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Musiktheater
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Der Prinz von Homburg

Oper in drei Akten
Text von Ingeborg Bachmann nach dem Schauspiel von Heinrich von Kleist
Musik von Hans Werner Henze


Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (eine Pause)

Konzertante Aufführung am 12. November 2009 im Theater an der Wien

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Theater an der Wien
(Homepage)

Der Blick ins Grab der Erkenntnis

Von Roberto Becker / Fotos von Wilfried Hösl

Träumereien an preußischen Kaminen können bekanntlich zu passabler Lyrik führen. Träumereien bei einer kurfürstlich-brandenburgischen Befehlsausgabe vor einer Schlacht gegen die Schweden können dagegen lebensgefährlich werden. Wie für den Prinzen Friedrich Artur von Homburg bei Heinrich von Kleist. Der allseits beliebte junge Mann mit dem notorisch seltsamen Betragen hatte gerade von Kriegerruhm und Liebesglück geträumt. Ihm waren dabei nicht nur der Kurfürst und dessen Nichte, Prinzessin Natalie von Oranien, leibhaftig erschienen. Als er erwacht, findet sich obendrein jener Handschuh, den er gerade im Traum von Natalie erbeutet hatte, tatsächlich bei ihm. Und als er bemerkt, wie die Prinzessin nach ihm sucht, da hat der Feldmarschall, der gerade die Details der bevorstehenden Schlacht von Fehrbellin erklärt, keine Chance mehr, wirklich bis zu ihm vorzudringen. Selbst nicht mit dem ausdrücklich ihm geltenden Befehl, erst dann loszuschlagen, wenn es der Kurfürst ausdrücklich verlangt.


Foto kommt später Der mit dem Rücken zur Wand

In der Schlacht dann missachtet der Prinz diesen Befehl und schlägt nach eigenem Ermessen los. Und siegt. Das eigentliche Drama bei Kleist und ebenso in Ingeborg Bachmanns Libretto-Version beginnt erst jetzt. Natürlich setzt der Prinz auf die Nachsicht seines Kriegs- und Landesherrn, der obendrein sein Onkel ist. Er hält es lange nicht für möglich, dass der das ausgesprochene Todesurteil wegen seiner riskanten Eigenmächtigkeit mitten im Krieg wirklich vollstrecken lässt. Doch der Kurfürst beugt sich den Bitten von Braut und Offizieren zunächst nicht, weil auch eine Begnadigung wegen erwiesenen Erfolgs Willkür wäre. Das ist fürwahr ein dramatischer Konflikt. Nicht nur in Zeiten vordemokratischen Rumorens gegen Fürstenwillkür. Als Eigenverantwortung des modernen Staatsbürgers, vor allem in Uniform, ist er im Prinzip immer noch eine Herausforderung.


Foto kommt später

Auf in die Schlacht!

Den in letzter Zeit immer mehr zur szenischen Verknappung neigenden Regisseur Christof Loy interessiert bei seiner klug durchdachten, kammerspielartig konzentrierten Neuinszenierung von Hans Werner Henzes Kleist/Bachmann-Oper durchaus auch diese staatspolitische, staatsbürgerliche Dimension. Nicht nur der Fürst sieht am Anfang aus wie ein Fürst. Auch alle anderen stecken in den Kostümen der brandenburgischen Macht-Elite von ehedem. Aber er deutet das Werk vor allem von jener Szene aus, die Ingeborg Bachmann von einer nur berichteten in eine tatsächliche verwandelt und als Wendepunkt ins Zentrum der Oper gerückt hat. Da nämlich erkennt der Verurteilte erst beim Blick in das für ihn ausgehobene Grab schlagartig, dass er wirklich leben will. Die von Natalie leidenschaftlich vorgebrachte Bitte um Gnade will der Kurfürst nun nur unter der Bedingung gewähren, dass der Prinz das Urteil für ungerecht erkläre. Das aber kann und will der nicht, weil er in einem geradezu brachialen Erwachen von Verantwortung, sozusagen im Crashkurs, erwachsen wird. Dass die Sache am Ende gut ausgeht und Friedrich nicht zur Hinrichtung auf den Richtplatz, sondern in den Garten geführt wird, ist nicht nur im Stück, sondern auch in der Oper dann doch ergreifend.


Foto kommt später

Soll er um Gnade flehen? Der Prinz und Natalie

Wobei Loy dieses vor allem auf den menschlichen Rechtsstaat vertrauende, traumhafte Ende, mit seinem Schlussbild subtil unterläuft. Da in Wien alles in einem grauen, sich verjüngenden Bühnenkasten spielt, befand sich schon jenes hell aufscheinende, mehr metaphorische Grab der Erkenntnis einfach unter einer Bodenklappe. Am Ende öffnet sich in der Decke auch so eine Klappe und versendet wieder ein helles Licht. Und der Prinz liegt mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken am Boden. Ob das eine Flucht zurück in den Traum ist, ob er wie die Feinde Brandenburgs im Staube liegt oder ob die besorgte Mine, die Natalie am Ende zur Schau trug, als seine Freunde vom Militär sich naiv freuten, eine tiefere Bedeutung hatte und er vielleicht doch tot ist – so ganz eindeutig ist das nicht. Alles ein Traum? Kann sein. Dann aber mit Zügen eines beklemmenden Alptraums. Dieser Ambivalenz ins Psychologische und Vage hatte Loy den Weg bereitet, indem er die historischen Figuren nach dem Fall des Prinzen als Menschen von heute, quasi als Familie wiederkommen ließ. Ohne historische Maskerade. Doch in einer ähnlichen Bedrängung. So erzählt er denn ohne Ablenkungen in eine überflüssige Illustration die Geschichte eines existentiellen Konfliktes. Dass er dabei zugleich intellektuellen Abstand schafft und das Gefühl packt, ist der ausgefeilten Personenführung und dem Charisma seiner Darsteller zu verdanken.


Foto kommt später

Im Gefängnis der Träume

Die Präzision und Überzeugungskraft, die Loy auf der Bühne mit dem Ensemble entfaltet, findet in Mark Albrecht und den Wiener Symphonikern eine kongeniale Entsprechung. Der Dirigent hat die kraftvolle Musik auch da im Griff, wo sie dramatisch auftrumpft, vermag sie aber vor allem mit präziser Dichte und Transparenz perfekt mit dem Bühnengeschehen zu verbinden. Das exzellente Ensemble mit John Uhlenhopp als etwas angestrengtem Kürfurst, einem prägnanten Johannes Chum als Graf Hohenzollern und Frode Olsen als Kottwitz erhält eine überzeugende weibliche Ergänzung durch Helen Schneidermann als eloquente Kurfürstin und die zur Hochform auflaufende Britta Stallmeister als Natalie. Die eigentliche Sensation aber war Christian Gerhaher in der Titelpartie. Er trumpft klug auf, singt jeden einzelnen Ton, zieht mit seiner wohltönenden Stimme ebenso wie mit einer schlüssig gestalteten Interpretation des Prinzen in den Bann. Hier vermag ein Sänger von seiner Erfahrung als Liedinterpret für die Opernbühne zu profizieren, dass es ein wahres Vergnügen ist.


FAZIT

Dieser neue Wiener Prinz von Homburg ist in jeder Hinsicht gelungen. Eine kluge und angemessen sinnliche Inszenierung trifft sich mit einer überzeugenden musikalischen Interpretation und wird durch Christian Gerhaher in der Titelpartie geadelt.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marc Albrecht

Inszenierung
Christof Loy

Bühne
Dirk Becker

Kostüme
Herbert Murauer

Licht
Bernd Purkrabek

Choreografische Arbeit
Thomas Wilhelm


Wiener Symphoniker


Solisten

Friedrich Wilhelm,
Kurfürst von Brandenburg
John Uhlenhopp

Die Kurfürstin
Helene Schneiderman

Prinzessin Natalie
Britta Stallmeister

Feldmarschall Dörfling
Andreas Scheibner

Prinz Friedrich Artur von Homburg
Christian Gerhaher

Obrist Kottwitz
Frode Olsen

Graf Hohenzollern
Johannes Chum

Feldmarschall Dörfling
Andreas Scheibner

1. Offizier
Stefan Reichmann

2. Offizier
Andreas Jankowitsch

3. Offizier
Rupert Bergmann

1. Hofdame
Simona Eisinger

2. Hofdame
Nina Tarandek

3. Hofdame
Jaroslava Pepper

1. Heiduck
Erik Årmann

2. Heiduck
Christian Kostal


Weitere Informationen

Theater an der Wien
(Homepage)





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