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Der mit dem Bär tanzt
Von Joachim Lange
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Fotos von Foto Forster
In Bayreuth macht Stefan Herheims Parsifal immer noch Furore. An der Semperoper hat er Chancen, so etwas wie ein Hausregisseur zu werden. Seine zauberhafte Rusalka ist mit ihrer überbordenden Phantasie dort schon angekommen. Zu seiner Premiere von Eugen Onegin war denn auch die gesamte überregionale deutschen Kritik nach Amsterdam gekommen. Wie dem immer mehr durchschlagenden finanziellen Gemetzel der niederländischen Rechtspopulisten in Sachen Opernfinanzierung zum Trotz, entfaltete Pierre Audi mit dieser Premiere am Ende der Spielzeit einen Galaglanz, bei dem auch Königin Beatrix nicht fehlte. Tschaikowski hat Puschkins Russisches-Seele-Poem Eugen Onegin immerhin ins europäische (Opern-)Bewusstsein gehoben. Dass die überschwänglich in Onegin verliebte Tatjana zur Fürstin und treuen Ehefrau eines anderen wird und so ihre zunächst unerwiderte Leidenschaft bändigt, und dass er weder mit der Liebe Tatjanas, der Zuneigung seines Freundes Lenski, noch mit sich selbst klar kommt das konnte der mit seiner verdrängten Homosexualität kämpfende Tschaikowski wohl besser nachvollziehen als ihm lieb war.
Die Briefszene einmal anders: Das Objekt der Begierde schreibt selbst
Stefan Herheims Ansatz, die aufflammende Leidenschaft von einst und das Duell mit Lenski vom Moment des Wiedersehens zwischen Onegin und Tatjana auf dem Ball aus, also als Erinnerung, zu inszenieren, hat Charme. Der Norweger hat noch jedes Mal geschichtet und gespiegelt, was das Zeug hält. Diesmal hat ihm der junge Berliner Künstler Philipp Fürhofer ein Prachtfoyer mit zwei Lifttüren links und einem Zugang zum fürstlichen Ballsaal rechts gebaut, das mit seinem marmorierten Edelschick die Riesenbühne füllt. Durch einen gläsernen Pavillon mit Schiebewänden im Zentrum brechen die Erinnerung Onegins und Tatjanas ein. Hier philosophieren die beiden Alten im Stück über die Gewöhnung, die vom Himmel zuweilen als Ersatz für das Glück geschickt wird. Was ja auch im Falle Tatjanas tatsächlich zur (Überlebens-)Maxime wird. Am Ende der dann doch klassisch erzählten Geschichte verschwindet Tatjana mit Fürst Gremin und seinen Sicherheitsleuten im Lift. Während Onegin nicht nur verzweifelt zurück bleibt, sondern vom Konkurrenten um Tatjanas Liebe vor versammelter Mannschaft lächerlich gemacht wurde. Der Fürst hatte ihm nämlich einen Revolver in die Hand gedrückt, aus dem er vorher sämtliche Patronen entnommen hat. Das sieht aus wie russisches Roulette als Partie-Gag bei den Oligarchen von heute - ohne Tote, aber mit mentalem Kollateralschaden.
Erinnerung hinter Glas In Gesine Völlms opulenter Kostümpracht bringt Herheim seine wie immer gut geölte Opernmaschinerie auf Touren. Die gute Nachricht ist, dass weder Lenin, Stalin, noch Putin mitspielen. Was keineswegs ausgemacht ist, wenn Herheim inszeniert. Auch in so stringenten Onegin-Versionen wie denen von Peter Konwitschny oder Andrea Breth weht natürlich die reale russische Geschichte zwischen die Geburtstagsgesellschaft bei den Larins auf dem Land und ins fürstliche Palais der Gremins in der Stadt. Bei Herheim aber marschiert zu solchen Gelegenheiten natürlich gleich die komplette Geschichte in Chorstärke auf: Vom vorrevolutionären Adelsnachwuchs und den Uniformträgern des Zaren, über die Rotgardisten, den Arbeiter und die Kolchosbäuerin mit Hammer und Sichel, die Ballettstars, die Superathleten und Kosmonauten, bis hin zu der reaktivierten orthodoxen Pracht des nachsowjetischen Russlands von heute, samt russischem Bären und tümelnder Folklore. Auf den ersten Blick ist das alles ziemlich klischeedrollig, wird aber unversehens zu einem quasi potemkinschen Jubel-Personal der russischen Selbstdarstellung quer durch die Zeiten. Es geht nämlich über die Ironie des dekorativ Opulenten hinaus, wenn Lenski zum Duell mit bewaffneten Rotarmisten der ersten Stunde anrückt und dann als Hintergrund der persönlichen Tragik einer tödlich zerbrechenden Freundschaft, der Terror der Revolution aufscheint. Wenn sich die Inszenierung auf das Verhältnis von Glück und Gewöhnung, also den Diskurs über die Art, wie man leben kann, konzentriert, ist sie stimmig. In der Erinnerungs-Perspektive ist Onegin für Tatjana tatsächlich dabei, wenn sie den Liebesbrief an ihn schreibt. Das ist opulentes Kammerspiel. Wenn dann bei der Geburtstagsfeier der brennende Stern Monsieur Triquets Perücke in Brand setzt, der noch dazu, als wäre er Lully, mit eingegipstem Fuß anrückt, dann geht es flott in Richtung Kalauer. Bis dann das russische-sowjetisch-postsowjetische Personalkarussell Gremins große Arie bebildert. Also aushebelt.
Die Geburtstagsfeier fällt üppig aus
Mariss Jansons steht am Pult des diesmal die Oper bespielenden Concertgebouw Orchesters das lässt sich in Holland (und auch anderswo) kaum glanzvoller und souveräner denken, bietet Leidenschaft ohne Schwulst, lyrische Raffinesse und dramatischen Furor. Auch an der Auswahl der Sängerdarsteller gibt es nichts zu deuteln: Von der kraftvoll sicheren Leidenschaft Krassimira Stoyanovas (Tatjana) und der stimmlichen und darstellerischen Intensität von Bo Skovhus (Onegin), über den lyrisch strömenden Andrej Dunaev (Lenski) und die frische Elena Maximova (Olga) bis hin zu Guy de Mey (Triquet) und dem fabelhaften Chor.
Musikalisch überzeugt vor allem Mariss Jansons und das fabelhafte niederländische Spitzenorchester, das diesmal die Oper bespielte. Auch das vokale Niveau war hoch. Von Stefan Herheims Vorzug, seiner überbordende Phantasie profitierte diese Produktion ebenso wie sie unter seinem Problem litt, damit maßzuhalten. Es gab großen Jubel für die Protagonisten und einige Buhs für die Regie. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreographie
Chor
Dramaturgie
Solisten
Larina
Tatjana
Olga
Onegin
Lenski
Fürst Gremin
Petrowitsch
Zaretski
Monsieur Triquet
Zapevalo
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