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Eine (nicht mal) schreckliche Familie
Von Roberto Becker
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Fotos von Suzanne Schwiertz
Sven Eric Bechtolf ist Burgschauspieler und in dieser Rolle ziemlich eindrucksvoll. Doch sein Sinn steht, wenn nicht nach Höherem, so doch nach anderen Herausforderungen. Er tritt als neuer Schauspieldirektor an, wenn der derzeitige Zürcher Opernchef Alexander Pereira bei den Salzburger Festspielen in der übernächsten Saison endgültig das Ruder übernimmt. Da verheißen seine diesbezüglichen Statements nichts Gutes fürs das Experimentelle, Unabgesicherte. Auch war von ihm kein lautstarker Widerspruch zu vernehmen, als Daniel Kehlmann im letzten Jahr aus der Eröffnungsrede der Festspiele ein frohgemutes Vorwärts zurück! machte. So unbestreitbar wie Bechtolfs Rang als Spitzenmime ist der des Opernregisseurs freilich nicht. Von seinen Zürcher Versuchen ist ihm zwar immerhin der von den Glittenbergs ausgestattete Rosenkavalier auf eindrucksvolle Weise gelungen. Bei seinem kürzlich vollendeten Wiener Ring des Nibelungen allerdings, fallen die kritischen Einwände erheblich ins Gewicht. Und auch seine jüngste Salome (wieder in Zürich) hinterlässt einen szenisch eher matten Eindruck.
Familienidyll der besonderen Art: Herodias, Salome, Herodes
Was nicht nur an der bildstarken Vorgängerinszenierung von Martin Kusej an diesem Haus liegt. Gerade für einen so präsenten Bühnenproblemfall wie die Prinzessin Salome braucht es eben eine übergreifende Idee, die in die Tiefen der Psyche und der Zeiten, und am besten mit Gewinn für die Gegenwart in beides gleichzeitig, abzutauchen, vermag. Und die vor allem fehlt in Zürich. Am Ende ist der seltsam sterile, halbrunde Allerwelts-Raum von Rolf Glittenberg weder seiner Behauptung gerecht worden, so etwas wie der Palast des Herodes oder sonst eines Regimes zu sein, das wüst schimpfende Propheten gefangen hält und dessen Potentat sich von der Stieftochter so verrückt machen lässt, dass der ihr den Kopf des Propheten überlässt, um sie dann selbst töten zu lassen. Dazu ist die von Marianne Glittenberg in den Kostümen vorsichtig angedeutete Verlegung in die Entstehungszeit des Einakters zu vage, die Brechungen dieser Melange aus dekadenter und großbürgerlicher Gesellschaft mit archaischer Unterwürfigkeit im Verhalten zur Herrscherfamilie einerseits und der partiell moderner Uniformierung andererseits zu zaghaft skizziert.
Der Prophet im Käfig Um daraus aber den irgendwie psychologisierenden Innenraum einer verletzten Seele werden zu lassen, wandelt Bechtolf einfach zu brav auf dem narrativen Pfad einer gradlinig erzählten Handlung. Im Schatten dieses übergeordneten Defizits der Inszenierung erwachsen allerdings auch ihre Stärken. Denn hier passiert kaum etwas in beziehungsloser Vereinzelung. Die Protagonisten hören einander nicht nur erkennbar zu, sondern reagieren auch dann aufeinander, wenn sie nur im Netz ihrer wechselseitigen Obsessionen zappeln. Exemplarisch gelingt es etwa Dailia Schaechter ihrer Herodias nicht nur die um ihren Einfluss kämpfende Königin, sondern auch die alle Grenzen überschreitende Frau von einst aufleben zu lassen. Ihre Herodias kann das Verhalten der Salome auch da nachvollziehen, wo sie es offiziell missbilligt. Bechtolf findet auch für diese verkorkste Familie ein eindrucksvolles Bild, wenn nämlich die Eltern wie gelähmt vor Entsetzen über das Verhalten ihrer Tochter einfach dasitzen.
Der König in Bedrängnis
Gun-Brit Barkim vermag auch ihrer Salome diese darstellerische Intensität glaubhaft mitzugeben. Man sieht förmlich, was sich in ihrem Kopf abspielt, als sie sieht wie der Page den toten Narraboth küsst. Da blitzt kein Mitgefühl in ihr auf, sondern der abwegige Gedanke, dass dies ja auch eine Option ist, um den Propheten zu bezwingen. Ebenso beeindruckend ist der stumme Schrei, der ihre Züge verzerrt, wenn sie denn ihren Willen hat. Da ist auch sie am Ende. Nachdem der König seinen Befehl Man töte dieses Weib! gegeben hat und die Soldaten ihm (nicht ganz schlüssig) den Dienst verweigern, ist es der Page mit dem gezückten Messer, der ihn ausführt. Die völlige innere Verstörung Salomes, die Liebe und Tod nur noch in eins denken kann, treibt sie ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und das Zustechen wird zu einem pervertierten Liebesakt für beide. Zu dieser Pointe hätte man freilich auch gerne die entsprechende Inszenierung gesehen. Die bleibt Bechtholf aber nicht nur schuldig, sondern verfehlt bei der prominentesten szenischen Herausforderung sogar das Mindestmaß der gängigen Salome Rezeption.
Der Tanz der Salome Einerseits ist ihm klar, dass der Tanz der Salome eine Projektion der Männerwelt ist, mithin also Salome von ihnen sozusagen getanzt wird. Andererseits aber will er wohl vor der Herausforderung die Provokation nachvollziehbar zu machen, nicht kneifen. Er lässt also den Tanz als Show doubeln. Mit wechselnden Kostümen und einem gierigen Blick des Herodes auf die nackte Vorderansicht und einem eher amüsierten Blick des Publikums auf die ebensolche Rückansicht der Tänzerin. Nebst Animation des dekadenten Hofstaates und entsprechender körpersprachlicher Kommentare der Herodias. Doch dieses von jedem etwas funktioniert nicht, ist jedenfalls kein spannungsgeladener Wendepunkt. Ebenso wenig kann Bechtolf wirklich etwas mit dem Propheten anfangen. Der taucht in einem von fünf Käfigen aus der Versenkung auf, wird aber, trotz aller Stimmgewalt, die Egils Silins an den Tag legt, nicht als echte fundamentalistische Bedrohung einer dekadenten Gesellschaft einbezogen. Der Kopf gerät dann auch eher wie durch Zufall in Salomes Hände und wird nur im Verborgenen geküsst. Musikalisch überzeugt die Produktion durch den leidenschaftlichen Furor und die Präzision, mit dem Christoph von Dohnányi das Orchester lodern lässt. Die Protagonisten bleiben den Erwartungen, die man an ein Haus wie Zürich immer noch haben kann, eher stimmlich als darstellerisch auch einiges schuldig, weil ausgerechnet Gun-Brit Barkim ihre darstellerische Überzeugungskraft nicht durchweg auch stimmlich beglaubigen kann.
Die neue Salome in Zürich kann der Vorgängerinszenierung szenisch nicht das Wasser reichen. Bechtolf hat etliche Einfälle, aber keine Idee. Musikalisch überzeugt vor allem Christoph von Dohnányi mit dem Orchester. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Lichtgestaltung
Choreographie
Solisten
Herodes
Herodias
Salome
Jochanaan
Narraboth
Page der Herodias
Erster Jude
Zweiter Jude
Dritter Jude
Vierter Jude
Fünfter Jude
Erster Nazarener
Zweiter Nazarener
Erster Soldat
Zweiter Soldat
Sklave
Ein Cappadocier
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