der Regisseur Guy
Cassiers selbst, doch eine größere Rolle noch spielen die
Videogestalter Arjen Klerrx und Kurt d’Haeseler, die mit Projektionen
den Hintergrund der einzelnen Szenen bebildern: grünblau abstrakte
Muster in der Rheinszene, dann - wie bei googlearth - vom
Götterfelsen ein Blick von den Höhen herab auf verkleinerte
Landschaften und in Nibelheim eine Wand aus schimmerndem Gold.
Zum Schlussbild im „Rheingold“ marschieren die Götter auf ein
graues
Steinrelief mit verschlungenen Leibern zu, der Abbildung einer
Jugendstil-Travestie des „Jüngsten Gerichts“. Auf der Bühne
gibt es
sonst nichts. Den Grund des Rheines bildet nur eine Pfütze, in der
sich
die Rheintöchter räkeln dürfen. Die unterirdische Kluft
des
Nibelungenreichs stellt ein hochgerüstetes Filmstudio dar, unter
deren
Spots und Kameras Alberich mit seinen Machtgelüsten prahlt.
Szenische
Aura, dramatische Magie entwickelt sich in dieser zumeist
zweidimensionalen Bühnenanlage kaum. Die Verwandlungsszene
Alberichs bleibt überraschungslos und jeder Spannung entbehrt
Freias
Auslösung mit dem gestohlenen Gold. Einzig Erdas Erscheinen macht
Eindruck: aus der Versenkung wird sie über die Häupter der
Götter in
die Höhe geschoben, von wo aus sie ihre Mahnungen erteilt. Optisch soll Guy Cassiers
Inszenierung ein „Ring für
das
21.
Jahrhundert“ werden. In
futuristischen, also unbestimmten Welten sind schon die Protagonisten
im Rheingold verortet. Den
Fantasiekostümen nach gehören die Götter
irgendeiner zukünftigen High Society an, in üppige Abendrobe
sind die
Frauen gesteckt, Wotan im Abendanzug: vornehm also geht diese Klasse
ihrem Untergang entgegen. Der Göttervater bleibt dabei stoisch,
ratlos.
Hanno Müller-Brachmann (an diesem Abend indisponiert gemeldet)
singt
tadellos, bleibt aber darstellerisch blass. Ekaterina Gubanova gibt der
Fricka mit raumgreifend voller Stimme energisch Gestalt. Anna Samuil
ist eine auch stimmlich ungestüme Freia. Einen glänzenden
Loge gibt
Stephan Rügamer ab, zwielichtig schillernd als Drahtzieher im
Spiel um
die Macht und doch um die Anerkennung betrogen. Außerordentlich
stark
ist die Darstellung des Alberich durch Johannes Martin Kränzle,
den er
als eitel selbstverliebten Machtmenschen zeigt. Den Ring streckt er als
poppigen Glitzerhandschuh in die Höhe. Kurz aber
präsent tritt
Wolfgang Albinger-Sperrhacke als Mime in Erscheinung. Erstaunlich
zurückhaltend treten die Riesen in einfachem Schwarz auf: Timo
Rihonen
ist der Rolle des Fafner stimmlich zu wenig gewachsen und als Fasolt
ist Matti Salminen ein abgeklärter, altersmilder „Riese“ in der
Darstellung und gesanglich mit jedem Ton ein Ereignis.
Götter
vor
Landschaft:
Ekaterina
Gubanova (Fricka), Anna Samuil (Freia),
Stephan Rügamer (Loge), Hanno Müller-Brachmann (Wotan) und
Tänzer
(Berlin Staatsoper) Oper im 21. Jahrhundert
scheint ohne Videoprojektionen nur noch schwer auszukommen - und immer
häufiger auch nicht ohne Tanz. Im Rheingold gibt es das nun zum
ersten Mal auch. Verpflichtet wurde die Truppe Eastman Company des
marokkanisch-belgischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui, deren neun
Akteure zwar ganz exzellent tanzen, aber bei dieser Gelegenheit
vollkommen entbehrlich, ja störend sind. In Wagners
Gesamtkunstwerken
braucht es kein Vertanzen innerer Vorgänge der Protagonisten oder
der
in den Zwischenspielen weiter strömenden Gedanken. Gerade hier
erzählt
die Musik durch das reiche Gewebe ihrer Motive doch alles, die Bilder
sollen im Innern entstehen und mit dem Bühnengeschehen
verschmelzen.
Ein Ballet ist dabei nur Beiwerk, Verdoppelung. Zukunftweisend
ist diese Idee wohl kaum! Dagegen taugt die Hamburger Götterdämmerung allemal
für die jetzige Zeit. Aus moderner Perspektive
stellt sie einen anderen Siegfried vor als gewohnt. Einen
Vergessenstrank gibt es hier nicht. Claus Guth weist mit Recht darauf
hin, dass dieses Handlungselement bei Wagner als dramaturgischer Kniff
wohl gebraucht wird, zugleich aber Siegfried von Verantwortung
entlastet, die er für seinen schnöden Verrat an
Brünnhilde allein
tragen muss. Nicht vernebelt, sondern sehenden Auges führt er so
seine
eigene Frau dem schwächlichen Gunther zu - der Preis für
dessen
bildhübsche Schwester. Da bedarf es keiner Zauberei mehr, um
Treuebruch
zu begehen, sondern nur ein bisschen Psychologie zur Erklärung.
Als
Siegfried sich in der Lagerszene am Rhein im 3. Akt seiner Schuld
bewusst wird, provoziert er geradezu Hagen zum Mord an sich selbst.
Schon den jungen Siegfried hatte Guth nicht als strahlende Heldenfigur
gezeigt, sondern – wen wollte es bei dieser verkorksten Kindheit noch
wundern – als unsicheren, innerlich verletzten, labilen
Heranwachsenden. Als derart unfertiger, noch nicht erwachsener
Draufgänger betritt er nun bei den Gibichungen eine neue und
fremde
Welt, auf deren Verlockungen er zwangsläufig hereinfallen muss.
Dieser
Siegfried ist nicht allein Opfer, er ist auch Schuldiger und wird sich
auch dessen bewusst.
Siegfried zurück am Gibichungenhof: Was kostet die Welt? Anna Gabler (Gutrune), Christian Franz (Siegfried), Deborah Polaski (Brünnhilde) und Robert Bork (Gunther) (Hamburg) In der Hamburger Götterdämmerung gibt es
ganz starke Momente. Mit einem solchen
beginnt es schon, wenn die Nornen sich, unsichtbar für sie,
zu
Siegfried und Brünnhilde gesellen, als vorausahnende,
schützende,
trauernde Geistwesen. Dann inszeniert Guth eine melancholische
Abschiedsszene zwischen den beiden und lässt den unsteten
Siegfried in
den schwarzen leeren Bühnenraum aufbrechen, in eine dunkle
Zukunft.
Eines der vielen symbolmächtigen Bilder, durch die sich diese
Inszenierung auszeichnet. Die exakte Personenregie unterstreicht das
stimmige Konzept und die Sängerdarsteller stützen es
entscheidend mit
glaubhaftem Spiel. Christian Franz zeigt einen psychologisch
durchdachten Siegfried in all seinen Facetten und kann stimmlich der
Partie bestens genügen. Bei viel heldischem Glanz bringt er auch
lyrische Innigkeit auf und die Kälte des Betrügers in der
Überwältigungsszene mit Brünnhilde gelingt intensiv.
Deborah Polaski
ist immer noch eine faszinierende Brünnhilde. Wenn sie in der
Höhe auch
mitunter leicht angestrengt wirkt, so bringt sie ein anrührendes,
großartiges Piano auf und lässt durch Gesang auf der
Bühne eine
gewaltige dramatische Spannung entstehen. Ein ebenfalls großer
Wagner-Name ist John Tomlinson, der hier als Hagen mit
schwarzem Bass einen zutiefst abgründigen Charakter gestaltet. Im
Dialog mit dem gleichermaßen darstellerisch wie gesanglich
präsenten
Alberich des Wolfgang Koch gelingt eine weitere großartige Szene
der
Aufführung. Und auch die Chorszenen beherrscht Tomlinson durch
starke
darstellerische Präsenz. Die charakterliche Eigenschaftslosigkeit
des
Gibichungenpaares wird durch Robert Bork und Anna Gabler gut
herübergebracht.
Derartige Sorgfalt bei der
Charakterzeichnung prägt alle Figuren dieser Walküre Terje Stensvold
(mit warmem Bariton, aber mitunter nasal eingefärbt) gibt dem
Wotan
eindrucksvoll Gestalt. Er zeigt einen seelisch heruntergekommenen
Mann, nur noch ein Schatten der früheren Würde und Macht (im Rheingold hatten die Götter
noch selbstbewusst in der Loge des
Intendanten Platz genommen). Heillos hat er sich nun im
Familiengestrüpp verfangen, das er sich als Stammbaum an die Wand
gemalt hat. Einzig die Lieblingstochter Brünnhilde wäre noch
ein Halt
für ihn, hätte sie sich nicht seiner Macht entgegen gestellt.
Sein
hilfloses Strafgericht schlägt nur umso heftiger auf ihn
zurück. Susan
Bullock singt die Brünnhilde mit großer, weit schwingender
Stimme, wenn
auch nicht immer frei von scharfen Höhen. Martina Dike entgeht als
sehr
selbstbewusste, fast herrische Fricka nicht ganz der Gefahr, einfach zu
schreien. Ain Anger ist in seiner unverhohlenen
Aggressivität ein
eindrucksvoller Hunding. Das Walkürenoktett macht stimmlich im
Ganzen
die Sache recht ordentlich.
Menschenskulptur: Johannes Martin Kränzle (Alberich) mit Tänzerinnen der Eastman Company (Berlin) Am Pult stehen an allen drei
Häusern erfahrene Wagnerinterpreten. Simone Young hat trotz
reicher
Wagnererfahrung für die Produktion an ihrem Haus nicht den Aufwand
gescheut, in Bayreuth die originalen Quellen zu studieren.
Detailversessen geht sie ans Werk. Wie in den anderen Ringteilen schon
zeichnet ein stark dramatischer Atem ihr Dirigat aus. Kleine Fermaten
im musikalischen Fluss setzt sie um der dramatischen Wahrheit willen.
Das gibt der Musik Struktur und lässt einen Spannungsbogen
entstehen. Vorzüglich ausmodelliert kommen die Leitmotive, nicht
nur
plastisch, auch in der Klangfarbe subtil ausgefeilt. Alles in
allem bei einigen Patzern im Blech war aus dem Graben Spannendes zu
hören. Daniel Barenboim am Berliner
Pult hält das Orchester gewaltig zurück, so stark zuweilen,
dass man
nur ahnt, was gespielt wird. Was so den Sängern zugute kommt, geht
aber
zulasten der sinfonischen Strahlkraft. Ob dies dem leicht abgedeckten
Orchestergraben (ähnlich Bayreuth mit einem gewölbten Deckel)
oder
Barenboims Zähmung zuzuschreiben ist, mag offen bleiben. Dieser
gebremste Wagnerklang ist gewöhnungsbedürftig, wenngleich
auch
klangschön gespielt wird. Rundum begeisternd und vom
Publikum auch mit Ovationen bedacht, wird in Frankfurt die Walküre gespielt. Sebastian
Weigle gelingt eine enorm
differenzierte
Orchesterführung, die in allen Passagen prachtvoll
aufblühenden Klang
bietet. Trotzdem bleiben die Sänger erstaunlich gut hörbar
(übrigens
ist deren Textverständlichkeit nahezu sensationell). Diese
Orchesterleistung war am gesehenen Abend uneingeschränkt
festspielwürdig. Alles in allem
ist die Frankfurter Walküre die
poetischste
Aufführung,
hier spielt
auch das Orchester am schönsten. Den interessantesten Ansatz kann
man
in Hamburg sehen, der Ring
dort überzeugt weitgehend durch kluge
Interpretation. Im dramatischen Eifer bleibt das Orchester nicht immer
ganz sattelfest. Mit rundum exzellenten Sängern punktet Berlin,
obwohl
man dort szenisch streckenweise nicht über gepflegte Langeweile
hinauskommt.
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ProduktionsteamsBerlin: Das RheingoldMusikalische
Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Licht
Video Choreografie Michael P. Steinberg Detlef Giese Tänzerinnen
und Tänzer der Staatskapelle Berlin SolistenWotan Donner Froh Loge Fricka Erda
Alberich
Mime Fasolt Fafner Woglinde Wellgunde Flosshilde
Weitere Informationen Frankfurt: Die WalküreMusikalische
Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Licht
Video Dramaturgie
Frankfurter Opern- und Museumsorchester SolistenSiegmund Hunding
Wotan Sieglinde Brünnhilde Fricka
Gerhilde
Mona Somm Waltraute Eve-Maud Hubeaux Helmwige Sigrune Grimgerde Rossweiße Bernadett Fodor
Weitere Informationen Hamburg: GötterdämmerungMusikalische
Leitung Inszenierung Bühnenbild
und
Kostüme Kostüme Licht Dramaturgie Chor der Staatsoper Hamburg SolistenSiegfried Gunther Alberich Hagen Brünnhilde
Gutrune Waltraute Deborah Humble 2. Norn Cristina Damian 3.
Norn Ha Young Lee Wellgunde Maria Markina Flosshilde
Weitere
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