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Hilfe, die Germanen kommen!
Von Roberto Becker
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Fotos von Opéra natinal de Paris / Elisa Haberer
In den letzten Jahren glänzte die Pariser Oper mit einigen Wagner-Produktionen, die nicht nur musikalisch herausragend, sondern durchaus auch szenisch streitbar waren. Von Tristan und Isolde über Parsifal bis zuletzt Tannhäuser. Wenn überhaupt, dann offenbaren sich latente Ambivalenzen der Franzosen gegenüber Richard Wagner heute in der produktiven Aneignung und Auseinandersetzung. Der Ring des Nibelungen nimmt dabei aber, wohl schon seiner puren Übergröße wegen, offenbar immer noch eine Sonderstellung ein. Anders ist es nicht zu erklären, dass es tatsächlich schon über ein halbes Jahrhundert her ist, dass die Tetralogie unter Hans Knappertsbusch komplett über die Bühne des Palais Garnier ging. An die ja architektonisch ringkompatible Opera Bastille war damals noch nicht einmal zu denken. Ein Ringversuch in den 70er Jahren nicht über Rheingold und Walküre hinaus. Und der nicht gerade auf Wagner versessene Gerard Mortier rang auf anderen Feldern der Operngeschichte mit dem französischen Publikum. Wenn jetzt dessen unverblümt auf ein ästhetisches Rollback zielender Nachfolger Nicolas Joel und sein junger Chefdirigent Philippe Jordan einen Ring in Angriff nehmen, damit die Opernmetropole Paris 2013 mit dem kompletten Zyklus an jeweils vier Tagen glänzen kann, hat das also durchaus einen gewissen dialektischen Charme. Einmal, weil auch Jordans langjähriger Förderer Daniel Barenboim gleich als Kooperationsprojekt von Mailänder Scala und Berliner Lindenoper mit eigenen Ringschmiedearbeiten beginnt und auch Christian Thielemann (szenisch mit wem auch immer) vom Bayreuther Festspielgraben aus seine Version beisteuern wird. Eher szenisch werden sich dann außerdem wohl auch Frankfurt, Essen und Hannover am Ringe-Messen beteiligen, wobei man sich mit dem Blick auf Bayreuth wirklich langsam Sorgen machen muss, denn von dort ist bislang nur zu hören, wer die anstehende Neuinszenierung nicht übernehmen wird.
Aufstand in der Oper
In Paris ist das klar. Dort inszeniert Günter Krämer seinen (nach Hamburg Anfang der 90er Jahre) zweiten Ring. Der besonderen Herausforderung, dass die riesige Bastille-Bühne nicht fürs Kammerspiel taugt und sich dort wohl auch ein dezidiert konzentrierender Minimalismus schlichtweg verlieren würde, begegnen Krämer und sein Bühnenbildner Jürgen Bäckmann mit einer großformatigen Metaphorik. Das Spiel der schaukelnden Rheintöchter in ihren Pailletten-Kleidern mit dem gierig geilen Alberich (Peter Sidhom beeindruckt immerhin mit dem Fluch) gerät dabei durch die wie Wasserpflanzen wogenden, aus dem Dunkel auftauchenden, mit roten Langhandschuhen versehenen Choristen-Arme so effektvoll wie dezent. Die wie eine Riesen-Perle auftauchende Goldkugel wird dann der Ausgangsrohstoff für die Apparatur, mit der die Nibelungen das Gold ganz klassisch zu Barren weiterverarbeiten. Dabei verfehlen die auf den Knien rutschenden Bergarbeiter mit ihren dreckverschmierten nackten Oberkörpern beim Wogen im Takt des fräsenden Pendels über der Goldkugel den, wenn auch mehr kunsthandwerklichen, Showeffekt nicht. Auch die Götter haben es mit einer Kugel. Doch da ist es natürlich gleich die ganze Welt, die sie wie ihren Lagerplatz behandeln. Weil es aber um einen französischen Ring-Vorabend geht, flattern an hohen Masten lange Fahnen, auf denen man in schöner Fraktur die Losung GERMANIA entziffert. Wenn dann am Ende die jungen, athletischen Männer in Turner-Aufmachung die Riesenlettern dieses Wortes die wohl gigantischste Treppe der Operngeschichte hinauf bugsieren, dann verweist dieser Einzug der Götter ziemlich eindeutig auf Albert Speers größenwahnsinniges Welthauptstadtprojekt. Kann gut sein, dass die sich damit andeutende Interpretationsrichtung, die man Deutschland wohl eher als längst ausgelotet bezeichnen würde, für das Pariser Publikum den rechten Zugang zur Tetralogie eröffnet. Etwas seltsam und übereifrig freilich wirkte dann doch der revolutionäre Furor, mit dem Krämer am Platz, an dem die große Revolution der Franzosen begann, die roten Fahnen aufmarschieren lässt. Wenn nämlich Wotan die Rechnung für sein Walhall-Projekt nicht bezahlen will, entfesseln Fasolt (Iain Paterson) und Fafner (Günther Groissböck mit der besten vokalen Leistungen der Produktion) kurzerhand einen Streik. Sie lassen dabei ihre Arbeiter (die wie eine Mischung aus Kletter-Spezialisten und militärischer Eingreiftruppe aussehen) mit roten Fahnen durch die Saaltüren herein stürmen, während von oben Flugblätter mit der Mahnung Was du bist, bist du nur durch Verträge herabregnen. Dass ausgerechnet Fafner am Ende seine Leute, lange nach der Bezahlung, mit der Peitsche in der Hand dazu zwingt, Restarbeiten auszuführen, sprich die Riesentreppe an die Rampe zu bugsieren, damit die in ihren Nacktbrustverkleidungen eher dümmlich als archaisch wirkenden Götter nach oben klettern können, wirkt dabei wie ein seltsamer interpretatorischer Ausfallschritt rückwärts. Darüber kann man aber immerhin inhaltlich streiten. Krämer setzt auf den Effekt großer Bilder, bleibt aber mit dem Timing vieler Szenen erstaunlich ungenau und bedient mit den Sängern allzu oft einfach nur die Rampe. Sein Ansatz ist eine szenische Melange, die an einigen Stellen mehr Dialektik behauptet, als sie dann wirklich einlöst. Bis jetzt jedenfalls. Das Pariser Premierenpublikum war mit seinem Ring -Auftakt dennoch zufrieden.
Auf nach GERMANIA - ein Unheil verheißendes Finale
Dass ausgerechnet Fafner am Ende seine Leute, lange nach der Bezahlung, mit der Peitsche in der Hand dazu zwingt, Restarbeiten auszuführen, sprich die Riesentreppe an die Rampe zu bugsieren, damit die in ihren Nacktbrustverkleidungen eher dümmlich als archaisch wirkenden Götter nach oben klettern können, wirkt dabei wie ein seltsamer interpretatorischer Ausfallschritt rückwärts. Darüber kann man aber immerhin inhaltlich streiten. Krämer setzt auf den Effekt großer Bilder, bleibt aber mit dem Timing vieler Szenen erstaunlich ungenau und bedient mit den Sängern allzu oft einfach nur die Rampe. Sein Ansatz ist eine szenische Melange, die an einigen Stellen mehr Dialektik behauptet, als sie dann wirklich einlöst. Bis jetzt jedenfalls. Das Pariser Premierenpublikum war mit seinem Ring -Auftakt dennoch zufrieden. Die hohen musikalischen Erwartungen, vor allem an Philippe Jordan am Pult des mit Wagner ja gut vertrauten Opernorchesters, wurden erfüllt, wenngleich er sich selbst noch Spielraum für eine Steigerung gelassen hat. Mit dem strömenden Vorspiel, der Durchhörbarkeit und der Fähigkeit, sich zugunsten der Sänger zurück zu nehmen, beeindruckte er allerdings auch schon mit diesem Vorabend. Das sich der unheilverheißende große Ton beim Einzug der Götter voll entfalten kann, mag dabei durchaus auch an der riesigen Dimension der Opera Bastille liegen. Die jedenfalls beherrscht Jordan. Bei den Protagonisten überzeugten neben den Riesen vor allem Sophie Koch als eloquente Fricka und die wunderbar strömende Qiu Lin Zhang als Erda. Nicht ganz so überzeugend geriet der Wotan, den Falk Struckmann vor allem konditionell durchhielt. Der Loge von Kim Bergley ist in seiner beton belcantistischen Anlage Geschmacksache, Wolfgang Ablinger-Sperhacke als Mime eher unspektakulär.
Der Pariser Ring-Auftakt bot eine eindrucksvolle Szene in einer bislang recht plakativ comichaften Interpretation. Musikalisch überzeugten die Sänger der kleineren Rollen mehr als die der zentralen Partien. Philippe Jordan machte neugierig auf das Folgende. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Choreographie
Solisten
Wotan
Donner
Froh
Loge
Alberich
Mime
Fasolt
Fafner
Fricka
Freia
Erda
Woglinde
Wellgunde
Flosshilde
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