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Auf Schmetterlingsjagd im Opernwunderland
Von Joachim Lange
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Fotos von Marco Borggreue
Die Niederlande haben zwar keine lange eigene Operntradition, aber Langzeitintendant Pierre Audi hat aus De Nederlandse Opera im 25 Jahre alten, 1500 Plätze fassenden Het Muziktheater in Amsterdam längst eins der lebendigsten und interessantesten europäischen Opernhäuser gemacht. Er inszeniert selbst, lädt aber auch ein, was die Szene in ganz Europa an interessanten, auch unterschiedlichen Regiehandschriften zu bieten hat, nutzt mehrere niederländische Orchester im Wechsel und arbeitet sich so quer durchs gängige Repertoire, samt Ring, Trojanern, Soldaten oder Capriccio. Mit regelmäßigen Uraufführungen leistet er nicht nur einen Dienst an der Gattung, sondern sorgt, sozusagen ganz nebenbei, auch noch für die Entwicklung einer eigenen niederländischen Nationaloper. Die natürlich so national wie vor zweihundert Jahren in ihren Stammländern heute gar nicht mehr klingen kann. Hier konnte man das erste Mal Manfred Trojahns kongeniale Rezitativ-Ergänzungen zu Mozarts Titus hören. Der Deutsche wird im nächsten Jahr mit seinem Orest (am 11. Dezember 2011 unter Leitung von Marc Albrecht und in der Regie von Katie Mitchell) eine von zwei Uraufführungen beisteuern. Der international bekannteste holländische Komponist, Louis Andriessen, hatte mit seinem Writing to Vermeer ein Musterbeispiel für gängige Moderne mit nationalem Akzent geliefert.
Ein Paradies voller Engel
Auf seinen Spuren wandelt jetzt Peter-Jan Wagemans (59), mit seiner ersten Oper Legende. Der originale Untertitel De ontsporing von Meneer Prikkebeen heißt so viel wie Die Entgleisung des Herrn Prikkebeen". Inspiriert ist die Geschichte vom Schweizer Karikaturisten Rodolphe Töpffer, der u.a. mit seiner Faust-Parodie im 19. Jahrhundert so etwas wie ein Vorläufer des Comics war. Prikkebeen ist die niederländische Version von Töpffers Monsieur Cryptogame. Schon bei der konzertanten Uraufführung 2007 im Concertgebouw muss wohl klar gewesen sein, dass Wagemans Musik in ihrem unbekümmert phantastischen Stilmix mit jedem einzelnen Ton und ihrem dramatischen Übermut auf die Bühne drängt. Marcel Sijm (Regie), Marc Warning (Bühne) und Arno Bremers (Kostüme) haben dieses nicht zu überhörende Potenzial jetzt als einen kauzig lebendigen Ausflug ins Opernwunderland in einer opulent surrealen Bilderwelt szenisch geradezu explodieren lassen. Nicht nur mit den in die Szene eingebauten fünf Übertitelungskästen, die wie Sprechblasen immer wieder ihre Position wechseln, ist hier die Comic Ästhetik tatsächlich einmal nicht als trash verramscht, sondern mit Gewinn integriert worden.
Festus auf Schmetterlingsjagd Im offenen Amsterdamer Graben sorgt Reinbert de Leeuw am Pult des Radio Filharmonisch Orkest mit Lust und szenischem Gespür für den kunterbunten, höchst abwechslungsreichen Orchesterpart des musikalisch klar in einen Buffo, einen dramatischen und einen mystischen Akt geteilten, brutto knapp dreistündigen Werkes. Wagemanns hat sich dazu selbst als Librettist einen Plot gebastelt, der seinen skurrilen Helden Festus (prägnant: Tenor Yves Saelens) begleitet, der mit Zylinder und Frack, aber ohne Hosen, bei seiner Jagd nach Schmetterlingen immer wieder vom Wege abkommt. Man sieht (und hört) gleich zu Beginn ein Paradies voller aufgeregt flatternder Engel, auf das ein flirrendes Gestöber von bunten Schnipseln herniedergeht. Man staunt über einen ins Riesenhafte aufgeblasenen und dann platzenden Wal (oder was auch immer).
Ursula (Helena Raskar) und Festus (Yves Saelens) beim Tee
Und man wundert sich über Festus' dominante Schwester Ursula, die aussieht wie eine attraktive Ausgabe der englischen Camilla und ihn verführen will, um sich dann mit einem nur ganz dezent begleiteten grandiosen Einsamkeits-Monolog von der Welt zu verabschieden. Die dunkle Mezzo-Leuchtkraft, die Helena Rasker dabei entfaltet, sucht weit und breit ihres gleichen! Man erlebt die beklemmend Vehemenz, mit der im zweiten Akt die Untergangs-Angst aus Ligetis Gran Macabre irrlichtert, und sich ein panisch marschierendes Volk aus altgewordenen Kindern dem finsteren Zamar unterwirft, der wie ein Alberich-glitschiges Doppel (aus Tenor Marcel Beekman und Baß Dennis Wilgenhof) daher kommt.
Eine fantastische Schlussvision Bis sich schließlich im dritten Aufzug jede Dramatik auflöst und Festus, seine Freundin Nel (Elzbieta Szmytka) und ein paar Kinder, nebst einem Esel, wie eine verträumte Heilige Familie all die Wunderdinge bestaunen, die aus dem Schnürboden herabsinken und ihr phantastisches Eigenleben entfalten. Fern vom avantgardistischen Eigensinn dogmatischer Neutöner, hat Wagemans keinen Hehl draus gemacht, dass er mit seiner Musik unmittelbar beim Publikum ankommen will. Die Rechnung ist aufgegangen.
Wagemans Legende besticht durch ihre Theatertauglichkeit und seine Fähigkeit, überbordende Phantasie in Musik zu fassen. Die opulente Inszenierung und exzellente Qualität von Orchester und Protagonisten begeisterten denn auch das Premierenpublikum. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
Solisten
Erster Engel
Zweiter Engel
Dritter Engel
Ursula
Festus/Frits
Pontus
Nel/ Polyandus
Erster Walfänger
Zweiter Walfänger
Dritter Walfänger
Zamar
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